Ich blickte über die Straße zu ihm hin, sah, wie die Mutter es am Ellbogen packte, in die Höhe riß und ausschalt, der Schweiß lief mir den Rücken hinab, "konzentrier dich!", raunte ich mir zu, aber ich konnte die Sache - genauer: den Stadtplan - drehen und wenden wie ich wollte, ich hatte mich tatsächlich verlaufen. Während drüben die Mutter das Mädchen an der Hand hinter sich herzog, war ich nahe daran, jemanden anzusprechen, ihn nach dem Weg zu fragen, doch mein Stolz ließ das nicht zu. Hsin-chung-chieh ("Neue Mitte-Straße") stand auf dem Zettel, den ich zum x-ten Mal aus meiner Hosentasche zog. Ich verfluchte den Stadtplan, die hohe Luftfeuchtigkeit, meine Hartnäckigkeit und sämtliche Autos, die in abenteuerlichem Tempo vorbeirasten.
"Schneller, schneller!" sagte ich in Anbetracht der bereits dreiviertelstündigen Verspätung zu mir selbst, ich wich einer Garküche aus, die das Trottoir blockierte, befand mich plötzlich auf der Fahrbahn, ein Lastwagen hupte mir die Ohren voll, dann entdeckte ich eine Getränkereklame, der auf mir lastende Druck verflüchtigte sich, ich hatte unvermittelt das Gefühl, dem Ziel nahe zu sein, und siehe da, bei der nächsten Querstraße (Hsin-chung-chieh las ich lächelnd), war mein Irrmarsch zu Ende.
Hung Mei-ling begrüßte mich höflich, bot mir sofort etwas zum Trinken an, sie habe schon Angst gehabt, es sei etwas passiert, man könne nie wissen beim Taipeier Verkehr. Nachdem sie die Klimaanlage eingeschaltet hatte, setzte sie sich zu mir. "Ruh dich ein wenig aus, die Arbeit kann warten." Ich lehnte mich zurück. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf, bizarre Landschaften in kühlen Farbtönen, kristalline Formen, am Boden zerborstene Objekte, Schründe, Klüfte, Fasern sowie Gesteinsmassive mit Ecken und Kanten. Großflächige Bilder, darauf höhlenartige Durchgänge, Grotten im Zwielicht, eine Atmosphäre wie im Inneren von Kathedralen. Bilder einer Serie mit dem Titel "Auf der Suche nach dem Weg" (Hsün-tao 尋道), nirgends Tiere, keine Menschen, nur Blöcke, Steine, Quader - in sakralem Schimmer versunken. Hung Mei-ling's Bilder.
Sie, die erst spät, mit über dreißig Jahren, zu malen begonnen hat, zuerst in Taipei, dann in San Francisco in den Genuß einer Kunstausbildung gekommen ist; sie, deren Lebenslauf nach der Mittelschule sowie dem Seminar gute zwanzig Jahre Lehrerfahrung (an verschiedenen Grundschulen) umfaßt und der sie zum Kunststudium nach San Francisco bzw. zum Master Of Fine Arts geführt hat; diese Hung Mei-ling begnügt sich mit einem bescheidenen, fast asketischen Lebensstil und widmet sich unermüdlich ihrer großen Leidenschaft, der Malerei.
Passion und Hingabe sind Schlüsselworte zu Hung Mei-ling's Schaffen, das sich in einer schnellebigen Zeit voller Konsum, Mode und Wegwerfmentalität weder mit kommerziellen Zielen noch mit Fast-Food-Philosophie zufrieden geben will, sondern auf Langfristigkeit, Kontinuität und allmähliches Wachstum baut. Allein schon ihr Arbeitstempo widerspricht dem Geist unserer Zeit: Zwei Monate benötigt sie im Schnitt für ein einziges Gemälde, hundert Bilder soll der gesamte Zyklus dereinst umfassen - das rechnet sich! Von Ruhm will sie nichts wissen, Geld bedeutet ihr nichts, nur die Passion treibt sie voran, das Sehnen nach innerer Erkenntnis, wohl auch die Hoffnung, einem dauerhafteren als dem nur materiellen Glück zu begegnen.
Ihre Hingabe an die Malerei wird spürbar in der Art, wie sie ihre Bilder ins Zimmer trägt, eins ums andere, ruhig, gelassen, voller Wärme, und die Behutsamkeit, mit der sie die monumentalen Gemälde vor mir an die Wand stellt, räßt in meinen Augen den Nimbus einer Nonne entstehen, die sich dem Heiligen geweiht, ihr ganzes Sein dem Göttlichen verschrieben hat.
