08.05.2026

Taiwan Today

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Originalität hat ihren Preis

01.09.1991
Auch die Designs für Abendkleider zeigen unterschiedlichste Möglichkeiten -­ sei es mit eher konventionellen (Bild links) oder aber mit modern-kühlen Ansätzen (Bild rechts).

Ausländische Marken und billige Imitationen liefern sich auf Taiwan heftige Konkurrenzkämpfe. Daher streben hiesige Designer auf den internationalen Markt.

Abende und Wochenenden sind keine gute Zeit, den Mittelabschnitt der Chunghsiao East Road im Stadtzentrum von Taipei entlangzuspazieren - außer für die Modebewußten. Die Häuserblöcke entlang, Seitenstraßen und -gassen mit eingeschlossen, reihen sich Kleidergeschäfte, Schuhläden, Kaufhäuser und Boutiquen. Vor ihnen haben fliegende Händler ihre Stände aufgebaut, an denen noch mehr Kleidung, noch mehr Schuhe und noch mehr Accessoires zu deutlich ermäßigten Preisen verkauft werden. Auf den Bürgersteigen zu gehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und selbst die Geschäfte bieten keinen Schutz vor den Mengen entschlossener Käufer.

Chunghsiao East Road ist diejenige Adresse in Taipei, die für den zwanghaften Modeeinkäufer dem Paradies am nächsten liegt. Und selbst für den besonnenen Käufer stellt sie eine Versuchung dar, der nur schwer aus dem Weg zu gehen ist. Hier findet sich jede Art von Kleidung, von feinster Qualität zu astronomisch hohen Preisen bis zu Exportausschuß und Restbeständen, die einem geradezu nachgeworfen werden. Besonders in den Seitengassen liegen Designerboutiquen neben Lagerhäusern, die vollgepackt sind mit legerer und sportlicher Kleidung, hergestellt für den Export. Ganze Haufen und Regale voll Daunenjacketts, Jogginganzügen, Pullovern und T-Shirts sind hier für die Hälfte des Preises zu haben, den sie in ihren Bestimmungsländern, hauptsächlich den USA und Japan, erzielen würden.

Auf halbem Weg wird dieser Teil der Chunghsiao East Road von der Tunhua South Road gekreuzt, einem von Bäumen gesäumten Boulevard mit schicken Appartement- und Bürohäusern. Im Erdgeschoß dieser Gebäude befinden sich Luxusboutiquen, deren Exklusivität nicht hinter vergleichbaren Adressen auf der Ginza, der Fifth Avenue und den Champs Elysees zurücksteht. Hier müssen sich die Käufer nicht erst durch die Menge drängen, um zu den luxuriösen und imponierenden Verkaufsräumen internationaler Modehäuser wie Karl Lagerfeld, Christian Dior, Geoffrey Beene und Valentino zu gelangen. Die Feierabendatmosphäre fehlt hier vollkommen. Statt dessen liegt eine Aura ernster Intentionen in der Luft, so knisternd wie frischgedruckte Geldscheine. Eine Verkäuferin bei Karl Lagerfeld drückt es so aus: "Nur sehr wenige Leute kommen hierher, aber wenn eine loyale Kundin eintritt, dann geht sie selten ohne ein paar Einkaufstaschen mit Kleidern im Wert von, sagen wir, 4000 US$ wieder hinaus."

Nicht alle importierten Textilien in dieser Gegend haben derart exorbitante Preise. Das Hongkonger Modehaus Toppy, das auf weibliche Angestellte der mittleren Gehaltsklasse ausgerichtet ist, hat gerade seine eigene drei Stockwerke hohe, geräumige, gut ausgeleuchtete und einladende Boutique in der Tunhua South Road bezogen. Gegenüber liegt das Evergreen Tokyu, ein Warenhaus, das teilweise dem japanischen Kaufhaus Tokyu gehört. In Taipeis Warenhäusern, aber auch in zahlreichen Boutiquen in den Seitengassen, werden die verschiedensten ausländischen Marken verkauft. Die meisten der Geschäfte beteuern, daß ihre Waren direkt aus Frankreich, Italien, Deutschland, England, den Vereinigten Staaten und Japan stammen. Und oft ist das auch tatsächlich der Fall.  

