Auslands-Bankelementen (Offshore Banking Unit, OBU) von Taiwans Banken hatte man den RMB-Handel im Juli 2011 erlaubt. Mit der Hinzunahme des DBU-Handels schätzten manche Marktbeobachter, dass die RMB-Guthaben in Taiwans Banken bis Juni dieses Jahres insgesamt 60 Milliarden RMB (7,256 Milliarden Euro) erreichen könnten. Diesen Wert hatten die Gesamtguthaben allerdings dann schon Mitte Mai überschritten, ungefähr die Hälfte davon waren DBU-Guthaben. Die zu SinoPac Holdings gehörende Bank SinoPac war bis Mai im Hinblick auf RMB-Guthaben die Nummer drei in Taiwan, ihre Guthaben betrugen 10 Prozent der RMB-Gesamtguthaben aller Banken.
Jahrelang hatten Beschränkungen, welche die Regierung der Republik China und Festlandchina verhängt hatten, die Fähigkeiten von Banken, Versicherungen und Wertpapierfirmen beider Länder beschnitten, den Markt auf der anderen Seite der Taiwanstraße zu erkunden. Taiwans Finanzdienstanbieter unternahmen in den späten neunziger Jahren und den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende auslotende Vorstöße nach Festlandchina, doch die Fortschritte waren langsam, bis im Mai 2008 Staatspräsident Ma Ying-jeou (馬英九) sein Amt antrat und gelobte, die Beziehungen über die Taiwanstraße zu verbessern. Das wirtschaftliche Tauwetter seither lässt sich ablesen an der wachsenden Präsenz taiwanischer Banken, Versicherungen und Wertpapierunternehmen in Festlandchina. Bis Juni dieses Jahres hatten 10 taiwanische Banken jeweils eine Niederlassung auf dem chinesischen Festland eingerichtet, fünf Versicherungsfirmen waren drüben aktiv, und 11 taiwanische Wertpapierunternehmen hatten dort 24 Vertretungsbüros eröffnet.
Bislang vollzogen sich die meisten Bewegungen von Finanzdienstleistungen über die Taiwanstraße von Taiwan nach Festlandchina, nur vergleichsweise wenige festlandchinesische Firmen sind auf den taiwanischen Markt vorgestoßen. Ein Grund für dieses Ungleichgewicht ist, dass Taiwans Banken-, Versicherungs- und Wertpapiersektoren relativ ausgereift sind und ein lebhafter Wettbewerb herrscht, wogegen die entsprechenden festlandchinesischen Sektoren noch dabei sind, Gestalt anzunehmen. Das Missverhältnis bei der Marktgröße ist ein weiterer wichtiger Faktor, die Bevölkerung Festlandchinas beträgt 1,35 Milliarden Menschen, die von Taiwan 23,3 Millionen.
Die einheimischen Finanzdienstleistungsanbieter wünschen sich seit langem einen Platz auf dem Markt drüben. „Taiwans Banken schauen wegen der Banken-Übersättigung daheim ins Ausland“, begründet Grace Jeng, geschäftsführende Vizepräsidentin der First Bank, einer Tochterfirma von First Financial Holding in Taiwan. „Festlandchina ist wiederum attraktiv wegen seines riesigen Marktes sowie der Kultur und ethnischen Zusammensetzung, die beide Seiten der Taiwanstraße gemeinsam haben.“ Die First Bank war von allen taiwanischen Unternehmen die erste und eröffnete 2003 ein Vertretungsbüro in Shanghai. Der Hauptzweck des Büros beruhte damals darin, Informationen zu sammeln und vor Ort Geschäftsverbindungen aufzubauen.
