Taiwan verdankt einen großen Teil des wirtschaftlichen Erfolges der vergangenen Jahrzehnte seiner Arbeiterschaft. Niedrige Lohnkosten, hohe Produktivität und nur vereinzelte Fälle von Arbeitsniederlegungen beschleunigten die Schritte des Landes auf seinem Weg zur Industrialisierung. Einige Kritiker behaupten, daß die Konzentration der Regierung auf Produktionserhöhung eine nur begrenzte Aufmerksamkeit für die Rechte der Arbeiter zuließ und die Beschränkungen, denen eine gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterschaft von seiten der Betriebsleitungen unterworfen war, sanktionierte. Wie dem auch immer gewesen sein mag, die Verhältnisse zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sind durch die sozialen und politischen Reformen, vor allem die Aufhebung des Kriegsrechts im Juni 1987, sowie durch Verschiebungen in der wirtschaftlichen Struktur neu definiert worden. Mit den Gewerkschaften als Sprachrohr fordern die Arbeiter höhere Löhne, bessere Sozialleistungen und größere Anerkennung ihrer Rechte ein.
In den Frühphasen der Entwicklung, als Taiwan noch eine überwiegend agrarische Gesellschaft war, verlangten Arbeiter im allgemeinen wenig mehr von den Fabrikbesitzern als ihre Löhne. In vielen Familien wurden die Fabriklöhne mit Einkünften aus der Landwirtschaft aufgebessert, und von vereinzelten Zwischenfällen abgesehen fanden sich die Arbeiter mit schlechten Arbeitsbedingungen und Niedriglöhnen ab. Wenn sie ihre Anstellung in der Fabrik verloren, gingen sie einfach wieder auf ihre Felder zurück.
Vor fünfzehn Jahren schließlich übernahm die Industrie von der Landwirtschaft die Rolle der für den Lebensunterhalt wichtigsten Einnahmequelle, und für eine wachsende Zahl von Arbeitern, die vom Land in die Städte abwanderten, gab es kein Zurück mehr. "Die Arbeiter von heute sind anders", stellt Yao Chang-lin (姚江臨), Präsident des Arbeiter-Freundschaftsbundes bei der Taiwan Power Company (Taipower), einem Staatsunternehmen, fest. "Wir verdienen unseren Lebensunterhalt in der Stadt. Wir sind Städter in zweiter Generation und haben unsere Wurzeln in der Stadt. Wir können nicht aufs Dorf zurückgehen, und wir wollen unsere Arbeitskraft auch nicht für Hungerlöhne verkaufen. Es ist an der Zeit, daß wir ein größeres Stück vom Kuchen bekommen."
Die Arbeiterorganisation von Taipower war ursprünglich eine der Gewerkschaften, die im Untergrund unter der Bezeichnung "Freundschaftsbund" operierten. Diese Zusammenschlüsse organisierten aktiv die Unterstützung der Arbeiterschaft für die Reformen in der Zeit nach der Aufhebung des Kriegsrechts. Wegen der wachsenden Unzufriedenheit der Arbeiter mit den offiziellen Gewerkschaften, die mit der Regierung zumeist in enger Verbindung standen, gewannen die Freundschaftsbünde mehr und mehr Mitglieder und konnten ihre Aktionen wirksamer organisieren.
"Einige von uns haben sich 1988 in den Wahlen zum Vorstand der Taipower-Gewerkschafi als Kandidaten aufstellen lassen", sagt Yao. "Ich bin bereits Vorstandsmitglied, und ich bin ziemlich sicher, daß Mitglieder unseres Bundes in den Wahlen im Februar 1991 die Kontrolle über die Gewerkschaft erhalten werden." Taipower hat mehr als 31 000 Beschäftigte, 28 000 davon sind in der Gewerkschaft organisiert. Der Arbeiter-Freundschaftsbund hat gegenwärtig etwa 10 000 Mitglieder.
