Daher wurden Jugendliche entmutigt, ihre unmittelbaren Wünsche und langfristigen Bestrebungen zu äußern. Tatsächlich war es jungen Leuten nicht erlaubt, ein entscheidendes Urteil über die Auswahl ihrer Freunde, über ihren zukünftigen Beruf oder selbst über ihre Ehepartner zu treffen. Es wurde von ihnen erwartet, der Familie Ehre zu machen und sich dieser Bestimmung während ihrer Jugendzeit unterzuordnen.
Die Vergangenheit ist vorbei. Heutzutage unterscheiden sich Taiwans Jugendliche radikal von ihren nur wenige Jahre älteren Geschwistern, von ihren Eltern ganz zu schweigen. Wirtschaftlicher Wohlstand, weite Öffnung zur Welt durch die Medien und mehr Möglichkeiten zu reisen haben bemerkenswerte Veränderungen in das soziale Umfeld der Insel gebracht. Sie förderten auch tiefgreifende Wandlungen im Wertesystem der hiesigen Jugend.
Taiwans verändertes soziales Umfeld zeigt sich am deutlichsten in den Gedanken und Handlungen der Jugendlichen, hier als Fünfzehn- bis Vierundzwanzigjährige definiert, die heute nahezu 3,4 Millionen zählen, 17 Prozent der Inselbevölkerung. Eltern, Erzieher und Sozialwissenschaftler haben in dieser Generation plötzliche Veränderungen beobachtet. "Ich habe etwas zu sagen", ein populärer Werbeslogan für Kaugummi, ist auch zu einem allgemeinen Schlagwort - und manchmal sogar zu einer Forderung - in der Familie geworden. Die Jugendlichen zögern nicht länger, ihre Gefühle zu zeigen. Die alten Formen der Familiendisziplin und der traditionelle Erziehungsstil werden in bisher noch nie dagewesener Form herausgefordert.
Eltern befinden sich oft in Verlegenheit, welchen Weg sie unter diesen veränderten Umständen einschlagen sollen. Sollen sie dem zeitgenössischen Trend der "Erziehung durch Liebe", weiter verbreitet im Westen, folgen, oder sollen sie an der alten und bekannten chinesischen Methode der "Erziehung durch Schläge und Schelte", die sie selbst erfahren haben, festhalten?
"Ich würde mir wünschen, daß meine Kinder so wären wie meine Freunde", sagt Wang Chun-jeng, ein Puhsipan-Schüler (Schüler einer privaten Nachhilfeschule), der letztes Jahr durch die Aufnahmeprüfung für die Universität gefallen ist. Er ist einer der vielen Jugendlichen heutzutage, die gerne eine umfassende Neuordnung der Beziehungen zu ihren Eltern sehen würden.
Eine Umfrage von 1988 unter High School-, Junior College-, und Universitätsstudenten von Professor Chung Shi-kai, Professor an der Fakultät für Psychologie der Staatlichen Politischen Universität, zeigte, daß die meisten der 2 500 Befragten sich eine harmonische Familie wünschen - aber ihre Vorstellung von Harmonie schließt die Bedingung mit ein, daß ihre Eltern mehr Zeit aufbringen, sich ihre Meinungen anzuhören.
Laut Chung zeigt die Umfrage, daß Studenten reifer und vernünftiger geworden sind. Sie sind sich mehr der Wichtigkeit ihrer Existenz bewußt und sind besser in der Lage, über für ihr eigenes Wohlbefinden, Interessen und Zukunft wichtige Fragen nachzudenken.
Aber zur gleichen Zeit sieht sich diese Jugend noch nie dagewesenem Druck und Herausforderungen gegenüber. Schulische Anforderungen stehen als erstes auf der Liste ihrer unmittelbaren Schwierigkeiten. Sie werden ständig von der Aufnahmeprüfung zur Universität verfolgt. Das führt zu einer starken Konzentration auf die Fächer, die in der Prüfung vorkommen werden, und zur Nichtbeachtung der von westlichen Studenten "Wahlfächer" genannten Themen, die dazu bestimmt sind, den Bildungshorizont zu erweitern. Oft erkennen die Studenten selbst, daß dies ein schiefer Zugang zu Bildung ist, und fühlen sich in bezug auf ihre gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit unsicher.
