18.05.2026

Taiwan Today

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Schau, was kommt von draußen rein

01.07.1998
Festlandchinesische Schüler loben, dass die Schulen in Taiwan viel besser ausgestattet sind als auf dem Festland.

Vor vier Jahren siedelte Chen Chang-chien vom Festland nach Taiwan über und arbeitet jetzt jeden Tag vierzehn bis fünfzehn Stunden als Straßenhändler. Das Leben ist hart, aber ich habe es nie bereut, hier zu sein", versichert er. "Ich tue das alles für meine Kinder, denn in Taiwan ist alles viel besser als auf dem Festland." Die Bestimmungen der Republik China gestatten es Festlandsbewohnern, deren Eltern ursprünglich aus Taiwan stammten, zusammen mit ihren direkten Nachkommen nach Taiwan zu ziehen. Letztes Jahr konnte der 35jährige Chen so seine drei Kinder auf die Insel holen. Seine Frau muß dagegen noch auf eine Aufenthaltsgenehmigung der Regierung der Republik China warten.

Chen teilt mit seinen Eltern, Brüdern und Schwestern -- insgesamt 15 Personen -- eine Mietwohnung und verdient mit dem Verkauf von Dampfnudeln zur Zeit 30 000 NT$ (1700 DM) im Monat. Er hat keinen Gewerbeschein und muß immer wachsam sein, denn wenn ihn das Auge des Gesetzes an seinem mobilen Stand erwischt, sind 1200 NT$ (68 DM) Strafe fällig -- fast ein ganzer Tagesverdienst. " Ich kann damit leben, denn diese Mühsal ist ja nur vorübergehend", glaubt er. "Meine Kinder werden hier besser ausgebildet und haben bessere Zukunftsaussichten als drüben."

Chens älteste Tochter, die 13jährige Chen Ta-ming, besucht derzeit mit ihren jüngeren Geschwistern die Wu-chang -Grundschule in Taipei. [In Taiwan dauert die Grundschule 6 Jahre.] "Ich bin total gerne in Taiwan und kann wohl auch von Glück reden, daß ich hier bin", meint sie. "Die Leute sind sehr nett und freundlich, und es gibt viel Interessantes zu sehen." Ta-ming geht jetzt in die sechste Klasse und konnte sich nach ihrer Ankunft in Taiwan zuerst nur schwer mit den Lehrern und Mitschülern verständigen. "Daheim in Fuzhou lebten wir auf dem Land und sprachen nur den dortigen Dialekt", erklärt sie. "Ich konnte kaum Hochchinesisch, obwohl das in Fuzhou Unterrichtsfach in der Schule gewesen war." In nur einem Jahr hat sie aber offenbar große Fortschritte in der Sprache gemacht. "Heute verstehe ich alles, was die Lehrer sagen", freut sie sich. "Deswegen habe ich jetzt keine Angst mehr vor der Schule."

Mit ihren schulischen Leistungen ist sie soweit zufrieden und findet den Druck erträglich. "Ich schaffe das Pensum", behauptet sie. "Wir haben hier eben nur mehr Unterricht als auf dem Festland." Dort wird in den Grundschulen nur Chinesisch und Mathematik unterrichtet. In Taiwan gibt es dagegen zehn Fächer, darunter Computerunterricht, Schriftzeichen-Schönschreiben, Musik und Gesundheitskunde. " Beim Notenlesen und der Arbeit am Computer habe ich Probleme", gibt Ta-ming zu. "Das macht mich ein bißchen nervös."

Dazu hat sie eigentlich gar keinen Grund, denn mit ihrem Notendurchschnitt steht Chen in der Klasse von 29 Kids auf dem fünften bis zehnten Platz. Der Kunstunterricht macht ihr besonderen Spaß, und in ihrem ersten Jahr in Taiwan hat sie sich insgesamt äußerst wacker geschlagen.

Als Mädel vom Land findet sie das Leben in der Stadt besonders spannend. "In Fuzhou haben wir immer direkt vor unserem Haus gespielt", erinnert sie sich. "In Taiwan gibt es aber viele schöne Plätze." Dabei denkt sie an den Zoo, Grünflächen und Museen. Ihr gefällt auch das Fernsehprogramm, das viel abwechslungsreicher und vielfältiger ist als auf dem Festland. An den Wochenenden geht sie gern in die Stadtbücherei. "Da gibt es viele interessante Lesebücher, und ich kann da auch gut Schularbeiten machen", berichtet sie. "Das ist eine neue Erfahrung für mich, denn in meinem Heimatort gab es das alles nicht." Was gefällt ihr sonst noch am Stadtleben? "Gelegentlich geht mein Vater mit meinen Geschwistern und mir zu McDonald's", verrät sie grinsend. " Ich liebe Pommes Frites."

