Eines der Ziele des Evergreen Maritime Museum ist, die Besucher über die Bedeutung von Taiwans Seefahrtsgeschichte aufzuklären, und zu zeigen, wie diese Geschichte mit der von Festlandchina und dem Rest der Welt zusammenhängt.
In einer der bewegendsten Szenen des Films Cape No. 7 – der taiwanische Spielfilm, der im vergangenen Jahr zum überraschenden Kassenschlager auf der Insel wurde – reist ein Japaner auf einem Ozeandampfer von Taiwan ab und lässt seine taiwanische Freundin zurück. Die Szenen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges spielen, erinnern an eine Zeit, als Schiffe die Hauptverbindung zwischen Taiwan und dem Rest der Welt darstellten. Die Texte vieler beliebter Lieder jener Zeit spiegeln gleichfalls die Emotionen der Filmszene wider und drücken die Gefühle von Frauen aus, die am Pier stehen und sich nach Ehemann oder Freund sehnen, dessen Heimkehr von einer Schiffsreise noch bevorsteht.
Besucher des Evergreen Marine Museum (EMM) in Taipeh können einiges von dieser reichen nautischen Geschichte aufschnappen, während sie etwas über die lange und enge Verbindung Taiwans (und der Welt) mit dem Meer lernen. Durch die Exponate und Ausstellungen illustriert das Museum, wie Taiwans Geschichte mit dem Ozean verstrickt ist, und es unterrichtet die Besucher über die wichtige Rolle, welche das heutige Schiffereigewerbe in Taiwans exportorientierter Wirtschaft spielt.
Das in Taiwans Innenstadt gelegene Museum befindet sich in dem Gebäude, das früher als Zentrale der Nationalen Volkspartei (Kuomintang, KMT), Taiwans gegenwärtiger Regierungspartei, diente. 2006 wurde das Gebäude von der EMM Kultur- und Bildungsstiftung erworben. In Sichtweite des Präsidentenpalastes gelegen und umgeben von wichtigen Behörden der Zentralregierung der Republik China im Herzen des Verwaltungszentrums Taiwans, bietet das Museum seinen Besuchern eine kleine Atempause von der vorherrschenden Stimmung politischer Ernsthaftigkeit der Gegend.
Die Außenfassade des Museums ist unscheinbar, und kein großes Schild zeigt an, dass es überhaupt da ist, daher müssen manche Besucher erst Verkehrspolizisten nach dem Weg fragen. Sobald man das Museum dann aber betreten hat, taucht man in eine Atmosphäre ein, die mehr an die See als ans Land erinnert, da das Innere des Museums mit vielen Merkmalen von Schiffen ausgestattet ist. Anstatt Fenster gibt es runde Bullaugen, drei Ebenen weiß gestrichener „Decks“, und Bojen und Masten sind mit den Flaggen seefahrender Länder aus aller Welt geschmückt.
Mit einer Bodenfläche von 9000 Quadratmetern ist das EMM Taiwans größtes Museum mit Seefahrtsthematik. In seinem Bestand finden sich in erster Linie Meeres-Artefakte, Modelle und Karten, von denen die meisten von Chang Yung-fa gesammelt wurden, dem Vorsitzenden des Evergreen-Konzerns, Taiwans größtem Transportkonglomerat. Chang arbeitete sich in einheimischen Transportfirmen herauf und wurde Kapitän, bevor er 1968 Evergreen gründete. Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Evergreen-Konzerns wurde im vergangenen Jahr das Museum eröffnet, und Chang spendete über 4000 Gegenstände für die Sammlung.
Ein Modell von einem Containerschiff aus der Flotte von Evergreen.
Hunderte von Geschenken
„Seit der Evergreen-Konzern 1968 den Betrieb aufnahm, hat Dr. Chang buchstäblich Hunderte von Geschenken von Gratulanten, Werften und anderen Organisationen erhalten“, enthüllt Lin Ting-shyang, Direktor der EEM Kultur- und Bildungsstiftung. „Dr. Chang hat zudem aus eigener Initiative Modelle, Gemälde mit Seefahrtsmotiven, nautische Instrumente und andere Artefakte aus dem ozeanischen Bereich von großen internationalen Auktionshäusern wie Christie’s gekauft. Mit so vielen nautischen Schätzen in seinem Besitz kam Dr. Chang die Idee, ein Museum zu gründen, um seine Sammlung unterzubringen, zu kategorisieren und mit der Öffentlichkeit zu teilen. Diese Idee hatte er zehn Jahre lang im Hinterkopf.“ Changs Traum wurde schließlich im vergangenen Jahr mit der Eröffnung des EEM Wirklichkeit.