Amtliche Statistiken für das Jahr 1987 zeigen, daß ungefähr 42,3 Prozent der Jugendlichen auf Taiwan eine Schule besuchten und 70,8 Prozent planten, weiter zu studieren, um einen höheren Bildungsabschluß zu erlangen. Ungefähr 95 Prozent der Studenten erwarteten, mindestens einen Junior College- oder Universitätsabschluß zu erhalten; von diesen erwarteten 11,6 Prozent einen Magisterabschluß und 11,3 Prozent planten, einen Doktortitel zu erwerben.
Was die 57,7 Prozent Jugendliche betrifft, die 1987 keine Schule besuchten, so haben 42,40 Prozent zuhause ihren Familien geholfen, 21,5 Prozent haben sich auf die nächste Aufnahmeprüfung vorbereitet und 20,7 Prozent bemühten sich entweder darum, einen Job zu finden oder bereiteten sich auf berufliche Prüfungen vor. Von diesen keine Schule besuchenden Jugendlichen planten noch ungefähr 14,7 Prozent, höhere Bildung zu erwerben.
Wegen des Drucks, der diese überwältigende Betonung von Lernen begleitet, kümmern sich Sozialarbeiter darum, für Jugendliche mehr Ventile zur Freizeiterholung zu schaffen. Taipei hat zum Beispiel nur acht Jugendzentren für Teenager und für Jugendliche im College-Alter, wobei es keine Rolle spielt, ob diese eine Schule besuchen oder nicht. Eines der Zentren wurde vor vier Jahren im Sungshan Distrikt der Stadt eingerichtet.
"Wir helfen jetzt ungefähr 2 000 jungen Menschen", sagt Yen Tung-jung (顏冬榮), Leiter des Sungshan Zentrums, welches im dritten Stock eines relativ alten Gebäudes untergebracht ist. Trotz der beschränkten Einrichtungen sind Yen und seine sechs Mitarbeiter begeistert von ihrer Mission des Gemeinschaftsdienstes.
"Unser Ziel ist es, daß Jugendliche Jugendlichen helfen", sagt Yen. Das, was Jugendliche heutzutage am meisten bedrückt, sind nach seinen Beobachtungen die Sorgen um akademische Leistungen (und der damit in Verbindung stehende Druck von den Eltern), das Schließen von Freundschaften und Wissen über Sexualität.
Jugendarbeit ist zu einer viel komplexeren Aufgabe geworden, zum Teil wegen der Internationalisierung der Jugend durch die Medien - Radio, Fernsehen, Kino und Magazine bringen laufend Anzeigen für eine Auswahl an ausländischen Produkten, die unendlich größer ist als das Angebot, das es vor fünf Jahren auf der Insel gab. Ein neues Bewußtsein für internationale Trends, kombiniert mit der erstaunlichen Explosion von persönlichem Wohlstand und verfügbarem Einkommen auf der Insel, hat die Jugendlichen zu einer Konsumentengeneration gemacht.
Chan Hung-chih (詹宏志), Autor des "Trendverzeichnis" (趨勢索引), schreibt, daß die Jugendlichen "nicht länger die Rolle von Anhängseln der Erwachsenen oder der Schule spielen; sie sind jetzt eine eigenständige Gruppe". Ihre Identität wird durch nichts klarer definiert als durch ihre Kaufkraft. Eigentümer von Bekleidungsgeschäften, Restaurants, Cafés, Videoläden, Discos und anderen Geschäftszweigen visieren den "Jugendmarkt" an. Schätzungen vom letzten Jahr deuten an, daß Taiwans Jugend mehr als 50 Milliarden NT$ (ungefähr 1,9 Milliarden US$) für Kleidung, Sportausrüstung, Fast Food und Freizeitbeschäftigungen ausgegeben hat. Es wird erwartet, daß die Ausgaben dieses Jahr steigen, und die Geschäftsleute sind eifrig bestrebt, sich ihren Anteil zu sichern.