Die Unterzeichnung des Abkommens zu finanzieller Zusammenarbeit über die Taiwanstraße zwischen Taiwan und Festlandchina im April 2009 war der Anfang einer Reihe von Verträgen, welche die Beschränkungen für das Bankgewerbe über die Taiwanstraße lockerten. Im Juni 2010 gab das von Taiwan und Festlandchina unterschriebene Rahmenabkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit (Economic Cooperation Framework Agreement, ECFA) einer taiwanischen Bank die Möglichkeit, mit taiwanischen Firmen, die auf der anderen Seite der Taiwanstraße Geschäfte machten, Transaktionen in RMB abzuwickeln, überwiegend Darlehen und Einzahlungen, vorausgesetzt, dass die Bank zuvor auf dem chinesischen Festland ein Jahr lang schwarze Zahlen geschrieben hatte. Infolgedessen war im Dezember 2010 die First Bank das erste taiwanische Kreditinstitut, das eine Zweigstelle in Festlandchina eröffnete, auch wenn die Kundschaft auf taiwanische Firmen beschränkt blieb. Ein Jahr später nahm diese Zweigstelle das Geschäft mit RMB auf. Bankdienstleistungen in RMB bieten zu können war für taiwanische Banken wegen der Unterschiede bei Zinssätzen für Darlehen und Guthaben beim RMB eine bedeutende Gewinnquelle. Der Abstand zwischen den beiden Zinssätzen ist beim RMB in der Regel 2,5 Mal so hoch wie bei den Darlehens- und Guthabenzinsen vom Neuen Taiwandollar (NT$).
Zwar könnten taiwanische Banken RMB-Transaktionen mit taiwanischen Firmen in Festlandchina tätigen, doch das Wachstum ist eingeschränkt, weil „taiwanische Firmen“ als solche definiert sind, bei denen die Mehrheit der in festlandchinesischen Betrieben investierten Gelder direkt aus Taiwan kamen. „Viele taiwanische Firmen kamen anfangs nicht als Kunden in Frage, weil sie sich dafür entschieden hatten, über ein Drittland in Festlandchina zu investieren“, stellt Jeng klar.
Im Frühling dieses Jahres fand sich eine Lösung für dieses Problem, weil ECFA taiwanischen Banken, die auf dem chinesischen Festland zwei Jahre in Folge mit Gewinn wirtschafteten, erlaubt, mit allen Firmen RMB-Geschäfte zu machen. Nach Jengs Ansicht wird diese Regel die Fähigkeit der Banken, Gewinne zu erzeugen, erheblich vergrößern. Die Shanghai-Zweigstelle der First Bank zum Beispiel kann nun RMB-Geschäfte mit praktisch jedem Unternehmen abwickeln, das in Festlandchina tätig ist. „Gegenwärtig sind Dienstleistungen für taiwanische Firmen unser Kerngeschäft, doch langfristig werden wir unser Augenmerk auf jeden Fall mehr auf einheimische Unternehmen dort lenken“, gelobt sie. Um sich darauf vorzubereiten, hat die First Bank seit November 2011 Memoranden mit sechs großen festlandchinesischen Banken unterzeichnet, um die Zusammenarbeit beim Teilen von Informationen, bei Darlehensvergabe von Banken untereinander, Personalschulung und Konsortialkrediten zu erleichtern.
Mietkäufe wie Darlehen
In den vergangenen drei Jahren haben taiwanische Holdingunternehmen wie SinoPac Holdings und First Financial Holding in Festlandchina Finanz-Leasing-Gesellschaften aufgebaut. Solche Gesellschaften versorgen die Leasingnehmer als Gegenleistung für Ratenzahlungen des Kapitals zuzüglich Zinsen mit Betriebsgerät. Funktional gesehen ist ein Finanz-Leasing ähnlich wie ein Darlehen, außer dass der Leasinggeber die Ausstattung kauft und bis zum Ende des Leasing-Verhältnisses der Eigentümer bleibt, danach wird das Eigentumsrecht an den Leasingnehmer übertragen.