"In kühlen Farbtönen gehaltenes Riesenspielzeug"
Bild um Bild entfaltet sich so vor dem Betrachter das Panorama eines sakralen Buches, nur sind es gemalte Seiten, die hier von der Künstlerin umgeblättert werden, Fresken einer vergangenen Zivilisation, entvölkerte Städte, Bühnen verlassener Kultstätten, erstarrte Haine, in kühlen Farbtönen gehaltenes Riesenspielzeug - zu groß für den Menschen, unnahbar, auf seltsame Weise entrückt, entziehen sich Hung Mei-ling's Innenwelten jeglicher Klassifizierung, kristalline Schichten scheinen aus dem Unbekannten (oder Unbewußten) hervorzubrechen, ja, es sind Mäander eines dem Wort entwachsenen Raumes, die sich vor mir auftun, unsagbare Weisen, kaum wahrnehmbare Tiefentöne.
"Kristallisation und Erstarrung", denke ich, doch wie reimt sich das mit Hingabe und Passion zusammen? Ein unlösbarer Widerspruch? Ambivalent, paradox, der Künstlerin nicht würdig? Oder besteht mein Problem darin, daß ich eine Verschmelzung von Person und Werk, eine Einheit der Künstlerin und ihrer Kunst verlange, die es nicht gibt, nicht geben kann?
"Schluchten, Terrassen und das Meer"
Wir diskutieren. Hier in diesem Bild sind in rote Lava einbalsamierte Zweifel eingeflossen, Produkte eines inneren Kampfes, ob Hung Mei-ling in Amerika bleiben soll oder ob sie nach Taiwan zurückkehren will. Da haben sich Räume eingeschlichen, die in den USA zu lokalisieren sind, Zimmer, ein Saal. Dort die Felsen der Ostküste Taiwans rund um Hualien, Schluchten, Terrassen und das Meer. Ein weiteres Gemälde erinnert an das Eingangsportal einer Kathedrale, Notre Dame, wenn ich mich nicht täusche - aber ist sie nun tatsächlich dagewesen, hat sie das Gebäude selber betreten, oder war es nur im Traum? "Unwichtig, alles unwichtig! So findest du den Zugang zu ihren Bildern nie!", sage ich mir. Nur, wie dann?
Vergiß Logik und Verstand, Intuition ist gefragt, ein "Sich-in-diese-Bildwelt-Einfühlen", Hingabe des Betrachters! Was nicht zu dem Fehlschluß verleiten darf, daß Chinesinnen Hung Mei-ling's Bilder besser verstünden, nein, im Gegenteil: "Sie fragen mich, was das Ganze soll", meint die Künstlerin, und die durch das Unverständnis ihrer Landsleute verursachte Enttäuschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Hung Mei-ling verweist auch auf ihre Nähe zur traditionellen Malerei, vor allem im Entstehungsprozeß der Bilder, wie sie mit schwarzer Farbe beginne, dann gewisse Farben herauswasche, zuletzt bestimmte Linien betone. Gleichzeitig ist ihr klar, daß der überwiegende Teil ihrer Technik (das Material etwa oder ihr Gebrauch der Perspektive) völlig der westlichen Malerei entlehnt ist. "Ich denke", schreibt sie in einem kurzen autobiographischen Text, "daß ich in meinen Bildern zwei Kulturen kombiniert habe."
Was den Zugang zu ihrer Kunst erschwert, liegt anderswo: Nach längerer Beschäftigung mit ihren Werken, beim wiederholten Betrachten ihrer Gemälde filtere ich eine stilistische Besonderheit aus Hung Mei-ling's Innenlandschaften heraus: Ornamente - schindelartig angeordnete Blätter beispielsweise - finden sich auf vielen Bildern. "Vor dem da könnte man gut meditieren", kommentiere ich das Gemälde, das sie soeben vor mich hingestellt hat. "Meinst du wirklich?" Dann erzählt sie mir, wie eng ihre Arbeitsweise mit der Meditation verwandt sei: "Oft knie ich mich nieder beim Malen, ganz nah vor die Leinwand, pinsle dann Strich um Strich, die Zeit scheint stillzustehen, und wenn ich kleine Figuren - wie diese steinernen Objekte da - male, dann denke ich an Menschen, Personen, die ich schätze, ordne sie einem der Objekte zu, das da ist ein Bekannter, hier einer aus meiner Familie, ..." Fasziniert höre ich zu. Ist das nicht eine exakte Umschreibung von "Kristallisation"? Eröffnet sich hier gar eine Perspektive, die uns zur Alchemie hinführt? Das Herausdestillieren eines geistigen Lebenselixiers, nur heutzutage nicht vom Gelehrten, vom Wissenschaftler des Mittelalters etwa, sondern von der Künstlerin in Angriff genommen? Und die Erstarrung? Genau wie beim von den Alchemisten anvisierten Gold ein Symbol, das hinter der Stofflichkeit des Elementes gesucht werden muß? Das Telefon, das in Hung Mei-ling's Atelier klingelt, bringt mich auf den Boden der Realität zurück. Ohne es zu merken, betrachte ich seit geraumer Zeit ein neues Bild, das die unermüdliche Malerin hereingetragen hat. Da ist es wieder, das Leitmotiv, das so eng mit dem Titel ihrer Gemäldeserie zusammenhängt:
"Auf der Suche nach dem Weg", doch was mir in die Augen sticht, ist nicht der Weg, der auf allen Bildern zu finden ist, sondern seine Beschaffenheit: Oft gleicht er einer Mauer! "Siehst du, am Fuße dieses mauergleichen Weges; all die kleinen Dinge da vermitteln mir den Eindruck von Lebewesen auf einer überfüllten Allee, Menschen, die sich in brodelnden Straßenschluchten verlieren, Tiere in einem Dschungel; und dahinter, hoch über ihren Köpfen jener leere reine Weg - wie ein entrücktes Ideal, unerreichbar für uns alle."
