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1999 erregt Besorgnis

01.05.1990
Nicht so modern oder reich wie Hongkong ist die Halbinsel Macao doch nach wie vor ein Umschlaghafen mit reger Geschäftstätigkeit - und eine Stadt mit eigener Atmosphäre.
Viele Berichte aus Macao kommen denen, die sich mit der Entwicklung in Hongkong befassen, bekannt vor. Es gibt jedoch einen ganz wesentlichen Unterschied: Macao ist lange nicht so hoch entwickelt wie Hongkong. Macao ist keine moderne, kultivierte und kosmopolitische Metropole. Hieran liegt es, daß die Reaktionen auf die bevorstehende Übergabe der Kolonie an die Volksrepublik China anders sind als in Hongkong.

Die meisten Menschen in Taiwan sind sich zwar der Existenz Macaos bewußt, in ihrem Alltagsleben spielt es jedoch keine Rolle. Vom Geschichts- und Erdkundeunterricht in der Schule her wissen sie, daß Macao eine portugiesische Kolonie ist, seitdem es in einem ungleichen Vertrag im 19. Jahrhundert von dem Ch'ing-Kaiser an Portugal abgetreten wurde. Obwohl sich die Regierung der Republik China seit Jahrzehnten darum bemüht, dieses ehemals chinesische Gebiet zurückzugewinnen, reisten Taiwans Einwohner nur sehr selten nach Macao und wissen nur wenig über das Leben seiner Einwohner. Im Juli 1987 änderte sich diese Situation jedoch, als die Republik China ein bestehendes Verbot aufhob und auch für Touristen Direktreisen von Taiwan nach Macao und Hongkong möglich wurden.

Im November 1987 gestattete die Regierung der Republik China ihren Bürgern erstmals, im Rahmen von Familientreffen Verwandte auf dem chinesischen Festland zu besuchen. Seitdem hat sich die Anzahl der Touristen, die nach Macao reisen, vervielfacht, da die Kolonie für sie eines der wichtigsten Tore in die Volksrepublik darstellt.

Im Grunde genommen wissen ja die Menschen in der ganzen Welt nicht sehr viel über Macao, von Sorge über sein Schicksal unter der Herrschaft Pekings ganz zu schweigen - ja, man weiß gerade mal von der Existenz Macaos. Auf internationaler Ebene galt bislang alle Sorge in erster Linie Hongkong, seitdem 1984 das Sino-Britische Abkommen unterzeichnet wurde. Die Welt schien zu vergessen - falls sie sich dessen überhaupt jemals bewußt gewesen war -, daß nur zwei Jahre darauf die mehr als 400 000 Einwohner der portugiesischen Kolonie ebenfalls der Regierung in Peking unterstellt werden.

Im April 1987 wurde der Sino-Portugiesische Vertrag von Peking und Lissabon unterzeichnet, in dem festgelegt wird, daß die Regierungsgewalt 1999 an das chinesische Festland übergeben werden soll. Wie auch im Fall Hongkongs hat Peking versprochen, daß Macao eine gesonderte Verwaltungseinheit mit einem "hohen Grad an Autonomie" sein werde und sein "bestehendes kapitalistisches System weitere 50 Jahre aufrechterhalten" werde.

Dies hatte zwar Auswirkungen auf die ortsansässige Bevölkerung, aber sie hielten sich in Grenzen. "Für die meisten Einwohner Macaos ist der Einfluß des kommunistischen China nichts Neues, weil wir schon lange in enger Verbindung mit dem Festland stehen", sagt Mok Lai-meng (莫麗明), Direktor der Abteilung für Nachrichten und öffentliche Angelegenheiten des Senders "Radio Chinese Channel" in der Teledifusào de Macao, dem Fernseh- und Rundfunk-Dienst der Regierung.

In Macao sind 95% der Bevölkerung Chinesen, drei Prozent Portugiesen und die restlichen zwei Prozent andere Ausländer. Etwa 60% der 400 000 Einwohner stammen ursprünglich vom chinesischen Festland. Angeblich gibt es zusätzlich noch illegale Immigranten, deren Zahl sich nach inoffiziellen Schätzungen auf 40 000 beläuft.

