Der ruhige Campus in Nankang, einem Taipeier Vorort, ist der Ort, an dem inmitten satten Grüns fünfzehn verschiedene Institute stehen (vier weitere sind noch im Aufbau begriffen). Sie führen die differenzierteste Forschungsarbeit im ganzen Land durch. Das institut, das 1928 in Nanking gegründet wurde, ist eine Kombination von Forschungsakademie, Konferenzzentrum, "Think-Tank" und Modell für alle anderen akademischen Institute des Landes.
Dr. Wu Ta-you (吳大猷), ein 83 Jahre alter Physiker, der vor sechs Jahren seinen Lehrstuhl an der New York Universität aufgab, um der sechste Präsident der Academia Sinica zu werden, ist besonders optimistisch angesichts der Rolle, die die Akademie auf dem intellektuellen Sektor der Republik China spielt. Die Betonung liegt darauf, daß das Institut eine "völlig unabhängige internationale Forschungsakademie" ist. Dank der unermüdlichen Anstrengungen, die Präsident Wu unternommen hat, haben die drei Schlüsselbegriffe in seiner Äußerung -- "unabhängig", "international" und "Forschungsakademie" -- besonderes Gewicht.
Obwohl die Academia Sinica juristisch gesehen eine Regierungseinrichtung ist, die direkt dem Büro des Präsidenten der Republik China untersteht, und obwohl der größte Teil des Budgets aus den Kassen der Zentralregierung kommt, ist das Institut in seiner Arbeit praktisch frei von Regierungskontrolle. Diese Autonomie garantiert nicht nur Forschungsfreiheit, sondern fördert auch den Ruf der Akademie als Führer und Modell im akademischen Bereich in Taiwan.
Die Unabhängigkeit des Instituts wird auch durch seinen Aufbau bestimmt. Der die Richtung bestimmende Kern der Academia Sinica besteht aus führenden Gelehrten und Wissenschaftlern des Landes, die in die Akademie gewählt werden und einen großen Teil ihrer Zeit außer Landes an Universitäten und Fakultäten verbringen. Die vorrangige Aufgabe der Mitglieder ist es, nationale Forschungspolitik zu formulieren und im Auftrag der Regierung bestimmte Forschungsprojekte durchzuführen, die Wahl neuer Mitglieder sowie den Rat der Akademie zu organisieren. Der Rat besteht aus 30 bis 50 Personen, die die Angehörigen der Akademie aus ihrer Mitte wählen, und deren hauptsächliche Funktion darin besteht, Forschungsschwerpunkte zu bestimmen und Kooperation innerhalb der Republik wie auch mit dem Ausland zu fördern. Diese strukturellen Regelungen garantieren die Freiheiten der Institute, aber auch einen gleichbleibend hohen akademischen Standard.
Der Preis des Fortschritts: diese alten Akademiegebäude mußten bereits neuen Projekten weichen.
Die Academia Sinica bestimmt ihre Forschungsprogramme selbst und ihre Arbeit, auf praktischem wie theoretischem Sektor, steht immer im Einklang mit den höchsten international geltenden Standards. Im Laufe von Wus Amtszeit als Präsident hat sich die Kooperation der Akademie mit Instituten und Schulen im Ausland verstärkt. Forscher der Academia Sinica haben jetzt größere finanzielle Mittel, um an internationalen Konferenzen teilzunehmen und -- das ist vielleicht noch wichtiger -- das Institut hat sich der internationalen Informationsrevolution angeschlossen. Die Forscher stehen durch ein Computernetzwerk mit Kollegen in aller Welt in Verbindung und haben Zugang zu vielen Datenbanken.
Diese Verbindungen haben sich in mehreren Hinsichten gelohnt. Einer der positivsten Aspekte ist der, daß die Gelehrten verstärkt mit internationalen Forschungsstandards konfrontiert werden. Das Streben nach höchster Qualität wird auf personeller wie institutioneller Ebene vorangetrieben, um so den Modellcharakter des Instituts aufrechtzuerhalten.
Dies wird auch illustriert durch die wachsende Bereitschaft der Academia Sinica, neue Institute -- nach einer anfänglichen Vorbereitungsphase -- anzugliedern, so daß man in neuen Forschungsbereichen besser arbeiten kann. Vor mehr als einem Jahrzehnt hat die Academia Sinica damit begonnen, ein Institut für Informatik aufzubauen.
