Yoshikawa begibt sich auf die Suche nach seinem Zimmer und taucht in der Menge unter. Nicht jeder ist ein Kenner kommerzieller Unterkünfte wie er, doch die Entscheidung darüber, wo man absteigen möchte, ist in der Tat ein wichtiger Teil jeder Reise und oft eine der ersten Angelegenheiten, über die man beim Planen einer Reise nachdenkt. Reisende finden häufig, es sei ein guter Anfang einer Tour, wenn ihre Unterkunft schon beim Betreten des Raumes einen guten Eindruck macht. Li An-peng, Inhaber einer Herberge mit acht Zimmern in Taipeh, findet seinen Betrieb zwar relativ klein, doch er gibt Aufschluss über das örtliche Leben und die Kultur. Deswegen kann laut Li selbst eine kleine Klitsche wie seine ihr Bestes tun, den Gästen einen angenehmen Aufenthalt und eine gemütliche, kultivierte Atmosphäre zu bieten. In diesem Sinne repräsentiert Li viele einheimische Wirte, die sich bemühen, ihre Dienstleistungen zu verbessern und ihre Einrichtungen zu modernisieren, um Gäste aus dem In- und Ausland in ihr Etablissement zu locken.
Stanley Yen, den seine Kollegen auch „Pate von Taiwans Gasthausgewerbe“ nennen, ist Präsident des Landis Hotels and Resorts, und nach seinen Worten ist die Entwicklung von Taiwans Unterkunftsgewerbe einzigartig. In seinem Buch The Future that I Foresee nennt Yen dazu drei Entwicklungsphasen. Ab den fünfziger Jahren wurden in Taiwan internationale Hotels gebaut, aber nicht für ausländische Touristen, sondern für hochrangige US-Beamte und Mitglieder der internationalen Medien, die bequeme Unterbringung brauchten. So entstanden Einrichtungen wie das Grand Hotel und der Friends of China Club in Taipeh.
Die zweite Phase begann in den siebziger Jahren, als internationale Markenunternehmen wie die Hilton-Hotelgruppe den Aufbau von Niederlassungen in Taiwan in Angriff nahmen, schrieb Yen. Der Ausbildung des Personals wurde in diesen Hotels viel Aufmerksamkeit geschenkt, mit dem Effekt, dass diese lokalen Niederlassungen eine große Gruppe talentierter Hotelfachleute heranbildeten. In dieser Phase wurden zum Beispiel Management- und Marketingstrategien entwickelt, und die Hoteliers lernten, wie man chinesisches Essen darbietet, so dass es dem Geschmack ausländischer Gäste entspricht, und es wurden professionelle ausländische Discjockeys eingestellt, um das Nachtleben der Gäste zu bereichern. Viele der einheimischen Mitarbeiter wurden später Hotel-Geschäftsführer (General Manager), Resident Manager und Gastronomiemanager, die in diesen internationalen Niederlassungen geschult worden waren.
Die dritte Entwicklungsphase des taiwanischen Hotelgewerbes hing mit dem Wirtschaftsboom in Japan von Ende der siebziger Jahre bis zu den achtziger Jahren zusammen, so Yen. Nach den Worten von Victor Chou, einem erfahrenen Hotelier und derzeit Geschäftsführer des Sherwood Taipei, gab der Anstieg von Besucherzahlen aus Japan dem einheimischen Gewerbe enormen Schub. „Wir hatten nicht genug Hotelzimmer, um alle diese Leute unterzubringen, die da nach Taiwan kamen“, berichtet Chou. Als Reaktion auf diese Lage begann die Regierung, Investitionen in das Gewerbe zu ermutigen, indem niedrig verzinste Darlehen geboten wurden, außerdem eine fünfjährige Steuerbefreiung für neue Hotels und die Erlaubnis, Hotels in Wohngebieten zu bauen. Viele von Taipehs bekanntesten Hotels, darunter Hotel Royal Taipei, Landis Taipei Hotel, Howard Plaza Hotel Taipei und das heutige Sheraton Taipei Hotel profitierten von diesen politischen Maßnahmen.
Während jener Periode wurde der Service in vielen einheimischen Hotels auch „japanischer“, enthüllt Wu Chi-mei, Professorin in der Abteilung für Restaurant- und Hotelwesen sowie institutionelles Management an der Fu Jen Catholic University in Hsinchuang (Landkreis Taipeh). Beispielsweise brachte man den Mitarbeitern bei, sehr „bescheiden“ zu sein, und man achtete auf die Anordnung feiner Dekoration.