Eines von Changs Zielen für das Museum ist, die Öffentlichkeit zu erziehen, besonders Studierende mit Hauptfach Meereswissenschaften oder Ozeantechnik. „College-Studierende von Fächern aus dem Ozeanbereich haben normalerweise nicht die Gelegenheit, eine Wertschätzung für das wahre Wesen ihres Wahlfaches zu entwickeln, und manche haben wenig direkte Erfahrung mit Schiffen“, erläutert Lin. „Deswegen hoffen wir, dass sie sich durch dieses Museum mehr mit Schiffen vertraut machen und sie etwas mehr über die Geschichte ihres Studienbereiches lernen können.“
Die Museumsleitung erwägt außerdem, die pädagogische Reichweite auszudehnen und auch Programme für junge Schüler mit einzuschließen. „Dr. Chang möchte in Zukunft mehr pädagogische Aktivitäten für Schulkinder-Besuchergruppen arrangieren“, fährt Lin fort. „Die Anregung für diese Idee kam von den Maßnahmen, die das National Maritime Museum in London zur Bildung junger Schüler ergriffen hat.“
Die meisten Besucher beginnen ihre Tour, indem sie mit dem Aufzug in die fünfte Etage hinauffahren, das oberste Stockwerk des Museums, wo sich die Galerie „Geschichte von Schiffen“ befindet. Das Stockwerk ist in vier Räume unterteilt, mit den jeweiligen Themenschwerpunkten ältere Wasserfahrzeuge, westliche Segelschiffe, schraubengetriebene Schiffe sowie chinesische Dschunken und übliche taiwanische Boote. Die Fahrzeuge werden als Modelle präsentiert und reichen von den ersten Einbäumen vorgeschichtlicher Zeiten bis zu Dampfschiffen des 19. Jahrhunderts und Luxus-Kreuzfahrtschiffen des 20. Jahrhunderts.
Auf diesem Planeten gibt es viele Seefahrtsmuseen, und eines der kennzeichnendsten Merkmale des EEM ist seine Sammlung aus dem Bereich der Seefahrtsgeschichte Taiwans und Festlandchinas. „Das Land Taiwan ist so fruchtbar und produktiv, dass man oft seine Entwicklung in den Bereichen Schifffahrt und Fischerei übersieht“, bemerkt Lin. „Dieses Museum wurde unter anderem auch darum gegründet, um die Öffentlichkeit an unsere engen Verbindungen mit dem Ozean zu erinnern.“
Der Raum für regionale Seefahrtsgeschichte enthält sechs Modelle taiwanischer Boote. Die meisten in der Vergangenheit in Taiwan gebauten Boote wurden zum Fischen in Ufernähe oder zum Reisen zwischen nicht weit voneinander entfernt liegenden Häfen gebaut, deswegen waren diese Fahrzeuge in der Regel vergleichsweise klein. Tsai Yi-fang, Führerin im EMM, klärt die Besucher darüber auf, dass die einheimischen Boote dank ihrer geringen Größe einen natürlichen Vorteil hatten. „Während die Erfindung des Dampfschiffes im 19. Jahrhundert letztendlich zum Verschwinden der chinesischen Dschunken führte, kann man Taiwans schlichte und kleine Boote auch heute noch sehen, da sie praktisch und gut zu manövrieren sind.“
Taiwan ist durch seine Lage am Ostrand des eurasischen Kontinents seit langem ein Ausgangspunkt für Reisen über den Pazifik, und die Nähe sowohl zu Nordostasien als auch zu Südostasien machte Taiwan zu einer entscheidenden Umschlagsverbindung zwischen den beiden Regionen. „Wegen seiner Lage hat Taiwan in der Seefahrtsgeschichte eine wichtige Rolle gespielt“, behauptet Tsai. „Anfang des 17. Jahrhunderts gab es ausgiebigen Seehandel mit den Holländern, und es kamen dann auch Einwanderer in großer Zahl per Schiff vom chinesischen Festland. Mitte des 17. Jahrhunderts fingen andere westliche Mächte im Zuge des Aufstiegs einer aufs Meer gestützten globalen Wirtschaft an, Taiwan als potenziell nützliche Seetransportverbindung anzusehen. Infolgedessen wurde Taiwan, bis dahin eigentlich am Rande der Weltwirtschaft, ein wichtiges Umschlagszentrum.“
Das Seefahrtsmuseum in Taipeh ist bekannt für seine mit großer Liebe zum Detail geschaffenen Modelle westlicher Segelschiffe.