1971 begann das Mathematische Institut damit, Forschungen im Bereich der Computer-Software durchzuführen, unter anderem auch der Entwicklung eines input-output-Systems für chinesische Zeichen unter Verwendung phonetischer Symbole. Schließlich wurde eine Abteilung für Informatik dem Mathematischen Institut eingegliedert, und das Institut übernahm gar 1973 die Schirmherrschaft über das erste internationale Computer-Symposium, an dem mehr als 300 Informatiker teilnahmen und an die 100 schriftliche Arbeiten vorlegten. Bald nach dem Symposium wurde dann das provisorische neue Informatik-Institut eingerichtet, das im Jahr 1982 als vollwertiges Institut anerkannt wurde.
Kuo Yue-sun (郭譽申), geschäftsführender Direktor des Informatik-Instituts sagt: "Im Grunde können unsere Mitarbeiter ihre Forschungsinhalte frei wählen. Weder die Akademie noch die Regierung haben irgendwelche Richtlinien für uns. Die Forscher können in ihrem Bereich über die Inhalte ihrer Forschung selbst bestimmen. Es wird nur von ihnen erwartet, daß sie ihre Forschungsergebnisse in anerkannten ausländischen Publikationen veröffentlichen."
Es gibt jedoch Probleme. Trotz der Forschungsfreiheit hat das Institut eine relativ hohe personelle Fluktuation. Es besteht derzeit auf dem Arbeitsmarkt, eine große Nachfrage nach Informatikern und die Gehälter der Angestellten der Academia Sinica entsprechen immer noch denen der Beamten. Dementsprechend ist ihr Einkommen beträchtlich niedriger als das der Angestellten privater Firmen oder ausländischer Forschungsinstitute.
Obwohl Präsident Wu enttäuscht über die starke Abwanderung der Mitarbeiter aus seinem Institut ist, macht er den Jüngeren jedoch keinen Vorwurf deswegen. "Es ist kaum von denjenigen, die so sehr auf materielle Auszeichnungen aus sind, zu erwarten, daß sie sich mit ganzem Herzen nur der wissenschaftlichen Forschung widmen", sagt Wu. "Wenn Menschen mit ihrer gegenwärtigen Situation nicht zufrieden sind, hat es keinen Sinn, darum zu kämpfen, daß sie bleiben."
Wenigstens ist es so, daß die Wissenschaftler, die bleiben, bei weitem nicht isoliert dastehen. Es gibt zahlreiche Kanäle für die Kooperation zwischen ihnen und Mitarbeitern privater Einrichtungen. Kuo sagt: "Wir verkaufen unsere Ergebnisse nicht direkt. Wenn hiesige Industrielle oder solche Institute wie das für Informationsindustrie oder das für Technologieforschung unsere Forschungspapiere nützlich finden, kommen sie, nachdem diese gedruckt und veröffentlicht wurden, zu uns und bitten darum, unsere Ergebnisse verwenden zu dürfen. Gewöhnlich ist es dann so, daß sie unsere Forschungsergebnisse dazu nutzen, Software zu entwickeln", sagt er. "Wenn unsere personellen Kapazitäten vergrößert würden, würde ich eine noch intensivere Zusammenarbeit mit der Industrie in Zukunft nicht ausschließen. Auf diese Art könnten wir der Gesellschaft schnell etwas zurückgeben und doch weiter unsere langfristigen Ziele verfolgen."
Trotz der Schwierigkeiten mit dem Personal, der relativ niedrigen Einkommen und der zu wählenden Forschungsschwerpunkte fährt man in der Akademie damit fort, Institute aufzubauen. Vier noch in Vorbereitung befindliche Institute gibt es heute in der Akademie und zwar für die Bereiche Biomedizin, Atomenergie, Molekularbiologie sowie Literatur und Philosophie. Diese werden im Laufe der Zeit zu vollwertigen Instituten, von denen bereits fünfzehn bestehen, und zwar für die folgenden Bereiche: Mathematik, Physik, Chemie, Informatik, Statistik, Botanik, Zoologie, Geschichte und Philologie, Moderne Geschichte, Biochemie, Ethnologie, Ökonomie, Geowissenschaften (Geologie, Geographie, Meteorologie), Amerikanische Kultur und die drei Prinzipien des Volkes von Dr. Sun Yat-sen. (Das letztgenannte Institut wurde 1987 gegründet, und man beschäftigt sich dort mit den Drei Prinzipien des Gründungsvaters der Republik und deren Zusammenhänge mit den Sozialwissenschaften, Politik, Wirtschaft, Soziologie und Jura.)