Etwas für jeden Geldbeutel: Das Lalu ist ein Hotel internationaler Klasse am Sonne-Mond-See im zentral-taiwanischen Landkreis Nantou. (Foto aus unserem Archiv)
Der Kunde ist König
„Die Leute in Taiwans Dienstleistungsgewerbe lernten, das Prinzip der ,Aufrichtigkeit‘ und die Wünsche der Kunden obenan zu stellen, um so zu versuchen, sich aller Bedürfnisse eines Gastes anzunehmen“, sagt Wu. „Selbst wenn ein Gast einen sehr ungewöhnlichen Wunsch äußerte, taten sie dennoch ihr Bestes für den Kunden.“ Von dieser Periode bis zum Jahr 2006 schien Taiwans Fremdenverkehrsgewerbe wirklich in Schwung zu kommen. Neben Hotels auf internationalem Niveau florierten außerdem Standardhotels und Herbergen für Reisende mit knappem Budget. „Die Entwicklung und das Wachstum von Hotels zu jener Zeit zeigten, dass viele Menschen Taiwan nicht mehr nur als Ziel für Geschäftsreisen betrachteten, sondern auch für Vergnügungsreisen“, interpretiert Victor Chou die Blüte des Gewerbes über die vergangenen 20 Jahre. „1997 kamen 2 Millionen Menschen nach Taiwan. 2006 waren es 3,6 Millionen. Das ist ein ungeheurer Anstieg.“
Seit 2006 ist auf dem Markt für Hotels der internationalen Klasse indes eine Stagnation zu verzeichnen, enthüllt Christina Yeh, Marketingplanerin in der Hotel-, Reise- und Schulungsabteilung des Tourismusamtes. Von 2006 bis 2008 blieb die Zahl internationaler Hotels in Taiwan unverändert bei acht. Zwar laufen Gespräche für neue Jointventures ab 2010, doch laut Yeh halten viele globale Ketten auch nach Gelegenheiten auf dem chinesischen Festland Ausschau.
In seinem Buch warnt Stanley Yeh, eine solche Situation bedrohe die langfristige Entwicklung des Sektors. „Ohne Investitionen von internationalen Hotels können einheimische Unterkunfts-Unternehmen kein Gespür dafür bekommen, was in und was out ist. Das Gewerbe kann wegen fehlender Reize und Konkurrenz durch Markenhotels keine Fortschritte mehr machen, und jungen Leuten, die in das Geschäft einsteigen möchten, entgehen überdies Gelegenheiten, die neuesten Ideen kennen zu lernen und sich Methoden anzueignen, die man im Unterkunftsgewerbe anwendet“, schrieb er.
Die aktuelle Weltwirtschaftskrise hat ebenfalls Auswirkungen auf verschiedene Aspekte des Sektors. „Zwar hat unser Haus einen guten Ruf, und die Gäste kommen regelmäßig wieder, doch viele Konferenzen und Veranstaltungen wurden wegen Budgetknappheit in vielen Branchen wie der Informationstechnologie storniert“, berichtet Ulf Bremer, Geschäftsführer des Far Eastern Plaza Hotel von Shangri-La in Taipeh und seit 22 Jahren im Hotelgewerbe tätig. Bremer hatte in der Vergangenheit unterschiedliche Posten im Sheraton Hotel sowie in Filialen der Ketten Hyatt und Shangri-La in Südostasien, Ostasien, Saudi-Arabien, England und Deutschland bekleidet.
In den jüngsten Jahren bemühte sich Taiwans Tourismusamt, durch eine Steigerung der Touristenzahlen, Verbesserung der Einrichtungen und Verstärkung von Personalschulung den Unterkunftssektor zu unterstützen. Beispielsweise zielten der von 2004 bis 2008 laufende „Plan zur Verdopplung der Touristeneinreisen“ und der „Tour Taiwan“-Plan von 2008 bis 2009 – beide vom Tourismusamt durchgeführt – darauf ab, die internationalen Einreisen zu steigern, indem landschaftlich schöne Stellen auf ganz Taiwan entwickelt und Touristen der entsprechenden Altersgruppe Jugendpässe angeboten wurden. Ein anderes Programm bietet Hilfe für die Betreiber von Hotels der Standardklasse, die ihre Einrichtungen renovieren wollen, wofür der Staat Zuschüsse zur Modernisierung bereitstellt. „Bis März dieses Jahres haben 36 Hotels von unserem Programm profitiert, und viele Hotelbesitzer haben erklärt, nach den Umbauarbeiten hätten ihre Hotels ein komplett neues Aussehen gewonnen“, freut sich David W. J. Hsieh, stellvertretender Generaldirektor des Tourismusamtes. „Dadurch hat sich die durchschnittliche Zimmerquote und Belegungsrate erhöht. Unsere Bemühungen zeigen Wirkung.“ Laut den Zahlen des Tourismusamtes stieg die Auslastung im Monat April bei Hotels der internationalen Klasse von 64,74 Prozent im Jahre 2008 auf 70,59 Prozent in diesem Jahr, bei Hotels der Standardklasse von 61,24 Prozent (2008) auf heuer 64,4 Prozent.
