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Taiwan Today

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Die heilende Kraft der Tradition

01.09.2011
Erfahrene Ärzte der chinesischen Heilkunde können schon durch Pulsfühlen konkrete Hinweise auf gesundheitliche Probleme des Patienten ermitteln. (Foto: Huang Chung-hsin)
Jede Woche kocht eine Mutter für ihre Familie und besonders für ihren Sohn, der sich auf die Oberschul-Aufnahmeprüfung vorbereitet, Fleisch mit einer Mischung ausgesuchter Heilkräuter. Nach ihren Worten hat der Vater von einem Mitschüler ihres Sohnes, der als Heilpraktiker traditioneller chinesischer Medizin (Traditional Chinese Medicine, TCM) tätig ist, das Gericht empfohlen, weil es „die Geisteskraft stärken“ könne. Eine Kunst-Designerin mit viel Berufserfahrung wiederum versichert, sie suche nur selten Ärzte für westliche Schulmedizin auf, noch nicht mal bei einer Erkältung, da sie hinsichtlich der verschriebenen Medikamente skeptisch sei, stattdessen bevorzuge sie Behandlung durch einen TCM-Medikus. Und ein junger Hochschulabsolvent berichtet, er habe ein wirksames Mittel gegen Schmerzen in seinen Knien und im Rücken gefunden, die auf Verletzungen zurückgehen, die er während seines Pflichtwehrdienstes erlitt — Linderung bringen ihm TCM-Behandlungen wie Akupunktur, Schröpfen und Massage. Dann ist da noch der Fall eines Geschäftsinhabers, der mit chinesischer Medizin sein Gewicht vermindern möchte.

Diese Menschen sind lediglich ein sehr kleiner Querschnitt einer vielfältigen Gruppe von Personen in Taiwan, die sich für ihre Gesundheit der traditionellen chinesischen Heilkunde anvertrauen. Etwa 30 bis 40 Prozent der 23 Millionen Taiwaner gehen zu TCM-Heilpraktikern oder entscheiden sich für eine Kombination aus westlicher und chinesischer Behandlung, weiß Sun Mao-feng, Vorstandsvorsitzender der Nationalunion chinesischer Ärzteverbände und Vizepräsident des China Medical University Hospital (CMUH) in der zentraltaiwanischen Stadt Taichung, der ersten einheimischen Institution, in der beide medizinische Richtungen angeboten werden. Ende 2009 gab es in Taiwan rund 43 000 Ärzte (Zahnärzte nicht mitgerechnet), von denen etwa 12 Prozent traditionelle chinesische Heilkunde praktizierten. Im vergangenen Jahr konnten taiwanische Patienten in 16 Krankenhäusern, die vollständig gemäß TCM-Lehren arbeiten, Linderung für ihre Leiden suchen, daneben gab es über 3000 TCM-Arztpraxen (ungefähr ein Drittel der Anzahl von Arztpraxen mit westlicher Schulmedizin). Abgesehen davon haben 80 der annähernd 500 Krankenhäuser mit westlicher Schulmedizin Taiwans zusätzliche TCM-Abteilungen eingerichtet. Solche Abteilungen entstanden in den meisten staatlichen Krankenhäusern mit Lehrbetrieb, darunter dem Taipei Veterans General Hospital, in welchem im Jahre 1990 das Zentrum für Traditionelle Medizin — zuvor eine Station für Akupunktur — gegründet wurde. Einige TCM-Behandlungen werden sogar vom 1995 initiierten Programm der Nationalen Krankenversicherung (National Health Insurance, NHI) abgedeckt, wodurch Taiwan ein Vorreiter dabei ist, traditionelle chinesische Heilkunde in den universalen Gesundheitsfürsorgeschutz zu integrieren. „Taiwan leistet da echte Pionierarbeit und ist sogar Festlandchina voraus“, prahlt Sun im Hinblick auf das Land, aus dem TCM ursprünglich herstammt.

Während Patienten in Taiwan seit langem offen dafür sind, sich Behandlungen sowohl westlicher Schulmedizin als auch TCM anzuvertrauen, waren Ärzte der beiden medizinischen Richtungen nicht immer so aufgeschlossen. In Wirklichkeit gab es lange Zeit nicht viel Kontakt zwischen den beiden medizinischen Traditionen. Das ändert sich jedoch allmählich, und ein Anzeichen der jüngsten Zeit, dass die Verbindungen zwischen westlicher Schulmedizin und TCM zunehmen, war die Einweihung des Zentrums für komplementäre und integrierte Medizin in der Uniklinik National Taiwan University Hospital (NTUH) in Taipeh im Jahre 2009. Es war ein denkwürdiges Ereignis, weil das Krankenhaus seit seiner Gründung im Juni 1895 — wenige Monate nach Beginn der japanischen Kolonialherrschaft über Taiwan (1895-1945) — als eine der renommiertesten Kliniken in Taiwan und Bollwerk der westlichen Schulmedizin gilt.