Wie man bereits der Aufzählung der Institute entnehmen kann, handelt es sich bei der Academia Sinica um eine besondere Art von "Think-Tank". Obwohl die Forschung in einigen Instituten für laufende Entscheidungsprozesse in den Bereichen Politik, Soziologie und Wirtschaft oder auch für außenpolitische Fragen von Bedeutung sein können, ist doch das Hauptaugenmerk auf Langzeitprojekte gerichtet. Die Betonung liegt generell eher auf der Theorie denn auf Arbeiten, die den Regierenden von unmittelbarem Nutzen sein könnten. Mit diesen Schwerpunkten ist die Academia Sinica eine komplementäre Institution zu etwa dem Institut für Internationale Beziehungen an der Nationalen Chengchi Universität, dem Chunghua Institut für Wirtschaftsforschung oder anderen "Think-Tanks" auf dem öffentlichen oder privaten Sektor, und sie gibt diesen auch oft ganz wesentliche Denkanstöße.
Die einzigartige Rolle, die die Academia Sinica in der intellektuellen Gemeinschaft der Republik China spielt, hat sich aus ihrer langen und zuweilen recht turbulenten Geschichte entwickelt. In all diesen Jahren hat sie der Republik China wertvolle intellektuelle Dienste erwiesen. Als die Akademie 1928 in Nanking gegründet wurde, hatte sie ihre Existenz in erster Linie Dr. Sun Yat-sen zu verdanken, der sich sehr für die Errichtung eines nationalen Instituts für die Förderung der Wissenschaften eingesetzt hatte.
Bis zum Ausbruch des Chinesisch-Japanischen Krieges waren zehn Forschungsinstitute eingerichtet worden, und in den Kriegsjahren wurde die Arbeit in den Provinzen Szechuan, Kweichow und Kwangsi im Landesinneren fortgesetzt. Nach Ende des Krieges 1945, zog die Akademie zunächst nach Nanking und dann nach Shanghai um und wurde auf dreizehn Institute ausgebaut. Der größte Teil des Personals und der Ausrüstung blieb jedoch zurück und ging verloren, als das Institut 1949 wegen der Machtübernahme durch die Kommunisten auf dem Festland nach Taiwan evakuiert wurde. Nur zwei Institute -- das für Mathematik und das historisch-philologische -- konnten intakt umgesiedelt werden.
Obwohl heute viele Universitäten ihre eigenen Forschungsinstitute haben, ist doch die Academia Sinica weiterhin führend auf ihrem Gebiet. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, daß sie die besten Möglichkeiten für reine Forschung bietet und diese somit besonders fördert. Außerdem sucht sie ständig nach neuen Talenten, die zu Spitzenkräften auf ihrem jeweiligen Gebiet ausgebildet werden können. Die Academia Sinica führt darüber hinaus auch Großprojekte durch, die Universitäten einfach aufgrund deren schlechterer Finanz-, Personal- und Ausrüstungssituation überfordern würden.
Vor zwanzig Jahren gingen die besten Studenten in die Bereiche der Grundlagenforschung. Heute werden andere Prioritäten gesetzt. Höhere Gehälter und bessere Aufstiegsmöglichkeiten sind heute bei der Arbeit in Bereichen wie Medizin, Elektronik, Mechanik, internationaler Handel zu erwarten. Die ungleiche Verteilung der Arbeitskräfte auf die einzelnen Bereiche hat in einigen Spezialbereichen zu Engpässen geführt, die wiederum die grundsätzliche Forschungsarbeit in der Republik China beeinträchtigt haben.
Dies hat sich in der Academia Sinica bereits schmerzlich bemerkbar gemacht und ihre Vertreter beklagen sich, weil sie meinen, die Regierung fördere diese Tendenz, indem sie höhere Ausgaben für diejenigen Institute plant, die sich auf angewandte Forschung konzentrieren, wie es zum Beispiel das Forschungsinstitut für Industrietechnologie tut.