Fehlt ihr denn gar nichts vom Festland? Ta-ming denkt angestrengt nach. "Hier sind die Lehrer sehr nett und kümmern sich sehr um uns, und sie bringen uns eine Menge bei", sagt sie. "Meine Mitschüler sind auch sehr gut zu mir, so daß ich mich weder ausgeschlossen noch bevorzugt fühle. Aber wenn es möglich wäre, würde ich gerne mal zurück aufs Festland fahren und meine Freunde besuchen." Nur für einen Besuch, betont sie ausdrücklich: "Leben möchte ich dort nicht mehr, denn Taiwan ist jetzt meine Heimat."

Ein anderer Festlandchinese namens Ting Lin (19) lebt seit acht Jahren in Taiwan. Weil seine Großeltern in Taiwan wohnen, konnte Ting einen Antrag auf Einwanderung in Taiwan stellen. Jedes Jahr gestattet die Regierung der Republik China 24 solchen Antragstellern vom Festland -- die unter zwölf Jahre alt sein müssen -- die Einreise in Taiwan. Tings Antrag wurde angenommen, und heute ist er Schüler an der Hua-hsing-Oberschule in Taipei.

Ting gibt zu, daß er vor seiner Ankunft nur unklare Vorstellungen von der Insel hatte. Als Kind erzählte man ihm, daß die Menschen in Taiwan "in einem Abgrund des Leidens" lebten und von bösen Kapitalisten gnadenlos ausgebeutet würden. Als er älter wurde und im Fernsehen Dramaserien aus taiwanesischer Produktion sah, beschlich ihn die Ahnung, daß es einen Unterschied zwischen Mythos und Wirklichkeit geben müsse. "Und nach meiner Ankunft hier verblüffte mich, daß alles so fortschrittlich ist und die Städte so wohlhabend sind", teilt er mit. "Ich bekam den sehr starken Eindruck, daß Taiwans Gesellschaft voller Vitalität ist und jeder, der zu harter Arbeit bereit ist, es zu etwas bringen kann."

Ting hatte bei der Eingewöhnung in der neuen Umgebung keine größeren Schwierigkeiten und kann beim jeweiligen Lebens- und Schulumfeld in Taiwan und Shanghai -- wo er ursprünglich gelebt hatte -- nur wenige wesentliche Unterschiede erkennen. "Auf dem Festland ist der schulische Druck ziemlich hoch, weil man schon vor der Mittelschule eine Eingangsprüfung ablegen muß", bemerkt er. "Meine einzigen Startprobleme betrafen die Unterschiede bei den Schriftzeichen- und Lautschriftsystemen." Aber durch fleißiges Lernen und etwas Nachhilfe holte er schnell auf, und heute ist er oft der Klassenbeste.

Auf der anderen Seite kostete die emotionale Umstellung viel Zeit und Mühe. "In den ersten paar Jahren hatte ich manchmal starkes Heimweh", erzählt Ting. "Immer wenn ich an meine Eltern und Freunde auf dem Festland dachte, mußte ich weinen." Eine seiner Tanten und mehrere Vettern leben auch in Taipei, und er besucht sie meist an den Wochenenden.

Tings Eltern leben in Deutschland und haben dort ein Restaurant. Einer von beiden muß immer dort sein und sich um das Geschäft kümmern, aber sein Vater kommt einmal im Jahr zu Besuch. "Im Laufe der Jahre habe ich hier viele Freundschaften geschlossen", behauptet Ting jr. "Jetzt bin ich nicht mehr so einsam." Er sei außerdem nie diskriminiert worden und komme auch mit seinen Mitschülern gut aus. "Ausgeschlossen fühle ich mich halt nur dann, wenn sie ihren taiwanesischen Dialekt sprechen", merkt er an. "Ich gebe mir mit dem Taiwanesischlernen viel Mühe, damit ich besser mit meinen Mitschülern und anderen Leuten kommunizieren kann."

Nach dem Abschluß der Oberschule diesen Sommer hofft er, die allgemeine Aufnahmeprüfung der Universitäten zu bestehen und Jura studieren zu können. " Ich bin mit meinem Leben zufrieden und fühle mich gut in Taiwans Gesellschaft integriert", findet er. "Verglichen mit dem Festland habe ich hier mehr Entfaltungsmöglichkeiten, denn diese Gesellschaft bietet sehr viel und legt großen Wert auf Fairneß. Je nach den eigenen Fähigkeiten und Fleiß hat hier jeder eine Erfolgschance."

Ein Mitschüler von Ting namens Fang Fu-po kommt ebenfalls vom Festland. Die beiden kennen sich seit acht Jahren und sind -- wen mag es verwundern -- gut miteinander befreundet. Der heute 21jährige Fang traf 1988 in Taiwan ein und meint: "Vorher wußte ich fast nichts über Taiwan, weil ich auf dem Land lebte. Nach all den Jahren hier weiß ich jetzt, daß Taiwan frei und demokratisch ist, und ich bin froh, hier zu sein."