Verglichen mit Banken sind Finanz-Leasing-Gesellschaften vom Umfang her kleiner, vor allem weil sie keine Guthaben annehmen können. Die Investitions-Untergrenze für die Gründung von Finanz-Leasing-Gesellschaften ist niedriger als für Banken, und Leasinggeber können sich auch an Orten etablieren, die für nicht-festlandchinesische Banken zur Zeit nicht freigegeben sind. Nach den Worten von Wang Lee-rong, Wissenschaftlerin am staatlich finanzierten Chunghua-Institut für Wirtschaftsforschung (Chung-Hua Institution of Economic Research, CIER), haben Taiwans Holdingfirmen durch ihre Finanz-Leasing-Gesellschaften ein tieferes Verständnis von der Glaubwürdigkeit und den Aussichten festlandchinesischer Unternehmen gewonnen. Dieses Wissen wird taiwanischen Firmen helfen, wenn sie sich anschicken, der Kundschaft in Festlandchina in Zukunft mehr Dienstleistungen anzubieten, fährt sie fort.
Dank der Unterzeichnung des Memorandums zu Währungsabrechnung über die Taiwanstraße im August vergangenen Jahres kann die Taipeh-Filiale der Bank of China nun die Aufgabe erfüllen, RMB-Handel in Taiwan abzuwickeln, und die Shanghai-Filiale der Bank of Taiwan erledigt NT$-Geschäfte in Festlandchina.
In der Praxis können Taiwans Importeure und Exporteure, die Transaktionen über die Taiwanstraße tätigen, dank des Finanzabkommens Zahlungen in RMB leisten und erhalten. Früher hatten Zahlungen zuerst in US-Dollar umgetauscht werden müssen, wodurch zusätzliche Umtauschgebühren anfielen. Taiwans DBUs sind ebenfalls dabei, RMB-Service in Angriff zu nehmen. Wenn man den Umfang der wirtschaftlichen Aktivität über die Taiwanstraße bedenkt, der nach Angaben des Rates für Wirtschaftsplanung und Entwicklung (Council for Economic Planning and Development, CEPD) im vergangenen Jahr ein Volumen von gut 170 Milliarden US$ erreichte, dann werden die Einsparungen bei den Umtauschgebühren unter dem neuen Währungsabrechnungssystem erheblich sein.
Durch den erhöhten Kapitalfluss wird Taiwan zudem ein globales Zentrum für RMB-Transaktionen. Das ist für Taiwans Finanzinstitutionen vorteilhaft, weil sie Produkte auf RMB-Grundlage entwickeln und verkaufen können, und die Fähigkeit, solche Produkte zu erwerben, verleiht einzelnen Investoren mehr Optionen. Natürlich zählt auch Festlandchina zu den Gewinnern. „Dies kann Festlandchina helfen, der Internationalisierung seiner Währung einen Schritt näherzukommen, denn Taiwan als RMB-Handelszentrum ist Teil von Festlandchinas Strategie, die Währung global zu fördern“, versichert Lee Wo-chiang, Professor für Bank- und Finanzwesen an der Tamkang University in New Taipei City.
Die Entwicklung von Finanzdienstleistungen über die Taiwanstraße wird sich voraussichtlich beschleunigen, sobald der Legislativ-Yuan (立法院), also Taiwans Parlament, die Überprüfung des bilateralen Dienstleistungshandels-Abkommens, das Ende Juni dieses Jahres von Taiwan und Festlandchina unterzeichnet worden war, abschließt. Die mit Finanzdienstleistungen zusammenhängenden Passagen des Abkommens basieren größtenteils auf Schlussfolgerungen, die im Januar dieses Jahres bei einer Konferenz zu Kooperation bei Wertpapieraufsicht über die Taiwanstraße getroffen wurden, und auf den Ergebnissen einer Konferenz zu Kooperation bei Bankenaufsicht über die Taiwanstraße im April dieses Jahres.
