25.05.2026

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KTV: Ein Ort für Geselligkeit

01.07.2011
Meist sind es Schüler, Studierende und jüngere, unverheiratete Berufstätige, die im KTV singen gehen. (Foto: Chang Su-ching)
Gegen halb acht abends an einem Wochentag betritt eine Gruppe augenscheinlich schüchterner, unauffälliger Schülerinnen einen kleinen, ähnlich wie eine Suite eingerichteten Raum, in dem ein hochmodernes computerisiertes System es ihnen ermöglicht, aus einem riesigen Repertoire von Instrumentalversionen populärer Lieder auszuwählen. Ein Lied wird ausgewählt, die Musik setzt ein und ein Videofilm mit romantischen Bildern erscheint auf einem großen Bildschirm. Eine der Schülerinnen ergreift ein Mikrofon, und als am unteren Rand des Bildschirms die erste Zeile des Liedtextes erscheint, schmettert sie eine Version ihres Lieblingsliedes, welche den ursprünglichen Sänger stolz machen würde. So spielt sich eine ganz normale Szene in einem Salon für Karaoke-Fernsehen (Karaoke Television, KTV) ab, eine der beliebtesten Formen abendlicher Unterhaltung in Taiwan.

Die frühen Abendstunden an Wochentagen und später an Freitag- und Samstagabenden sind bei weitem die beliebtesten Zeiten, in einem KTV singen zu gehen, und dieses Schema nutzen die Betreiber von KTV-Salons voll aus. Die Preise variieren je nachdem, wie groß der Raum und wie luxuriös seine Ausstattung ist, aber der Hauptfaktor bei den Tarifen ist die Tageszeit. Vormittags unter der Woche liegen die Gebühren bei einem Partyworld KTV-Salon in Taipehs belebtem Stadtteil Ximending beispielsweise pro Stunde zwischen 350 NT$ (8,53 Euro) für ein Siebenpersonenzimmer und 1540 NT$ (37,56 Euro) für einen großen Raum, in dem bis zu 40 Personen Platz finden. An Abenden von Werktagen steigen die stündlichen Gebühren auf 630 NT$ (15,36 Euro) für ein kleines Zimmer und 2772 NT$ (67,60 Euro) für einen Saal, und Freitags- und Samstagsabends muss man jeweils 700 NT$ (17,07 Euro) und 3080 NT$ (75,12 Euro) hinblättern.

Wang Tsen, Dozent an der Abteilung für Visual Communication Design der National Taiwan University of Arts in New Taipei City, zählt zu der wachsenden Schar von Akademikern, die Taiwans Unterhaltungskultur erforschen. Nach seinen Worten ist Singen in KTV-Salons eine der beliebtesten und charakteristischsten Vergnügungsoptionen in Taiwan. Seine Feststellung wird von Statistiken untermauert, denn laut einer landesweiten Umfrage, welche die in Taipeh ansässige Marktforschungsfirma Trendgo im vergangenen Jahr durchführte, besuchten 28,2 Prozent der Befragten im Jahre 2009 wenigstens ein Mal einen KTV-Salon. Singen in KTVs war in der Altersgruppe 21-30 am beliebtesten, da über die Hälfte der Menschen aus diesem Bevölkerungssegment, welche in der Umfrage erfasst wurden, 2009 nach eigenen Angaben einen KTV-Salon aufgesucht hatte. Die Umfrage kam zu dem Ergebnis, dass KTVs bei Schülern und Studierenden sowie unverheirateten jüngeren Berufstätigen am populärsten sind, und hob hervor, KTV-Salons seien für solche jungen Alleinstehenden „ein Unterhaltungsparadies“.

KTVs lassen sich auf Karaoke zurückverfolgen, ein japanisches Wort, das die Teile kara (zu Deutsch „leer“) und oke (zu Deutsch „Orchester“) kombiniert. Karaoke-Geräte spielen Lieder aus der Konserve, bei denen die Haupt-Gesangsspur fehlt, und sie tauchten in Taiwan erstmals Mitte der siebziger Jahre in Kneipen und Restaurants japanischer Art auf. Damals waren Karaoke-Geräte nichts weiter als ein Kassetten-Abspielgerät mit Verstärker, ein Paar Lautsprecher und ein Mikrofon.