Yao, Absolvent der Berufsschule und Vater von fünf Töchtern, arbeitet seit 1972 für Taipower, an den gewerkschaftlichen Aktivitäten beteiligt er sich jedoch erst seit 1988. Das war das Jahr, als die Mitglieder der Vereinigung den ersten Kampf mit ihren Arbeitgebern ausfochten - mit Taipower und dem Ministerium ftir Wirtschaftliche Angelegenheiten.
Damals gab es in der Lohnstruktur verschiedener staatlicher Unternehmen, die dem Wirtschaftsministerium unterstellt sind, beträchtliche Unterschiede. Ein Techniker, der die Oberschule abgeschlossen hatte, konnte bei Taipower nur umgerechnet 490 US$ pro Monat verdienen, während derselbe Techniker bei der Taiwan Railway Administration, die der Abteilung für Kommunikation untersteht, 240 US$ pro Monat mehr erhielt. "Wir fanden diese Lohnunterschiede äußerst ungerecht", erklärt Yao, "also haben wir um eine Überprüfung der Lohnstruktur von Taipower gebeten. Aber man hat uns abgewiesen."
Daraufhin rief die Organisation die Taipower-Beschäftigten im ganzen Land dazu auf, sich nötigenfalls an einem Streik zu beteiligen. Die Geschäftsleitung und das Wirtschaftsministerium beugten sich, und der Mindestlohn wurde auf monatlich 655 US$ angehoben. "Das war weniger als wir erwartet hatten, aber wir waren froh, selbständig herausgefunden zu haben, wie gut ein gemeinsames Vorgehen funktioniert", sagt Yao. Die Verhandlungen dauerten weniger als zwei Monate, und der Nutzen dieses Vorstoßes blieb nicht auf die Arbeiterschaft von Taipower beschränkt. In den anderen Unternehmen, die unter der Verwaltung des Wirtschaftsministeriums stehen, werden nun die Mindestlöhne in derselben Höhe gezahlt wie bei Taipower.
Dieser Anfangserfolg hat die Arbeiter von Taipower ermutigt, weitergehende Forderungen zu stellen. Mal ging es um bessere Bezahlung, ein anderes Mal um sehr viel mehr. Der Arbeiter-Freundschaftsbund von Taipower kämpft, so Yao, um die Würde des Arbeiters, um Aufstiegsmöglichkeiten und um die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Die Mitglieder sind stolz auf den Beitrag, den sie zum Wachstum des Unternehmens geleistet haben, und machen ihr Recht auf Beteiligung am Gewinn geltend. Das Kapital von Taipower beträgt 19 Milliarden US$; der Nettogewinn im Jahre 1989 lag bei 1,03 Milliarden US$.
Für viele Arbeiter auf Taiwan bedeutet Gewinnbeteiligung einen guten Bonus am Ende des Jahres, dessen Höhe die Stellung des Empfängers in seiner Firma und seine Arbeitsleistung widerspiegelt. Im Schnitt reicht der Umfang der Zahlung von einem Monatslohn in Kleinfirmen bis zu sechs Monatsgehältern in florierenden Großunternehmen. Am chinesischen Neujahr, von alters her die Zeit, zu der die jährliche Sondervergütung überreicht wird, vergleichen Verwandte, Freunde und Kollegen die Beträge.
"Vor zwei Jahren habe ich mich sehr geschämt, meiner Mutter erzählen zu müssen, daß ich nur 70 Prozent meines Monatsgehaltes als Bonus erhalten hatte, und das trotz einer 'A'- Wertung meiner Arbeitsleistung", erzählt Yao. Letztes Jahr dagegen bekam er mehr als zwei Monatslöhne.
Der Freundschaftsbund hat gelernt, daß die Drohung mit einem Ausstand nur eine Methode zur Sicherung höherer Löhne und Sonderzahlungen ist. Die Arbeiter haben auch die Kunst gemeistert, Abgeordnete des Legislativ-Yüans (Parlament) mit ihren Problemen anzugehen. "Manchmal ist argumentative Kommunikation ein wirksameres Mittel", erläutert Yao.
