Taiwan - offiziell "Republik China" gehört zu den reichsten
Ländern Südostasiens und gilt den Europäern als begehrter Handelspartner. Politisch aber ist Taiwan mit seinen 21 Millionen Einwohnern auf Druck der kommunistischen Regierung in Peking international isoliert. Nach den weitreichenden Reformen im Inneren will das nun demokratische Land zurück in die Staatengemeinschaft.
"Ilha Formosa" - die schöne Insel - nannten die Portugiesen einst das Eiland vor der chinesischen Küste; und noch heute findet sich die romantische Beschreibung im Vorwort jedes Reiseführers. Was sich da nach mehr als 20 Stunden Flug in den verhangenen Himmel reckt, ist indes geeignet, jeden Romantiker unsanft aus seinen Träumen zu reißen. Taiwans Hauptstadt Taipeh ist ein gigantischer, von Industriezentren und Hochhaussiedlungen umgebener Moloch. Nur am Abend legt sich mit der Dunkelheit ein überraschender Hauch von Exotik über die Metropole: Im Gedränge der Nachtmärkte bieten die Händler zur Stärkung von Körper und Geist frisch gezapftes Schlangenblut feil; zahllose Garküchen unter freiem Himmel verbreiten undefinierbare Gerüche; Betende sammeln sich in den majestätischen Tempeln, deren überfrachtete Schönheit geradezu atemberaubend ist.
Auch bei Licht besehen nimmt einem Taipeh den Atem. Die Drei-Millionen-Stadt liegt unter einer beständigen Smog-Glocke. Hunderttausende von Motorrollern brettern durch die Straßen. Ihre zum Teil mit Mundschutz gerüsteten Besitzer haben bessere Chancen, das ständige Verkehrschaos zu meistern als die Vierradfahrer, obwohl auch sie rücksichtslos ihr Bestes geben. Zahllose Baustellen machen seit Jahren die Fahrt durch die Stadt zum nervlichen Drahtseilakt. Nicht Stück um Stück, sondern in einem Rutsch wird hier eine U-Bahn in den Boden gestampft und eine S-Bahn gleich obendrauf gepackt. Hochmodern soll das neue Verkehrssystem werden - wie eben alles in Taiwan.
Die "Republik China", wie sich Taiwan offiziell nennt, gehört zu den reichsten Staaten Südostasiens. In nur einer Generation wurde der Schritt vom Entwicklungsland zum modernen Industrieland mit breitem Wohlstand vollzogen. Reich wurde Taiwan mit der Massenproduktion von Billigartikeln. "Auf diesem Gebiet sind wir heute nicht mehr konkurrenzfähig", stellt der im Wirtschaftsministerium für Außenhandel zuständige Yi-fu Lin nüchtern fest. Die Löhne auf der Insel seien zu hoch und der Taiwan-Dollar sei im Wechselkurs zu teuer. Die Regierung fördert seit Beginn der 80er Jahre mit großangelegten Programmen die High-tech-Industrien. Das Konzept scheint aufzugehen: Schon 1989 lag der Anteil dieser Produkte am Gesamtexport bei fast 40 Prozent. Seinen festen Platz in der Hitliste der Top 20 des Welthandels hat Taiwan auch in die 90er Jahre hinein verteidigt. Das Wachstum im Land ist nicht mehr so rasant wie früher, hält sich aber über der Fünf-Prozent-Marke. Arbeitslosigkeit ist noch immer kaum vorhanden. Die große Krise, die Skeptiker prognostizierten, blieb bisher aus. Als Handelspartner hat Taiwan an Attraktivität nichts eingebüßt. Gerade in Zeiten, in denen andere Handelsnationen mit der Rezession kämpfen, genießt der investitionsfreudige Handelspartner internationales Renommee. Hochrangige Wirtschaftsvertreter geben sich in Taipeh die Klinke in die Hand. Zahlreiche Länder, auch Deutschland, unterhalten Wirtschafts- und Kulturbüros in der taiwanesischen Hauptstadt - diplomatische Vertretungen aber sind nach wie vor rar.