Anfang der achtziger Jahre entstanden durch den Einsatz von Karaoke-Geräten, die man mit einem Video-Bildschirm ergänzte und gewöhnlich auf einer kleinen Bühne in Cafés oder Restaurants aufstellte, Karaoke-Klubs, in denen Gesang die Hauptattraktion war. „Im Gegensatz zu der früheren Nebenrolle in Restaurants und Kneipen wurde Karaoke eine Haupt-Unterhaltungsform“, analysiert Wang.

Zwar hatte man die Karaoke-Erfahrung um Video bereichert, doch Anfang der achtziger Jahre waren die „Vorstellungen“ noch in großem Maße sehr öffentliche Angelegenheiten. In die Cafés oder Restaurants konnte jeder reinspazieren, mit dem Ergebnis, dass die Singenden nicht immer auf ein freundlich gesinntes Publikum zählen konnten. Der Druck wurde noch dadurch erhöht, dass zuweilen Streit zwischen verschiedenen Gruppen von Gästen darüber ausbrach, welche Lieder ausgewählt und in welcher Reihenfolge sie gespielt werden sollten.

Mitte der achtziger Jahre wurde zudem eine andere Form von Unterhaltungsgewerbe schnell populär — MTV. In solchen Salons für „Movie Television“ befanden sich kleine einzelne Zimmer, in denen die Kunden populäre Spielfilme auf Videokassetten oder Laser-Bildplatten anschauen konnten. Die Betreiber boten eine mehr oder weniger große Sammlung von Filmen zur Auswahl und verdienten ihr Geld mit dem Vermieten der Räume. Cash Box Corp., heute ein bekanntes KTV-Unternehmen in Taiwan, entstand 1985 als Verleih für Videokassetten und vermietete danach Räume, wo Kunden Filme schauen konnten. Ende der achtziger Jahre kamen die MTVs jedoch in Schwierigkeiten, als die Regierung begann, Verstöße gegen das Verbot schwarz kopierter Videokassetten härter zu ahnden, denn viele Filmsammlungen von MTVs bestanden aus solchen Raubkopien.

Es lässt sich kaum mit Bestimmtheit sagen, ob es unter den MTV-Betreibern Cash Box oder ein Konkurrent war, der erstmals die Idee hatte, seine kleinen Zimmer mit KTV-Geräten auszustatten. In jedem Fall war es eine geniale Lösung, da die Firmen dadurch ihre Räumlichkeiten auf eine Weise neu nutzen konnten, die nicht mit dem Raubkopienverbot in Konflikt kam, und in den privaten Zimmern trauten sich auch jene, die zu schüchtern waren, in der Öffentlichkeit zu singen, zum Mikro zu greifen. 1989 eröffnete Cash Box in Taipeh den ersten Salon, der ausschließlich für KTV da war, und die Firma betrachtet diesen Schritt als kreativen Meilenstein ihrer Entwicklung.

Im Laufe der neunziger Jahre gedieh Taiwans KTV-Gewerbe zügig, und manche Betreiber hatten ihre Zimmer 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Allerdings entstanden Bedenken über mögliche negative Auswirkungen der KTV-Salons auf die Gesellschaft, weil man wegen ihres Betriebes rund um die Uhr und der geschlossenen privaten Räume unerwünschte Aktivitäten wie Drogenmissbrauch, Prostitution und anderes gesetzwidriges Treiben befürchtete. Aufgrund dieser Sorgen setzte man KTVs auf die Liste der „Sonderbetriebe“, die strenger reguliert werden mussten. Unter anderem wurde damals verfügt, dass KTVs nur bis 3 Uhr morgens geöffnet bleiben durften und Minderjährige unter 18 Jahren keinen Zutritt hatten. Die nennenswerteste Folge dieser Bestimmungen war, dass viele kleinere Salons ohne Lizenz dichtmachten. Wang hält die Auswirkungen der Regulierungen für überwiegend beschränkt, denn sie waren nur schwer umzusetzen und kamen zu einer Zeit, in der es verstärkt Sorgen über ein Eingreifen des Staates ins Privatleben der Bürger gab.

