02.05.2026

Taiwan Today

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Unsterbliche Eleganz in Stein

01.07.1990
Das Pi-hsieh, ein Fabelwesen, dessen Name 'Das Böse vermeiden' bedeutet. Es diente als Amulett (Han-Dynastie, 206 v. Chr. - 220 n. Chr.).

Photos mit freundlicher Genehmigung des Nationalen Palastmuseums

Dem uralten chinesischen Klassiker Hou Wei Shu (侯魏書) zufolge sehnte sich ein glühender Verehrer von Jade, Li Yu (李預), nach Unsterblichkeit. Darauf bedacht, keine Möglichkeit unversucht zu lassen, und in dem taoistischen Glauben gefangen, daß jeder, der Jade äße, ewig leben würde, ging er daran, Stücke dieses edlen Gesteins zu erstehen, sie zu einem feinen Pulver zu zermahlen und jeden Tag eifrig eine kleine Menge dieser magischen Unsterblichkeitsmedizin einzunehmen.

Vertrauensselig erwartete Li die Ewigkeit der Freude, die er im Kreis unzähliger Generationen künftiger Urgroßenkel erleben würde. Traurigerweise, und zu seinem Verdruß, fand sich Li jedoch auf seinem Totenbett hingestreckt, noch bevor er das Jadepulver hatte aufbrauchen können. Doch auch als er seine letzten Atemzüge tat und die schöne Vision vom Spiel mit seinen Urgroßenkeln verrann, hielt Li unverbrüchlich an seiner Uberzeugung fest.

Er ermahnte seine Gemahlin, niemals an der Kraft der Jade zu zweifeln. "Ich bin dazu verdammt, zu sterben", erklärte er ihr, "weil ich versäumt habe, meine Moral entsprechend zu kultivieren, als ich Jade aß!"

Auch wenn die Verbindung von Jade und Rechtschaffenheit in den historischen Aufzeichnungen noch niemanden mit Unsterblichkeit gesegnet hat, bringt die mysteriöse Eleganz und Schönheit von Jade den chinesischen Sinn für Ästhetik heute noch ebenso gut zum Ausdruck wie schon vor Jahrtausenden.


Die hohe Wertschätzung, die die Jade in Asien genießt, hat sie in eine Position fortwährenden Respekts als Symbol für Moral, sozialen Status und Ehre emporgehoben. "Die Tugenden eines Mannes von Ehre und Stand sind", so besagt es ein chinesisches Sprichwort, "so geschliffen und glatt wie Jade." Ein anderes Sprichwort setzt Jade mit einem ehrenhaften Leben gleich: "Ein wahrer Ehrenmann wäre lieber ein zerschmettertes Gefäß aus Jade als ein heiles aus Ton." -- das soll heißen, es ist besser, für Gerechtigkeit zu sterben, als in Schande zu leben.

In Asien reicht die Hochachtung für Jade bis in prähistorische Zeiten zurück, als aus Stein geschnittene Gegenstände für religiöse Dienste und als Anzeiger des offiziellen Standes verwendet wurden. Zusätzlich zu der Leidenschaft, die Generationen von Chinesen für die Schönheit des Steins aufbrachten, hat sich auch eine Anzahl abergläubischer Legenden um seine Anwendung gerankt. Die Taoisten glauben an die Fähigkeit der Jade, ewiges Leben zu verleihen, einem anderen volkstümlichen Glauben zufolge kann ein um den Hals getragenes Stückchen Jade alles Böse abwenden. Auch glaubte man, daß kleine in den Mund, die Ohren und die Nase einer Leiche gesteckte Jadestücke jene vor dem Verfall bewahren könnten.

Ein gelbes Jadegefäß, an dem sich Fabelwesen emporwinden (Sung-Dynastie).

Doch trotz ihrer langen Geschichte und einer überwältigenden Masse von Kunstgegenständen samt gelehrter Begleitkommentare behält die Jade ihr Geheimnis für sich. Selbst einem Experten fällt es schwer, genau zu beschreiben, was Jade eigentlich ist. Das wird offenbar, wenn es darum geht, Jade zu kaufen, denn unweigerlich kommt es zur Verwirrung, sobald der Kunde wissen will: "Ist es wirklich Jade?"