Hung Mei-ling nickt. Ja, sie habe solche Ansprüche an sich selbst, überfordere sich damit sicher. Doch wenn sie unruhig, gereizt sei, dann beginne sie zu malen, versenke sich ganz in den Schaffensprozeß, das sei ihre Religion. Das, was die Gesellschaft normalerweise unter dem Begriff Religion verstehe, empfinde sie als unakzeptierbaren Lösungsversuch, da sei das Ideal noch höher, noch entrückter, völlig unerreichbar.
Hingabe - Meditation - Erstarrung; sind das die Stufen hin zum Verständnis von Hung Mei-ling's Schaffen? Das "Sich-Verlieren" an die Malerei, das durch die meditativen Eigenschaften ihrer Kunst hervorgerufene "Sich-Entfernen" von sozialen Normen, schließlich das Aufgehen in kristallinen Seelenlandschaften, die uns Unerreichbarkeit suggerieren - reichen solche Sätze aus, uns die Besonderheiten einer eigenartigen Künstlerin zu erklären? Jener Hung Mei-ling, deren unverwechselbare Arbeiten ihre Unverwechselbarkeit eben gerade dem "Sich-Abwenden" vom Wort, der Abkehr vom Faßbaren verdanken? Und ist ihr "leerer reiner Weg", der da entrückt über den Köpfen der Menschen thront, vielleicht einfach der fundamentale Anspruch, den die Kunst an ihre Jünger stellt, der auf jedem anderen Gebiet außerhalb ihres Geltungsbereiches (Religion oder Politik etwa) schlichtweg verheerend wäre?
Doch lassen wir die Spekulationen beiseite, wenden wir uns wieder Hung Mei-ling selber zu, genießen wir die chinesischen Ravioli, die sie uns auftischt, trinken wir ein Täßchen Tee mit ihr und beschließen wir so den im Nu verflogenen Nachmittag bzw. den bereits angebrochenen Abend.
Hung Mei-ling begleitet mich zur Bushaltestelle um die Ecke, Autos rasen vorbei, die Luft ist feucht und schwer, der Bus will und will nicht kommen, plaudern wir ruhig weiter, von irgendwoher werden salzige Gerüche herangeweht, man meint, das Meer riechen zu können, die Leuchtreklamen verlieren ihren Glanz, Landschaften tun sich vor mir auf, am Boden zerborstene Objekte, Grotten im Zwielicht, kristalliner Schimmer. "Der Bus kommt", höre ich die Künstlerin sagen, und durch das Quietschen der Bremsen hindurch verspüre ich den Rhythmus einer mir noch fremden Zeit.
Biographische Daten zu Hung Mei-ling:
Geburtsdatum: 23. 9. 1940
Geburtsort: Kuang-chou
Ausbildung:
Pädagogische Fachhochschule, Hualien, 1959
Kunstakademie Taipei, 1981
San Francisco Art Institute, San Francisco 1984
Lehrtätigkeit:
Chou-hua-Grundschule, Hualien, 1959-1964
St.-Josephs-Grundschule, Hualien, 1964-1966
Kuan-ren-Grundschule, Taipei 1972-1981
Gruppen-Ausstellungen:
Contributor Spring Show, San Francisco Art Institute 1980 und 1982
Walter & McBeans Galleries, San Francisco 1983 und 1987
Diego Rivera Gallery, San Francisco, 1985
Fort Mason, San Francisco 1985
Einzel-Ausstellungen:
1985: The Lab Gallery, San Francisco, 1985
Städtische Kunsthalle, Taipei 1985
Wohnblock Nummer 2, Taipei, 1990
Sammlungen: Brobeck, Phleger & Harrison, San Francisco