Der KTV-Betreiber Partyworld hat das Gewerbe auf eine höhere Stufe gehoben, indem Einrichtunagen wie Büffets und schicke Lounges geschaffen wurden. (Foto: Chang Su-ching)

Beginn eines Trends

Die Schließung der KTV-Salons ohne Lizenzen markierte den Beginn eines Trends, der dazu führte, dass das KTV-Gewerbe in Taiwan sich konsolidierte und reifer wurde. Es entstanden größere Ketten, welche professioneller betrieben wurden und über gehobene Örtlichkeiten mit besseren Sicherheitseinrichtungen verfügten. Das Singen mit einer Gruppe von Freunden in einem kleinen Raum wandelte sich so zu einer Freizeitbeschäftigung breiter Gesellschaftsschichten.

Heute betreibt Cash Box 15 Partyworld-Filialen in Taiwans größeren Städten mit insgesamt über 1500 Zimmern. Die Holiday-Kette, ein weiteres Schwergewicht in Taiwans KTV-Welt, ist in kleineren Gemeinden besser vertreten und wendet sich überwiegend an Schüler und Studierende. Holiday hat etwa 50 Filialen mit insgesamt 2000 Zimmern.

Neben den Partyworld-Geschäften von Cash Box in Taiwan hat das Unternehmen seit 1994 in acht größeren festlandchinesischen Städten 19 Objekte mit über 2400 Zimmern aufgebaut, der erste KTV-Salon von Cash Box entstand in Shanghai. Heute gibt es in Shanghai sieben Partyworld-Filialen, in Beijing vier. Cash Box entwickelt auch weiterhin gehobenere Optionen wie VIP Lounges, die man in einer Filiale in Taipeh und in zehn Filialen auf Festlandchina buchen kann. Zielgruppe der VIP Lounges sind meist Geschäftsleute, die Kunden unterhalten wollen.

Das anhaltende Wachstum und der steigende Reifegrad des KTV-Gewerbes veranlassten Akademiker wie Wang dazu, einen genaueren Blick auf die Faktoren hinter der ungebrochenen Beliebtheit dieser Unterhaltungsform zu werfen. Wang erachtet KTVs als eine Art von Heterotopie, ein Konzept des französischen Denkers und Sozialtheoretikers Michel Foucault (1926-1984), das einen Fantasieraum, der außerhalb der Zeit existiert, postuliert. „Es geht nicht nur um Singen“, doziert Wang über die gemütlichen, abgetrennten KTV-„Zellen“, die eine Fluchtmöglichkeit vor der Alltagsrealität und auch ein „virtuelles Zuhause“ bieten. Infolgedessen findet man in diesen Zimmern einen der wenigen gemeinschaftlichen Räume der Gesellschaft, der es Individuen gestattet, ihre Freude, Leid und Träume miteinander zu teilen. „Die Gesellschaft bewegt sich sehr schnell, und viele Menschen fühlen sich dabei unbehaglich“, analysiert Wang. „Wenn die Menschen miteinander singen und in den Liedern ihrer eigenen Generation Trost finden, wird diese Unbehaglichkeit zu einem gewissen Grad gelindert.“

Kurt Brereton ist ein australischer Visual- und Digitalmedien-Künstler und lehrte früher an der University of Technology in Sydney, wo er unter anderem Wang akademisch betreute. Außerdem schrieb Brereton das Vorwort zu Wangs 2007 erschienenem Buch Virtual Songs mit Texten auf Mandarin-Chinesisch und Englisch, das auf Wangs Dissertation basiert. Bei der Untersuchung, was die Anziehungskraft von KTVs ausmacht, konzentriert Brereton sich auf den Aspekt der digitalen Unterhaltung und vergleicht die Erfahrung mit der Bedienung eines Riesencomputers mit „Hunderten von Unterhaltungs-Prozessoren“, wobei die Gäste gemeinschaftlich eine Reizflut aus Bildern und Klang erschaffen. Für Brereton sind KTVs nicht nur graue Theorie, er hat solche Unternehmungen in Taiwan besichtigt. Zudem hat er mehrere Kunstausstellungen in Taiwan veranstaltet und war Gastkünstler bei der Chung Yuan University im nordtaiwanischen Landkreis Taoyuan.

Brereton schrieb, er sei besonders beeindruckt gewesen vom kulturellen Reichtum, der das Singen in einem KTV-Salon in Taiwan kennzeichnet. „Auf dem Tisch liegen Liederkataloge in vier verschiedenen Sprachen, nämlich Chinesisch, Taiwanisch, Englisch und Japanisch“, staunt er. Die Liederkataloge sind, wie er betont, kein Angebot mit Rücksicht auf ausländische Touristen, sondern reflektieren die Bedürfnisse der Einheimischen, die meist „in unterschiedlichem Maße mehrsprachig und multikulturell sind“.