Die neue Kauflust hat schon dazu geführt, daß die Jugendlichen als materialistisch und utilitaristisch kritisiert wurden. Die ältere Generation, die Krieg, Vertreibung aus der Heimat und extreme Armut erlitten hat, klagt, daß es den jungen Leuten an hohen Motiven, die sie zu ihrer Zeit hatten, mangelt, besonders an Loyalität gegenüber Land und Volk.
Eine vor etlichen Jahren durchgeführte Umfrage offenbarte tatsächlich, daß heutzutage Jugendliche sich nicht nur selber fragen, was sie für ihr Land tun können, sondern sie fragen auch, was ihr Land für sie tun kann. Aber der Schriftsteller Chan verteidigte kürzlich in einem Magazininterview die zeitgenössische Jugend, indem er sagte, es sei "unfair", so kritisch zu sein. "Sie nehmen nur die ältere Generation als ihr Vorbild", sagt er.
Ein zutreffendes Argument. Junge Leute sind von Erwachsenen umgeben, die ihr Äußerstes tun, um reich zu werden, um große Häuser und teure Wagen kaufen zu können. Sichtbarer Konsum ist die Regel, nicht die Ausnahme unter der älteren Generation, und die Jugendlichen können nicht anders, als von ihrem Beispiel beinflußt zu werden.
"Sie sehen die wahren Gesichter unter den Masken ihrer Eltern", fährt Chan fort. In der traditionellen Gesellschaft wurde von Chinesen erwartet, daß es sie verlegen machte, wenn sie ihr Verlangen nach Reichtum, Macht oder Einfluß offen zeigten - selbst, wenn diese Gefühle vorhanden waren. Für junge Leute ist es heute natürlich, solche Einstellungen auszudrücken, da so viele ihrer Eltern sich nicht mehr scheuen, es zu tun.
Chan hat noch mehr zu dem Thema zu sagen: "Junge Leute bewundern heute emporgestiegene Industriemagnaten wie Taiwans Wang Yung-ching (王永慶), den Präsidenten der Formosa Plastic Corp., und den kürzlich verstorbenen japanischen [Multimillionärs] Matsushita Konosuke. Aber meine und ältere Generationen verehrten abstrakte oder ideale Helden wie Yueh Fei aus der Sung-Dynastie oder den Kriegsgott Kuan Yuan aus der Periode der Streitenden Reiche."
Diese Vorbilder sind offensichtlich nicht mehr wichtig für die modernen Jugendlichen, die es als natürlich empfinden, ihr Streben nach Geld und sozialem Status zum Ausdruck zu bringen, und es tun, indem sie auf zeitgenössischere Gestalten eingehen.
Andere Werte verändern sich ebenfalls. Vor einigen Jahren führte Professor Chang Chun-hsing (張春興) von der Staatlichen Ordentlichen Universität Taiwan eine Umfrage unter 1 000 Studenten, die seine und die Staatliche Universität Taiwan besuchten, durch. Die Umfrage wies auf einige wesentliche Veränderungen im Denken der Studenten hin: Die Realität sei wichtiger als Ideale; im Alter würden sie sich eher auf ihre eigenen Ersparnisse als auf Unterstützung durch ihre Söhne verlassen; Vergnügen komme nicht unbedingt nach harter Arbeit, sie würden also nach Gelegenheiten für unmittelbares Vergnügen suchen; neue Ideen hervorzubringen, sei wichtiger, als die Errungenschaften der Vorgänger zu erhalten; menschlicher Wille übertreffe göttlichen Willen; und sie waren sich sicher, daß das Moderne dem Traditionellen überlegen sei.
Verbunden mit dieser Veränderung der Werte ist die Tendenz der Jugendlichen, die ältere Generation als konservativ, überholt, eigensinnig und starr in ihrem Denken zu betrachten. Solche Stereotypie vergrößert weiter die Kluft zwischen den Generationen, die so charakteristisch ist für die zeitgenössische Gesellschaft in Taiwan.