Seit den siebziger Jahren befindet sich Taiwan auf politischem Parkett international in der Isolation. Dem Druck der in den Weltsicherheitsrat und die Vereinten Nationen aufgerückten Volksrepublik gegen die aus ihrer Sicht abtrünnige Provinz folgte 1971 der Ausschluß Taiwans aus den Vereinten Nationen. Reihenweise beorderten Staaten aus allen Regionen der Welt ihre Diplomaten aus dem kleinen China, das sich hartnäckig als alleiniger Vertreter aller Chinesen bezeichnete, nach Hause.
Der gestiegene Lebensstandard führt auch zu mehr Müllaufkommen - doch für Abfall ist auf der dichtbesiedelten Insel kein Platz. In der Müllverbrennungsanlage im Taipeier Vorort Neihu geht man das Problem mit hochmoderner Technik an.
Seit damals lautet die Formel für den Umgang mit der Republik China auf Taiwan "Handel ja - Politik nein". Eine Formel, mit der nicht nur Taiwan selbst unzufrieden ist, sondern zunehmend auch Europäer und Amerikaner. Das Land, das immer wieder gigantische Infrastrukturprojekte ausschreibt, um die die halbe Welt buhlt, hat im Inneren derartig umfassende Veränderungen vollzogen, daß der Umgang der meisten Staaten mit den beiden Chinas gemessen am moralischen Anspruch der Weltgemeinschaft schlichtweg zynisch ist: Hier die in die Völkergemeinschaft fest eingebundene Volksrepublik, in der die Menschenrechte mit Füßen getreten werden - dort Taiwan, das Bürgerrechte garantiert, auf dem weltpolitischen Abstellgleis.
Lee Teng-hui, seit 1988 Staatspräsident der Republik China, hat die Rückkehr in die UNO und ihre Unterorganisationen auf die Prioritätenliste seines Landes ganz nach oben gesetzt. Der Weg zum Welthandelsabkommen GATT ist bereits freigemacht; innerhalb der nächsten drei Jahre soll der Weg in die UNO gelingen. Gute Gründe, Taiwans Wunsch abzuschlagen, sind rar geworden. Die harte Linie gegenüber der Volksrepublik hat Lee als erster auf Taiwan geborener Präsident aufgegeben. Die Zeichen stehen auf Entspannung. Auch innenpolitisch präsentiert sich das Land in weißer Weste. Kenner der Region sprechen mit Bewunderung vom taiwanesischen Modell.
Virus Demokratie
Demokratie hat in der jahrtausendealten chinesischen Kultur keinerlei traditionelle Wurzeln. In Taiwan aber gilt Tradition viel. Gerade weil auf dem Festland die Kulturrevolution die Fäden zur Vergangenheit radikal kappte, sehen sich die Inselchinesen als Hüter des kulturellen Erbes und praktizieren stolz ein bodenständiges Brauchtum. Daß Taiwan dennoch den Weg in die Demokratie einschlug, mag mit dem starken Einfluß der Amerikaner zusammenhängen, die nach dem Krieg ähnlich wie in Deutschland dem taiwanesischen Wirtschaftswunder auf die Sprünge halfen. Noch heute sind die Kontakte eng. Zehntausende Taiwanchinesen studieren in den USA. Die heutige Elite in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hat meist einen Teil der Ausbildung, aber auch den Virus Demokratie aus Amerika mitgebracht.
Es war Chiang Kai-shek's Sohn und Nachfolger Chiang Ching-kuo, der Mitte der 80er Jahre mit Weitblick Reformen einleitete. Er hob 1987 das Kriegsrecht auf, das bisher die umfassende Macht der Kuomintang-Partei sicherte, und ebnete den Weg für neue Parteien und freie Wahlen. Chiang hatte klar erkannt, daß sich die Menschen mit wachsender Bildung und steigendem Wohlstand mit der politischen Unmündigkeit auf Dauer nicht zufrieden geben würden.
