Die Sammlung mit 203 Farbfotos und 32 Schwarzweißbildern von Dampf- und Dieselloks, Waggons, Bergeisenbahnstrecken und Brücken umfasst 176 Seiten und ist in sechs Kapitel unterteilt, in denen Eisenbahnszenen in unterschiedlichen Teilen des Landes behandelt werden. Die meisten Aufnahmen stammen von Aandahl, aus anderen Quellen kamen 39 Bilder hinzu, darunter 12 Leihgaben vom Regierungsinformationsamt (Government Information Office, GIO), eine der wenigen privilegierten Behörden, denen es gestattet war, während des Kriegsrechts solche Fotos zu schießen.
Aandahl, der heute im US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota lebt, kam 1954 mit seinen Eltern, die als christliche Missionare tätig waren, und zwei seiner drei Schwestern nach Taiwan. Die Familie kam zuerst im Hafen Keelung an, danach ging es mit der Eisenbahn weiter zu ihrer neuen Heimat in der nordtaiwanischen Stadt Hsinchu. Aandahl selbst war damals gerade 18 Monate alt und damit wohl zu jung, um sich heute an jenen Zeitabschnitt erinnern zu können, doch sein Vater notierte in seinem Tagebuch, wie fasziniert und aufgeregt der Junge während der ersten Eisenbahnfahrt in Taiwan gewesen sei.
In Züge vernarrt
Als Aandahls Eltern ihre missionarische Arbeit aufnahmen, stellten sie eine Frau ein, die sich um ihren Sohn kümmern sollte. Nach seiner Erinnerung lautete ihr wirklicher Name Frau Chou, doch er nannte sie „Ha“, weil sie immer lächelte. Ha merkte bald, dass der kleine Junge aus irgendeinem Grund in die Eisenbahn vernarrt war, deswegen nahm sie ihn mit, um an einem Bahnübergang in der Nähe der Wohnung Züge zu beobachten. Sechs Stunden Züge anschauen — drei vormittags und drei am Nachmittag — wurde bald zu ihrer fröhlichen täglichen Routine. Aahndahl erinnert sich, dass Ha es selbst dann fertigbrachte, ihn regelmäßig zu den Gleisen mitzunehmen, als er einen chinesischen Kindergarten besuchte.
Aus Züge beobachten wurde 1959 mit Zügen fahren, denn Aandahl wurde zu einem Internat an der Morrison Academy im zentraltaiwanischen Taichung geschickt. „11 Jahre lang fuhr ich die Strecke jedes oder jedes zweite Wochenende“, rekapituliert er. „Selbst heute kenne ich auf der Gebirgsstrecke jede Kurve, jeden Tunnel, jede Brücke, jeden Bahnhof und jede Seite, auf welcher der Pfandaustausch stattfand.“ Am meisten faszinierte ihn als Jungen das Pfandsystem, ein Sicherheitsverfahren, das damals auf der einspurigen Strecke zwischen Zhunan im Landkreis Miaoli und Taichung angewandt wurde. Das System sollte verhindern, dass Züge auf der eingleisigen Trasse zusammenstießen. Dazu mussten die Lokführer ein besonderes Objekt — das Pfand — von einem Bahnwärter oder an einem Pfand-Austauschpunkt in Empfang nehmen, bevor sie auf der Strecke weiterfahren durften. Wenn bereits ein Zug auf der Strecke unterwegs war, befand sich das Pfand im Besitz des betreffenden Lokführers, und die anderen Züge mussten zum Weiterfahren warten, bis das Pfand weitergegeben war. Das Pfand war an einem großen Ring befestigt, damit die Lokführer es vom fahrenden Zug aus erfassen und weitergeben konnten. „Es war einfach unglaublich, vorne auf dem Zug zu stehen und zuzuschauen, wie der Zugführer mit seinem Arm den schmalen Reifen einfing oder abwarf, während der Zug sehr schnell fuhr“, wundert er sich. „Als kleiner Junge vergisst man so etwas nicht.“
Der Schnellzug Kuang Hua Hao Express wurde am 31. Oktober 1966 zur Feier des 80. Geburtstages von Staatspräsident Chiang Kai-shek in Dienst gestellt und war mit einer Spitzengeschwindigkeit von 110 Stundenkilometern damals Taiwans schnellster Zug. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Loren Aandahl)
