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Auf Stradivaris Spuren

01.10.2008
Chiao Chung-hsing arbeitet an einem Cello. Die Arbeit macht dem Handwerker Spaß, auch wenn sie zeitaufwändig ist und zuweilen einsam sein kann.

Eine Verletzung beendete Chiao Chung-hsings Traum von einer Karriere als Sänger, brachte ihn dafür aber auf den Weg, meisterhafte Violinen zu bauen.

In einer kleinen Werkstatt im neunten Stock eines Wohnhauses im Süden von Taipeh schnitzt der 49-jährige Chiao Chung-hsing(焦中興) bereits seit zwei Stunden an einem Stück Fichtenholz herum. Die Arbeit wird noch mehrere Tage dauern, bevor das Holz die gewünschte Krümmung und Stärke für den Resonanzboden einer Violine hat und mit den übrigen Teilen des Instruments, die größtenteils aus Ahorn bestehen, zusammengeleimt werden wird. "Italienische Fichte aus den Alpen ist am besten für den Resonanzboden, für die anderen Teile eignet sich Ahorn aus Jugoslawien optimal", definiert er. "Die Temperaturen, die Niederschläge, der Trocknungsvorgang und all die kleinen Einzelheiten machen da viel aus."

Seit zwei Jahrzehnten baut Chiao Geigen. Dass er sich mit diesem Gewerbe befassen würde, war allerdings durchaus nicht geplant. Als Heranwachsender sang er im Chor seiner Kirche, und weil er Sänger werden wollte, schrieb er sich am National Taiwan Institute of Arts (heute National Taiwan University of Arts, NTUA) in Panchiao, Landkreis Taipeh, ein und belegte als Hauptfach Gesang. Zuerst lief es gut, und wegen seiner schönen Baritonstimme riet man ihm, nach dem Examen seine Stimmtechnik im Ausland weiterzuentwickeln. "Gesangskünstler, besonders Männer, wurden in Taiwan nie als echte Künstler angesehen, und der Bedarf für sie war gering, es gab nur wenige Arbeitsmöglichkeiten", berichtet er. "Doch da ich mit so großer Leidenschaft bei der Sache war und glaubte, mit der Fortsetzung meines Studiums in Italien könnte ich nach der Rückkehr nach Taiwan zumindest eine Dozentenstelle an einem College ergattern, wollte ich es versuchen." Nach vierjähriger Tätigkeit als Verkaufsvertreter für ein Luftfrachtunternehmen hatte er genügend Geld gespart, um für sich und seine Frau Hinflugtickets zu erwerben und 1986 nach Mailand zu reisen.

Leben in Mailand

Die Aufnahmeprüfung an den Kunstschulen in Italien fand Chiao nicht besonders schwer, und die Studiengebühren waren gering. Die hohen Lebenserhaltungskosten in der italienischen Stadt waren dagegen eine andere Sache. Die 1500 US$, welche das Paar dabei hatte, reichten gerade, um eine Wohnung zu mieten und das Nötigste zu beschaffen. Für jemanden wie Chiao, der keine finanzielle Unterstützung von der Familie hatte und wenig Italienisch sprach, bestand die beste Lösung zum Verdienen des Lebensunterhalts darin, in chinesischen Restaurants zu kellnern. "Das Geld reichte nur knapp, und manchmal musste ich Reste aus dem Restaurant nach Hause mitnehmen, damit wir genug zu essen hatten", rekapituliert er. "Doch solche materiellen Schwierigkeiten sind keine große Sache für einen jungen Mann voller Leidenschaft, der seinen Traum verwirklichen will."

Es wurde indes schwieriger, als Chiaos Frau schwanger wurde. In seinem verzweifelten Streben, die Einkünfte zu verbessern, baute Chiao in seiner Mietwohnung Bohnensprossen für chinesische Restaurants an. Da ihm jedoch die Erfahrung fehlte, Anbauprodukte zu ziehen, und die Arbeit körperlich anstrengend war, verletzte er sich bald den Rücken. Der Schaden war so groß, dass er nicht einmal mehr lange stehen konnte, und zum Singen auf der Bühne war er erst recht nicht mehr imstande. Obendrein eröffneten ihm die Ärzte, seine Chancen auf vollständige Genesung seien gering.

