„Bevor die Japaner kamen, befassten sich in Taiwan nur wenige Menschen ernsthaft mit künstlerischem Schaffen“, weiß der 71-jährige Künstler Lin Hsin-yueh, der auf westliche Malerei sowie die Kunstgeschichte Taiwans und Festlandchinas spezialisiert ist. Die Lage änderte sich, als die Kolonialverwaltung im Jahre 1927 die Kunstausstellung Taiwan organisierte, ein Forum, das die Entwicklung taiwanischer Künstler ermutigte und zudem den Status von Künstlern in Taiwans Gesellschaft verbesserte. Manche der besten Künstler des Landes beschlossen, zur Weiterführung ihrer Ausbildung nach Japan zu gehen, und machten bei der Kaiserreich-Kunstausstellung in Tokyo von sich reden. „Wenn man für diese Ausstellung ausgewählt wurde, konnte das im heimatlichen Taiwan Schlagzeilen machen“, bemerkt Lin.
Das Taipei Fine Arts Museum wurde 1983 gegründet. (Foto: Chang Su-ching)
Während die Förderung einheimischer Künstler durch die japanische Regierung für die Entwicklung von Kunst in Taiwan hilfreich war, sollte man doch nicht aus den Augen verlieren, dass das Motiv der Kolonialherren dabei war, Taiwans Bevölkerung an das japanische Kaiserreich zu assimilieren. Ähnliches geschah in den japanisch besetzten Gebieten in Korea und Nordostchina (Mandschurei), wo zum gleichen Zweck Kunstausstellungen organisiert wurden. Tatsächlich stellte die japanische Herrschaft in Taiwan laut Lin sogar auch ein Hindernis für die Entwicklung der Kunst dar, weil die Kolonialherren die Herausgabe von Kunstzeitschriften und die Gründung höherer Lehranstalten für Kunst verboten. Auf diese Weise wollten die Japaner verhüten, dass sich Ideologien jeglicher Formen verbreiteten, welche zu Rebellion gegen die Kolonialherrschaft führen könnten.
Nach dem Ende der japanischen Kolonialzeit 1945 und vor allem nach dem Rückzug der von der Nationalen Volkspartei (Kuomintang, KMT) geführten Regierung der Republik China nach Taiwan vier Jahre später spülte eine neue, gewaltige Zuwanderungswelle zahlreiche festlandchinesische Künstler auf die Insel. Zu ihnen zählten die so genannten „drei Meister, die das Meer überquerten“, nämlich die prominenten Maler Zhang Da-qian 張大千 (1899-1983), Pu Ru 溥心畬 (1896-1963) und Huang Chun-pi 黃君璧 (1898-1991). Alle drei waren für ihre traditionelle chinesische Tuschemalerei bekannt, wobei Zhang der Öffentlichkeit wohl am meisten ein Begriff war. Huang wiederum spielte eine besonders wichtige Rolle bei Taiwans Kunsterziehung und der Förderung der Tuschemalerei, denn ab 1949 bekleidete er 23 Jahre lang den Posten des Direktors der Kunstabteilung der Pädagogischen Hochschule Taiwan (National Taiwan Normal University, NTNU) in Taipeh. Die Abteilung war 1947 gegründet worden und ist Taiwans älteste akademische Institution, die sich mit Kunst befasst.
Miss Chen (1974)
von Li Mei-shu. Öl auf Leinwand,
116,5 x 80 cm (Foto: Courtesy Li Mei-shu Memorial Gallery)
Nach Lins Worten kam die Mehrheit der Creme der festlandchinesischen Künstler nicht mit der KMT nach Taiwan, da viele mit den Kommunisten sympathisierten wie Xu Beihong 徐悲鴻 (1895-1953). Manche linksgerichtete festlandchinesische Künstler, namentlich eine Gruppe von Siegelschnitzern, zogen zwar nach 1945 nach Taiwan, aktiv waren sie jedoch nur bis zur blutigen Niederschlagung des Aufstandes vom 28. Februar 1947, wonach Gruppen mit linken Ansichten größtenteils zum Schweigen gebracht wurden.
In den fünfziger Jahren erregte eine andere Gruppe von Festlandchinesen in der Kunstszene Aufsehen. Sie lehnten sich gegen künstlerische Traditionen auf und führten neue Trends aus den Vereinigten Staaten in Taiwan ein. „Sie waren neue Zuwanderer in Taiwan und überwiegend allein, deswegen konnten sie rebellischer sein als ihre taiwanischen Kollegen, die es schwer gefunden hätten, mit altgewohnten Bindungen und Traditionen zu brechen“, erläutert Lin einen der Hauptgründe für die innovativen Initiativen von Festlandchinesen.
Gleichzeitig brachte der Koreakrieg (1950-1953) Taiwan und die USA als Verbündete gegen den Kommunismus einander näher, und die politische Atmosphäre im Land wurde wohlwollender gegenüber der Einführung von neuen Ideen vom westlichen Bündnispartner. Eine der einflussreichsten neuen Strömungen bei der Kunst jener Zeit war der abstrakte Expressionismus, eine erstmals in New York aufgekommene Kunstbewegung der Nachkriegszeit. Tatsächlich war der abstrakte Expressionismus nach Lins Ausführungen Teil des „kulturellen kalten Krieges“ zwischen den USA und der Sowjetunion, und in diesem Propagandakrieg wurde der amerikanische freie, abstrakte Stil häufig als Geschütz gegen den sozialistischen Realismus in Stellung gebracht.