Im Laufe der Jahre war Aandahl mit der Fahrt sehr vertraut geworden, und nachdem er eine eigene Kamera bekommen hatte, begann er als Oberschüler, Fotos zu knipsen. Zwar gab es die Eisenbahnpolizei an Bahnhöfen und Armeetruppen, welche größere Brücken und Tunnels bewachten, doch Aandahl hatte seine Methoden, die Verbote zu umgehen. „Es war im Grunde wie ein Katz-und-Maus-Spiel“, schmunzelt er. „Ich kannte die guten Stellen zum Fotografieren und wusste, wie man den Soldaten ausweicht, da ich so viele Jahre Reiseerfahrung zwischen Hsinchu und Taichung hatte.“ Das Foto auf dem vorderen Umschlag seines Fotobandes, auf dem ein Zug der Gebirgsstrecke zu sehen ist, wie er eine Brücke zwischen den Bahnhöfen Taian und Shenghsing im Landkreis Miaoli überquert, ist ein Beispiel dafür, wie die Maus die Katze austrickste. Aandahl erklärt, dass es auf diesem Streckenabschnitt fünf Tunnels gab, und alle Tunnels und Brücken wurden von Soldaten bewacht, außer zwischen den letzten beiden Tunnels, wo das Terrain sehr rau war. Am 15. März 1969 kletterte Aandahl die steile Klippe hinauf und machte die Aufnahme.
Manchmal wurde Aahndahl dabei gesehen, wenn er Bilder machte. Wenn er Polizisten oder Soldaten herankommen sah, ließ er einfach seine Kamera sinken und sagte „hi“. Manchmal wurde er lediglich aufgefordert, sich zu entfernen. Gelegentlich wollten sie ihn aber auch verhören, und dann gab er vor, kein Chinesisch zu sprechen oder zu verstehen. „Wegen der Sprachbarriere gaben sie entnervt auf und ließen mich laufen“, sagt Aandahl. „Wäre ich Taiwaner gewesen, wäre ich sicher in großen Schwierigkeiten gewesen.“
Mit diesen Tricks kam er freilich nicht immer durch. Nachdem die Bahnhofspolizei von Hsinchu im September 1969 irgendwie erfahren hatte, dass Aandahl ein Foto von einer der Lokomotiven und dem Zugführer gemacht hatte, waren die Beamten so erbost, dass sie die Wohnstätte der Familie aufsuchten. Während Aandahl Junior fort im Internat war, verlangten die Polizisten, dass sein Vater sämtliche Aufnahmen seines Sohnes herausgab. „Mein Vater weigerte sich, die Fotos auszuhändigen“, berichtet Aandahl. „Er sagte ihnen, ich sei kein Spion, sondern nur ein von Fotografie begeisterter Junge, und bat sie, mich in Ruhe zu lassen.“ Die Polizei kam innerhalb weniger Tage zwei Mal wieder und beharrte darauf, die Bilder zu beschlagnahmen, hatte jedoch keinen Erfolg, weil Aandahls Vater sie anderswo versteckt hatte.
Weder die Leidenschaft von Aandahl für Eisenbahnen noch die Einstellung seiner Eltern, das Interesse des Sohnes für Züge wie auch die Menschen und andere Aspekte des Lebens in Taiwan zu fördern, wurden durch jene Vorfälle berührt. Sie nahmen ihn zu vielen Ausflügen auf der Insel mit, während denen er die meisten der im Buch verwendeten Bilder machte. Als Ahndahl 1970 Taiwan verließ, um in den USA aufs College zu gehen, hatte er rund 1000 Dias im Gepäck. „Ich wusste nicht, dass ich eines Tages ein Buch veröffentlichen würde“, bekennt er. „Ich wusste aber, dass die Fotos wirklich etwas Besonderes waren, einfach weil es außer mir keine Eisenbahnenthusiasten in Taiwan gab.“
Nach seinem MBA-Examen an der University of British Columbia in Kanada im Jahre 1979 stieg Aandahl ins Verkehrsgewerbe ein. Da er den größten Teil seiner beruflichen Laufbahn für zwei Fluggesellschaften gearbeitet hat, kann er immer noch vergünstigte Flugscheine benutzen, um alle paar Jahre Taiwan zu besuchen. Bei diesen Besuchen gehören Eisenbahnfahrten und Fotografie stets zum Programm. Und im Laufe der Jahre hat Aandahl sich mit einheimischen Eisenbahnfans angefreundet und überdies ein paar alte Freunde ausfindig gemacht.