Obwohl weit davon entfernt, ein Diktum des Himmels zu sein, gibt es im alten Wörterbuch der chinesischen Schriftzeichen, dem von Hsu Shen (許慎) in der Späteren Han-Dynastie verfaßten Shuo Wen Chieh Tzu (說文解字), eine Definition für Jade. Dort wird von "Jade, dem schönen Stein" gesprochen. So einleuchtend dies auch klingen mag, ist es doch keine große Hilfe für besorgte Käufer.

Es gibt Jade in allen Farben von Blau über Rot und Violett bis hin zu Grün, und die Käufer müssen ihre Begeisterung mit bedächtiger Vorsicht mindern, denn das Färben und Bemalen der Steine ist eine von geldgierigen Händlern häufig angewandte Methode zur "Wertsteigerung". Gibt es tatsächlich so etwas wie "Blaue Jade"? Kann Jade wirklich rot werden, wenn sie lange genug in menschlichem Blut gelegen hat? (Immerhin können die chinesischen Schriftzeichen für gewisse Arten roter Jade mit "Blutjade" übersetzt werden.) Und was ist mit der eleganten "violetten Jade"?

Jenseits dieser Probleme lauert eine noch viel größere Schwierigkeit: Wie bestimmt man das genaue Alter von Relikten aus Jade? Kann ein unerfahrener Enthusiast diese Fragen nicht richtig beantworten, so kann dies ihn geradewegs in den Bankrott treiben. Der beste Ansatz ist, sich an einen wirklichen Experten zu wenden -- und eine der beschlagensten Autoritäten auf diesem Gebiet lebt und arbeitet in Taipei.

Wenn man ein Gesicht zu schnitzen hätte, das am besten die geschliffene Qualität erlesener Jade zum Ausdruck bringt, täte man am besten daran, ein Abbild des Meisters Na Chih-liang (那志良) zu schaffen. Seine Haltung ist vornehm, und das Funkeln in seinen Augen ist jedem neuen Bekannten sogleich ein untrügliches Zeichen für seinen erfrischenden Humor. Auf ein kleines Drängen hin kann Na fast endlos viele Geschichten über Jade erzählen, und die in elegantem Chinesisch meisterhaft erzählten Geschichten nehmen oft eine humoristische Wendung.

Tsung wurden von den Kaisern gebraucht, wenn sie der Erde huldigten (Chou-Dynastie, 1122-221 v. Chr.).

Na hat beinahe sein ganzes Leben mit Jade verbracht. Er arbeitet seit seiner Jugend in der Jade-Sammlung des Nationalen Palastmuseums -- seit knapp siebzig Jahren. Und Na, der wesentlich jünger aussieht, als er ist, bestätigt, daß es keine rote, violette oder blaue Jade gibt. Rote Jade, erklärt er, ist nichts anderes als Achat, der bis zur Han-Dynastie (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.), als ein genaueres System zur Klassifizierung von Edelsteinen erarbeitet wurde, als Jade bezeichnet wurde. "Violette Jade", fügt er hinzu, "ist in Wirklichkeit Quarz, und blaue Jade ist Chrysoberyll."

"Die einzigen echten Farben von Jade sind Weiß, Gelb, Grün, Grau und Schwarz", sagt Na. Weiße Jade ist qualitativ am hochwertigsten, beim Anfassen fühlt sie sich an wie ein Stück griesiges Fett -- daher stammt auch ihr Spitzname "Lammfett-Jade". Gelbe Jade ist selten und teuer; wenn sie echt ist, ähnelt die Farbe eher der einer Kastanie. Die Sammlung des Museums verfügt über drei solche in gelbe Jade geschnittene Familiennamenssiegel. Graue und grüne Jade sind die am häufigsten gefundenen Varietäten, und während der Ch'ing Dynastie (1644-1911) wurden viele besonders delikate Arbeiten in diesen Farben geschnitten. Schwarze Jade ist ausgesprochen selten, und nur wenige Sammlungen besitzen repräsentative Stücke.