Ein weiterer wesentlicher Durchbruch für den Fremdenverkehrssektor war die Öffnung Taiwans für festlandchinesische Reisegruppen im Juli 2008. Im April 2009 verzeichnete das Tourismusamt 131 464 Besucher aus Festlandchina, für den Vorjahresmonat waren für solche Besucher keine Zahlen festgehalten worden.
Reisegruppen aus Festlandchina wie hier am Chengching-See im Landkreis Kaohsiung sind für das taiwanische Unterkunftsgewerbe ein willkommenes Geschäft. (Foto: Central News Agency)
Drei Sterne kommen gut
Wu Da-wei, Reiseführer beim Reisebüro I-Huan in Taipeh, das sich auf Reisen zwischen Taiwan und Festlandchina spezialisiert hat, teilt mit, dass die meisten festlandchinesischen Reisebüros für Unterbringung in Taiwan Dreisternehotels außerhalb der großen Städte bevorzugen, um die Reisekosten zu senken. Infolgedessen erleben Dreisternehotels dank der steigenden Zahlen festlandchinesischer Touristen eine Blüte, wogegen Fünfsternehotels nur wenig davon profitieren, so Wu.
Wu Chi-mei sagt, dass im Allgemeinen das Niveau von Taiwans Hotels hoch sei, doch manche Aspekte des Gewerbes hätten noch einen weiten Weg vor sich, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. „Insgesamt sind die Marketingstrategien und die Einrichtungen mit denen in anderen Ländern auf gleicher Höhe“, urteilt sie. „Unternehmen im lokalen Unterkunftssektor haben sich in wirtschaftlich guten und schlechten Zeiten beim Werben um Kundschaft sehr angestrengt, so dass man manchmal Viersternezimmer und -service zum Zweisternepreis bekommen kann, wenn man online ein bisschen nach guten Angeboten sucht. Es besteht jedoch dringender Bedarf dafür, ein objektives Hotelbewertungssystem aufzubauen.“ Das derzeitige Fehlen eines standardisierten Einstufungssystems bedeute, dass viele Reisende keine Ahnung hätten, ob das Hotel, das sie buchen, geeignet wäre oder nicht.
„Tatsächlich wurde 2008 von einer Gruppe von Leuten aus dem akademischen Bereich und dem Hotelgewerbe ein Bewertungssystem aufgebaut“, enthüllt Huang Yu-chen, Direktor des Hotelinspektions- und Aufsichtszentrums im Tourismusamt. „Wir suchen nach einer nichtstaatlichen Organisation, welche die Bewertungen in die Praxis umsetzt und ausführt. Wir versuchen sogar, die bescheidensten Einsternhotels zu überreden, sich an dem System zu beteiligen, und wir ermuntern andere Hotels, sich in- oder ausländischen Hotelketten anzuschließen, damit sie internationale Standards erfüllen und ihr professionelles Niveau verbessern können.“
Auf der Grundlage von Anstrengungen zur Aufwertung von Taiwans Unterkunftsgewerbe wurde im Januar dieses Jahres der „Plan für erstklassigen Tourismus“ gestartet, eine vierjährige Initiative zur Schulung von Personal in der Branche über Dinge wie Hygiene, Höflichkeit und taiwanische Kultur, um die Servicequalität zu steigern. Ein Teil der Initiative besteht darin, Hotelbesitzer zu ermutigen, Zertifizierung von der Internationalen Standardisierungs-Organisation (International Organization for Standardization, ISO) zu erlangen, desweiteren Systeme zur Verbesserung der Nahrungsmittelsicherheit wie Gefahrenanalyse kritischer Kontrollpunkte (Hazard Analysis Critical Control Points, HACCP) aufzubauen und Umweltschutz durch die Einführung von Taiwans GreenMark-System zu verbessern.