Heute ist Taiwan eine höchst lebendige Demokratie, in der die Entscheidungsträger auf den meisten Ebenen aus freien Wahlen hervorgegangen sind. Im Parlament, in dem die Kuomintang bisher ihre Mehrheit behaupten konnte, toben harte Auseinandersetzungen, die wortgewaltig und zuweilen mit Faustschlägen ausgetragen werden. Vor dem Parlament wird fast täglich demonstriert. "Früher durfte man das nicht, und jetzt will es jeder mal ausprobieren", erklärt eine Passantin die Demonstrationsleidenschaft ihrer Landsleute.
Die Taiwanesen haben gelernt sich einzuschalten, wenn es um ihre Belange geht. Erst jüngst zeigte sich dies in der emotionsgeladenen Debatte um die Genehmigung eines neuen Atomkraftwerkes. Am einen Tag demonstrierten die Unternehmer mit Schlips und Jacken für die Genehmigung - am nächsten Tag marschieren die Atomkraftgegner mit bunt bedruckten T-Shirts und gelben Stirnbändern auf. An der Atomdebatte zeigt sich beispielhaft, daß die entwicklungspolitischen Vorzeichen in Taiwan vom Kopf auf die Füße gestellt wurden. Längst machen die Bedürfnisse der Menschen denen der Industrie Konkurrenz. Unter der schützenden Hand des Generalissimus Chiang Kai-shek war zum Wohl des Wachstums nahezu alles erlaubt. Die Folgen blieben nicht aus: Verschmutzte Gewässer, belastete Luft, zubetonierte Landschaften. 1992 kamen auf einen Quadratkilometer in Taiwan drei Fabriken und 350 Kraftfahrzeuge. Viele der 50 Flüsse, die Taiwan durchziehen, gelten als schwer belastet, weil sie massenhaft ungeklärte Abwässer schlucken müssen.
Diesen koketten Erntedanktanz wird man zwar wahrscheinlich nur noch auf der Bühne und nicht mehr in den Dörfern zu sehen bekommen, doch vor allem im ländlichen Taiwan sind trotz der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung noch viele traditionelle Bräuche und Sitten erhalten geblieben.
Mit großangelegten Programmen müht sich die Regierung, die Umweltsünden der Vergangenheit auszubügeln. Für die Industrie werden die Spielregeln härter, das werden auch auf der Insel produzierende deutsche Chemie-Firmen wie Hoechst oder Bayer zu spüren bekommen.
Vieles, was sich in Taiwan tut, betrifft deutsche Firmen. So wurde der Parlamentsbeschluß zur Errichtung des neuen Atomkraftwerkes im deutschen Wirtschaftsbüro mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Am Bau der Anlage wird Siemens mitverdienen. Auch bei anderen Großaufträgen stehen deutsche Firmen Gewehr bei Fuß. Wenn es in Kürze um die Auftragsvergabe für eine Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Taipeh und Kaohsiung für 20 Milliarden US-Dollar geht, wollen die Deutschen in der ersten Reihe stehen. Von Bonn aus kam im Juni Unterstützung für die deutsche Selbstdarstellung vor Ort. Mit Klaus Franke wurde erstmals ein Diplomat an die Spitze des Wirtschaftsbüros Taipeh berufen. Offiziell ist er natürlich von diplomatischen Aufgaben entbunden, aber dennoch ist das Signal an die Regierung Taiwans klar: Franke wird als Kontaktmann zum Auswärtigen Amt in Bonn die Anliegen der Regierung in Taipeh zu Gehör bringen.
Die Deutschen können Imagepflege brauchen auf der Insel. Daß der Bundessicherheitsrat im Januar 1993 den Bau von U-Booten und Fregatten für Taiwan ablehnte, während die USA und Frankreich hochmoderne Kampfflugzeuge lieferten, ist unvergessen. Mit zunehmenden Schwierigkeiten in der deutschen Werftindustrie hofft Lin Yu-fang vom Institut für strategische Studien, daß der Handel mit einem Volumen von 12 Milliarden Mark doch noch zustande kommt. Lin hofft, die Deutschen davon zu überzeugen, daß Rüstungsgüter für Taiwan den Frieden in der Region sicherer machen würden. "Wir brauchen dringend U-Boote - und die deutschen sind die besten."