Macao liegt nicht nur sehr nahe am chinesischen Festland, es pflegt mit diesem auch enge wirtschaftliche Kontakte. Das Gebiet, das sich insgesamt über 16 Quadratkilometer erstreckt, umfaßt eine Halbinsel, auf der die Stadt Macao errichtet wurde sowie die Inseln Taipa und Coloane. Eine Landenge bildet den äußersten Norden der Halbinsel, hier steht ein imposantes Tor, die Portas do Cerco (Grenztor), die im Jahr 1849 errichtet wurde und Macao mit der festlandschinesischen Provinz Kanton verbindet. Die angrenzende Wirtschaftssonderzone Chuhai (Zhuhai) spielt eine wichtige Rolle im Modernisierungsprozeß des Festlands.

Die enge Beziehung zwischen Macao und dem chinesischen Festland läßt sich über die letzten eineinhalb Jahrhunderte zurückverfolgen. Als Hongkong noch aus einigen tausend kleinen Dörfern bestand, die erst langsam unter der Herrschaft der britischen Kolonisatoren zu einer Stadt zusammenwuchsen, drängten sich in Macaos Hafen bereits die Schiffe, die mit zum Export bestimmter chinesischer Seide, mit Gold und Porzellan oder mit Importware wie Silber, Elfenbein und Gewürzen beladen waren.

Macao ist der älteste Freihafen Chinas. Die Portugiesen pachteten ihn 1554 und nützten ihn als Brückenkopf für ihren Handel mit China. Bevor Hongkong ihm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diesen Rang streitig machte, war Macao das florierendste Handelszentrum im fernen Osten, von dem aus alle bedeutenden Seewege vom Süden Chinas zu anderen Ländern kontrolliert werden konnten. Als jedoch die Vertragshäfen entlang der chinesischen Küste nach und nach geöffnet wurden und die Briten sich 1841 in Hongkong, nur etwa 60km nordöstlich von Macao gelegen, niederließen, begann die Bedeutung Macaos zu schwinden. Hongkong hingegen entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Handelszentren der Welt. Macao war allerdings weiterhin einer der wichtigsten Exporthäfen für chinesische Produkte wie Reis, Fisch, Versatzteile und anderes.

Heute ist es immer noch ein Umschlaghafen, mit einer regen Geschäftstätigkeit auf dem Produktions- und Exportsektor, hauptsächlich in den Bereichen Textil- und Bekleidungsindustrie. Das Bruttosozialprodukt betrug 1988 2,5 Milliarden US$, das Pro-Kopf-Einkommen belief sich auf 6 000 US$, und die Exporte hatten einen Umfang von 0,5 Milliarden US$. Etwa sechs Millionen Touristen besuchten 1989 die Kolonie.

Seit dem Beginn der 80er Jahre ist zu beobachten, daß das Wirtschaftswachstum Veränderungen in der Gesellschaft gefördert hat, aus denen viele neue soziale Probleme entstanden sind. Die Einwohner Macaos sagen, ihre Gesellschaft sei eine sehr konservative, und es gibt - zumindest in den Augen der chinesischen Bevölkerung - bereits seit Jahren ernstzunehmende interne Probleme. Am 23. Januar 1967 kam es zu einem Zwischenfall, als die portugiesische Kolonialregierung mit der chinesischen Bevölkerung aneinandergeriet, was etliche Verletzte auf chinesischer Seite zur Folge hatte. Auslöser waren fremdenfeindliche Gefühle, die die Kulturrevolution in der Volksrepublik auch unter den Chinesen in Macao geschürt hatte, und die schließlich zu einem Aufstand gegen die portugiesischen Kolonisatoren führten.

Seit diesem Zwischenfall ist in der Gesellschaft in Macao eine Gruppe dominant, die von den Ortsansässigen als "Traditionelle Kräfte" bezeichnet wird. Dies sind die hochkarätigen chinesischen Geschäftsleute und die führenden chinesischen Bürgerorganisationen - mit anderen Worten: das chinesische Establishment in Macao. Da eben diese Gruppen sich seit Generationen mit Hilfe des chinesischen Festlands bereichert haben, sind sie ganz natürlich mit Peking eng verbunden. Ihr Einfluß reicht weit, und nur selten sind sie zu einem Machtkampf herausgefordert worden.

Was die Regierungsangelegenheiten anbetrifft, so haben die Portugiesen das Sagen. "Sie haben drei Viertel der Regierungsposten inne - und zwar vornehmlich die auf der mittleren und höheren Ebene, und auch die meisten Ärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure sind Portugiesen", sagt Frau Mok Lai-Meng. "Obwohl sich die Regierung seit 1987 darum bemüht, mehr Beamte aus der einheimischen Bevölkerung zu rekrutieren, indem sie talentierte Chinesen fördert, werden diese jedoch weiterhin überwiegend auf niederen Posten plaziert. Von der Entscheidungsebene sind sie noch sehr weit entfernt", sagt sie.