Bemerkenswerterweise erlaubt das Dienstleistungshandelsabkommen Taiwans Banken, in Festlandchina Einheiten auf Landkreisebene einzurichten. Die First Bank zum Beispiel plant die Gründung von 12 Banken auf Landkreisebene in der Provinz Henan, die eine Bevölkerung von 100 Millionen Personen hat und von allen festlandchinesischen Provinzen über das größte landwirtschaftliche Gewerbe verfügt. „Die First Bank hat durch ihre lange Geschichte in Taiwan viel Erfahrung dabei, Bauern sowie kleine und mittlere Unternehmen zu bedienen“, prahlt Jeng über ihre Bank, deren Anfänge sich bis 1899 zurückverfolgen lassen. In der Anfangsphase der Expansion auf die Landkreisebene drüben sieht die First Bank die Eröffnung von fünf Banken vor. Bis Juli dieses Jahres hatte die Finanzaufsichtskommission (Financial Supervisory Commission, FSC) der Republik China vorab den Antrag genehmigt, während die Bankwesen-Kontrollkommission China (China Banking Regulatory Commission, CBRC) in Beijing den Vorschlag noch prüft.
Das Cathay-Finanzzentrum in Taipeh. 2005 war Cathay Life Insurance Taiwans erste Versicherungsfirma, die auf den festlandchinesischen Markt vordrang. (Foto: Huang Chung-hsin)
Was festlandchinesische Banken auf dem taiwanischen Markt anbelangt, so hat die China Construction Bank im Juni dieses Jahres eine Niederlassung in Taipeh eröffnet. Vorangegangen war im Sommer 2012 die Eröffnung von Filialen in Taipeh durch die festlandchinesische Bank of China und die Bank of Communications. Man rechnet damit, dass der Anteil von Investitionen durch festlandchinesische Firmen in Taiwans Bankensektor zunehmen wird, denn das Dienstleistungshandelsabkommen gestattet einer einzelnen festlandchinesischen Bank, bis zu 20 Prozent einer Bank zu besitzen, die von einer taiwanischen Holdingfirma betrieben wird.
Festlandchinas Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) zum Beispiel hat Pläne angekündigt, einen 20-prozentigen Anteil im Wert von 20 Milliarden NT$ (500 Millionen Euro) an der SinoPac Bank zu erwerben. „SinoPac kann mit unseren festlandchinesischen Anteilseignern zusammenarbeiten, um taiwanischen Geschäften an Orten, die für uns selbst nicht erreichbar sind, Dienste anzubieten“, wirbt Chang und fügt hinzu, dass eine solche Partnerschaft seiner Bank helfen würde, sich über Taiwan hinaus auszudehnen, ohne die massiven Kosten schultern zu müssen, die der Bau einer Präsenz in anderen Ländern mit sich bringt, denn ICBC, gemessen an der Markt-Kapitalisierung die größte Bank der Welt, unterhält bereits 17 000 Bankanlagen auf dem chinesischen Festland und über 400 im Rest der Welt.
„Dies deutet darauf hin, dass festlandchinesische Banken nicht in einem Wettbewerbsverhältnis gegenüber ihren taiwanischen Kontrahenten auf der Insel stehen müssen“, sinniert Chang. „Sie brauchen hier keine Zweigstellen einzurichten; sie können stattdessen ein alternatives Verhältnis zu taiwanischen Banken entwickeln, so wie zwischen SinoPac und ICBC.“
Tatsächlich werden viele festlandchinesische Banken es wahrscheinlich als einen eher symbolischen Schritt ansehen, eine Präsenz in Taiwan zu entwickeln, spekuliert Wang vom CIER. Angesichts der großen Zahl von Banken, die sich bereits in Taiwan tummeln, darf man fragen, wieso festlandchinesische Banken überhaupt auf den lokalen Markt vordringen möchten. Indes ist Profit nicht das einzige Ziel für festlandchinesische Banken. „Der Grund, warum sie sich für Taiwan interessieren, ist der, dass es sich dabei um eine bedeutende regionale Volkswirtschaft handelt“, weiß sie. „Der Aufbau einer Präsenz hier ist für sie eine Methode, ihren Status als globale Größe zu konsolidieren. Es ist famos, wenn sie hier Geld machen können, doch wenn dies nicht gelingt, wird ihnen das nicht sonderlich weh tun.“
Versicherung über die Taiwanstraße
Bislang hat kein festlandchinesisches Versicherungsunternehmen den Betrieb in Taiwan aufgenommen, obwohl es ihnen gestattet ist, lokale Vertretungsbüros einzurichten, solange sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Taiwans Lebensversicherungsfirmen tätigen seit einigen Jahren drüben Geschäfte, aber sie dürfen nicht mehr als 50 Prozent der Gesamtinvestitionen in einem festlandchinesischen Jointventure halten. Im Jahr 2005 war die Cathay Life Insurance Co. der erste taiwanische Versicherer, der den festlandchinesischen Markt erschloss, als ein Jointventure in Shanghai eingerichtet wurde. Heute sind von den fünf taiwanischen Versicherungsfirmen, die in Festlandchina aktiv sind, drei der Sparte Lebensversicherungen zuzurechnen, und sie bemühen sich, neue Jointventures mit entsprechenden festlandchinesischen Unternehmen einzugehen. Die anderen beiden Firmen bieten Dienste anderer Art wie Kraftfahrzeug-Versicherungen und dürfen deswegen als vollständig in taiwanischem Besitz befindliche Firmen arbeiten. Zusätzlich kaufte im Jahr 2011 die in Taiwan ansässige China Life Insurance Co. einen 19,9-prozentigen Anteil an einer bestehenden festlandchinesischen Versicherung.