Eines der interessanteren Exponate ist eine holländische Karte, welche die Taiwanstraße horizontal darstellt, wobei China auf der Karte oben zu sehen ist und Taiwan am unteren Rand. Die Karte zeigt Details wie die Lage von Häfen an beiden Küsten und die Schifffahrtsrouten dazwischen, was den besonderen Schwerpunkt andeutet, den die Niederländer auf Schifffahrt über die Taiwanstraße legten.
Chen Kuo-tung, Wissenschaftler am Institut für Geschichte und Philosophie der Academia Sinica, schrieb einen Großteil der historischen Hintergrundtexte zu den Modellen lokaler Boote. „Länder wie Spanien und die Niederlande versuchten, Taiwan wegen seiner vorteilhaften Lage zu kolonisieren, doch letztendlich gelang das nur Japan“, doziert er. „Heute führen zwar die großen internationalen Schifffahrtsrouten nahe an Taiwan vorbei, aber die empfindlichen Beziehungen mit Festlandchina begrenzen Taiwans Rolle in dem Geschäft.“
Obwohl weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass Chinas Beiträge im Bereich Navigation wichtige Durchbrüche beinhalten wie die Erfindung des Kompasses und Entwicklung einer Methode zur Navigation nach den Sternen, gibt es nicht viele historische Belege für chinesische Ozeanfahrten über große Entfernungen. Ein Großteil der vorhandenen Aufzeichnungen dreht sich um Reisen chinesischer Schiffe in Südostasien. Aufzeichnungen von Meeresexpeditionen unter der Führung des Admirals Zheng He zwischen 1405 und 1433 stellen indes eine bedeutende Ausnahme dar, und so mag es nicht überraschen, dass man im EMM ein Modell eines seiner Schiffe bestaunen kann. Die Flotte des Eunuchen kam bis Indien, Persien, zur arabischen Halbinsel und Ostküste Afrikas.
Mysterien um Zheng He
Die Führerin Tsai Yi-fang weist auf ein Geheimnis hin, das Zheng Hes Reisen umwittert. „Mit Überraschung haben wir herausgefunden, dass zwar über 200 Fahrzeuge in Zhengs Flotte große Schiffe waren, doch Belege deuten darauf hin, dass sie relativ kleine Segel hatten“, enthüllt sie. „Wie konnten so kleine Segel so große Schiffe antreiben? Dieses Problem haben Forscher noch nicht geklärt.“
Der Modellschiff-Handwerksmeister Simon Tseng, der das EMM berät und einige der Modelle taiwanischer Wasserfahrzeuge gebaut hat, macht auf ein weiteres historisches Rätsel um Zheng Hes Schiffe aufmerksam. „Meine Forschung ergab, dass die Schiffe in Zheng Hes Flotte eher wie Holzflöße geformt gewesen sein müssen und nicht wie moderne Schiffe, egal wie groß sie waren“, sinniert er. „Auf der Grundlage der Seefahrts-Kenntnisse in China zu jener Zeit und den verfügbaren Rohmaterialien hätten Holzflöße damals am besten funktioniert.“
Wenn Besucher sich danach weiter zur Galerie moderner Schiffe in der vierten Etage des Museums begeben, können sie fast hundert Modelle von Schiffen betrachten, die im 20. und 21. Jahrhundert zu unterschiedlichen Zwecken in Gebrauch waren. Diese Modelle umfassen Kreuzfahrtschiffe, Frachtschiffe und moderne Kriegsschiffe. Die Sammlung enthält auch mehrere Modelle von Evergreen-Containerschiffen, was den Beitrag der Firma zu Taiwans exportorientierter Wirtschaft widerspiegelt. Evergreen Line, der Schiffstransportzweig des Unternehmens, betreibt eine Flotte von mehr als 150 Containerschiffen, die über 240 Häfen in 80 Ländern anlaufen, und die Schiffe auf diesen Routen liefern in Taiwan hergestellte Produkte wie Hightech-Elektronik an den Rest der Welt.
In der vierten Etage befindet sich eines der berühmtesten Exponate des Museums, eine Holzplanke, die von einem Passagier an Bord der Titanic beschriftet wurde. Nach Erkenntnissen von Historikern stammt die Inschrift von dem britischen Unternehmer John Jacob Astor (1864-1912), der nach der verhängnisvollen Kollision der Titanic mit einem Eisberg im Atlantik den Tod fand. Zwar sind manche der Worte auf der Holzplanke falsch geschrieben, doch der Betrachter erhält eine lebhafte Vorstellung von der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die Astor in den letzten Minuten beim Untergang der Titanic empfunden haben muss.