Kaufhäuser leben von den Massen, und in Taipei wälzen sich die Massen von einem Kaufhaus zum nächsten. Familien, Gruppen händchenhaltender Schulmädchen oder Touristen sind nur ein Teil ganzer Völkerschaften, die die Bürgersteige entlangschlendern und in langen Schlangen die Rolltreppen aufwärts gleiten. Mehr als zehn Warenhäuser stehen in diesem Gebiet, und es gibt dort einfach alles: importierte Kleidung, auf Taiwan hergestellte Kleidung, ausländische Designerware, Designerware aus Taiwan. "Freilich", sagt eine Neunundzwanzigjährige, die in der Nachbarschaft wohnt, "wenn man eine Weile herumgelaufen ist, merkt man, daß man schon alles gesehen hat. Alle Kleidungsstücke sehen gleich aus, nur die Markennamen wechseln."

Der auf Modethemen spezialisierten Autorin Hsu Yu-kuei (許玉葵) zufolge ist das eine korrekte Beurteilung der Mode auf Taiwan. Sie meint, daß ein Charakteristikum des hiesigen Modedesigns die Imitation ist, und daß manche Modehäuser ihre Designer ins Ausland schicken, damit sie populäre Stile ausfindig machen und nach ihrer Rückkehr reproduzieren. "Sie machen beneidenswerte Profite", kommentiert Hsu. Die Modedesignerin Carson Huang (黃嘉純) kann dem nur zustimmen [siehe "Nach ihrer eigenen Fasson" unten]. "Sie nennen sich Designer, aber sie schaffen nichts Neues", meint sie. "Sie sehen sich die Stile ausländischer Designer an und kombinieren sie in einer auf Taiwan möglichst gut vermarktbaren Art und Weise."

Doch nicht genug damit, daß Konkurrenz zwischen ausländischen Designermarken und ihren hiesigen Nachahmungen herrscht: innovative Designer aus Taiwan müssen auch Sorge tragen, daß ihre Ideen nicht an den Straßenrändern zu viel niedrigeren Preisen verschleudert werden. Das ist einer der Gründe dafür, weshalb die Designerin Teresa Fan (范吉玉) aufgehört hat, mit der hiesigen Textilindustrie zusammenzuarbeiten. Bald nach ihrem ersten großen Erfolg im Jahre 1987 stellte sie fest, daß sie kostenlose Werbung für die Hersteller machte, von denen sie ihre Stoffe bezogen hatte: überall tauchten exakte Repliken ihrer Designs auf. "Da wußte ich, warum die erfahreneren Designer ausschließlich importierte Stoffe verwenden", erzählt sie. "Es gibt eine größere Variationsbreite, aber in begrenzter Menge. Ein einzelner Designer kauft jeweils den gesamten Vorrat auf."

Doch importierte Stoffe sind teuer, und die Kosten müssen an den Käufer weitergegeben werden. Daher liegen die Preise für hiesige Designerware oft nur wenig unter den atemberaubenden Summen, die man für ausländische Marken hinblättern muß. Und da international bekannte Marken nicht nur Prestigesymbole sind, sondern auch in dem Ruf stehen, qualitätsvoll gearbeitet zu sein, geben Käufer, die sonst durchaus von hiesiger Mode angezogen würden, ihr Geld lieber für Kleidung aus den Modemetropolen Europas aus.

In der Tat ist seit Beginn der Liberalisierung des Handels im Jahre 1987 und der Senkung der Zölle für importierte Waren das Geschäft mit ausländischen Designermarken außerordentlich gut gelaufen. "Vor 1987 waren die Zölle so hoch, daß die Kunden hier doppelt so viel wie in Hongkong zahlen mußten", erinnert sich Agnes Lee (李芳), Marketing-Managerin für Chanel in Taipei. Lee war längere Zeit mit einer anderen Firma liiert, die eine Reihe ausländischer Designermarken in Taipei vertrat.

Die Modejournalistin Hsu Yu-kuei fügt hinzu, daß seit 1987 die Namen von über hundert ausländischen Designern in Taiwan bekanntgemacht wurden - und sie stießen dort auf einen überaus kauflustigen Markt. Ihren Erfolg erklärt sie folgendermaßen: "Unsere Wirtschaft war in einem rapiden Aufwärtstrend, die Einkommen stiegen, doch der wichtigste Faktor ist die Tatsache, daß die Leute eine Obsession für Markennamen entwickelten." Es scheint, daß sich dieser Erfolg fortsetzen wird. Kenner der Modeindustrie schätzen, daß der Markt für importierte Kleidung ein Potential im Wert von 110 Millionen US$ besitzt. Das gegenwärtige Marktvolumen beträgt lediglich 55 Millionen US$.