Noch eine andere jugendliche Verrücktheit hat zu den elterlichen Sorgen beigetragen. Ausländischer kultureller Einfluß hat chinesische Werte herausgefordert. Yeh Chi-cheng (葉啟政), ein Professor an der Soziologischen Fakultät der Staatlichen Universität Taiwan, hat Trends der Jugendkultur analysiert. Gemäß seiner Forschungsergebnisse wurden 1960 Jugendliche, die westliche Musik hörten, von ihresgleichen als modern und überlegen beurteilt, während jene, die chinesische Lieder vorzogen, als bedeutend weniger intelligent angesehen wurden. Diejenigen, die nur Lieder aus Taiwan sangen oder hörten, galten als niedrigste Klasse. Zu jener Zeit schätzten die Studenten außer dem Essen fast alles Ausländische.
Aber in den 70er Jahren, nachdem Taiwan aus den Vereinten Nationen ausgeschieden war, ereigneten sich Veränderungen auf dem Campus. Studenten begannen, Romane oder Essays über das Land, in dem sie aufwuchsen, zu lesen, und professionelle Darstellergruppen, wie das "Taiwan Cloud Dance Ensemble" und die Peking-Opern-Truppe, geführt von Kuo Hsiao-chuang, zogen Fluten von jungen Bewunderern mit ihrer Choreographie an, die chinesiche Themen und Tradition betont. Außerdem wurden von Studenten geschriebene und gesungene Lieder zunehmend populärer, was zu einem "Campus Sänger" (hsiao yuan ko shou, 校園歌手) genannten Genre führte.
Solche Veränderungen setzten sich bis in die Gegenwart fort, aber sie sind komplexer geworden, da zusätzliche japanische und westliche Marotten die lokale Szene mit Wucht trafen. Nichtsdestoweniger sind Sozialwissenschaftler erfreut darüber, daß junge Menschen heute immer noch ihre traditionelle Kultur schätzen - obgleich westliches Essen jetzt ebenfalls erfolgreich den Markt betreten hat.
Es ist wesentlich mehr als Musik, Kleidung und Essen nötig, um kulturelle Grundlagen umzuformen. Aber die Werte befinden sich eindeutig im Fluß, und es ist zu früh, um zu sagen, wohin Taiwans Jugend wirklich steuert, während sich die Achtziger Jahre ihrem Ende nähern.
(Deutsch von Andrea Meyer)
Erzieher, Berater und andere Personen haben Erwachsene in Taiwan gedrängt, den Ideen, Träumen und Sorgen der zeitgenössischen Jugend mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Um einen Einblick in die Vorstellungen der Jugendlichen über sich selber, über Eltern, Gesellschaft und ihre zukünftige Rolle als Erwachsene zu gewinnen, sprach die stellvertretende Chefredakteurin der Free China Review Betty Wang mit fünf Studenten über diese Themen. Die Jugendlichen waren erfreut, ein offenes Ohr zu finden. Auszüge folgen:
Wang Chun-jen - "Der erste Schritt zum Reichtum ist der Besuch eines Colleges."
Wang Chun-jen (王俊人) und Hsu Chin-jung (許進榮) sind beide 20 Jahre alt und High School-Absolventen. Sie besuchen eine der vielen lokalen privaten Nachhilfeschulen, Puhsipan (補習班) genannt, als Vorbereitung für einen erneuten Versuch, die Aufnahmeprüfung zur Universität zu bestehen.
FCR: Über was macht ihr euch im Moment am meisten Sorgen?
Wang: Darüber, die Aufnahmeprüfung bestehen und ein Collegestudent werden zu können.
Hsu: Dasselbe gilt für mich.
FCR: Was ist euer Lebensziel?
Wang: Ich möchte ein gutes Leben führen, und der erste Schritt zum Reichtum ist der Besuch eines Colleges. Ohne ein College-Diplom ist eine berufliche Fertigkeit nutzlos.
Hsu: Ich möchte nur ein komfortables Leben führen, nicht zu arm und nicht zu reich. Reichtum bringt nur Ärger.