Für das Ende des Rechnungsjahres 1990 stand dem Zusammenschluß ein neuer Kampf bevor. Taipower hatte seine Nettogewinne für das Rechnungsjahr 1991 auf 620 Millionen US$ geschätzt. Diese Zahl wurde auch vom Wirtschaftsministerium an den Legislativ-Yüan übermittelt, der jedoch im Haushaltsplan 1,1 Milliarden festgeschrieben und damit den ursprünglichen Betrag nahezu verdoppelt hatte. Sowohl Geschäftsleitung als auch Arbeiterschaft waren der Meinung, daß diese Summe unmöglich zu erwirtschaften sei, und sahen den Verlust von Sonderzulagen und Lohnerhöhungen voraus. Die Arbeiterorganisation schickte daraufhin einige Mitglieder zum Legislativ-Yüan, die die Abgeordneten in einer Petition um die Verringerung der angepeilten Gewinnhöhe baten. Bei der dritten Lesung des Haushalts entschied das Parlament dann, die Vorausberechnung des Nettogewinnes um 100 Millionen US$ zurückzunehmen, was den Druck nicht nur auf die Arbeiterschaft, sondern auf die Firma als ganzes milderte.
Zwar lassen die Errungenschaften des Arbeiter-Freundschaftsbundes von Taipower positive Aussichten für die Wirksamkeit von Arbeiterorganisationen auf Taiwan erwarten, doch ist diese Organisation gleichwohl nicht repräsentativ für den Bereich der Privatwirtschaft. Noch kann man von der nachgiebigen Haltung der Regierung gegenüber den Forderungen des Interessenverbandes nicht auf staatliche Handlungsweisen bei Kontroversen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern des Privatsektors schließen. Da also hinsichtlich der Schlagkraft von Arbeitnehmervertretungen in Staatsbetrieben auf der einen Seite und in privaten Firmen auf der anderen Seite ein großer Unterschied besteht, hat die Regierung jedoch Arbeitsgesetze erlassen, die die Rechte aller Arbeiter schützen und ihr Wohlergehen sichern.
Arbeitsgesetze gibt es in der Republik China bereits seit 1929, beginnend mit dem Gewerkschafts- und dem Fabrikgesetz. Danach folgten das Schlichtungsgesetz (1930), das Gesetz zur Überprüfung von Produktionsstätten (1931), das Gesetz über den Fonds für die Arbeitnehmer-Wohlfahrt (1943), das Gesetz über die Versicherung der Arbeitnehmer (1958), das Gesetz über Arbeitsschutz und Gesundheit (1974), das Gesetz zur Berufsausbildung (1983) und die Grundlegenden Bestimmungen für die Arbeitswelt (1984), die für einzelne Problembereiche eines Arbeitsverhältnisses wie Entlohnung, Arbeitszeiten und Arbeitsverträge Mindestanforderungen festgesetzt und allgemein verbindlich gemacht haben. Die Gesetze wurden über die Jahre revidiert, um sie den veränderten Zeiten anzupassen. Das Schlichtungsgesetz beispielsweise wurde in den Jahren 1932, 1943 und 1988 überarbeitet.
Ein anderes Beispiel ist das Gesetz über den Fonds für Arbeitnehmer-Wohlfahrt, das ein Unternehmen mit fünfzig oder mehr Beschäftigten verpflichtet, für diese einen Fonds einzurichten, der Aufgaben der Fürsorge finanziert. Dieses Gesetz ist im Jahre 1943 verkündet und seither nur einmal, im Jahre 1948, revidiert worden. Das Gesetz über Gemeinsames Einverständnis, das neben einzelnen Bestimmungen zum Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vorschreibt, daß dessen vertragliche Ausgestaltung vom Arbeitnehmer auf der Grundlage der ihm gesetzlich zugesicherten Rechte mitgestaltet und das Ergebnis schließlich amtlich überprüft werden soll, ist noch nicht überarbeitet worden, seitdem es 1932 in Kraft getreten ist. In den meisten Firmen wird das Prinzip des "gemeinsamen Einverständnisses" noch immer so gehandhabt, daß die Geschäftsleitung die Regeln festlegt und dann erwartet, daß sie von den Mitarbeitern befolgt werden.