"Meine Mutter, die nicht schreiben konnte, schickte mir eine Tonaufnahme", sagt Chiao. "Sie weinte und wollte, dass ich nach Hause komme, da ich nicht mehr singen konnte. Es lief aber darauf hinaus, dass ich entweder als Versager nach Hause ging oder in Italien blieb und schaute, ob ich was anderes tun könnte."

Chiao fiel die Internationale Geigenbauschule von Antonio Stradivari im norditalienischen Cremona ein, wo er nach seiner Ankunft in Italien einen taiwanischen Studenten der Schule besucht hatte. Das Handwerk hatte Chiao fasziniert, doch da er zum Gesangsstudium hergekommen war, hatte er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, Geigenbau zu lernen. Als sein Rückenleiden jedoch seine Pläne für eine Laufbahn als Sänger zunichte machte, beschloss Chiao, es mit Geigenbau zu versuchen. "Das hatte mit Musik zu tun und sah interessant aus", begründet er.

Sein fehlender Hintergrund in Schreinerei, Holzschnitzen oder anderem Handwerk hinderte ihn nicht daran, für das vierjährige Geigenbau-Programm in der Stradivari-Schule angenommen zu werden, denn es ist darauf ausgerichtet, aus "Ungebildeten" Handwerker zu machen. Der schwierige Teil war dabei, dass Absolventen nach Abschluss der Kurse eine staatliche Prüfung ablegen mussten, um ein Zertifikat als qualifizierter Saiteninstrumentenmacher zu erwerben. Nachdem Chiao sich mit den Werkzeugen vertraut gemacht hatte, brauchte er nur wenige Monate, um seine erste Geige zu bauen. Er schickte sie zu einem örtlichen Geigenbau-Wettbewerb, doch das Ding schied bereits in der ersten Runde aus.

Besuch bei den Meistern

Chiao ließ sich aber nicht entmutigen und nahm sein Scheitern als Hinweis, dass er noch härter arbeiten müsse. Neben seinen Kursen verbrachte er nun auch Zeit damit, die Werkstätten von Handwerksmeistern zu besuchen, um ihre Geheimnisse zu erlernen. In seinem zweiten Jahr in Cremona erhielt Chiao die Gelegenheit, die Werkstatt des Handwerksmeisters Fran cisco Bissolotti zu besichtigen. "Sie haben keine Ahnung, bis zu welchem Punkt das Handwerk vervollkommnet werden kann, bevor man seine Werkstatt betreten hat", urteilt Chiao in lebhafter Erinnerung an die Erregung, die er während seines Besuches bei Bissolotti verspürte.

Als er von der Absicht hinter Chiaos Besuch erfuhr, forderte der Meister den jungen Chiao auf, ihm ein Exemplar seiner Arbeit zu zeigen. "Er gab mir mehr oder minder zu verstehen, dass es eine lange Reise von Taiwan nach Italien sei, zu lang für die Art von Geigen, die ich baute", gesteht Chiao. "Er war aber höflich genug (oder wahrscheinlich diplomatisch genug), mich aufzufordern, ihm alles andere, was ich hergestellt hatte, herüberzubringen und zu zeigen, damit er mir seine Beurteilungen bieten könne."

Nachdem er von Bissolotti fortgegangen war, begab Chiao sich sofort in seine Wohnung und versuchte, einige der Techniken, die er gerade in der Werkstatt des Meisters gesehen hatte, anzuwenden. Schon am folgenden Tag brachte er Bissolotti die auf diese Weise geschaffene Violine. Damals war Bissolotti von Chiaos Handwerkskunst wohl nicht sonderlich beeindruckt, dafür aber vom Enthusiasmus des jungen Mannes. In den Jahren darauf führte dieser Enthusiasmus Chiao in die Werkstätten anderer Handwerksmeister wie Giorgio Ce und Giobatta Morassi, und Chiao machte rasante Fortschritte.

Chiao erläutert, dass der Klang einer Violine von ihrer Form, dem verwendeten Holz, der Stärke des Profils von Vorder- und Rückseite sowie dem Lack auf der äußeren Oberfläche abhängt. Eine geringfügige Unvollkommenheit bei einem dieser Aspekte oder ein handwerklicher Fehler kann alles ruinieren. "Je weiter ich in das Handwerk vordrang, desto größer wurde meine Faszination", versichert Chiao. "Geigenbau umfasst mehr, als man in einem Leben lernen kann."