Alternativen bieten

Bislang bietet das neue Zentrum nur Beratung, die sich um die Anwendung chinesischer Heilkräuter und Taijiquan-Übungen (eine altertümliche Form chinesischer Kampfkunst) dreht, daneben gibt es Informationen über andere alternative Behandlungsformen wie Musiktherapie oder Beratung auf der Grundlage religiösen Glaubens. Angeregt wurde das Zentrum durch drei auf die Behandlung von Krebs spezialisierte Krankenhäuser in den Vereinigten Staaten, welche NTUH-Führungskräfte im Jahre 2007 besucht hatten. Die Resultate bei der Krebsbehandlung und Schmerzlinderung, die man mit Angeboten von Komplementärmedizin erzielt hatte, beeindruckten sie sehr. In den USA richteten die Nationalen Gesundheitsinstitute 1991 das erste Büro für Alternativmedizin ein, 1998 wurde daraus das Nationale Zentrum für Komplementär- und Alternativmedizin. „Westliche Schulmedizin kann bis jetzt keine vollständig zufriedenstellenden Krebsbehandlungen bieten, und oft gibt es Bedenken wegen der Nebenwirkungen der wirksamsten Therapien“, erklärt Yu Chia-li, Direktor der Abteilung für Immunologie, Rheumatologie und Allergien an der NTUH und Vorsitzender der neuen Einheit für Komplementärpflege der Klinik. „Medizin ist eine komplizierte Angelegenheit, bei der es nicht nur um körperliche Aspekte geht. Trotz der zuweilen unzureichenden Beweisgrundlage gibt traditionelle Heilkunde den Patienten zumindest größere mentale Unterstützung, besonders jenen, die an bösartigen Krankheiten leiden, und bereitet sie geistig auf ein zuversichtlicheres, angenehmes Behandlungsverfahren vor.“

Nach den Worten von Yu, Professor am Institut für Molekularmedizin der National Taiwan University (NTU) in Taipeh, gibt es eine Aufgabe für TCM, besonders bei der Behandlung von Krebs und chronischen Krankheiten sowie dem Umgang mit Schmerzen, bei denen die Wirksamkeit westlicher Therapien begrenzt ist. In Zukunft könnte diese Aufgabe eine entscheidende Dimension erlangen. Laut dem Globalen Statusbericht über nichtansteckende Krankheiten des Jahres 2010, erstellt von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), haben chronische Krankheiten wie Krebs, Herzkrankheit und Diabetes epidemische Ausmaße erreicht und sind weltweit zu den führenden Todesursachen geworden, die mehr Menschenleben fordern als alle anderen Ursachen zusammen. Im Jahre 2008 starben 36 Millionen Menschen an nichtansteckenden Krankheiten wie Herzkrankheit, Diabetes, Krebs und chronischen Atemwegsleiden. Diese Zahl steht für 63 Prozent der 57 Millionen in jenem Jahr weltweit gemeldeten Todesfälle. In dem Bericht, dem ersten seiner Art von der WHO, wird davor gewarnt, dass wegen der Zunahme der Auswirkungen solcher chronischer Krankheiten und dem Altern der Bevölkerung weltweit mit einem weiteren Ansteigen der daraus resultierenden Todesziffern zu rechnen ist. Zufällig haben TCM-Ärzte, unter ihnen erfahrene Heilkünstler wie Wu Cheng-hua und Lin Jaung-geng, die beide an der mit dem CMUH verbundenen China Medical University (CMU) ausgebildet wurden, viele Jahre lang in Taiwans Auslandsprogrammen für medizinische Hilfe Dienst geleistet. Nach Auskunft von Sun Mao-feng vom CMUH haben Mitarbeiter aus seiner Klinik und von der CMU, wo Sun zudem als Lehrkraft wirkt, an jährlichen Auslandsreisen teilgenommen, um medizinische Dienste zu bieten.