FCR: Habt ihr Verständigungsprobleme mit euren Eltern?
Wang: Für mich gibt es keine Probleme, mich mit meinen Eltern zu verständigen. Sie sind ziemlich aufgeschlossen, modern. Ich glaube, es liegt daran, daß sie ein eigenes Geschäft betreiben.
Hsu: Verglichen mit meiner Mutter ist es einfacher, sich mit meiner Großmutter zu verständigen - vielleicht weil ich von meiner Großmutter erzogen wurde. Meine Mutter ist sehr konservativ und starrsinnig.
FCR: Wie stellt ihr euch die idealen Eltern vor?
Hsu: Sie sollten ihren Kindern mehr Freiheit und die Möglichkeit geben zu sagen, was sie auf dem Herzen haben. Die alte Methode von Disziplin und Erziehung unter des Vaters Faust und des Lehrers Knute funktioniert nur vorübergehend. Wenn erstmal ein junger Mann nicht mehr in der Lage ist, dem Druck standzuhalten, wird etwas Schreckliches passieren. Es ist die Verantwortung der Eltern, uns zu lehren, wie wir uns in der Gesellschaft angemessen zu benehmen haben. Das ist wichtiger, als gute Noten zu bekommen.
FCR: Bekommt ihr ein Taschengeld von euren Eltern?
Wang: Jeden Monat geben mir meine Eltern 1 000 NT$ (ungefähr 40 US-Dollar), aber ich kann um mehr bitten, falls ich will. Allerdings sind sie dagegen, daß ich soviel Geld für Kleidung ausgebe. Ich mag es, meinen guten Geschmack in Kleidung zur Geltung zu bringen. Markennamen bedeuten mir etwas. Zum Beispiel dieses T-Shirt [mit französischen Worten auf der Vorderseite] und die [schwarz-weiß-karierten] Hosen, die ich trage, kosten mich 1 600 NT$.
Hsu: Ich habe jeden Monat 1 000 NT$ zur Verfügung. Am Anfang fühlte ich mich unsicher, solche modischen Sachen zu tragen [er trägt ein T-Shirt mit dem Namen eines japanischen Designers]. Sie sind immer noch selten in meiner Heimatstadt im Süden, so daß, wann immer ich meine Familie besuche, mein Vater mich mit Mißbilligung betrachtet, ich fühle mich dann wie ein "Emporkömmling".
FCR: Sind traditionelle chinesische Werte heute von Bedeutung?
Wang: Traditionelle Werte wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Schamgefühl können die soziale Stabilität aufrechterhalten.
Hsu: Loyalität gegenüber dem Vaterland ist immer noch sehr wichtig.
FCR: Was ist mit Anstandsformen - sind sie wichtig?
Wang: Ich schenke dem keine Aufmerksamkeit.
Hsu: Es ist wahr, daß verglichen mit der älteren Generation die jungen Leute heute unhöflicher sind. Das kommt daher, daß wir Selbstverwirklichung betonen. Die Anstandsformen sind nicht so wichtig.
FCR: Glaubt ihr, daß Vergnügen nur nach harter Arbeit kommen sollte?
Wang: Nein, das glaube ich nicht. Leute mit einer guten Bildung und aus wohlhabenden Familien können sofort genießen, was sie wollen. Sie brauchen nicht nach Gelegnheiten zu suchen, um sich selber durch die Mühle zu drehen. Sie sollten jede Gelegenheit ergreifen, ihr Leben zu genießen.
Hsu: Ich glaube nicht, daß es wahr ist, daß "nur die, die hart gearbeitet haben, die besten sind".
FCR: Seid ihr an der politischen Entwicklung in Taiwan interessiert?
Wang: Studenten sollten kein Interesse an Politik zeigen.
Hsu: Ich habe keine Vorstellung davon, aber ich denke nicht, daß Studenten an politischen Aktivitäten teilnehmen sollten.
FCR: Haltet ihr euch für glücklich, daß ihr in dieser Zeit geboren wurdet?