Trotz dieser Expertise differenziert Na seine Behauptungen über die Farben von Jade: Andere Farben müssen nicht unbedingt Fälschungen sein. Wenn Jade ausgegraben wird, zeigt sie oft die Färbung der sie umgebenden Mineralien. So kann beispielsweise ein hundert- oder gar tausendjähriger Einfluß von Eisen die Jade dunkelrot färben, während Kupfer weiße oder gelbe Jade grün werden läßt. Obwohl die meisten Leute es vermeiden, aus solch "schmutzigen" Farben gefertigten Schmuck zu tragen, gibt es auch Sammler, auf die diese "häßliche Jade" eine ganz eigene Faszination ausübt.

Einer dieser Sammler ist John Lian (連成), ein hiesiger Geschäftsmann, der seit mehr als zehn Jahren Antiquitäten aus Jade zusammenträgt. Für ihn kann "häßliche Jade" so schön sein wie ein Diamant. "Jade muß 'gestreichelt' werden, nachdem sie ausgegraben wurde", sagt er, "und nach zehn oder mehr Jahren Reiben mit der Hand wirkt der Stein lebendig und transparent." Lians herrliche und umfangreiche Sammlung von Jade-Antiquitäten scheint dies in der Tat zu bestätigen. "Es ist der menschliche Geist selbst", behauptet er, "der die alte Jade ins Leben zurückbringt."

Na meint auch, daß das Reiben von Jade wichtig ist, und sagt, daß alle aus Jade gefertigten Gegenstände, die den chinesischen Kaisern überreicht wurden, vorher lange und gut gerieben worden seien. Dem Kaiser ein solches Objekt zu kurz nach dem Ausgraben zu überreichen, sei eine Impertinenz gewesen. Na zufolge mußte "nicht nur Jade, sondern auch Bronze [...] sorgfältig bearbeitet werden, bevor sie in den Palast kam." ]

Kuei genannte Jadetafeln wurden hochrangigen Beamten vom Herrscher überreicht (Shang-Dynastie 1766-1122 v. Chr,).

Seine jahrelange Erfahrung hat Na zu einem Experten gemacht, wenn es darum geht, Fälschungen, selbst ausgesprochen schöne, zu erkennen. Mit steigender Anzahl von "Jade-Geschäftsleuten", die "ausgegrabene Jade" herstellen, nimmt auch die Qualität der Nachahmungen zu. Zum Teil sehen sie so echt aus, daß selbst Kenner an der Nase herumgeführt werden. "Ich erinnere mich an einen Mann", erzählt Na, "der mir ein 'Pi' zeigte, ein rundes, flaches Stück Jade mit einem Loch in der Mitte, das im alten China zu zeremoniellen Zwecken verwandt wurde. Er bestand darauf, daß es echt sei, und daß es ihm als in der Westlichen Chou-Dynastie (1122-771 v.Chr.) hergestellt angepriesen worden sei. Aber es war eine Fälschung. Es fühlte sich rauh an. Eingearbeitete Körner, die der Oberfläche Rauhheit verleihen, gab es bei dieser Art von Gegenständen nicht vor der Periode der Streitenden Reiche (475-221 v.Chr.)."

Wie Jade sich anfühlt, ist der erste Schlüssel zur Feststellung ihrer Echtheit. "Befühlen Sie sie", rät Na. "Egal wie alt oder wie schmutzig die Jade ist -- sie wird so glatt sein wie Seide." Ein Stück aus Lians Sammlung veranschaulicht dies: Ein tief dunkelrotes Jade-"Pi" aus der Periode der Streitenden Reiche fühlt sich so glatt an, daß es fast griesig zu sein scheint.

Ein anderes Kriterium zur Beurteilung der Echtheit eines Jadeobjekts ist dessen Design. Ein Drachenkopf auf einem Objekt beispielsweise ist ein relativ sicheres Anzeichen zur Altersbestimmung. "In verschiedenen Dynastien gab es", erläutert Na, "verschiedene Formen." Zwischen diesen Formen und Motiven zu unterscheiden ist jedoch kein leichtes Unterfangen, und Lian rät jedem Neuling auf dem Gebiet, mit einem sorgfältigen Studium der Materie zu beginnen. Es gibt eine umfangreiche Literatur über Jade, und das Lesen kann sich bezahlt machen.