Nach den Ausführungen von Huang Jong-tsun (黃榮村), CMU-Präsident und früherer Bildungsminister, zielt westliche Medizin darauf ab, eine Krankheit zu heilen, wogegen chinesische Tradition Wege betont, bei guter Gesundheit zu bleiben, was seiner Ansicht nach sehr hilfreich dabei wäre, jene Gesundheitsprobleme verhüten zu helfen, mit denen in einer rasant alternden Gesellschaft wie in Taiwan zunehmend zu rechnen ist. „Chinesische Medizin behandelt nicht nur die Krankheit einer Person, sondern auch die Person, die krank ist, deswegen ist es einfacher, ein gutes Verhältnis zwischen Arzt und Patient aufzubauen“, findet Huang. „Diese humane Orientierung kann sich um unterschiedliche persönliche Bedürfnisse kümmern und individualisierte Therapien fördern.“ Der Hochschulpräsident vermerkt, dass chinesische Medizin in einer Weise wirksam werden kann, die westlichen Behandlungsmethoden nicht in die Quere kommt. Seiner Überzeugung nach wäre eine ideale Integration westlicher und chinesischer medizinischer Traditionen die Ausbildung von Ärzten in beiden Disziplinen. Heute verfügen über 2600 Ärzte in Taiwans Gesundheitssystem über Zertifikate sowohl in westlicher als auch chinesischer Medizin, und die meisten von ihnen haben an der CMU Examen gemacht.

Die 1958 gegründete Lehranstalt bot jahrzehntelang die einzigen College-Kurse Taiwans in traditioneller chinesischer Heilkunde. Seit 1998 gibt es auch entsprechende Kurse an der Chang Gung University im nordtaiwanischen Landkreis Taoyuan. TCM-Absolventen werden in beiden Traditionen ausgebildet und geprüft, müssen sich dann aber entscheiden, ob sie traditionelle chinesische Heilkunde oder westliche Schulmedizin praktizieren wollen. „Solche Ärzte, selbst wenn sie ins westliche System eintreten, haben die chinesische Heilkunde im Blut“, versichert Sun. „Und das baut eine Brücke zwischen den beiden Traditionen.“

Akupunktur kann mit Moxibustion (linkes Bild) und Schröpfen (rechtes Bild) kombiniert werden. (Foto: Huang Chung-hsin)

Wahl der Praxis

Der Akupunkturfachmann bemerkt, in der Vergangenheit hätten die meisten TCM-Absolventen der Hochschule für die berufliche Praxis schließlich westliche Medizin gewählt, „weil chinesische Medizin einerseits erst noch ein vernünftiges Ausbildungssystem aufbauen musste und andererseits verglichen mit westlicher Schulmedizin einen geringeren Status hatte“, wie er sich erinnert. In den jüngsten Jahren haben indes etwa gleich viel Absolventen des achtjährigen Medizinstudiengangs an der CMU in der medizinischen Praxis den Weg der TCM eingeschlagen wie der westlichen Medizin. Begleitet wurde diese Entwicklung von Trends im In- und Ausland, traditionelle Formen der Heilkunde zu überprüfen und anzuerkennen.

Mitte der achtziger Jahre richtete die CMU ihre Graduiertenschule für chinesische Heilkunde ein, um Studienbewerber anzunehmen, die bereits einen Abschluss in einer anderen Disziplin hatten. Das fünfjährige Studienprogramm bietet zwar nur ein TCM-Diplom, seine Studienordnung umfasst aber eine beträchtliche Zahl von Kursen in westlicher Medizin. Ein ähnliches Programm an der I-Shou University in der südtaiwanischen Stadt Kaohsiung nimmt seit vergangenem Jahr Studierende an, und die Tzu Chi University in der osttaiwanischen Stadt Hualien und die Chung Shan Medical University in Taichung planen vergleichbare Programme. Die neuen TCM-Schulungsprogramme kann man als Reaktion auf das Ende des Sonderprüfungssystems betrachten, gemäß dem TCM-Heilpraktiker, die sich ihr Können selbst beigebracht hatten oder keine sonstige offizielle Anerkennung vorweisen konnten, ohne Rücksicht auf ihren Bildungshintergrund ein Zertifikat erlangen konnten, wenn sie zwei Prüfungsrunden erfolgreich hinter sich brachten. Das Verbot, das im Juni dieses Jahres in Kraft trat, markierte das Ende eines vierzig Jahre lang gültigen Systems, das über 60 Prozent aller TCM-Heilkundler hervorbachte, die heute in Taiwan tätig sind.

Die Veränderungen sind jedoch nicht unumstritten, da nicht wenige TCM-Studierende keinen offiziell anerkannten Abschluss haben, aber die erste Prüfung im alten System bestanden hatten. Für solche Studierende gibt es jetzt keinen Zugang zu einem anerkannten Programm, selbst wenn sie schon seit vielen Jahren TCM studiert haben. Deswegen drängen einige dieser Studierenden die Behörden, ihren Erfolg bei der ersten Runde von TCM-Prüfungen als alternative Qualifikation anzuerkennen, mit der sie an der Aufnahmeprüfung für die Graduiertenstudiengänge an Universitäten teilnehmen könnten.