Dennoch hat die Academia Sinica in der Vergangenheit erfolgreich schon höhere Hürden genommen, und man ist optimistisch. Ein gutes Beispiel hierfür ist Liu Pin-hsiung (劉斌雄), der seit dreißig Jahren am Ethnologischen Institut Forschungsarbeit betreibt.
Ein "goldenes Zeitalter für anthropologische Forschung in Taiwan"? Die neuen -- und doch traditionellen -- Gebäude des Ethnologischen Instituts.
"Als die Akademie vom Festland hierher kam, waren die Wissenschaftler erst einmal sehr verblüfft darüber, wieviele Eingeborenenstämme es auf dieser kleinen Insel gab. Daraus schlossen sie, daß dies ein sehr fruchtbares Gebiet für ethnologische Forschung sein müsse. Jetzt, da noch mehr Veränderungen und Übergänge zu beobachten sind, brauchen wir noch mehr Anthropologen, um mit diesen Veränderungen schritthalten zu können. Es ist dies in der Tat ein goldenes Zeitalter für solche Forschungsarbeit, denn nie zuvor hat es solche Veränderungen in Taiwan gegeben."
Seit 1964 hat Liu sich in seiner Forschungsarbeit auf mathematische Anthropologie, Verwandtschaftsforschung und kulturvergleichende Arbeiten konzentriert. Er war einst Direktor des Ethnologischen Instituts, findet es aber weitaus interessanter, in der Forschung tätig zu sein.
"Ich erinnere mich daran, daß wir zu Anfang gar nicht das Budget für Langzeituntersuchungen hatten. Forscher konnten nur eine Zeitlang an einem Projekt arbeiten und mußten sich dann dem nächsten zuwenden. Natürlich müssen die Mitarbeiter aller Institute um größere finanzielle Unterstützung kämpfen. Glücklicherweise läßt die Academia Sinica uns frei schalten und walten und unsere Forschungsinhalte selbst bestimmen."
Liu zeigt uns seine neueste Veröffentlichung. Sie trägt den Titel Grundlagen einer Verwandtschafts-Mathematik; sie wurde in vier Zeitschriften im Ausland bereits positiv beurteilt. "Dies ist die ideale Akademie, und ich glaube, eine Arbeitsumgebung, wie Forscher sie sich wünschen. Uns wird jede Gelegenheit gegeben, und es liegt an uns, ob wir sie zu ergreifen und zu nutzen wissen, ob wir die nötige Arbeitsdisziplin haben und unser Material sammeln können. Ohne die Academia Sinica hätte ich diese Monographie nicht fertigstellen können."
In anderen Bereichen widmet sich die Akademie allerdings auch Fragestellungen, die für die derzeitige Regierung von unmittelbarerem Nutzen sind. Diese Art Forschung ist dann eher technischer Natur und eher für die Innenpolitik von Belang.
Seit langem genießt die Academia Sinica beispielsweise einen guten Ruf wegen ihrer Arbeit in den Bereichen Ingenieurwesen und angewandte Naturwissenschaft, und es gibt auch andere Projekte, die bekannt sind und mit denen sie erfolgreich ist, wie bei der Entwicklung neuer Aussiebungsverfahren für Reis, der Ausrottung der Fruchtfliege, der Feststellung von Radonspuren im Grundwasser (in Verbindung mit den Atomkraftwerken der Republik China) und der Erdbebenforschung.
All dies hat große Auswirkungen auf das Leben der Einwohner in der Republik China gehabt -- auch wenn Einzelheiten der Forschungsergebnisse für den Laien so unverständlich sein mögen wie ein Artikel über "Bewertung des Verhaltens einer endlichen Schlange mit willkürlicher Streckung". Und doch ist gerade dies bezeichnend für die Academia Sinica, auch wenn es dem Laien rätselhaft erscheinen mag. Ob sie nun als "Think-Tank" oder als ein von Regierung und Akademikern aufgestellter intellektueller Wegweiser gesehen wird, sie hat einfach immer die Nase vorn, wenn es um Wissenschaft geht.
(Deutsch von Rina Goldenberg)