Wang: Ich bin mit unserem Sozialsystem nicht zufrieden. Durch das Fernsehen habe ich erfahren, daß die Schweiz, die Bundesrepublik Deutschland und Japan wesentlich bessere Sozialprogramme haben. Ich wünschte, ich wäre Bürger einer dieser Staaten. Die Menschen dort führen ein so gutes Leben. Sie brauchen sich um nichts zu sorgen. Aber hier muß ich mir Sorgen machen, ob ich in der Lage bin, die harte Aufnahmeprüfung zur Universität zu bestehen. Für mich ist das ein großer Druck. Ich würde eher hohe Steuern zahlen und in einem Staat mit einem vernünftigem Sozialsystem leben.
Hsu: Verglichen mit der älteren Generation denke ich, daß ich Glück habe.
Huang Kuo-tung (黃國棟) ist 20 Jahre alt und ein Senior-Student im Fach TV-Produktion am Worldcollege for Journalism in Taipei.
FCR: Was für eine Laufbahn werden du und deine Kommilitonen einschlagen?
Huang: Die Hälfte von uns wird in die Werbung gehen. Nur wenige der Absolventen können zu einem der drei Fernsehsender gehen, weil alle Positionen besetzt sind und die Mobilitätsrate sehr niedrig ist. Besonders schwierig ist es für Studenten wie uns, die eine fünfjährige Ausbildung am Junior College absolvieren.
FCR: Wie würdest du die Qualität der Studenten, die das Fünf-Jahres-Programm durchlaufen, beurteilen?
Huang: Wie High-School-Schüler lernen wir nicht sehr viel in der Schule. Wir sind in Fächern wie Chinesische Klassiker, Geschichte und Geographie den ein Drei-Jahres-Programm absolvierenden College- oder Universitätsstudenten unterlegen. Jedoch sagen viele unserer Lehrer, daß tiefere und lebendigere Gedanken in unseren Schulprojekten zum Ausdruck gebracht werden. Mit anderen Worten, wir sind kreativer.
FCR: Wie würdest du "Erfolg" definieren?
Huang: Ich denke, das ist der Zeitpunkt, wenn mein Talent voll zum Ausdruck kommt und anerkannt wird. Ich bin zufrieden, wenn ich tun kann, was ich will. Geld ist auch wichtig, aber ich mache mir nicht so viel daraus.
FCR: In welcher Beziehung beneidest du die Jugendlichen in fortgeschrittenen westlichen Staaten?
Huang: Zumindestens auf dem Gebiet des Lernens verfügen sie über ein viel besseres Umfeld als wir. Was wir hier in der Schule lernen, hat manchmal mit dem, was in der Gesellschaft benötigt wird, wenig zu tun.
FCR: Falls du über eine bedeutende Summe Geld verfügen könntest, wie würdest du sie verwenden?
Huang: Ich würde Investitionen machen oder Dinge kaufen, die für mich von Nutzen sind. Ich würde gerne eine Rundreise um die Insel machen, weil ich bis jetzt noch nicht allzuviel gesehen habe. Danach würde ich nach Europa gehen, weil ich von der dortigen Kunst fasziniert bin.
FCR: Über welche sozialen Probleme in Taiwan machst du dir am meisten Sorgen?
Huang: Am meisten bin ich über die Straßendemonstrationen und über die Probleme der Verkehrs- und öffentlichen Ordnung besorgt. Obwohl viele Leute denken, daß die Polizeikräfte verstärkt werden sollten, glaube ich, daß die Öffentlichkeit sich auf ihre eigene Kraft verlassen sollte.
FCR: Was für eine Verantwortung glaubst du der Gesellschaft gegenüber zu haben?
Huang: Ich würde gerne mehr über das wissen, was in Taiwan vorgeht, aber ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, wie ich meiner Pflicht nachkommen soll. Ich fühle mich hilflos.
Sun Chung-jiang (links) - "Ich möchte andere Teile der Welt sehen und erfahren, inwiefern sie sich von hier unterscheiden."
Sun Chung-jiang (孫仲江) studiert im zweiten Jahr an der Fakultät für Public Relations, ein Drei-Jahres-Programm an dem Worldcollege for Journalism.