Aber der neue Schwung der Arbeiterorganisationen in den letzten Jahren und die energische Unterstützung durch Akademiker und Gewerkschaftsaktivisten haben die Regierung veranlaßt, die entsprechenden Gesetze auf den neuesten Stand zu bringen. "Wenn die Regierung nicht will, daß die Menschen das Recht mißachten, dann muß es möglich sein, die Gesetze einzuhalten. Die Regierung analysiert die neuesten Entwicklungen und Veränderungsvorschläge und erläßt daraufhin neue Gesetze oder revidiert bestehende, um zu gewährleisten, daß sie angewendet und eingehalten werden können", sagt Chao Shou-po(趙守博), Vorsitzender des Rates für Arbeiterfragen im Exekutiv-Yüan.
Vor allem in Reaktion auf ein wachsendes Bewußtsein der Arbeiterschaft hat der Exekutiv-Yüan im August 1989 die "Abteilung für Arbeiterfragen" im Innenministerium zum "Rat für Arbeiterfragen " erhoben und unter seine direkte Jurisdiktion gestellt. Der Rat ist diejenige Körperschaft, die alle Abteilungen und Behörden mit Zuständigkeiten im Bereich der Arbeitswelt auf lokaler Ebene koordiniert. Sein Ziel ist die Förderung der sozialen Fürsorge für Arbeiter und harmonischer Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Daneben versucht er, die Rechte der Arbeiter zu wahren und die Arbeitsproduktivität und berufliche Fertigkeiten zu erhöhen.
Das Gewerkschaftsgesetz garantiert den Arbeitern das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und zu streiken. Das Schlichtungsgesetz regelt Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und der Geschäftsleitung. Und die Grundlegenden Bestimmungen für die Arbeitswelt garantieren angemessene Arbeitsbedingungen, regelmäßige Anhebung des Mindestlohnes und gewähren Schutz, wenn das Management das Wohlergehen der Arbeiter vernachlässigt.
Der Rat für Arbeiterfragen hat im Jahre 1988 einen Entwurf zur Revision des Gewerkschaftsgesetzes vorgelegt. Im selben Jahr ist die neueste Überarbeitung des Schlichtungsgesetzes verkündet worden, und der Rat zieht derzeit ergänzende Bestimmungen in Betracht, die unfaire Praktiken der Unternehmensleitungen einschränken sollen, wie zum Beispiel Massenentlassungen, die nur durch die Zahlung einiger Abfindungen gemildert wurden. Überprüft werden derzeit die Grundlegenden Bestimmungen.
Kurz gesagt, es mangelt Taiwan nicht an Gesetzen oder gesetzgeberischen Aktivitäten auf dem Gebiet des Arbeitsrechts. Vielfach jedoch wird von Arbeiter-Aktivisten noch immer die Durchführbarkeit und, mit Blick auf die Interessen der Arbeiter, der tatsächliche Nutzen der Gesetze in Frage gestellt. Zum Beispiel gerieten die Grundlegenden Bestimmungen für die Arbeitswelt zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik, weil sie auf eine entwickeltere und reichere Wirtschaft zugeschnitten sind und auf seiten der Arbeiter hohe Erwartungen auslösen, die von kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht erfüllt werden können. Diese Bestimmungen, die die Minimalanforderungen an einen Arbeitsvertrag festlegen, werden als das Herzstück des Arbeitsrechts angesehen und schützen in umfassender Weise die Rechte der Arbeiter. Die wichtigsten Vorschriften garantieren eine sichere und der jeweiligen Tätigkeit angemessen gestaltete Arbeitsstätte, Entschädigungen bei Arbeitsunfällen sowie Krankheiten, die im Zusammenhang mit der Arbeit auftreten, und einen fairen Gegenwert für die geleistete Arbeit.