Ein weiteres Problem ist ein sprachliches. Die gesetzlichen Bestimmungen in Macao stimmen mit den in Portugal geltenden überein. Die portugiesischen Regierungsbeamten in Macao gehen zwar auf gerechte Art mit dem Volk um, das Problem ist aber einfach, daß kaum einer die Gesetze lesen und verstehen kann, da sie auf portugiesisch formuliert sind. "Die meisten Bürger verstehen einfach nicht, was ihre Rechte eigentlich sind", sagt Mok.

Sie fügt hinzu, daß es den meisten in Macao gleichgültig ist, ob die Portugiesen oder die chinesischen Kommunisten sie regieren, "die beiden sind gleich - schlecht eben", meint sie.

Mit dem 1980 einsetzenden Wirtschaftswachstum und dem Ansteigen des Tourismus traten Veränderungen auf: "Macaos Sozialstruktur begann sich zu verändern, und es kristallisierte sich eine neue Mittelschicht heraus", erklärt Ng Kuok Cheong (吳國昌), Vizepräsident der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft Macaos. "Materieller Überfluß alleine genügt ihnen nicht und sie beginnen sich mehr und mehr für Themen von öffentlichem Belang zu interessieren. Sie sind unzufrieden mit der gegenwärtigen Situation und hoffen sie verändern zu können."

"Die wachsende Mittelschicht und die jüngere Generation haben eine andere Einstellung zur Gesellschaft" sagt Pfarrer Pedro Chung (鍾志堅). Er stellt fest: "Auch Verbesserungen der Aus- und Weiterbildungssituation spielen bei den Veränderungen eine Rolle." Chung ist katholischer Priester in Macao und bekannt dafür, daß er sich für gesellschaftliche Reformen einsetzt. Seiner Ansicht nach haben die Einheimischen seit der Gründung der "Ostasien Universität" 1980 in Macao wesentlich bessere Chancen, einen höheren Bildungsstand zu erreichen. Auch die jungen Leute, die nach weiterführenden Studien im Ausland zurückkehren und die Massenmedien haben Veränderungen gefördert: Die einheimischen Jugendlichen wurden dazu angeregt, ernsthaft über ihre Gesellschaft nachzudenken, indem sie sie mit denen anderer Länder vergleichen, und sie trauen sich inzwischen auch eher, ihre Ansichten zu äußern. "Das ganze Klima in Macao ist dabei, sich zu verändern", stellt Chung fest.

Peter Au (區志強), Direktor des Planungsbüros des Instituts für Sozialarbeit in Macao, gibt ein weiteres Beispiel für den Trend zur Entstehung neuer gesellschaftlicher Kräfte. Bei einer Versammlung zum Thema Sozialarbeit im letzten Jahr, fand er heraus, daß es inzwischen etwa 30 Organisationen gibt, in denen mehr als 600 Sozialarbeiter ehrenamtlich tätig sind. "Immer mehr soziale Vereinigungen entstehen, immer mehr Menschen kümmern sich um gesellschaftliche Belange und widmen sich der Sozialarbeit", stellt Au voller Enthusiasmus fest. "Zumindest in dieser Hinsicht hat sich in Macao wirklich viel getan."

Diese Situation hat aber nicht nur positive Aspekte. "Die Regierung scheint von all diesen Entwicklungen gar keine Kenntnis zu nehmen. Es gelingt ihr nicht, unsere Bedürfnisse zu befriedigen", beklagt sich Ng Kuok Cheong. "Die portugiesische Regierung kümmert sich nur um ihre eigenen Probleme, und sie verläßt sich darauf, daß die 'Traditionellen Kräfte' sie für sie lösen."

Peter Au sagt, daß in den letzten Jahren der Gouverneur von Macao verschiedene Komitees eingesetzt und Ortsansässige zur Teilnahme an Beratungen über öffentliche Belange eingeladen hat. Es handelt sich hierbei jedoch um einen rein symbolischen Akt. 1986 wurde zum Beispiel der Vorschlag vorgebracht, ein Komitee für Sozialarbeit einzusetzen, was jedoch erst im Mai 1988 geschah. Seitdem wurde erst eine einzige Sitzung abgehalten. "Dies zeigt deutlich, daß die Regierung sich eigentlich immer noch nicht schert", sagt Au. "All die sozialen Veränderungen und unsere neuen Bedürfnisse haben keinerlei Auswirkung auf diejenigen gehabt, die die Entscheidungen treffen. Sie sitzen einfach weiter in ihren Ämtern und fahren fort, die 'Traditionellen Kräfte' zur Hilfeleistung heranzuziehen. Inzwischen sehen sich aber sogar die 'Traditionellen Kräfte' außer Stande, die Situation in den Griff zu bekommen."