Im Hinblick auf medizinische Dienste, die auf beide Traditionen zurückgreifen, hält Huang Lin-huang, Vorsitzender des Komitees für Chinesische Heil- und Arzneimittelkunde (Committee on Chinese Medicine and Pharmacy, CCMP) im Gesundheitsministerium, es für ein besseres Modell, wenn ein westlicher Schulmediziner und ein TCM-Arzt einen Patienten gemeinsam behandeln. Die Linsen Chinese Medicine-Nebenstelle des Taipei City Hospital und das Taoyuan Chang Gung Memorial Hospital gehören zu den medizinischen Institutionen, welche dieses Modell anwenden. Das CMUH bietet ambulante Behandlung, bei welcher sich zwei Ärzte, die beide Diplome in westlicher und chinesischer Medizin besitzen, um den Patienten kümmern. „Die zwei Ärzte können ihre stärkeren Fachkenntnisse in der einen oder anderen Tradition nutzen“, begründet Sun Mao-feng.

Laut Huang Lin-huang ist es heute einfacher, Gemeinsamkeiten zwischen beiden Traditionen zu finden, weil TCM-Ärzte inzwischen mehr Beiträge und fachliche Anerkennung in westlichen medizinischen Systemen erhalten. „Vor zwanzig Jahren war es einem TCM-Arzt nicht erlaubt, einfache moderne Instrumente zu benutzen wie Taschenlampen oder Blutdruck-Messgeräte“, bekennt er. „Heute können sie typisch westliche Aufgaben erfüllen wie Deutung einer Röntgenaufnahme oder Auswertung biochemischer Tests.“ Durch Zusammenarbeit können die westliche und die chinesische medizinische Tradition ihre eigenen Stärken entwickeln und einander stützen, wirbt Huang Lin-huang.

Sun Mao-feng von der CMUH findet die üblichen Etikette „westlich“ oder „chinesisch“ bei der Heilkunde irreführend und plädiert dafür, sie durch die Unterscheidung zwischen „moderner“ und „traditioneller“ oder „klassischer“ Medizin zu ersetzen. Er führt aus, dass moderne Medizin, die das gemeinschaftliche Ergebnis moderner wissenschaftlicher Entwicklungen sei, Beiträge aus westlichen und chinesischsprachigen Gesellschaften aufgenommen habe. Andererseits sei traditionelle chinesische Medizin in erster Linie ein philosophisches System gewesen. „Es hat den Anschein, dass TCM geheimnisumwittert sei“, spekuliert Sun. „Doch die Bereitschaft eines westlichen Schulmediziners, zu verstehen und zu kommunizieren, etwa durch die Lektüre altertümlicher Texte über chinesische Heilkunde, würde diese ,geheimnisvollen‘ Aspekte beseitigen.“

Ein Plakat von Sun Ten Pharmaceutical Co., einem bedeutenden TCM-Arzneimittelhersteller, mit dem Schriftzeichen zhong, das „Mitte“ oder „China“ bedeutet, garniert mit Abbildungen von Heilkräutern. (Foto: Huang Chung-hsin)

CMU-Präsident Huang Jong-tsun unterstreicht, dass TCM heute ein interdisziplinäres Feld ist, welches Beiträge aus der modernen Wissenschaft begrüßt, etwa die modernen Technologien, die bei Neurologie, Molekularmedizin, Biotechnik und medizinischer Bildgebung verfügbar sind. Unter anderem wurden medzinische Geräte entwickelt, welche typische TCM-Praktiken wie Puls fühlen und Prüfung der Zunge unterstützen sollen.