„Von all den Hindernissen, die taiwanische Versicherungsunternehmen beseitigen wollen, hat die 50-Prozent-Obergrenze auf Lebensversicherungen-Jointventures Vorrang“, verkündet Ted Liang, geschäftsführender Vizepräsident des Taiwan-Versicherungsinstituts, einer Versicherungs-Denkfabrik in Taipeh. Die Bestimmung verhindert Expansion in Festlandchina, denn wenn taiwanische Firmen mehr in Lebensversicherungs-Jointventures investieren möchten, könnte es sein, dass ihre festlandchinesischen Partner nicht mitziehen wollen, was aber erforderlich wäre, damit die Quote von 50-50 eingehalten werden kann.
Trotz solcher Beschränkungen sehen Taiwans Versicherungsanbieter große Möglichkeiten auf dem chinesischen Festland, wo der Sättigungsgrad bei Versicherungen gering ist, was sich am Verhältnis von Versicherungsprämien zum Bruttoinlandsprodukt ablesen lässt. Im Jahr 2011 betrug die Versicherungs-Durchdringungsrate auf dem chinesischen Festland lediglich 3 Prozent.
Festlandchinas Entscheidung vom Mai 2012, den Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherungsmarkt für ausländische Versicherer zu öffnen, war eine gute Nachricht für die beiden taiwanischen Versicherungen der Nicht-Lebensversicherungssparte, die sich dort betätigen. „Das ist ein großes Segment im Nicht-Lebensversicherungsmarkt“, wertet Liang. Sobald das diesjährige Dienstleistungshandelsabkommen in Kraft getreten ist, wird es für taiwanische Versicherer leichter, bei der festlandchinesischen Regierung Anträge auf Zugang zu diesem Versicherungsmarkt zu stellen.
Wie beim Versicherungsbereich sind noch keine festlandchinesischen Wertpapierfirmen auf dem taiwanischen Markt aufgetaucht. Entsprechend verhinderten bis vor kurzem mehrere Beschränkungen, dass taiwanische Unternehmen mehr als eine sehr begrenzte Präsenz drüben erlangen konnten. An den festlandchinesischen Börsen werden zwei Arten von Aktien gehandelt: A-Aktien und B-Aktien. A-Aktien werden in RMB ge- und verkauft und waren zunächst festlandchinesischen Staatsbürgern vorbehalten, B-Aktien wurden dagegen in US-Dollar und Hongkong-Dollar gehandelt und waren ursprünglich nur zum Kauf durch ausländische Investoren vorgesehen. Das Handelsvolumen von B-Aktien ist seit ihrer Einführung im Jahr 1992 recht beschränkt, sie werden nur von relativ wenigen festlandchinesischen Unternehmen angeboten.