"Bei dem Vorfall vom 4. Juni kam die ganze Unzufriedenheit zum Ausbruch, die die Menschen schon lange im Herzen getragen hatten", sagt Chung. Nachdem sie erfahren hatten, daß in Peking Studenten und andere Bürger auf dem Tienanmen niedergemetzelt worden waren, ging ein Drittel der Einwohner Macaos auf die Straße, um zu demonstrieren. "Nicht nur junge Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen, auch Hausfrauen, Arbeiter und Vertreter der 'Traditionellen Kräfte' vereinten sich in ihrem Protest", führt Chung aus. "Es war das erste Mal in der Geschichte Macaos, daß so viele Menschen sich gemeinsam für eine Sache einsetzten."

Die Brutalität der chinesischen Kommunisten erfüllt die Einwohner Macaos nicht nur mit Sorge und Ärger, sie fühlen sich auch völlig machtlos, was ihre Zukunft anbetrifft. Sie mögen die Portugiesen nicht und setzen große Hoffnungen auf einen Wechsel; eine unmenschliche Regierung wäre jedoch noch schlimmer. Der vierte Juni war der Wendepunkt für die Einwohner Macaos. Die Ereignisse von damals haben sie dazu veranlaßt, mit neuer Ernsthaftigkeit über 1999 nachzudenken. Wenn die Regierenden in Peking nicht davor zurückschrecken, Panzer gegen Studenten loszuschicken, was könnte sie davon abhalten, nach 1999 gegebenenfalls auch Panzer in Macao einrollen zu lassen?

"Viele Leute meinten, die Übernahme durch die Kommunisten sei keine große Sache, da sie durch ihre vielfältigen Kontakte bereits miteinander vertraut geworden seien. Seit dem vierten Juni sieht die Sache jedoch anders aus", sagt Ng Kuok Cheong. "Selbst diejenigen, die mit der Ausarbeitung eines Grundgesetzes betraut sind, haben die Notwendigkeit erkannt, bei ihrer Arbeit ganz besondere Sorgfalt walten zu lassen." Sowohl Ng als auch Pfarrer Chung sind Mitglieder des Grundgesetz-Konsultativkomitees. 22 der Komiteemitglieder, so sagen sie, stehen auf der Seite Pekings und stimmen allem, was aus Peking kommt, zu.

Das 48-köpfige, mit dem Entwurf eines Grundgesetzes betraute Komitee, Basic Law Drafting Committee (BLDC), wurde im Oktober 1988 einberufen, um die Mini-Verfassung für die Verwaltungssonderzone Macao, die 1999 etabliert werden soll, auszuarbeiten. Es wurde beschlossen, daß die Ausarbeitung innerhalb von vier Jahren abgeschlossen und nach Ablauf dieser Zeit ein Beratungszeitraum angeschlossen werden sollte, bevor dann die endgültige Form beschlossen wird. Am 20. November 1988 einigten sich die Mitglieder des Komitees in ihrer dritten Plenarsitzung auf den Aufbau des Grundgesetzes.

Das Grundgesetz-Konsultativkomitee, Basic Law Consultative Committee (BLCC), hat 90 Mitglieder und wurde im April 1989 eingesetzt. Wie die entsprechende Organisation in Hongkong, kann auch das BLCC dem BLDC nur Vorschläge unterbreiten. "Aus dem Aufbau des Entwurfs des Grundgesetzes kann man schon ersehen, daß die Mitglieder aus Macao noch immer Peking gehorchen" sagt Ng. "Ich bin äußerst unzufrieden mit den Texten, die sich auf die Grundrechte und Pflichten der Bürger beziehen."

Peter Aus Ansicht stimmt mit der von Ng überein: "Sie diskutieren nur über allgemeine Prinzipien, was wir aber brauchen, sind detailliertere Erklärungen und Definitionen." Obwohl dem BLDC einige Oppositionelle wie Au und Ng angehören, ist die Stimme der Opposition jedoch noch immer eine sehr schwache. "Der Normalbürger kümmert sich nicht um das Grundgesetz und glaubt auch nicht daran", sagt Sunny Chan (陳國燊), Chefredakteur der chinesischen Fernsehnachrichten bei Teledifusào de Macau. "Wir kennen die Kommunisten einfach zu gut. Etwas zu sagen oder nichts zu sagen läuft ja doch auf's selbe hinaus. Warum also überhaupt etwas von sich geben?"