Texte und Identität

Neben den von Brereton genannten vier Sprachen sind noch KTV-Lieder mit kantonesischen Texten beliebt, weil Fernsehserien und Filme aus Hongkong seit langem eine treue Fangemeinde in Taiwan haben. Wang macht darauf aufmerksam, dass die Sprache der Lieder, welche die Menschen in KTVs aussuchen, ein deutliches Anzeichen für die ethnische Identität einer Person ist.

Die in KTV-Salons ausgewählten Lieder spiegeln überdies breitere Trends in der Popkultur wider, besonders jene in Taiwans Musikindustrie, dem dynamischsten Unterhaltungssektor des Landes. Zum Beispiel wurde gegen Ende 2010 das Album Bo Bee von Lotus Wang (王彩樺) vorgestellt, dessen Titel im taiwanischen Holo-Dialekt die Bedeutung „Segen“ hat und zu einem überraschenden Verkaufsschlager wurde. Von Januar bis April dieses Jahres belegte das Titellied des Albums auf den Hitlisten der meistgesungenen Holo-Lieder für KTV bei Partyworld und Holiday jeweils Rang eins oder zwei. Die Beliebtheit von Bo Bee war so groß, dass Eric Chen, der Produzent des Albums und geschäftsführender Direktor der Plattenfirma Enjoy Records Inc., lamentierte, seine Firma habe Mühe, mit der Nachfrage der KTV-Betreiber nach Videos für Lotus Wangs Lieder Schritt zu halten.

Andererseits sind KTVs hilfreich dabei, Lieder auf den Pop-Hitlisten zu fördern. Wang Tsen hegt die Überzeugung, die beträchtliche Popularität, welcher sich Technomusik auf Holo in den jüngsten Jahren erfreute, sei vor allem der großen Verbreitung und Verfügbarkeit solcher Lieder in KTV-Salons zu verdanken. Er weist darauf hin, dass die Kombinierung elektronischer Musik, ausländischer Melodien und umgangssprachlicher Texte die Neigung der Taiwaner belegt, verschiedene Kulturelemente zu vermischen und daraus etwas typisch Taiwanisches zu machen.

KTV-Lieder in mandarinchinesischer Sprache sind ebenfalls ein Beleg für Taiwans kulturelle Vielfalt. Seit Anfang dieses Jahres ist das Liebeslied Queen von Andrew Chen (陳勢安) einer der heißesten Titel auf den mandarinchinesischen KTV-Charts, sehr beliebt waren zudem Hits von anderen einheimischen Sängern wie Tiger Huang (黃小琥) und Ricky Hsiao (蕭煌奇). Chen stammt aus Malaysia und hatte Gesangswettbewerbe in Hongkong gewonnen, Huang wiederum hat nicht nur Alben mit englisch- und chinesischsprachigen Liedern herausgebracht, sondern singt auch auf Holo. Hsiao schreibt und singt auf Mandarinchinesisch und Holo und hat in beiden Sprachsparten Spitzenpreise bei Taiwans renommiertem Musikwettbewerb Golden Melody Awards gewonnen. Ein Hit von Hsiao, der derzeit in KTV-Salons häufig geträllert wird, ist Last Train über unerwiderte Liebe.

Ob auf Mandarinchinesisch, Holo, Englisch, Japanisch oder Kantonesisch — Singen im KTV ist eine vollkommen taiwanische Unterhaltungsform. „Wenn ausländische Gäste zur Teilnahme an Veranstaltungen wie Seminare meine Lehranstalt besuchen, nehme ich sie auf eine typisch taiwanische Tour mit“, erzählt Wang. „Wir besuchen Nachtmärkte wegen der Vielzahl taiwanischer Snacks, Restaurants mit scharfem Feuertopf, und wir lassen uns eine schmerzhaft-erfrischende Fußmassage verpassen. Und nicht zuletzt steht ein Besuch in einem KTV-Salon auf dem Programm, denn dort können die Gäste eine Art der Unterhaltung kennen lernen, die man woanders nicht findet.“

(Deutsch von Tilman Aretz)

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