FCR: Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Sun: Ich bin ziemlich optimistisch. Ich hoffe, ich werde Berater auf den Gebieten Management, Marketing und Werbung. Ich könnte auch in die USA gehen, um mein Studium fortzusetzen.
FCR: Falls du 10 Millionen NT$ hättest, was würdest du damit machen?
Sun: Ich würde die Hälfte davon auf die Bank bringen, wie es die Generation meiner Eltern häufig tut. Dann würde ich drei Millionen für Reisen ins Ausland ausgeben. Ich möchte andere Teile der Welt sehen, erfahren, inwiefern sie sich von hier unterscheiden. Ich würde das verbleibende Geld dazu benutzen, in Immobilien oder Aktien zu investieren. Aber vorrangig ist, daß meine Familie komfortabel lebt.
FCR: Nach dem, was du durch importierte Publikationen, Kinofilme und Fernsehprogramme erfahren hast, was denkst du über die Jugendlichen in fortgeschrittenen westlichen Staaten?
Sun: Ich ziehe den westlichen Erziehungsstil vor. Ich beneide die dortigen Jugendlichen. Sie können tun, was sie wollen, denken, was sie wollen und studieren, was sie wollen.
FCR: Was sind deiner Meinung nach die idealen Eltern?
Sun: Meine Traumeltern sind genauso wie die in den amerikanischen Fernsehshows. Sie erziehen ihre Kinder mit Liebe und Fürsorge. Aber ich weiß es zu schätzen, daß mein Vater mich zur Vernunft gebracht hat, wenn ich ungehorsam war, sonst hätte ich vielleicht mein Studium aufgegeben. Manchmal klafft eine Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit. Ich schätze es, daß meine Eltern mich weiterhin unterstützen, eine höhere Bildung zu erlangen.
FCR: Was denkst du über traditionelle chinesische Werte?
Sun: Ich habe Geschichten wie die "24 Beispiele von Kindespflicht" gelesen und habe besonders dem Sinn dieser Geschichten viel Aufmerksamkeit gewidmet. In meiner Familie praktizieren wir während des Chinesischen Neujahrsfestes immer noch den alten Brauch, unseren Eltern unsere Ehrerbietung zu zeigen - drei Kniefälle und neun Kotaus. Ich mag diese Tradition.
FCR: Wie beurteilst du die Einstellung von Junior-College-Studenten wie dir?
Sun: Die Mehrheit von uns ist gleichgültig gegenüber dem, was in der Gesellschaft passiert, und kümmert sich nur um ihre eigenen Interessen. Wir sind nicht offen genug, um uns um internationale Ereignisse zu sorgen. Stattdessem legen wir Wert auf materiellen Gewinn. Und verglichen mit Studenten auf dem chinesischen Festland, sind wir, glaube ich, weniger fleißig.
FCR: Was denkst du über die Studentendemonstrationen auf dem chinesischen Festland?
Sun: Ich glaube, daß seit der 4. Mai Bewegung von 1919 chinesische Studenten eine bedeutende Rolle in der chinesischen Geschichte gespielt haben. Und auch dieses Mal, als Studenten an der Peking Universität ihr Verlangen nach Freiheit und Demokratie zum Ausdruck gebracht haben, erhielten ihre Stimmen sofort Antwort von ihresgleichen aus anderen Teilen Chinas und der Welt. Es war eine Inspiration für alle Chinesen.
Dayal Lee (李萬福) ist ein Student im vorletzten Jahr der Wirtschaftsfakultät der Staatlichen Chengchi Universität. Er ist ebenfalls Leiter des "Money Market Clubs".
FCR: Hast du schon begonnen, Pläne für die Zukunft zu machen?