Das Gesetz über die Versicherung der Arbeitnehmer andererseits ist den Arbeitern nach wie vor von Nutzen. Der Versicherungsschutz, der in allen Firmen mit fünf oder mehr Angestellten vorgeschrieben ist, umfaßt Mutterschaft, Aufenthalt in einem Krankenhaus, Verletzungen, Krankheit, Berufsunfähigkeit, Alter und Tod. Der Arbeitgeber zahlt 80 Prozent des Beitrages, der Arbeitnehmer den verbleibenden Betrag. Arbeiter ohne ständige Anstellung zahlen 60 Prozent des Versicherungsbeitrages, den Rest übernimmt die Regierung. Im Jahre 1989 waren bereits 6,6 Millionen der insgesamt 8 Millionen Arbeitnehmer von dem Programm zur Arbeitnehmer-Versicherung erfaßt.
Die restriktiven Bestimmungen, die den Arbeiter-Gewerkschaften zur Zeit des Kriegsrechts auferlegt waren, verhinderten das Aufkommen von Konflikten zwischen Arbeiterschaft und Unternehmensleitung. Der neue Wille zur Reform, der durch das Land weht, und das wachsende Bewußtsein der Arbeiter-Organisationen von ihrer Stärke haben jedoch zu einer Zunahme derartiger Auseinandersetzungen geführt. Statistiken des Rates für Arbeiterfragen zufolge stieg die Anzahl der Fälle von 907 im Jahre 1984 auf 1943 im Jahre 1989. Die Arbeiter-Organisationen jedoch klagen immer noch, daß ihre Freiheit zur Ausübung ihrer Rechte vom Gesetz ein geschränkt sei, und sie sind der Ansicht, daß das Recht auf seiten der Arbeitgeber ist.
Der Staatsanwaltschaft sind eine Reihe von Anklagen wegen Gewalttätigkeiten zugeleitet worden. In einem solchen Fall organisierten Arbeiter in der Hsinpu Synthetic Fiber Plant der Far Eastern Textile Ltd. im Mai 1989 einen Streik für einen höheren Jahresbonus und höhere Vergütung der Überstunden. Obwohl die Streikforderung in der Gewerkschaft eine Zwei-Drittel-Mehrheit gewinnen konnte, war der Ausstand illegal, weil die Gewerkschaft nicht die vorgeschriebene Erlaubnis von der Provinzregierung beantragte. Die Streikenden versperrten ihren Kollegen den Weg, und Presseberichten zufolge verprügelten einige Streikposten mehrere nicht am Streik teilnehmende Arbeiter und griffen die Polizei an. Der Streik endete nach zehn Tagen, als man den Forderungen der Arbeiter teilweise nachgekommen war. Unter den Verhafteten befanden sich Arbeiter-Aktivisten.
Der Protest formiert sich und geht auf die Straße: mit Berufung auf verfassungsmäßig garantierte Rechte kämpfen Arbeiter gegen die Schließung ihrer Fabrik.
Im November 1989 nahmen vierhundert weibliche Arbeitskräfte zweier Schuhhersteller in Kaohsiung an einer Protestkundgebung teil, um dem Rat für Arbeiterfragen eine Petition zur sofortigen Entscheidung über ihre Notlage vorzulegen. Die Firmen waren bankrott gegangen und die Eigentümer ins Ausland geflohen, ohne ihren Mitarbeitern eine Entschädigung zu zahlen. Einige Arbeiter, Arbeiter- und Studenten-Aktivisten und ein Mitglied des Kaohsiunger Arbeiterbundes (Kaohsiung Labor Federation) wurden von der Polizei verhaftet und beschuldigt, zu Gewaltanwendung aufgerufen und die Polizei mit Bambusstöcken angegriffen zu haben.
Während Konfrontation eines der Mittel gewesen ist, zu denen Arbeiter bei der Austragung von Streitigkeiten gegriffen haben, können nun sowohl einzelne Arbeiter als auch Arbeiter-Organisationen bei Freiwilligen-Verbänden wie zum Beispiel der "Stiftung für Arbeitsethik" (Labor Ethics Foundation) um Vermittlung nachsuchen. Diese Stiftung ist im Dezember 1989 von Chang Hsiao-chun(張曉春)gegründet worden, einem Soziologie-Professor an der Nationalen Taiwan-Universität und Spezialisten für Arbeiterprobleme auf Taiwan. Chang konnte 55 000 US$ zur Gründung der Stiftung zusammenbringen; heute belaufen sich die Mittel auf 110 000 US$.