Pelzdesigns zielen natürlich vor allem auf den Exportmarkt. Der Verband der Textilhersteller Taiwans möchte das Image von Taiwan als regionales Modezentrum weiter verbessern.

Im heimischen Konkurrenzkampf zu bestehen, ist keine einfache Sache, und die meisten Designer Taiwans werden das bestätigen. Warum sich also nicht nach anderen Märkten umsehen? "Das ist nicht so einfach", meint Teresa Fan. "Da liegen noch sehr viele Probleme vor uns." Die erste Frage, die sie stellt, ist: "Wo bekommen wir die Stoffe her?" Das klingt wie ein schlechter Scherz; schließlich ist Taiwan der sechstgrößte Textilexporteur der Welt. Ein Besuch in der Tihua Street und auf dem dortigen Einzel- und Großhandelsmarkt, der bis in alle Ecken und hinauf zur Decke mit allen nur erdenklichen Arten von Stoffen vollgepackt ist, zeigt, daß Taiwans Textilhersteller alles machen können, was die Designer von ihnen wollen. Doch Fan weist darauf hin, daß hiesige Hersteller nicht willens sind, begrenzte Mengen herzustellen, "und nur, wenn wir auf Taiwan hergestellte Stoffe benutzen, können wir originell und einzigartig sein."

Verständlicherweise sind dem kreativen Design bestimmte Grenzen gesetzt, wenn ein Designer nicht mit einem Textilhersteller zusammenarbeiten kann und mit Stoffen auskommen muß, auf deren Herstellung er keinen Einfluß hat. Fan zeigt auf einen ihrer Entwürfe. "Wenn ich einen Hersteller gehabt hätte, der mir dabei hätte helfen können, meine Ideen in Kleidung umzusetzen, hätte ich nicht diesen importierten Stoff verwenden müssen. Er hat nicht einmal dieselbe Farbe, die ich vor Augen hatte, als ich mit dem Design begann", klagt sie.

Die Designer haben versucht, Textilfabrikanten zur Zusammenarbeit zu bewegen. Bei einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr gewannen sie die Unterstützung von Journalisten. Die Designerin Elizabeth Pun bat die Textilhersteller mit Tränen in den Augen um Kooperation, wenn auch sie wünschten, daß Taiwan einen Platz auf der Weltkarte der Mode haben solle. Doch obgleich am Tag nach der Pressekonferenz ein Zeitungsartikel mit der Schlagzeile "Designer ohne Stoffe: wie können sie kämpfen?" erschien, rückten die Hersteller nicht von ihrer Position ab. Der Grund für ihr Zögern liegt darin, daß es nicht kosteneffizient für sie ist, begrenzte Mengen für einen einzigen Kunden zu produzieren, besonders in einer Zeit, da sich die Textilindustrie selbst Produktionsproblemen und einem schrumpfenden Markt gegenübersieht.

Von der Stoffherstellung zur fertigen Kleidung ist es für Designer auf Taiwan, die kreativ sein wollen, oft ein langer Weg. Viele bringen weit mehr Zeit mit Management-Aufgaben zu als mit Zeichnen.

Die Materialbeschaffung ist nur eines der Probleme, die eine Expansion ins Ausland verhindern. Phillip M. Chen (陳明), Generalsekretär des Verbandes der Textilhersteller Taiwans (Taiwan Textile Federation, TTF), erklärt dazu: "Viele Firmen sind Klein- und Mittelbetriebe. Ihnen fehlen das Kapital, die Einrichtungen und die Arbeitskräfte, um große Aufträge zu erfüllen." Die Designerin Nadia Lin (林巨英) kann aus Erfahrung sprechen. Eine Gelegenheit, die sich ihr in Südafrika bot, ergriff sie nicht beim Schopfe. "Ich hatte nicht den Mut dazu", erzählt sie. "Meine Firma ist bei weitem nicht groß genug. Ich hatte nicht das Geld, um mehr Arbeitskräfte einzustellen oder mehr Maschinen zu kaufen, was meine Kosten hätte senken können und meine Kleider konkurrenzfähiger gemacht hätte."