Eine Dampflok vom Typ DT597 in Hsinchu (1969). (Foto mit freundlicher Genehmigung von Loren Aandahl)
Dieses Jahr traf er den 85-jährigen Cheng Wan-jin, der ab 1942 bei der Eisenbahnverwaltung Taiwan (Taiwan Railway Administration, TRA) arbeitete und wahrscheinlich auf vielen jener Züge tätig war, auf denen Aandahl vor Jahrzehnten reiste. Cheng, den Aandahl eine „lebende Legende“ nennt, beaufsichtigt nun die Restaurierung der größten Dampflokomotive in Taiwan, einem Ungetüm mit der Bezeichnung DT668, das für die Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Republik China in neuem Glanz erstrahlen soll. Während seiner Taiwanreise im November 2010 begegnete Aandahl außerdem dem 82-jährigen Chen Chun-lai, einem der Mechaniker auf einem Foto in Aandahls Buch. Zwar konnte Chen sich nicht an Aandahls Gesicht erinnern, aber er wusste noch, dass da ein junger Ausländer war, der versuchte, Fotos zu machen, während er auf dem Bahnhof herumschlich.
Das „Wiedersehen“ von Chen und Aandahl ist zum großen Teil dem Eisenbahnenthusiasten Hayato Chiou zu verdanken. Chiou und Aandahl hatten einander Anfang 2010 „getroffen“, als Chiou für die taiwanische Zeitschrift Biographical Literature (傳記文學) einen Artikel über die Geschichte von Taiwans Dieselloks schrieb und dafür Bildmaterial benötigte. Er dachte an ein Bild einer R71-Diesellok, das er gesehen hatte, ermittelte als Urheber Aandahl, und mit Hilfe der heutigen modernen Informationstechnologie konnte er über Aandahls Facebook-Seite den Kontakt mit dem Fotografen herstellen. Aandahl versorgte Chiou mit mehreren Fotos für seinen Artikel, darunter eines mit zwei Mechanikern stehend vor einem Zug. Nach monatelangem Herumfragen, wobei er noch nicht mal einen Namen nennen konnte, stieß Chiou auf Chen, einen der Mechaniker, und so kam die Begegnung zustande. „Das erste, was ich auf seiner Facebook-Seite feststellte, war, dass er Hsinchu als seine Heimatstadt bezeichnet“, bemerkt Chiou. „Ich dachte, es wäre großartig, wenn ich einem ,Landsmann‘ helfen könnte, seine alten Freunde zu finden.“
Während ihrer vielen online geführten Gespräche wurde Chiou zudem klar, dass Aandahl viele wertvolle Bilder von Taiwans Eisenbahn besaß. „Ich sagte ihm, seine Fotos repräsentierten eine besondere Phase in Taiwans Geschichte, für die es wenige Belege in Bildform gäbe, und es wäre toll, wenn er bereit wäre, sie mit den Taiwanern zu teilen“, sagt Chiou und fügt hinzu, er kenne sogar einige pensionierte Regierungsfotografen und Journalisten, die das Vorrecht gehabt hätten, solche Aufnahmen zu machen, und immer noch welche besäßen. „Solche Bilder zu haben und sie mit anderen zu teilen sind zwei Paar Schuhe“, definiert er. „Leider ist das Mit-anderen-teilen in den Kreisen von Taiwans Eisenbahnfreunden kaum verbreitet.“
Wenige Tage später, als Aandahl hinsichtlich der Herausgabe eines Bildbandes nach Chious Meinung fragte, war Chiou von der Idee sehr angetan, hatte aber anfänglich Zweifel über Aandahls Beschluss, das Buch in englischer Sprache zu veröffentlichen. „Ein Bildband über Taiwans Eisenbahnsystem während der Zeit des Kriegsrechts ist genial, aber ein englischsprachiges Buch über Taiwans Eisenbahn erschien vom Blickwinkel des Marketing her keine so gute Idee zu sein“, moniert Chiou. Aandahl überzeugte Chiou später davon, dass es bei Fotografie vor allem um die emotionale Verbindung des Fotografen zu den Bildern ginge und er durch die Verwendung seiner Muttersprache seine Gefühle am besten in Worte kleiden könne.