Diejenigen, die so denken und die Möglichkeit haben, Macao zu verlassen, haben dies bereits getan oder machen Pläne hierfür. "Jeden Monat gehen Leute weg, besonders aber seit dem vierten Juni", sagt Mok Lai-Meng. "Meine Freunde sprechen alle davon wegzugehen, und viele haben es auch schon getan. Sogar ich spiele mit dem Gedanken."

"Wenn Sie mich fragen, ich habe kein Vertrauen in die Zukunft nach 1999 und werde mit absoluter Sicherheit Macao verlassen", meint Sunny Chan. Emigration ist ein Weg, der nur einem Teil der Einwohner Macaos offen steht. Die Situation ist wie die in Hongkong: Die Reichen und die mit einem hohen Bildungsstand sind das Rückgrat der Gesellschaft, und gerade sie wandern zum größten Teil aus; was die Regierungsangestellten anbetrifft, so werden wohl etwa 70% von ihnen Macao verlassen", sagt Chan.

Die Kolonisatoren sind zwar unbeliebt, was soll aber aus Macao, der interessanten portugiesisch-chinesischen Mischung, werden, wenn Peking das Ruder übernimmt?

130 000 der 400 000 Einwohner Macaos haben portugiesische Pässe und ihnen steht es nach 1992 frei, in irgendein europäisches Land ihrer Wahl zu gehen. Mok weist darauf hin, daß nur der Paß allein nicht alle Probleme lösen kann. Da sie mehrere Jahre lang in Portugal studiert und andere europäische Länder bereist hat, weiß sie über die Schwierigkeiten, die ein Leben in der Fremde mit sich bringen kann, Bescheid.

"Die Sprache ist das vorrangige Problem. Die meisten Chinesen verstehen weder Portugiesisch noch irgendeine andere europäische Sprache. Wie können sie dann dort mit den Menschen kommunizieren? Außerdem ist es so, daß man genügend Geld zum Auswandern und auch irgendwelche speziellen beruflichen Fähigkeiten braucht, um in der Fremde seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die meisten Menschen in Macao haben weder das eine noch das andere."

Da die meisten Einwohner Macaos keine andere Alternative haben, haben einige junge Menschen damit begonnen, einen schrittweisen Demokratisierungsprozeß zu fordern. Nach dem vierten Juni letzten Jahres wurde von Ng und etlichen anderen Befürwortern der Demokratie die "Gesellschaft zur Förderung der Demokratie in Macao" ins Leben gerufen. Die Gesellschaft setzt sich aus Aktivisten zusammen, die auch die Demokratiebewegung auf dem Festland unterstützen. Aber es ist noch keineswegs unproblematisch, sich in einer politischen Bewegung zu engagieren, hauptsächlich weil die vielen Jahre der Einflußnahme Pekings auch heute noch ihre Auswirkungen haben. Die Organisation hat, so Ng, erst knapp mehr als vierzig Mitglieder.

"Es ist sehr schwer für die Demokratiebewegung zu gedeihen, es sei denn wir werden von den sogenannten 'Traditionellen Kräften' unterstützt. Aber da eben die 'Traditionellen Kräfte' eng mit dem Festland verbunden sind, können wir kaum mit Unterstützung von ihrer Seite rechnen", sagt Ng. Dennoch beurteilt er die Demokratiebewegung in Macao optimistisch. "Seit dem vierten Juni letzten Jahres haben Intellektuelle und andere gesellschaftliche Gruppen damit begonnen, ihr Augenmerk weniger auf Probleme des Alltagslebens, sondern eher auf Themen wie Rechte und Freiheiten zu richten. Und die 'Traditionellen Kräfte' weisen Verfallserscheinungen auf."