 

Für den Bau einer Violine braucht man sechs Monate -- einen für die handwerkliche Arbeit und fünf Monate, bis Lack und Leim ausgehärtet sind.

Internationale Ehren

Die harte Arbeit wurde schließlich 1991 belohnt, als Chiao beim Internationalen Antonio Stradivari-Geigenbauwettbewerb in Cremona den sechzehnten Platz (von 200 Teilnehmern) errang. Das nach dem berühmten Violinenbaukünstler benannte Ereignis ist der wichtigste internationale Wettbewerb in dem Handwerk. Bis heute ist Chiao der einzige taiwanische Geigenbauer, der je bei dem Wettbewerb einen Preis errang.

1992 schloss Chiao seine Kurse in der Geigenbauschule mit der höchsten Punktzahl seiner Klasse ab und bestand anschließend die italienische Staatsprüfung, durch die er zum anerkannten Handwerksmeister wurde. Er schickte eine seiner Geigen in die USA zu einem weiteren wichtigen internationalen Wettbewerb, den die Violinengesellschaft Amerikas veranstaltete, und gewann in der Violinenton-Kategorie eine Silbermedaille. (In jenem Jahr wurde in der Kategorie keine Goldmedaille vergeben.)

Die Silbermedaille der Violinengesellschaft Amerikas ist überdies die höchste Auszeichnung, die ein taiwanischer Hersteller je bei einem internationalen Wettbewerb erhalten hat. Die preisgekrönte Violine wird heute von Chiaos ältester Tochter benutzt, die an der NTUA Musik mit dem Hauptfach Violine studiert.

Chiao erläutert, dass man den Klang eines Tons oder einer Stimme nur mit Adjektiven beschreiben kann -- kraftvoll, elegant, reichhaltig und so weiter -- und das eine sehr subjektive Angelegenheit ist, da die Interpretation der Bedeutung eines Adjektives von Mensch zu Mensch verschieden ist. "Die Hersteller drücken ihre Interpretationen für die Adjektive in ihren Geigen aus, und die unterschiedlichen Interpretationen machen jeden Geigenbauer -- und jede Violine -- einzigartig", behauptet er.

Preise bei internationalen Wettbewerben gehen in der Regel einher mit Geschäftsgelegenheiten in der internationalen Geigenbauer-Gemeinschaft. Nach seiner Silbermedaille wurde Chiao angeboten, für eine jahrhundertealte amerikanische Firma zu arbeiten, doch er lehnte die Offerte ab und kehrte stattdessen nach Taiwan zurück, um sich um seine Mutter zu kümmern.

Besonderheiten des Marktes

Erfolge bei wichtigen Wettbewerben bedeuteten leider nicht automatisch ein besseres Geschäft daheim. "Taiwan hat wahrscheinlich weltweit die höchste Dichte von Schülern, die Geige lernen, doch keiner von ihnen benutzt eine Geige, die von einheimischen Handwerkern gefertigt wurde", murrt Chiao. "Anfänger spielen auf billigen chinesischen Fabrikaten, die es schon ab 3000 NT$ (65,21 Euro) gibt, und die Musikstudierenden am Konservatorium mit Hauptfach Violine kaufen handgemachte Instrumente aus Italien, für die man mindestens 400 000 NT$ (8695 Euro) hinblättern muss. Dazwischen gibt es jedoch keinen Markt."

Laut Chiao haben fünf Taiwaner die Kurse in der Stradivari-Schule in Cremona absolviert, aber er ist der einzige, der noch aktiv das Handwerk praktiziert. Die anderen befassen sich entweder mit Geigenreparatur, was recht einträglich ist, oder mit dem Verkauf von Geigen, womit man noch mehr Geld verdienen kann.