Doch während Aandahl sich anstrengte und in den USA gute Fortschritte bei den redaktionellen Einzelheiten des Buches machte, hatte Chiou Schwierigkeiten, bei taiwanischen Verlagen Interesse für das Projekt zu wecken. „Sehr wenige Verlagshäuser befassen sich mit der Materie Eisenbahnen“, seufzt Chiou. „Aus dem einen oder anderen Grund zeigte niemand Interesse für das Vorhaben.“ Chiou erklärte Aandahl die Lage, der daraufhin beschloss, die Publikation des Buches selbst zu finanzieren, und so konnte das Werk im März dieses Jahres gedruckt werden.
1969 posierte Loren Aandahl mit einem Pfandreifen auf der Dampflok CT259 im Bahnhof Tungshih in der zentraltaiwanischen Stadt Taichung. Die Tungshih-Strecke wurde im Jahr 1991 stillgelegt. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Loren Aandahl)
Laut Chiou kamen 1800 der 2000 gedruckten Exemplare aus der ersten Auflage in den taiwanischen Buchhandel. Der Absatz ist soweit ermutigend, denn in den ersten anderthalb Monaten nach dem Erscheinen fanden fast 700 Stück einen Abnehmer.
„Es ist schwierig, von damals auch nur Schwarzweißbilder von Eisenbahnen zu bekommen, aber die meisten der Fotos in dem Buch sind in Farbe“, lobte Ju Lai-shun, Direktor der Gastronomie-Serviceabteilung in der TRA, als er das Buch erhielt. „Das sind sehr wichtige Bilder für Taiwans Eisenbahnkultur.“ Und für viele Eisenbahn-Enthusiasten sind Aandahls Bilder ein Hilfsmittel, mit dem sie sich bildlich vorstellen können, was sie zuvor nur durch die Lektüre von Texten kannten. Zum Beispiel enthält das Buch Bilder, die Aandahls Mutter nach einem schweren Eisenbahnunglück 1963 in Hsinchu aufgenommen hatte. Zwar war der Unfall dokumentiert, aber vor der Herausgabe von Aandahls Buch waren keine Bilder davon veröffentlicht worden.
Dias der alten Schule
Neben wertvollen Bildern überrascht das Buch die Leser auch mit detaillierten schriftlichen Beschreibungen der Fotos. Aandahl sagt, er sei deswegen in der Lage gewesen, so vollständige Bildtexte zu schreiben, weil er altmodische Dias verwendete, wodurch er Details über die Aufnahmen direkt auf die Rahmen schreiben konnte. Selbst heute, da die meisten Fotografen auf Digitalkameras umgestiegen sind, fühlt sich Aandahl mit konventionellen Film-Kameras nach wie vor viel wohler. „Dias bewahrt man in einem Kasten auf und weiß, wo sie sind“, begründet er. „Digitale Bilder können verloren gehen, wenn der Computer abstürzt, oder mit dem technischen Fortschritt könnten Daten unleserlich werden.“ Seiner Beobachtung nach gibt es in Taiwan viele talentierte Fotografen, die wunderschöne Bilder geknipst haben, und es wäre ein Jammer, wenn diese Bilder wegen technischer Probleme verschwänden. Ein mögliches Problem könnte die Veränderung digitaler Formate sein, und angesichts der Tatsache, wie plötzlich es nahezu unmöglich wurde, einen Computer mit Floppy-Diskettenlaufwerk zu finden, ist Aandahls Argument nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen.
Auf der Rückseite des Umschlags von Aandahls Buch sieht man zwei Bilder von Diesel-Triebwagen, die 1955 und 1970 am Bahnhof Hsinchu aufgenommen worden waren, quasi am Anfang und am Ende der Kindheit des Autors dort. Die Schienenfahrzeuge von damals sind heute nicht mehr in Betrieb, und die Landschaft hat sich ebenfalls verändert. Doch wenn wieder einmal ein guter Tag fürs Fotografieren anbricht, wird Aandahl aufs Neue einen Zug besteigen. Mit einer bewährten Kamera, einen guten alten Diafilm eingerollt, geht sein Eisenbahn-Abenteuer in eine neue Runde.
(Deutsch von Tilman Aretz)
Loren Aandahl (Autor und Herausgeber)
The Taiwan Railway: 1966-1970
Fester Einband, 176 Seiten, 203 Farbfotos, 32 Schwarzweißfotos, März 2011
ISBN-10: 0615391621
ISBN-13: 978-0615391625