"Die Industriegewerkschaften der einzelnen Branchen sind, so ist es gesetzlich vorgeschrieben, entsprechend den Verwaltungseinheiten der Insel aufgeteilt. Das macht es für sie schwierig, ihre Aktionen in einem einzigen gemeinsamen Ansatz zusammenzufassen", erklärt Wang Yih-chi(王義基), der Generalsekretär der Stiftung. "Ebenso schreibt das Gesetz vor, daß nur diejenigen Gewerkschaften sich überregional zusammenschließen dürfen, die zu Staatsunternehmen gehören, welche an mehr als sieben Orten im Land vertreten sind. Daraus folgt, daß nur die Arbeitervertretungen in großen staatlich geführten Firmen wie Taipower, China Petroleum Corp., China Shipbuilding Corp. und dem Directorate General of Telecommunications stärker werden, besser agieren und bessere Möglichkeiten zu gemeinsamem Verhandeln haben können."
Oft müssen einzelne Arbeiter in Privatuntemehmen ihre Kämpfe mit der Geschäftsleitung auf sich selbst gestellt ausfechten. Da es ihnen an Organisation und Solidarität fehlt, ist es nicht einfach für die Arbeiter in kleinen und mittelgroßen Firmen, die Befolgung der Arbeitsgesetzgebung seitens des Arbeitgebers in Frage zu stellen. "Das Problem ist die Nicht-Einhaltung", sagt Wang. "Viele Unternehmen kümmern sich nicht um die Arbeitsgesetzgebung, weil sie auch davonkommen, wenn sie ihr nicht entsprechen. So oder so: die Arbeiter werden weiterhin für sie arbeiten.
Desgleichen sind die Arbeiter nicht sehr gut über die Bedeutung dieser Gesetze unterrichtet, und es ist ihnen nicht klar, daß diese Gesetze zur Sicherung ihrer Rechte und ihres Wohlergehens da sind."
In solchen Fällen kann die Stiftung für Arbeitsethik, in der Freiwillige und Rechtsexperten, Anwälte und Akademiker mitarbeiten, helfen. Sie berät Arbeiter und ihre Gewerkschaften, verhandelt bei Streitigkeiten zwischen Arbeiterschaft und Management, bietet den Arbeitern Rechtsberatung an und fungiert für private und staatliche Unternehmen als Berater in Fragen der Kommunikation mit dem Personal.
Wang bezeichnet das Gesetz über den Fonds für Arbeitnehmer-Wohlfahrt als dasjenige, das am häufigsten von den Arbeitgebern verletzt wird. Die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes schreiben vor, daß jede Bergbaugesellschaft mit mehr als einem und jedes andere Unternehmen mit fünfzig oder mehr Beschäftigten einen Fonds zur Fürsorge seiner Mitarbeiter bereitstellen oder, falls solche Leistungen schon bestehen, gegebenenfalls erweitern muß. Bei Firmen in der Gründungsphase sollen diese Einlagen 1 bis 5 Prozent des Unternehmenskapitals ausmachen; danach kommen 0,05 bis 0,15 Prozent des betrieblichen Monatseinkommens nach Steuern hinzu, plus 0,05 Prozent vom Monatseinkommen des Arbeiters, plus 20 bis 40 Prozent der Erlöse, die bei jedem Verkauf von Schrott und anderen Produktionsabfällen erzielt wurden. Bis zum Jahre 1989 hatten nur etwa 7000 der 80 000 Unternehmen auf Taiwan einen solchen Fürsorge-Fonds eingerichtet.
Wang zufolge muß jede Firma außerdem ein Komitee einsetzen, das diese Rücklagen überwacht, wobei jedes solche Komitee zu zwei Dritteln aus Gewerkschaftsmitgliedern bestehen soll. "Von den Streitigkeiten, zu deren Schlichtung wir in jüngster Zeit gerufen wurden, ging es bei vieren um den Fürsorge-Fonds", sagt Wang. "In einem dieser Fälle waren 14 von 21 Mitgliedern des Fonds einer Bank Leute aus dem Topmanagement. Und in einem anderen Fall berichtete das Fonds-Komitee, daß während der letzten fünf Jahre die Firma bei ihrem eigenen Fürsorge-Fonds Schulden von 350 000 US$ angehäuft hatte. Was hätte das Komitee tun sollen? Die Firma ignorierte einfach den Standpunkt der Regierung, daß die Schulden zu begleichen seien."