Nach seiner Rückkehr nach Taiwan erwog Chiao zunächst, ins Geschäft des Geigenimports einzusteigen, da die Nachfrage nach handgemachten Violinen made in Taiwan so gering war. Er kannte sich mit Geigen aus, verfügte über eine gute Quelle, und der Markt dafür war entwickelt, deswegen wäre das leicht verdientes Geld gewesen. Das einzige Problem daran war, dass ihn das an seine Zeit erinnert hätte, als er noch als Verkaufsvertreter sein Brot verdiente. "Geigen oder Luftfrachtdienstleistungen zu verscheuern ist das Gleiche", philosophiert er. "Oft muss man übertreiben oder gar die Tatsachen verdrehen, um einen Handel abzuschließen. Und ich hasse wirklich das Gefühl, dass alles wieder auf Null geht, sobald man ein Geschäft erledigt hat."

Mangels zufriedenstellender Gelegenheiten daheim arbeitete Chiao eine kurze Zeit für eine Geigenfabrik auf dem chinesischen Festland, in die taiwanische Geschäftsleute investiert hatten. "Im Grunde genommen war das eine Gruppe von Bauern, die man eingestellt hatte, damit sie Geigenteile aus Holz durchschnittlicher Qualität zusammensetzten", beschreibt Chiao. "Ich kam mit den Arbeitern nicht klar, und an der Qualität der Produkte konnte ich nichts ändern, deswegen sah ich keinen Grund zu bleiben."

Ein immer besserer Ruf

Chiao kehrte nach Taiwan zurück und lebte von Geigenreparatur, wobei er sich allmählich einen Ruf und Verbindungen auf dem einheimischen Markt aufbaute. Positive Kommentare des international bekannten Violinkünstlers Lin Cho-liang, der eine von Chiaos Geigen ausprobiert hatte, waren gleichfalls gut fürs Geschäft. Geigenbau ist jedoch sehr zeitaufwändig, was die Geschäftsgelegenheiten einschränkt. Es dauert sechs Monate, bis eine Geige fertig ist -- einen Monat für die handwerkliche Arbeit am Instrument und fünf Monate, bis Leim und Lack getrocknet sind. Chiao arbeitet heute sieben Stunden am Tag und vollendet pro Jahr sechs bis sieben Geigen. Die Wartefrist für eine Chiao-Geige beträgt derzeit bei einer neuen Bestellung über zwei Jahre.

Neben der Reparatur alter Violinen und dem Bau neuer Instrumente lehrt Chiao zudem das Handwerk -- ein "Markt", den er versehentlich entwickelte. Dieses Nebengeschäft entstand vor etwa zehn Jahren, als ein Familienvater die Geigen seiner Töchter zu Wartungszwecken zu Chiao schickte. Der Mann fragte Chiao, wieso handgemachte italienische Geigen so teuer wären, und er wollte alles über die Violinenherstellung erfahren. Heute beträgt das "Lehrgeld", um bei Chiao Geigenbau zu studieren, 280 000 NT$ (6086 Euro), was etwa dem Preis einer Chiao-Geige entspricht. Nachdem er unter Chiaos Anleitung seine eigene Geige fertiggestellt hatte, hielt der Vater sie für mindestens ebenso gut, wenn nicht gar besser, wie die teuren italienischen Instrumente. "Viele Leute glauben einfach, dass jede nicht in Italien gebaute Geige minderwertig sei", weiß Chiao. Der Familienvater gab später seine berufliche Laufbahn als Elektrotechniker auf und gründete seinen eigenen Geigenbaubetrieb. "Je mehr Menschen etwas von dem Handwerk verstehen, desto größer wird ihre Wertschätzung für gute Violinen, und man kann einige der 'Mythen' um italienische Geigen entzaubern", freut sich Chiao. "Vielleicht wird eines Tages ein weltweit bekannter Violinkünstler aus Taiwan vor internationalem Publikum eine in Taiwan gefertigte Geige spielen."

Die meisten anderen Lehrlinge, die bei Chiao lernen, sind Hobby-Geigenbauer aus unterschiedlichen Lebensbereichen. Für die Kurse gibt es keine Zeitbeschränkung, deswegen können die Lehrlinge sich für die Vollendung ihrer Geigen so viel Zeit lassen, wie sie möchten. Meistens ist Chiao allein in seiner Werkstatt und schnitzt, schleift oder lackiert ein Stück Holz. "Es ist Arbeit, und sie ist einsam", verkündet er mit einem freudigen Unterton in seiner Baritonstimme. "Und sie macht mir Spaß."

(Deutsch von Tilman Aretz)

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