Das Dienstleistungshandelsabkommen über die Taiwanstraße wird jedoch wahrscheinlich zur Folge haben, dass taiwanische Wertpapierfirmen eine viel stärkere Präsenz in Festlandchina aufbauen können, da sie in der Lage wären, sich an Jointventures zu beteiligen, die zum Verkauf von A-Aktien in der Provinz Fujian und den Städten Shanghai und Shenzhen berechtigt sind. Den taiwanischen Unternehmen wäre es erlaubt, bis zu 51 Prozent aller Anteile an solchen Jointventures zu halten.
Während Taiwans Finanzdienstleistungsanbieter ein großes Potenzial auf dem festlandchinesischen Markt sehen, stehen sie gleichzeitig einigen Herausforderungen gegenüber. Ein Knackpunkt ist der Streit um das Dienstleistungshandelsabkommen über die Taiwanstraße im Legislativ-Yuan. Abgeordnete der Oppositionsparteien haben zum Beispiel geäußert, dem Pakt sei es nicht gelungen, adäquat auszuweisen, welche Auswirkungen die Öffnung von Taiwans Markt für festlandchinesische Dienstleistungsunternehmen auf einheimische Firmen haben könnte. Die Globalisierung und die Entwicklung regionaler Märkte sind indes offenbar unaufhaltsame Trends, und wenn Taiwan dabei nicht mitmacht, läuft das Land Gefahr, zurückzubleiben. „Taiwan kann es sich nicht leisten, noch mehr Zeit zu verschwenden“, mahnt Wang. „Man muss das vom Blickwinkel der allgemeinen nationalen Interessen und Entwicklung aus bedenken.“
Tatsächlich ist Taiwan beim globalen Wettbewerb für einen Anteil am festlandchinesischen Finanzmarkt bereits im Rückstand. „In früheren Jahren hatte Festlandchina wenig mehr zu bieten als das Potenzial eines großen Marktes, und finanzielles Knowhow und Personal ließen dort sehr zu wünschen übrig“, verrät Lee von der Tamkang University. „Doch heute haben internationale Größen diese Lücken weitgehend gefüllt, und die festlandchinesischen Banken sind ebenfalls reifer geworden.“
Das Unvermögen, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden, könnte gleichermaßen eine Herausforderung für taiwanische Finanzinstitutionen bedeuten, die ihren Betrieb nach drüben ausdehnen wollen. „Wegen der schnellen Expansion über die Taiwanstraße könnte man bald personell unterbesetzt dastehen“, warnt Chang von SinoPac. SinoPac Holdings beschäftigt in Taiwan 8000 Mitarbeiter, erwartet aber, dass seine Belegschaft in Festlandchina innerhalb von zehn Jahren diese Zahl übertreffen wird, ergänzt er.
Ein weiteres Hindernis für Taiwans Finanzdienstleistungsanbieter sind die ungewissen Regulierungs-Bedingungen auf dem chinesischen Festland. „Die festlandchinesische Regierung neigt dazu, ihre Politik zu ändern, und diese Unberechenbarkeit erhöht die geschäftlichen Risiken“, erläutert Lee. „In Taiwan zieht die Regierung beim Entwerfen politischer Maßnahmen Beiträge aus der Wirtschaft mit in Betracht, doch in Festlandchina ist es so, dass die Regierung Beschlüsse zur Regulierung der Makro-Ökonomie des Landes bekanntgibt, und die Banken müssen sich schnell daran anpassen.“
Jeng von der First Bank zählt allerdings zu Jenen, die glauben, dass die Chancen über die Taiwanstraße schwerer wiegen als die Herausforderungen. „Für die langfristige Entwicklung der Bank in Festlandchina haben wir gerade ein zweigeschossiges Objekt als neues Quartier für unser Shanghai-Büro erworben“, prahlt sie. In der Tat ist die First Bank eine von fünf taiwanischen Banken, welche in naher Zukunft die Einrichtung einer zweiten Zweigstelle auf dem chinesischen Festland planen. Taiwans Finanzdienstleistungsanbieter konzentrieren sich offensichtlich mehr denn je darauf, die durch engere Beziehungen über die Taiwanstraße aufkommenden Chancen zu nutzen.
(Deutsch von Tilman Aretz)