Die Guishan-Insel (1970-1975)
von Liao Chi-chun. Öl auf Leinwand,
71,3 x 89,8 cm (Foto mit freundlicher Genehmigung des Taipei Fine Arts Museum)
Immer abstrakter
Junge zugewanderte Künstler vom Festland wie Liu Kuo-sung 劉國松 (geb. 1932), der für seine abstrakten Tuschegemälde bekannt ist, trugen wesentlich dazu bei, den abstrakten Expressionismus in Taiwan zu verbreiten. Laut Hsiao Chong-ray, kunsthistorischer Experte an der National Cheng Kung University (NCKU) im südtaiwanischen Tainan, probierten in den sechziger Jahren fast alle Maler der Insel diesen Stil aus. Viele beteiligten sich am Mai-Kunstverband, bei dem Liu zu den Gründungsmitgliedern zählte, und auch am Malereiverband des Ostens, der von Künstlern ins Leben gerufen worden war, die der festlandchinesische Zuwanderer und Künstler Lee Chun-shan 李仲生 (1912-1987) unter seine Fittiche genommen hatte. Beide Organisationen entstanden 1957 und spielten bedeutende Rollen in Taiwans Kunstszene der sechziger Jahre.
In den siebziger Jahren ereignete sich der Übergang zur nächsten Stufe künstlerischer Entwicklung, nämlich des kulturellen Nativismus. „Die Aufmerksamkeit, welche junge Leute seit den fünfziger Jahren westlichen Gedanken geschenkt hatten, wurde in den siebziger Jahren zumindest zeitweise von einer starken Zuneigung für ihre Heimat verdrängt“, doziert Hsiao. Dieser Trend, den Blick auf die Heimat zu richten, breitete sich in Taiwans Kunstkreisen aus und wurde später unter dem Namen „Bewegung für die heimatliche Scholle“ (鄉土運動) bekannt.
Straßenszene an einem Sommertag (1927)
von Chen Cheng-po. Öl auf Leinwand,
79 x 98 cm (Foto mit freundlicher Genehmigung des Taipei Fine Arts Museum)
Dieser geistige Umschwung wurde teilweise durch die sich wandelnde weltpolitische Situation ausgelöst. Im Oktober 1971 übernahm Festlandchina den Sitz in den Vereinten Nationen (United Nations, UN), den zuvor die Republik China eingenommen hatte, im Jahr darauf brach Japan die diplomatischen Beziehungen mit der Regierung in Taipeh ab. Der schwerste Schlag folgte 1979, als die USA ihre diplomatische Anerkennung von Taipeh auf Beijing übertrugen. „Unter diesen Umständen fühlte Taiwan sich so isoliert und in eine Ecke gedrängt, dass man in Taiwans Gesellschaft die frühere Tendenz, auf andere Länder zu schauen, zu überdenken begann“, begründet Hsiao. „Deswegen kam eine neue Bewegung in Gang.“
Lin Hsin-yueh vermerkt, dass die Folgen von Taiwans Wirtschaftswunder auch Auswirkungen auf die Entwicklung der einheimischen Kunstszene hatten. Als sich die Industrialisierung beschleunigte, wuchs Taiwans Wirtschaft, aber auf Kosten der Umwelt und traditionellen Landwirtschaft. Außerdem wurde der Wirtschaftsboom zwar durch die Anstrengungen von Arbeitern möglich, aber der Löwenanteil des neu erworbenen Wohlstandes floss der wachsenden Mittelklasse zu. Die nativistische Kunst war eine Reaktion auf diesen Trend, urteilt Lin, denn sie konzentrierte sich im Großen und Ganzen auf Menschen in den unteren Schichten.
Leidenschaft für Kunst
Der Maler Hsi Te-chin 席德進 (1923-1981) war gleichfalls eine einflussreiche Gestalt in der nativistischen Bewegung, hebt Hsiao Chong-ray von der NCKU hervor. Hsi war bekannt wegen seiner Leidenschaft für einheimische Kunst und Kultur, und viele Kunstexperten glauben, er habe bei der Entstehung des Gesetzes über die Bewahrung des Kulturerbes im Jahre 1982 eine Rolle gespielt.
Taichi-Serie – einzelner Hieb (1986)
von Ju Ming. Bronze,
267 x 467 x 188 cm (Foto: Courtesy Juming Museum)
Die Bewegung erreichte ihren Höhepunkt, als Hung Tung 洪通 (1920-1987) und Ju Ming 朱銘 (geb. 1938) auf der Bildfläche erschienen. Hung, ein Analphabet ohne formale Kunstausbildung, fing erst als 50-Jähriger mit dem Malen an, doch er zog bald die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit mit Werken auf sich, die im phantasmagorischen Stil gestaltet waren und an Kinderbilder erinnerten. Hungs Arbeiten galten als stark nativistisch, weil sein Stil nicht von Kontakt mit ausländischen Kunsttheorien herrührte und seine Motive häufig folkloristische Elemente enthielten. „Die China Times [eine bekannte chinesischsprachige Tageszeitung in Taiwan] gab sich besondere Mühe, die Werke eines solchen reinen Nativisten publik zu machen“, verrät Lin.