Die Stiftung für Arbeitsethik hat vielen einzelnen Arbeitern geholfen, Auseinandersetzungen mit ihren Arbeitgebern zu schlichten. Sie hat auch im Zusammenhang mit sechs Schließungen von Produktionsstätten vermittelt; im Ergebnis erhielten die Arbeiter eine Entschädigungszahlung, die 1,8 bis 2,9mal so hoch war wie in den Grundlegenden Bestimmungen vorgeschrieben.
Wie sicher ist ein Arbeitsplatz? Viele Unternehmer stellen lieber neue Arbeitskräfte ein als alte Belegschaftsmitglieder mit höheren Löhnen und besseren Zusatzleistungen zu behalten.
Weil die Organisation von Arbeitern in kleinen oder mittelgroßen Unternehmen für ein gemeinsames Vorgehen noch aussteht, ergeben sich die Mehrzahl der Konflikte in Großunternehmen. Im Jahre 1989 ging es bei den meisten Meinungsverschiedenheiten um den Jahresbonus, im Jahre 1990 jedoch wurde die fristlose Kündigung und die Höhe der Abfindungen zum Hauptgrund für Streitigkeiten. Weil vermehrt Arbeiter vom überhitzten Dienstleistungsbereich in den industriellen Sektor zurückkehren oder versuchen, ihre schweren Verluste am Aktienmarkt auszugleichen, halten es Großunternehmen für billiger, diese Rückkehrer einzustellen, statt die alten Mitarbeiter mit höheren Löhnen und beträchtlichen Zusatzleistungen zu halten.
Arbeitslosigkeit ist jedoch kein Problem. Im allgemeinen wird angenommen, daß bei einer Arbeitslosigkeits-Rate von weniger als 5 oder 6 Prozent die Wirtschaft gesund ist. Die Quote blieb in Taiwan seit den siebziger Jahren unter 3 Prozent. Im Jahre 1989 betrug sie 1,6 Prozent und fiel kürzlich auf 1,3 Prozent. Tatsächlich beklagen sich die Hersteller und Industriellen, daß ihre Unternehmen, und folglich die ganze Wirtschaft, vom Mangel an Arbeitskräften bedroht seien. Aber vielleicht wird gerade dieser Umstand eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Zusatzleistungen sicherstellen.
"In den letzten zwei Jahren", ergänzt Chao vom Rat für Arbeiterfragen, "haben Hersteller und Baufumen die Regierung gedrängt, eine offenere Haltung gegenüber der Zulassung billiger Arbeitskräfte von südostasiatischen Ländern einzunehmen. Aber die Regierung ist in dieser Frage sehr zurückhaltend geblieben angesichts der Möglichkeit, daß ein gewaltiger Zustrom von Arbeitskräften aus dem Ausland Spannungen in der Gesellschaft verursachen könnte. Darüber hinaus würde die Motivation auf seiten der Arbeitgeber vermindert, Technologie und Arbeitsbedingungen zu verbessern."
Die Tatsache, daß die Interessen der Arbeiter die Haltung der Regierung gegenüber der Frage der Zulassung ausländischer Arbeitskräfte beeinflußt, zeigt, daß die Regierung die Position der Arbeiter nicht schwächen will. Gewerkschaften mögen in Privatunternehmen noch weitgehend unwirksam sein, aber die Beispiele von den Breschen, die die Arbeiter-Organisationen bei den staatlichen Unternehmen geschlagen haben, und die aktive Beteiligung der Stiftung Arbeitsethik bei der Lösung von Kontroversen in diesem Bereich verweisen auf eine ermutigende Zukunft für eine organisierte Arbeiterschaft.
(Deutsch von Martin Kaiser)