Lee: Die Zeiten haben sich geändert. Neben Wissen aus Büchern zu erwerben, sollten heutige College-Studenten so früh wie möglich Vorbereitungen treffen, einen Job zu finden. Da Wirtschaft mein Hauptfach ist, werde ich bestimmt in den Aktien- oder Termingeschäftemarkt einsteigen. Wenn ich jetzt keine praktischen Erfahrungen sammele, werde ich zum Zeitpunkt meines Studienabschlusses nur wissen, wie man Kurvendiagramme zeichnet. Mit praktischer Erfahrung werde ich keine Probleme haben, eine Stelle zu finden. Hier in Taiwan wollen viele Firmen weder Zeit noch Geld auf die Ausbildung neuer Angestellten verwenden. Ich bemitleide die, die nur Lehrbücher lesen. Sie denken, sie können nur dann einen guten Job finden, wenn sie eine weiterführende Universität besuchen. Fast die Hälfte meiner Kommilitonen wird diesen Weg wählen. Aber es ist ein gutes Zeichen, daß die Gesellschaft jetzt mehr Wert auf "Fähigkeit" legt, obwohl ein Diplom auch wichtig ist.
FCR: Hast du Verständigungsprobleme mit deinen Eltern oder Lehrern?
Lee: Die meisten von unseren Lehrern sind aufgeschlossen. Mein Vater ist in Ordnung, aber ich habe Probleme, mich mit meiner Mutter zu verständigen. Ich mußte sie überreden, mir Kapital für Aktienkäufe zu geben, aber ich habe etwas Geld damit verdient und es wurde für die Familie verwendet. Ich halte immer noch 6 000 Anteile. Ich bin ziemlich selbständig und weiß, was ich tue.
FCR: Bist du zufrieden mit den derzeitigen Bedingungen in Taiwan?
Lee: Ja. Ich bin ziemlich optimistisch bezüglich verschiedener Entwicklungen. Taiwans ökonomische Errungenschaften sind beispiellos, und es hat politische Fortschritte gegeben. Zum Beispiel ist unsere Politik gegenüber dem chinesischem Festland jetzt offener, und unsere Außenpolitik ist nicht mehr so starr.
FCR: Glaubst du, es ist wichtig, auf eine ausgewogene Ausbildung in Moral, Intelligenz, Sport, Gruppenpraxis und Ästhetik Wert zu legen?
Lee: Theoretisch ist es von großer Wichtigkeit. Aber die jährlichen Aufnahmeprüfungen für High School und Universität machen das unmöglich. Die Studenten können sich nur auf die Themen konzentrieren, die für die Prüfungen wichtig sind. Die Prüfungen haben dennoch einen Vorteil - Studenten haben keine Zeit, sich an Straßendemonstrationen zu beteiligen.
FCR: Bist du überhaupt von ausländischer Subkultur beeinflußt?
Lee: Ja, das bin ich. Während der High-School-Zeit war ich von amerikanischen Dingen fasziniert. Aber jetzt ziehe ich japanische Kinofilme, Fernsehprogramme und Magazine vor, weil Chinesen und Japaner ähnliche Bräuche und Mittel haben, ihre Gefühle auszudrücken. Wir müssen zugeben, daß die japanische Kultur eine glanzvolle und verfeinerte Kultur ist, und daß wir sie verstehen müssen. Aber hier in Taiwan ist die japanische Sprache nicht in den Fernsehprogrammen gestattet. Warum war die Meiji-Restauration ein Erfolg? Nur weil die Japaner ausländische Kultur nicht abgelehnt haben. Meine Eltern machen sich keine Sorgen über mein Interesse an japanischer Kultur, weil ich sie schätze und nicht blind anbete.
FCR: Was für Trends siehst du unter Junior-High-School-Schülern?
Lee: Sie geben ihr Geld großzügig aus, weil sie aus Familien mit gutem finanziellem Hintergrund stammen. Ich bin der Typ von Mensch, der Geld nach einem sorgfältigen Plan ausgibt. Ich würde mir keinen Hamburger, der mich 3 US$ kostet, kaufen, aber ich denke, es lohnt sich, eine Cola zu kaufen, um zwei Stunden im einem Fast-Food-Restaurant sitzen zu können. Vom ökonomischen Gesichtspunkt aus sollten die Leute mehr Geld ausgeben und weiterhin Importe fördern.