Prachtvoll verzierte Kanus der Yami-Ureinwohner auf der Orchideeninsel (Lanyu) gehören zu den auffälligsten kulturellen Symbolen von austronesischen Ureinwohnern im Taiwangebiet.
Für Marine-Enthusiasten sind die Kriegsschiffmodelle eine großartige Attraktion. Die Modellbauer schufen diese Miniatur-Kunstwerke mit großer Sorgfalt, in manchen Fällen wurde sogar das Innere der Schiffe rekonstruiert, auch wenn nur wenige Menschen die Ergebnisse dieser Bemühungen werden sehen können, da man die Modelle dazu erst auseinandernehmen müsste. „Ich war zwar nicht in der Marine, aber ich finde es trotzdem immer aufregend, wenn ich diese Kriegsschiffe sehe“, versichert der Museumsbesucher John Lee, der das Museum mit einer Gruppe von Freunden aufsuchte. „Sie sehen so großartig aus, dass man sich den spektakulären Anblick der Schiffe bei einer Seeschlacht vorstellen kann.“
In der Galerie mit Ozean-Gemälden in der dritten Etage des Museums hängen Bilder mit maritimen Motiven aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert. Zur Sammlung gehören über 700 Gemälde von 44 Künstlern, die umfangreichste Kollektion maritimer Gemälde außerhalb des National Maritime Museum in London. Die Bilder stellen die Erhabenheit und Grazie von Schiffen auf See dar, heftiges Kanonenfeuer und ihre weißen Segel im Wind.
Einen besonderen Platz in der EMM-Gemäldesammlung nimmt das Aquarell Die japanische Flotte vor der Küste mit dem Berg Fuji im Hintergrund ein. Das Bild war eine Studie für ein Ölgemälde, das die japanische Kriegsmarine bei dem bekannten britischen Maler William Lionel Wyllie (1851-1931) in Auftrag gegeben hatte. Man sieht darauf die neuen Kriegsschiffe der Marine, die Japan am Anfang des 20. Jahrhunderts während der 1868 begonnenen Meiji-Restauration von Großbritannien gekauft hatte. Das Ölgemälde wurde zur Feier des 20. Geburtstages von Prinz Yoshihito – später Kaiser Taisho – geschaffen. Das Museum und Chang Yung-fa schätzen das Aquarell besonders hoch ein, da das Endprodukt in Öl der japanischen Kaiserfamilie gehört.
Auf der Dauerausstellung des Museums findet man Arbeiten westlicher Maler, daneben gibt es eine Sonder-Rotationsausstellung mit Werken einheimischer Künstler wie Huang Chi-tsung (1927-2004), Juang Yaw-ching (1930-2008) und Hsiao Fu-rong (geb. 1943). Ihre Gemälde bieten lebhafte und kostbare Ansichten vom Leben in Fischerdörfern, von Schiffen und Häfen in einer Zeit, bevor Fotografie in Taiwan allgemeine Verbreitung fand.
Die Navigations- und Expeditionsgalerie in der zweiten Etage bietet Besuchern einen Blick aus erster Hand auf Meeresnavigation durch Exponate wie Navigationsgerät, Multimedienpräsentationen und interaktive Lerneinrichtungen. Wer mit dem Gedanken spielt, Seefahrt als Beruf auszuüben, kann in dieser Galerie eine Einführung in die von Schiffereiunternehmen benutzte Technologie bekommen. Überdies findet man in der Galerie Exponate aus den Bereichen Walfang und Kommunikation mit und ohne Kabel.
Wenn die Besucher im Erdgeschoss des Museums ankommen, erblicken sie dort drei große Holzschiffe –- eine arabische Dhau, ein von Tao-Ureinwohnern auf der Orchideeninsel vor Taiwans Südostküste gebautes Zeremonialkanu sowie ein Modell von einem Schatzschiff in Zheng Hes Flotte. „Diese drei Schiffe spiegeln die drei Aspekte der Seefahrtserziehung wider, die das Museum betreffen, nämlich die von Taiwan, von China und der Welt“, zählt die EMM-Führerin Tsai Yi-fang auf. „Dieses Arrangement hat eine tiefe symbolische Bedeutung für uns, und wir hoffen, dass Besucher aus allen gesellschaftlichen Schichten das Museum mit breiteren Kenntnissen über die internationale Seefahrtsgeschichte und Taiwans Platz darin verlassen.“
(Deutsch von Tilman Aretz)