Bekümmert gesteht Lian, daß er Hunderttausende US-Dollar beim Kauf unechter Antiquitäten in Hongkong verlor, bevor er sich ernsthaft ans Studium machte. Wie die Hunderte von Büchern zum Thema Jade in seinem Arbeitszimmer beweisen, will er sich nun tatsächlich nicht mehr betrügen lassen. Ein kurzer Blick auf die Titel zeigt, daß viele der Bücher, die sich auf seinen Regalen aneinanderreihen, von niemand anderem verfaßt wurden als Na Chih-liang, der einer von Lians wichtigsten Lehrern ist.

Auch eine genaue Untersuchung der Art und Weise, in der ein Stück Jade geschnitzt ist, kann ein unechtes Objekt verraten. Bei Anwendung dieser Methode achtet der Prüfer auf unangebrachte Schnitte im Stein. In der Regel rühren solche Schnitte von einem elektrischen Meißel oder Laser her, und auch wenn die Kanten glatt sind, hinterlassen diese Schnitzmethoden zusätzliche Furchen und kleine ungewollte Kratzer, die durch die starken Vibrationen beim Schneiden entstehen.

Die Jade-Sammlung im Nationalen Palastmuseum in Taipei ist möglicherweise die beste weltweit. Als die Kommunisten 1949 das Festland übernahmen, hatten Na und andere Experten der Museumsbelegschaft bereits Vorsichtsmaßnahmen getroffen und 10 000 Kisten mit verschieden Schätzen vollgepackt -- alle mit dem Bestimmungsort Taiwan. Die wertvollsten Stücke waren zuerst verpackt, und die 3 000 Kisten sofort eingeschifft worden, für den Fall, daß eine Ausdehnung des Bürgerkrieges die Verschiffung unmöglich machen würde. Es zeigte sich, daß Na und seine Kollegen recht daran getan hatten -- lediglich die erste Sendung kam an. Doch stolz sagt Na: "Jedes einzelne Stück der nach Taiwan gelangten Ladung ist ein wirklicher Schatz!"

Eines der berühmtesten Stücke des Nationalen Palastmuseums: Dieser Kohlkopf ist aus zweifarbiger Jade geschnitten (Ch'ing-Dynastie) .

Teil der Sendung war auch der berühmte Jade-Kohlkopf, der aus einem einzigen Stück Jade geschnitzt ist, das zwei verschiedene Färbungen aufweist. Die Fertigung eines solchen Stückes erforderte außergewöhnliche Fähigkeiten und künstlerisches Talent, und dieses Stück Jade fand ganz offensichtlich den ihm angemessenen Künstler. Der Jade-Kohlkopf ist eine feine Schnitzarbeit: zwei Grashüpfer, die auf einem grünen und weißen Kohlkopf sitzen. Nach wie vor fasziniert die lebensnahe Qualität der Arbeit den Betrachter.

"Der Künstler benutzte den weißen Teil des Steins für den Strunk des Kohls und den grünen Teil für die Blätter und die Grashüpfer", sagt Meister Na und erklärt: "Im alten China symbolisierten Grashüpfer Fruchtbarkeit, und in einer Agrargesellschaft war Fruchtbarkeit eine Angelegenheit von Leben und Tod. Grashüpfer, die auf rein weißer und grüner Jade sitzen, stehen für ein sauberes, wohlhabendes Familienleben und reiche Nachkommenschaft."

Nach sieben Jahrzehnten der Arbeit sagt Na, daß er noch immer jeden Tag neue Einblicke in das Universum der Jade gewinnt. "Jade", sagt er lächelnd, "wird mich bis an mein Lebensende begleiten, und je mehr ich über sie erfahre, desto mehr bekomme ich das Gefühl, noch vieles über sie lernen zu müssen."

Na hat die für einen Liebhaber von Jade perfekte Umgebung für ein zufriedenes Leben gefunden. In der Sammlung des Nationalen Palastmuseums befindet er sich inmitten des wohl umfassendsten "Jade-Königreiches" der Welt, in dem er seine Augen für immer an diesen mysteriösen, bezaubernden, tiefgründigen und subtilen Kunstwerken -- an der Pracht des "Schönen Steins" -- laben kann.

(Deutsch von Arne Weidemann)

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