Gegenwärtig spielt die Demokratiebewegung in Macao eine wichtige Rolle für die Zukunft der Kolonie. Peking hat versprochen, daß nach 1999 "die Bürger Macaos Macao regieren" werden. Aber eben da befindet man sich in einem Dilemma. "Wir wollen nicht, daß uns die Portugiesen regieren, aber ebensowenig wollen wir von den chinesischen Kommunisten regiert werden", sagt Peter Au. "Aber es ist eben unwahrscheinlich, daß wir in der Lage sein werden, uns selbst zu regieren." Es werden viele Posten sowohl auf dem öffentlichen als auch dem privaten Sektor frei werden, nachdem die Portugiesen abgezogen sind, aber werden die Einwohner Macaos in der Lage sein, diese aus ihren Reihen zu besetzen und das Gebiet angemessen zu verwalten?

Taiwan wird von vielen als einer der Orte genannt, die Macao helfen könnten. Mok Lai-Meng vom Teledifusào de Macau hofft, daß Taiwan, als direkte Hilfestellung quasi, verstärkt in Macao investieren wird. "Investitionskapital aus Taiwan wird Macaos infrastruktureller Entwicklung auf die Sprünge helfen und Arbeitsplätze schaffen. Das wird nicht nur das Vertrauen der Einheimischen in unsere Zukunft verstärken, sondern auch sicherstellen, daß Taiwan Einfluß auf Macao hat", erklärt sie und fügt hinzu, daß Taiwan beim Aufbau bilateraler Kontakte die Initiative ergreifen könnte, besonders in den Bereichen Wirtschaft, Tourismus und Kultur.

"Nach den Unruhen am 23. Januar 1967 waren die Büros und das Personal der Kuomintang (KMT) gezwungen, sich aus Macao zurückzuziehen", führt Ng Kuok Cheong aus. "Über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten war der Einfluß Taiwans auf Macao ausgelöscht worden. Jetzt aber ist die Zeit reif für Taiwan, um zurückzukommen."

Sunny Chan weist auch darauf hin, daß nach dem Vorfall vom vierten Juni Taiwan eine immer wichtigere Rolle für die Einwohner Macaos zu spielen begann. "Die Einwohner Macaos haben kein Vertrauen in die chinesischen Kommunisten. Viele meiner Freunde denken daran, nach Taiwan zu gehen, einfach weil wir doch alle Chinesen sind", sagt er.

Die Regierung der Republik China hat bereits zahlreiche Schritte unternommen, um den Einwohnern Macaos zu helfen. Im September 1987 erweiterte Taiwan den Aufgabenbereich der Sondereinheit für Hongkong-Angelegenheiten, so daß er auch Macao mit einbezieht. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Maßnahmen entwickelt worden, um denjenigen, die daran interessiert sind, von Macao nach Taiwan überzusiedeln, hierbei zu helfen. Regierungsämter, besonders die Kommission für die Angelegenheiten von Überseechinesen, haben die Einreisebestimmungen für die Einwohner Macaos erleichtert und helfen ihnen bei Bemühungen in den Bereichen Investitionen, Umsiedlung, Ausbildung und den Erwerb von Immobilien.

Inzwischen fließen auch Gelder aus Taiwans reichen Ressourcen nach Macao. Antonio Galhardo Simôes, ein höherer Beamter in Macao, erwähnte unlängst in einem Bericht namentlich alle taiwanesischen Investoren in Macao. Die Investitionen schließen auch einen Wohnkomplex auf der Insel Taipa ein, der auch über Einrichtungen für Touristen verfügt (die Beteiligung Taiwans macht mindestens 40% des Kapitals aus), und einen neuen Industriekomplex. Letzterer stellt für viele Geschäftsleute einen Anreiz dar, um nach Macao zu kommen.

Für alle Besucher Macaos ist die Versuchung groß, ihr Glück in einem der Kasinos zu versuchen. Hunde- und Pferderennen und der berühmte Macao Grand Prix machen das "Las Vegas des Orients" zu einer weltweiten Touristenattraktion.

Aber heutzutage sind die Einwohner Macaos dazu gezwungen, sich in einer anderen Art von Glücksspiel zu versuchen, einer bei der der Einsatz um ein Vielfaches höher ist: Es geht um ihr Schicksal. Wie die Einwohner Hongkongs müssen sie ihr Bestes tun, um die Würfel zu manipulieren, die, wenn sie einmal fallen, über ihr Leben in den nächsten hundert Jahren entscheiden werden. Über einen Zeitraum von mehr als 400 Jahren haben Macao und seine Einwohner den stürmischen Entwicklungen der Geschichte standgehalten. Der Ausgang des neuen Spiels wird darüber entscheiden, ob sie auch unter der kommunistischen Herrschaft nach dem Jahr 1999 werden frei und in Wohlstand weiter leben können.

(Deutsch von Rina Goldenberg)

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