2007 war das Far Eastern Plaza Hotel in Taipeh von der Shangri-La Hotels and Resort Group das erste Hotel in Taiwan sowie das zweite innerhalb der Kette Shangri-La, das ein HACCP-Zertifikat erhielt, 2008 kamen ein ISO22000-Zertifikat und ein Green Hotel Award vom GreenMark-System hinzu. „Mit diesen drei Zertifikaten führt dieses Hotel seine Entschlossenheit vor, den Gästen den besten Service zu bieten, indem die höchsten Standards zur Nahrungsmittelsicherheit und eine umweltfreundliche Geschäftspolitik aufrechterhalten werden“, prahlt Geschäftsführer Ulf Bremer. „Ich denke, die Gäste können merken, wie viel Mühe wir da aufgewandt haben.“
In diesem Hotel mit heißen Quellen in Wulai (Landkreis Taipeh) können die Gäste ihr Bad in frischer Bergluft unter freiem Himmel genießen. (Foto aus unserem Archiv)
Den Herausforderungen gerecht werden
Ungeachtet des gegenwärtigen Wirtschaftsklimas ist der Herbergsbesitzer Li An-peng zuversichtlich, dass die einheimischen Betriebsinhaber im Hotelgewerbe einen Weg finden können, die Herausforderungen zu meistern. „Wenn wir in der Vergangenheit mit Problemen zu kämpfen hatten, wusste man immer, dass es einen Silberstreif am Horizont geben werde“, philosophiert er. In der Tat belegen die vielen unterschiedlichen Arten von Unterkünften wie Boutique-Hotels, Freizeitfarmen und Gästehäuser, die in Taiwan verfügbar werden, die Tatkraft, Handlungsbereitschaft und den Einfallsreichtum der Geschäftsinhaber. Während manche Hotels ihre Einrichtungen aufwerteten und die Zimmer neu ausstatten ließen, um Gäste anzulocken, konzentrierten sich andere auf einen hohen Dienstleistungsstandard, damit die Gäste nie das Gefühl haben, weit vom Komfort ihrer eigenen vier Wände entfernt zu sein.
„Die Mitarbeiter haben viel Erfahrung beim Reisen, deswegen wissen sie genau, was ich brauche“, versichert Jacob Neumann, Qualitätskontrolleur einer US-amerikanischen Informationstechnologiefirma auf Geschäftsreise, der im Boutique-Hotel Villa 32 in Taipeh abstieg. „Zwar würde ich gern ein taiwanisches Frühstück probieren, aber je länger ich hier bleibe, desto mehr fehlt mir trotzdem ein westliches Frühstück. Das Personal hier weiß, wie ich mich fühle, deswegen versorgt man mich immer mit meinen Lieblingsspeisen.“
Manche Fünfsternehotels diversifizieren überdies ihren Markt, indem sie in unterschiedliche Arten von Hotels investieren. Im Juni dieses Jahres wurde beispielsweise ein Just Sleep Hotel („Nur schlafen-Hotel“) mit 70 Zimmern für Geschäftsleute durch das Grand Formosa Regent Taipei des Unternehmens Formosa International Hotels Corp. eröffnet. „Das Grundkonzept hinter der Just Sleep Hotel-Kette ist Service für Geschäftsreisende, die nach hochwertiger Unterbringung, guter Lage und Bequemlichkeit zu günstigem Preis suchen“, beschreibt Amy Hsueh, Generaldirektorin des Grand Formosa Regent Taipei. „Die Hotelkette ist positioniert gemäß den attraktiven 3B (Englisch: bed, bath and breakfast; Deutsch: Bett, Badezimmer und Frühstück) und den 3S (Englisch: small, stylish, and smart; Deutsch: klein, modisch und klug). Die Gäste erhalten Service in Fünfsternequalität zu vernünftigen Preisen von nur 2500 bis 3000 NT$ (54-65 Euro). Die kommenden fünf bis zehn Jahre werden entscheidend für die Entwicklung von Taiwans Fremdenverkehrsgewerbe sein, da die Branche sich verändert. Wir hoffen, dass die Regierung die aktuellen Bestimmungen ändert und Einzelreisenden vom chinesischen Festland Besuche in Taiwan erlaubt. Das würde dem Fünfsternehotel-Geschäft des Landes großen Schub geben.“
Wachsende Zahlen festlandchinesischer Touristen, die nach Taiwan reisen, könnten durchaus eine gute Gelegenheit bieten, die Energie, Kapazität und Fähigkeiten des einheimischen Unterkunftsgewerbes auf die Probe zu stellen. Zusätzlich könnten andere grundlegende Veränderungen zur Verbesserung des Managements und der Einrichtungen in der ganzen Hotelbranche sich langfristig als Segen erweisen. „Wir können diese Lage nutzen, um Arbeit nachzuholen, die wir in der Vergangenheit versäumt haben“, regt Chang Xue-lao, Präsident des Touristenverbandes Taiwan, an. „Langfristig sollten wir jedoch nicht die internationalen Touristen wie Japaner, Koreaner, Hongkong-Chinesen, Singapurer und sogar Amerikaner und Europäer außer Acht lassen. Unser Unterkunftsgewerbe kann gedeihen, indem wir Besucher aus der ganzen Welt herbeiholen.“
(Deutsch von Tilman Aretz)