Leben mit der Bedrohung
Tatsächlich hat Taiwan gute Gründe, sich zu wappnen. Vom Süden Chinas aus ist ein gewaltiges Waffenarsenal auf Taiwan gerichtet. In der nur 180 Kilometer breiten Taiwan-Straße zwischen Festland und Insel kreuzen chinesische Atom-U-Boote. "Sie könnten uns jederzeit völlig abriegeln", gibt Lin zu bedenken. Zudem habe der Abzug der Amerikaner von den Philippinen in der Region ein Machtvakuum nach sich gezogen, das die Lage der Insel noch prekärer mache. Die Herrscher in Peking haben es an Drohgebärden gegenüber Taiwan noch nie fehlen lassen. Für den Fall, daß sich Taiwan gar für unabhängig erklären sollte, steht die immer wieder bekräftigte Invasionsdrohung der Volksrepublik im Raum.
Daß sich in der Bevölkerung Taiwans immer mehr Fürsprecher einer Unabhängigkeitserklärung finden, wird vom Festland mit Argwohn beobachtet. Die größte Oppositionspartei im Land, die Demokratische Fortschrittspartei (DDP) ist der Wortführer der Bewegung. "Wir sind längst ein unabhängiges Land", sagt der DDP-Abgeordnete Tsai Shih-yuan, "wir haben eine eigene Regierung, eine eigene Verfassung und eine eigene Armee; warum also sollen wir uns nicht auch formell unabhängig erklären?!" Wichtigstes Argument für diesen Schritt wäre die gute Chance, als "Republik Taiwan" in die UNO zurückzukehren. Die chinesische Drohung hält Tsai für unrealistisch.
"Vielleicht würden sie nicht angreifen, aber das kann man eben nicht einfach ausprobieren", hält Shu-ti Chang vom Rat für Festlandsangelegenheiten - eine Institution, die in ihrer Aufgabenstellung dem einstigen Ministerium für innerdeutsche Zusammenarbeit ähnelt - dem entgegen. Er und die Regierung setzen statt dessen auf ein Modell mit deutlichen Anleihen in der deutsch-deutschen Geschichte: "Wandel durch Annäherung". Die deutsche Entwicklung - übrigens beliebtes Forschungsthema taiwanesischer Politikwissenschaftler - sieht Chang dennoch nur als Vorbild mit starken Einschränkungen. Das kleine wohlhabende Taiwan könne auf das Riesenreich China mit seinen 1,17 Milliarden Menschen bei weitem nicht die Strahlkraft entwickeln, wie sie einst die Bundesrepublik auf die DDR-Bürger hatte. "Für die Menschen auf dem Festland hat die Wiedervereinigung nicht Priorität", lautet Chang's realistische Einschätzung.
Dennoch hat sich im Verhältnis der beiden Chinas einiges getan. Auf inoffizieller Ebene reden die Volksrepublik und Taiwan seit April 1993 miteinander. Seit die Inselchinesen auf das Festland reisen und auch dort investieren dürfen, gibt es mehr zu besprechen denn je. Nicht nur Privatleute sind seit 1987 in Massen zu Besuchen auf das Festland gefahren, sondern auch jede Menge Unternehmer mit harten Taiwan-Dollar im Gepäck. Beobachter schätzen die Zahl der taiwanesischen Unternehmen, die im Billiglohnland Volksrepublik investiert haben, auf über 20 000.
Was die Wiedervereinigung betrifft, denken die Politiker Taiwans in weitgefaßten Zeiträumen. Eine Vereinigung komme selbstverständlich nur unter demokratischen und marktwirtschaftlichen Vorzeichen in Frage, wird einhellig betont. Bis die kommunistischen Herrscher in Peking auf diesen Kurs einschwenken, bleibt gewiß noch etwas Zeit.