Auch für Ju Mings Skulpturen machte die China Times viel Werbung, was dazu beitrug, dass er 1976 bekannt wurde. Ju erlangte zunächst durch eine Reihe von Holzskulpturen mit einheimischem Charakter Prominenz, etwa dem berühmten Werk In einem Herzen, das einen Wasserbüffel zeigt, der einen schwer beladenen Karren zieht, während Bauern durch Anschieben mithelfen. Sein Status in Taiwans Kunstwelt wurde später mit Kreationen wie einer Serie von Arbeiten mit Taiji-Posen aus Bronze und rostfreiem Stahl gefestigt.
Großartiges Panorama (1998)
von Lin Hsin-yueh. Öl auf Leinwand,
210 x 419 cm (Foto: Courtesy Lin Hsin-yueh)
Hochwertige Veranstaltungsorte
Für taiwanische Künstler waren die achtziger Jahre eine besonders ermutigende Zeit. In der ersten Hälfte des Jahrzehnts wurden nacheinander auf der ganzen Insel von Lokalverwaltungen Kulturzentren fertiggestellt, so dass es nun mehr qualitativ guten Ausstellungsraum gab, wo Künstler ihre Arbeiten zeigen konnten. Die Eröffnung des Taipei Fine Arts Museum (TFAM) im Dezember 1983 war nicht nur wegen der großen Ausstellungsfläche dort besonders bedeutsam, sondern auch wegen der Forschungs- und Sammlungsfunktionen. Taiwan verfügt heute über drei staatliche Museen, die sich ausschließlich der Kunst widmen — das TFAM, das 1988 eröffnete National Taiwan Museum of Fine Arts im zentraltaiwanischen Taichung sowie das 1994 eingeweihte Kaohsiung Museum of Fine Arts in Südtaiwan.
Die Aufhebung des Kriegsrechts im Juli 1987 war ein gleichermaßen wichtiger Faktor für freieren künstlerischen Ausdruck. Hsiao Chong-ray macht darauf aufmerksam, dass Kunstwerke aus jener Zeit eine Tendenz zu sehr kritischer Stellungnahme gegenüber Motiven aus den Bereichen Politik, gesellschaftliche Phänomene, Sex und anderen aufweisen. Lin Hsin-yueh wiederum beobachtet, dass einheimische Kunstkreise abermals von internationalen Trends beeinflusst zu werden begannen, da eine wachsende Zahl von Künstlern, die im Ausland studiert hatten, vor allem in den USA, nach Taiwan zurückkehrte. „Anders als in den sechziger Jahren dachten die Künstler nun aber unabhängiger“, kommentiert Lin. „Zwar waren sie mit einer Vielzahl ausländischer Techniken und Stile in Kontakt gekommen, doch sie waren wählerischer dabei, sie zum Ausdruck lokaler Themen einzusetzen.“
Rhythmischer Fluss (1964)
von Liu Kuo-sung. Tusche auf Papier,
134,8 x 77,5 cm (Foto mit freundlicher Genehmigung des Taipei Fine Arts Museum)
Im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung von Kunst in Taiwan identifiziert Hsiao zwei hervorstechende Trends. Zum einen neigen viele jüngere Künstler dazu, digitale Bilder in ihren Arbeiten zu verwenden. Einer von ihnen ist Chen Chieh-jen 陳界仁 (geb. 1960), der 2009 mit dem Nationalen Kunstpreis ausgezeichnet wurde, Taiwans höchster Ehrung für Künstler. Chens Werke stellen häufig das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten in den Mittelpunkt, deuten aber auch an, dass keine Seite diesen Rollen entrinnen könne, so Hsiao.
Der andere Trend ist nach den Worten des Gelehrten, dass ein beträchtlicher Teil der zeitgenössischen Kunstwerke wegen ihrer interaktiven Eigenschaften auf die Betrachter verspielt, belustigend unsinnig, cartoonhaft oder sogar spielzeugartig wirkt. Weil dies ein aufstrebendes Gefühl des Selbstvertrauens an den Tag legt, ist dieser Trend vermutlich nennenswerter und einflussreicher als der Einsatz digitaler Bilder. „In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts haben Taiwans Kunstkreise das Selbstbewusstsein und die lockere Einstellung gezeigt, welche für die heutige Zeit typisch sind“, beschreibt Hsiao. „Das ist wohl ein Trend, den man feiern darf.“ Mit dem Anbruch der nächsten hundert Jahre der Republik China gibt es allen Grund anzunehmen, dass Taiwans Künstler in Zukunft ein noch selbstsichereres und farbenprächtigeres Bild gestalten werden.
(Deutsch von Tilman Aretz)