Sie hätte möglicherweise auch große Schwierigkeiten gehabt, zusätzliche Arbeitskräfte zu finden, nicht anders als die Hersteller von Stoffen und Textilien für den Export. Teresa Fan berichtet, daß es immer schwieriger werde, auf handwerklich solider Verarbeitung zu bestehen; wenn sie komplizierte Schneiderarbeiten verlange, werde sie oft abgewiesen. "Sie sagen, ich sei zu pingelig", erzählt sie. Zu Fan's größten Sorgen gehört, daß gutes Handwerk bald der Vergangenheit angehören könnte. "Ich sehe das schon jetzt kommen", meint sie.

Der Unternehmergeist, den man in vielen Teilen von Taiwans Geschäftswelt und Industrie finden kann, ist bei den Designern nicht minder evident. Während aufstrebende Designer in Europa und den Vereinigten Staaten mit einer Lehre bei einem bekannten Modehaus beginnen, neigen Designer auf Taiwan dazu, sich sofort selbständig zu machen. Daher sind sie nicht nur mit ihrer Entwicklung als kreative Designer, sondern auch direkt mit den tagtäglichen Details der Führung eines Kleinunternehmens befaßt. Nadia Lin und Isabelle Wen schätzen, daß sie über 80 Prozent ihrer Arbeitstage, die sich gewöhnlich über vierzehn Stunden erstrecken, auf Management und Marketing verwenden. "Die einzige Zeit, die mir zum Entwerfen übrigbleibt, ist vor dem Schlafengehen", berichtet Lin.

Isabelle Wen (溫慶珠) ist eine der erfolgreicheren Designerinnen von Konfektionsmode, doch sie hat große Schwierigkeiten, ihre Produktionsziele zu erreichen. Der Besucher erblickt in ihrem Studio weniger als zehn Arbeiter. Wen ist so knapp mit Arbeitskräften, daß sie kaum in der Lage ist, die Verantwortung für Einkauf, Marketing und Verkäufe zu delegieren. "Meine Leute schwirren herum wie die Bienen, nur um die Aufträge für den hiesigen Markt zu erfüllen", sagte sie. "Wenn ich keine finanzielle Unterstützung von großen Textilunternehmen bekomme, wird meine Firma nicht in der Lage sein, Aufträge aus dem Ausland anzunehmen."

Mit der Veranstaltung einer Modewoche, zu der später noch Wettbewerbe für junge asiatische Designer dazukamen, hat der Verband der Textilindustrie die einheimischen Designer bereits stark gefördert.

Die Modejournalistin Hsu Yu-kuei hat Mitgefühl mit den Sorgen und Nöten der Designer, die heftig kämpfen müssen, um aus ihrem Talent Kapital zu schlagen. Doch diese Vision hat ihren Preis gefordert und vielen Designern ihre kreative Energie ausgesogen. "Viele haben einfach aufgehört, sich weiterzuentwickeln", meint sie, "doch ich bringe es einfach nicht übers Herz, ihnen ihren Mangel an neuen Ideen vorzuhalten."

Doch zweifellos hat es auch große Fortschritte gegeben. Noch vor vier Jahren nahmen sich Designs aus Taiwan neben importierter Kleidung aus Japan und Europa ziemlich unvorteilhaft aus, und es war leicht, auf den ersten Blick zu sagen, daß ein Kleidungsstück auf Taiwan hergestellt war. Am häufigsten festzustellen (und zu beklagen) war, daß die Farbzusammenstellungen allzu extrem waren, nämlich entweder grell oder nichtssagend. Außerdem waren häufig die verschiedensten Dekorationsdetails wie etwa Stickereien, Rüschen, Perlen und Rosetten an ein und demselben Kleidungsstück zu finden.

Der leichtere Zugang zu Modeinformationen aus Europa, den USA und Japan hat dazu beigetragen, das Blickfeld von Taiwans Designern zu erweitern. Nicht nur sind heute erheblich mehr ausländische Modemagazine und -kataloge in den Buchläden erhältlich, auch entsprechende chinesischsprachige Hochglanzpublikationen haben einen deutlichen Zuwachs an Zahl und Qualität erfahren. Designer, die nach Anregungen suchen, können auch zum Designzentrum des Textilherstellerverbandes gehen. Das Zentrum hat einen Designerverband organisiert und fungiert als Koordinator zwischen Designern und Textilfabrikanten. Außerdem arrangiert es für Hersteller von Konfektionskleidung die Teilnahme an Handelsmessen im Ausland.