Huang macht daneben darauf aufmerksam, dass die moderne Entwicklung chinesischer Heilkunde und ihre Integration mit westlichen Traditionen die Forschungskapazitäten großer medizinischer Zentren benötigen. Das ist für TCM wegen des dezentralisierten Wesens der TCM-Gesundheitsfürsorge eine schwierige Aufgabe. „Im Gegensatz zu westlichen medizinischen Systemen, in denen viele Ärzte von großen medizinischen Zentren angezogen werden, welche dadurch Stärke bei medizinischer Forschung gewinnen, sind [kleine] Arztpraxen der aktivste Bereich in der chinesischen Heilkunde“, beschreibt Huang Jong-tsun. Ende 2009 arbeitete nur wenig mehr als ein Drittel der Ärzte für westliche Schulmedizin in Taiwan in Arztpraxen, bei den TCM-Heilpraktikern betrug diese Quote annähernd 90 Prozent. Andererseits weist die enge Verbindung von TCM-Ärzten zu ihren örtlichen Gemeinden auf eine einzigartige soziale Rolle hin, die sie in Taiwans Volksgesundheit spielen. Sun Mao-feng vergleicht die von chinesischen Arztpraxen an der Basis gebotenen Gesundheitsfürsorge-Dienstleistungen mit der Primärfürsorge von Ärzten in westlicher Familienmedizin. TCM-Ärzte benutzen nur wenige komplizierte Geräte, und ihr Vokabular umfasst Begriffe wie „zu viel Körperhitze“, welche die normalen Taiwaner problemlos verstehen. „Ich hoffe, dass unsere TCM-Heilkundler ihr enges Verhältnis zu den Menschen und auch die Rolle, welche sie bei der öffentlichen Gesundheit und Gemeindemedizin spielen können, hochschätzen und nicht nur nach Ruhm und Ehre streben“, sagt Huang Lin-huang.

Die Kosten decken

Momentan machen die Zahlungen für TCM-Dienste lediglich ungefähr 4 Prozent des NHI-Jahreshaushalts von gut 500 Milliarden NT$ (12,19 Milliarden Euro) in Taiwan aus. Bei den traditionellen chinesischen Kräutermedikamenten erstattet die NHI nur Pulverkonzentrate, andere beliebte Arzneiformen wie Sirups, Pillen oder gehackte Kräuter für einen Absud werden von dem Programm nicht abgedeckt. Nach Auskunft von Huang Lin-huang vom Gesundheitsministerium plant die Regierung die Ausweitung des NHI-Erstattungsbereichs, um nicht-konzentrierte Kräuterpulver-Produkte einzuschließen.

Der CCMP-Chef teilt mit, dass die Verwaltung traditioneller chinesischer Medikamente durch die Regierung sich auf Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit konzentriert, und zwar in eben dieser Reihenfolge. Taiwans Hersteller von Kräuterarzneien müssen beispielsweise einen Standard für „Gute Herstellungspraxis“ (Good Manufacturing Practices, GMP) erfüllen, der 2002 vom Gesundheitsministerium und Wirtschaftsministerium verfügt worden war. Überdies kommen über 80 Prozent der Bestandteile für TCM-Arzneien vom chinesischen Festland, weswegen sie im Abkommen über medizinische und gesundheitliche Zusammenarbeit über die Taiwanstraße, das im Dezember 2010 in Taipeh unterzeichnet worden war, einen größeren Abschnitt erhielten. Unter anderem einigten sich die Verhandlungspartner beider Seiten darauf, für den Aufbau von Qualitäts- und Sicherheitsstandards zusammenzuarbeiten, außerdem sollen die Bestandteile für TCM-Medikamente für Import oder Export geprüft werden. Das Abkommen gestattet auch die Einrichtung von Mechanismen zur Kommunikation und Kooperation bei größeren Ereignissen, die mit der Sicherheit traditioneller chinesischer Arznei-Bestandteile zu tun haben.

Sun Mao-feng findet, TCM-Heilpraktiker sind aufgerufen, sich bei der Regierung dafür einzusetzen, dass die NHI mehr für traditionelle chinesische Arzneien bezahlt. TCM-Dienstleistungsanbieter müssen einerseits den Respekt der Patienten für den Beruf erwerben und andererseits mehr Belege für die Wirksamkeit von TCM erbringen, rät er. Abgesehen von anderen Anstrengungen hat das CCMP im Laufe der vergangenen zehn Jahre in 17 taiwanischen Kliniken mit Lehrbetrieb klinische Tests traditioneller chinesischer Medikamente finanziell unterstützt. Solcher wissenschaftlicher Beistand ist für die moderne Entwicklung von TCM-Theorien und -Praktiken von entscheidender Bedeutung, versichert Yang Ling-ling, Professorin am Pharmazie-College der Taipei Medical University und Direktorin des Zentrums für translatorische Erforschung chinesischer Medizin des CMUH. Nach ihrer festen Überzeugung bietet TCM ein lebendiges Vermächtnis für Gesundheitsfürsorge, außerdem habe Taiwan in diesem Bereich seine eigenen Stärken, etwa die Fähigkeit, Kräutermaterialien auf einen medizinischen Standard zu verarbeiten und zuzubereiten. „Traditionelle chinesische Heilkunde braucht moderne Wissenschaft und Technologie, um ihr volles Potenzial zu entfalten“, urteilt sie und wünscht sich, dass Taiwan für TCM dabei den Weg bereiten kann.

(Deutsch von Tilman Aretz)

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