Auch Designer wie Carson Huang, die Design in Paris und Los Angeles studierte, stellen einen Ansporn für aufstrebende Designer dar, die nach mehr kreativem Ausdruck suchen. Und während viele der Versuchung erliegen, ausländische Vorbilder zu imitieren, vermögen diese gleichwohl als eine stimulierende Erinnerung daran zu dienen, daß weniger mehr sein kann. Unzweifelhaft besteht das neue Raffinement, das in den Kollektionen der besten Designer auf Taiwan festzustellen ist, unter anderem auch in einer Vereinfachung und Straffung in Linie und Detail. "Das liegt daran", meint Nadia Lin, "daß die Kunden gleichfalls ihren Geschmack verfeinert haben." Und wie Lin und Carson Huang bestätigen, sehen die Kunden nicht mehr auf Kleider von Designern aus Taiwan herab. Auch Frauen in gehobenen Positionen sind nun bereit, sie zu tragen.

Die Designer erkennen die Tatsache an, daß die Unterstützung des Verbandes der Textilhersteller sie stark gefördert hat. Die "Modewoche Taipei", eine Textilmesse, die gemeinsam von TTF und dem Außenhandelsrat der Republik China (CETRA) veranstaltet und seit 1987 alljährlich abgehalten wird, hat sich für hiesige Designer als Sprungbrett auf die ausländischen Märkte erwiesen. Später, 1989, kam zu den Messeaktivitäten ein "Wettberwerb für junge asiatische Designer" hinzu, der das Ziel hat, das Image von Taiwan als regionales Modezentrum zu verbessern. Auch wird ein Preis für den besten jungen Designer Taiwans zur Anerkennung neuer Talente verliehen. Shen Po-hung, der damals Modedesign am Shih Chien College in Taipei studierte, gewann nicht nur den Preis für junge Designer, sondern belegte auch den ersten Platz im "Wettbewerb für junge asiatische Designer". Der französische Designer Pierre Cardin, der eingeladen worden war, als Ehrengast an der "Modewoche Taipei" und als Preisrichter in den Jurys der Wettbewerbe teilzunehmen, bot Shen einen Ausbildungsplatz in seinem Pariser Atelier an.

Zukünftige Anstrengungen zielen darauf ab, mit der Internationalen Mode Schritt zu halten und gleichzeitig einen eigenen Stil zu schaffen, um International genauso wie zu Hause erfolgreich sein zu können.

Obgleich die Modewoche für die hiesigen Designer den Höhepunkt des Jahres darstellte, hat die TTF nun beschlossen, die Messe nur noch alle zwei Jahre abzuhalten. Wie Phillip Chen von ITF erläutert, konnten die enttäuschenden Geschäftsergebnisse, die die Modewoche erzielte, die Produktionskosten nicht rechtfertigen. Doch der Verband hat die Designer seiner weiteren Unterstützung versichert. Er bietet nun Designern, die ihre Fertigkeiten in den Modehauptstädten der Welt vervollkommnen wollen, Auslandsstipendien im Wert von 15 000 US$.

Teresa Fan ist zuversichtlich, daß die Welt Designer aus Taiwan akzeptieren wird. "Ich glaube nicht, daß wir nicht ebenso gut sind wie die Designer aus anderen Ländern", meint sie. "Solange wir eine Möglichkeit finden können, ausländische Käufer nach Taiwan zu ziehen, sehe ich da keine Probleme." Rom sei schließlich auch nicht an einem Tag erbaut worden, ergänzt Chen. "Es braucht Zeit", sagt er. "Chanel z. B. ist das Ergebnis kontinuierlicher Anstrengungen über Generationen hinweg."

Das Haus Chanel nennt einen sehr charakteristischen und die Moden überdauernden Stil sein eigen. Doch wie wollen sich Taiwans Designer von anderen abheben? Chen ist der Meinung, daß Mode nicht dazu da sein sollte, die Kultur eines Landes zu propagieren. "Wir können versuchen, unseren Designs eine chinesische Note zu geben", meint er, "aber ich glaube nicht, daß in anderen Ländern großes Interesse daran besteht. Es ist engstirnig, darauf zu bestehen, daß Mode aus Taiwan die chinesische Kultur repräsentieren muß." Teresa Fan sieht das aus einem anderen Blickwinkel: sie ist der Ansicht, daß jedes Design, und sei es auch unbewußt, den kulturellen Hintergrund seines Schöpfers widerspiegelt. "Es kann z. B. sein, daß uns die Muster des klassischen Ch'i-p'ao inspirieren, doch wir müssen ihnen nicht wörtlich folgen", erklärt sie.

Chen läßt sich von Fragen über kulturelle Identität in der Mode nicht sonderlich beunruhigen. Seine Hauptsorge ist, daß Taiwans Image als Produzent von Billigstware in anderen Ländern allzu zählebig sein könnte. Daher hat die TTF einen "Abkürzungsweg", wie es Chen beschreibt, als Alternative vorgeschlagen. Der neuen Strategie zufolge sollen Textilhersteller nach Europa gehen und weniger bekannte Marken aufkaufen. "Wir machen dann daraus Marken, die mit Taiwan identifiziert werden", erklärt er.

Die Textilfabrikanten haben sich schon darauf eingestellt. Einem Zeitungsbericht aus jüngster Zeit zufolge produziert ein hiesiger Hersteller seit neuestem in Paris, und seine Kleider werden dort bereits verkauft. Wie die Zeitung berichtet, ist der Besitzer überzeugt, daß in Modedingen der Name Paris verkaufsfördernder ist als so manches andere. Der Bericht fügt hinzu, daß dies ein neuer Trend sein könnte, denn andere Textilhersteller überlegen, ob sie diesem Beispiel folgen sollen. Um ihren Teil zum Großangriff auf Europa beizutragen, erwägt die ITF, europäische Designer nach Taiwan zu holen, um die Reputation Taiwans als Modeland zu heben und die hiesigen Designer dazu zu motivieren, kreativere und verkaufsfördernde Richtungen einzuschlagen.

Taiwans Designer haben noch eine Menge Arbeit vor sich, um sich zu bewähren, speziell auf eigenem Grund und Boden. Doch könnten sie der hierorts verbreitetsten Erfolgsstrategie folgen: heute die Welt, morgen Taiwan. Besser noch, sie könnten Schritt halten mit der internationalen Mode und gleichzeitig ihren eigenen stilistischen Ausdruck finden. Und dann können sie selbst entscheiden, ob sie auf der Chunghsiao East Road bleiben oder zu einem größeren Modezentrum der Welt abwandern wollen.

Nach ihrer eigenen Fasson

Die Modedesignerin Carson Huang hält ihre Kreationen nicht für etwas so Besonderes. Doch ihr Name ist oft der einzige, der genannt wird, wenn das Gespräch auf Designer aus Taiwan kommt, die ihre eigene Handschrift, ihren eigenen charakteristischen Stil haben. Von der "Ecole de la Chambre Syndicale de la Couture Parisienne" in Paris, wo sie Modedesign studierte, ging sie zum "Otis Institute of the Parsons School of Design" in Los Angeles und schloß ihr Studium dort mit einem Bachelor of Fine Arts ab. Sie war eine vielversprechende Studentin und erhielt im Jahre 1983 den Preis für den besten studentischen Designer. 1985 kehrte sie nach Taiwan zurück und etablierte dort, mit Hilfe eines innovativen Kaufhauses in Taipei, ihre eigene Marke: Carson Huang, Taipei.

"Wenn ich anders bin als andere Designer, dann deshalb, weil ich den Mut habe, auszudrücken, was ich fühle", meint sie und fügt hinzu, daß Designer auf Taiwan eher daran interessiert seien, daß ihre Kleider von der potentiellen Kundschaft wohlwollend aufgenommen werden, statt ihre Kreationen als Ausdruck ihrer Persönlichkeit zu betrachten. "Daher sehen ihre Designs alle gleich aus", urteilt sie, "und daher verkaufen sich meine Sachen nicht allzu gut, im Gegensatz zu ihren."

In einem ihrer Kataloge faßt sie ihren Stil kurz und bündig wie folgt zusammen: "Knapp um Schultern und Hüften, und ein schlanker Schnitt für den Körper." Oft hört man die Bemerkung, daß Huang's Designs nur von wenigen Frauen getragen werden können, solchen mit schlanken und zerbrechlich wirkenden Figuren nämlich, mit Hüften, so schmal wie die des Kranichs, und langen, graziösen Schwanenhälsen. Sogar die Größe liegt unter den allgemein üblichen Maßen. Die Farben sind kühl, zurückhaltend und gehen nicht über das Spektrum Blau, Grau, Seladongrün, Graubraun und Elfenbein hinaus. Dies sind die Farben, sagt Huang, die ihr am häufigsten in der Natur und in der traditionellen chinesischen Kunst begegnen. Lebhafte Farbkombinationen oder Mischungen verschiedener Pflanzen- und Blumenmuster haben keinen Platz in ihren Designs.

Huang's Stil ist von großer Einfachheit. Im Gegensatz zu den auf Taiwan vorherrschenden Moderichtungen sind ihre Kleider schlicht und zeigen elegante Zurückhaltung. Im Stil eines Sarong um den Körper gewundene Kleider, vorne oder an der Seite zusammengebunden, kleine dekorative Details an den Ärmelmanschetten und eine entschiedene Abkehr von den üblichen Kragenformen erscheinen wieder und wieder in ihren Kollektionen.

Die langhaarige, 32jährige Designerin fühlt sich wohl in den Kleidern, die sie entwirft. Aber, so sagt sie, nicht sehr viele andere Frauen. "Sie finden meine Kleider zu einfach und zu schlicht. Oft beklagen sich die Leute, daß meine Preise zu hoch seien. Es herrscht die allgemeine Ansicht: je mehr Details an einem Kleid, desto mehr Arbeit war nötig, um es herzustellen, und je unruhiger das Design, desto schöner ist es. Ich betone die Schönheit der Linien. Für mich ist ein Kleid wie eine weiche Skulptur."

In Huang's Design findet man viel künstlerisches Temperament. Ein Beispiel dafür ist das Motiv der Schwertlilien, das in ihrer Frühjahrs- und Sommerkollektion von 1991 auftaucht. Im vergangenen Jahr besuchte sie mehrfach New York, und sie fühlte sich niedergedrückt von dem Schmutz und dem Elend, die dort herrschen. "Ich wollte mein Auge auf etwas Frisches, Helles und Lebendiges richten", erzählt sie. Da dachte sie an die Schwertlilie, deren Blüte während des Frühjahrs auf Taiwan allgegenwärtig ist. Damals war Huang bereits dabei, nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Identität als eine Designerin aus Taiwan auszudrücken, und sie hatte damit begonnen, die Geschichte Taiwans zu entdecken. "Man hat uns nie unsere eigene Geschichte gelehrt", sagt sie. "Ich bin auf Taiwan geboren und aufgewachsen. Was weiß ich schon über die Provinz auf dem Festland, aus der mein Vater stammt?" So kam es, daß die Kragen der Kleidungsstücke in Huang's neuesten Kollektionen die Form von Blütenblättern der Schwertlilie annahmen.

Die Einbeziehung chinesischer Formen ist seit jeher ein auffälliges Kennzeichen von Huang's Designs. Die traditionelle chinesische Architektur und Kunst gehören zu ihren Inspirationsquellen. Traurig darüber, daß Origami, die Kunst des Papierfaltens, auf Taiwan am Aussterben ist, ließ sie ihre Schneiderinnen Stoff in Form von klassischen Origami-Mustern falten, und sie benutzte Origami, um die Kragen von Blusen zu dekorieren. Doch während Huang stolz darauf ist, in ihren Designs dem chinesischen Geist Ausdruck zu geben, ist es gerade dieses Chinesische, das zu einer Barriere zwischen ihr und vielen Kunden geworden ist. Sie ist sich der Tatsache bewußt, daß Frauen auf Taiwan nicht besonders daran interessiert sind, die Aufmerksamkeit auf ihre ethnische Zugehörigkeit zu lenken. Dennoch sagt sie: "Ich will, daß sie sich mit der chinesischen Kultur identifizieren. Viele Leute kleiden sich im westlichen Stil, weil sie Angst haben, zu chinesisch auszusehen."

Huang fügt hinzu, daß Frauen, die Kleider mit einer chinesischen Note ablehnen, sich damit auch von ihrer Identität distanzierten, und das sei für die Entwicklung der Mode auf Taiwan nicht gerade förderlich. "Was wäre ich denn", meint sie, "wenn ich bloß europäische Designs nachahmen würde? Ich wäre wie so viele unserer Designer, die hauptsächlich am Profit interessiert sind. Schlimmer noch, ich würde nie die kreative chinesische Designerin werden, die zu sein ich mich so sehr bemühe."

(Deutsch von Klaus Gottheiner)

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