Fangs Eltern sind Bauern und leben noch mit seinen Geschwistern (ein Bruder, zwei Schwestern) in der Provinz Guangxi. Seit seiner Ausreise vor zehn Jahren hat er nie wieder alle Familienmitglieder zusammen an einem Ort getroffen. "Das war schwer für mich", bekennt er. "Wenn ich mal wirklich Heimweh hatte und mich einsam fühlte, war ich drauf und dran, hier alles hinzuschmeißen und einfach zurück aufs Festland zu gehen." In Taiwan lebt nur ein Verwandter von ihm, sein 74jähriger Opa.

Die freundliche Atmosphäre an der Hua-hsing-Oberschule, wo die Schüler gemeinsam leben, lernen und ihre Freizeit verbringen, half Fang jedoch sehr bei der Überwindung seiner Traurigkeit. "Jetzt habe ich mich an die Umgebung gewöhnt und fühle mich akzeptiert, vor allem wegen der Fürsorge der Schule und ihrer Lehrer", frohlockt er. "Die Lehrer und die Schuleinrichtungen sind viel besser als auf dem Festland, und der Unterricht ist vielfältiger." Wie sein Freund Ting will Fang die Eingangsprüfung für die Universität ablegen, und im Erfolgsfall möchte er Wirtschaft studieren. Ob er nach Abschluß seines Studiums wieder in seine Heimat zurückkehren wird, hat er noch nicht entschieden. "Wenn ja, dann wegen meiner Familie", überlegt er. "Wenn sie nicht wäre, würde ich aufgrund der verlockenderen Karrieremöglichkeiten lieber in Taiwan bleiben."

Mao Chung-chi ist die Direktorin der Hua-hsing-Oberschule, an der Ting und Fang Schüler sind. Sie betont, daß keiner der Schüler eine Extrawurst gebraten kriegt, ganz gleich, wo er herkommt oder welchen familiären Hintergrund er hat. "Wir bieten unseren Schülern je nach ihren individuellen Bedürfnissen und Persönlichkeiten Anleitung und Beratung", rapportiert sie. "In unseren Augen sind Kinder halt Kinder, sie sind gleichwertig."

Schau, was kommt von draußen rein

Nach einer Umfrage fühlen sich überraschend wenige festlandstämmige Schüler in den Schulen in Taiwan diskriminiert, weder von Lehrern noch von Mitschülern.

Die Schule war 1955 von Soong May-ling(宋美齡), der heute hundertjährigen Witwe des damaligen Präsidenten der Republik China Chiang Kai-shek (蔣介石,1887-1975), gegründet worden. Ursprünglich war Hua-hsing ein Kinderheim, das Unterricht vom Kindergarten bis zum Grundschulniveau bot. Später wurde sie zur Mittel- und Oberschule erweitert und ist heute eine gemeinnützige Einrichtung zur Pflege und Erziehung von Flüchtlingen, Waisen und armen Kindern, besonders von Armeeangehörigen. (Als der Junge vom Festland in Taiwan eintraf, galt der Haushalt von Tings Großvater -- einem Veteranen -- als "einkommensschwach".) " Unsere Schüler erhalten freie Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Bildung und andere grundlegende Dinge", zählt Mao auf. "Wir sind wie eine große Familie. Unter den Schülern sollte es keine Diskriminierung geben, und wir machen keine Unterschiede wegen der Herkunft, egal ob Taiwan oder Festland."

Ting und Fang hatten in ihren ersten drei Jahren an der Oberschule beide bei der Lehrerin Lo Yu-mei Unterricht. Nach ihren Worten waren die schulischen Leistungen der Jungen trotz der Festlandherkunft kaum anders als die der einheimischen Schüler. "Sie sind sehr lernbeflissen und haben sich offenbar gut eingewöhnt", urteilt sie. "Andererseits scheinen sie reifer, gewissenhafter und unabhängiger zu sein als ihre Mitschüler."

Die neueste Statistik vom Bildungsamt der Stadtverwaltung Taipei ( Taipei City Government Bureau of Education, TBOE) zeigt, daß 1997 insgesamt 96 Festlandchinesen öffentliche Schulen in der Stadt Taipei besuchten: 59 waren in Grundschulen, dreißig in Mittelschulen und sieben in Oberschulen. Zur Untersuchung ihrer Probleme führte die Stadträtin Chin Huei-chu im Januar dieses Jahres eine Umfrage unter diesen 96 Schülern durch. Die Ergebnisse zeigen, daß über die Hälfte seit ein bis drei Jahren in Taiwan ist, etwa zwei Drittel wohnen bei ihren Eltern und der Rest bei den Großeltern.

Die überwältigende Mehrheit der Befragten (88 Prozent) hat nach eigener Ansicht keinerlei Probleme bei der Bewältigung des Lernpensums, und nur sechs Prozent geben schlechte schulische Leistungen an. Die meisten fühlen sich nicht von ihren Lehrern oder Mitschülern diskriminiert. Der größte negative Faktor in ihrem Leben ist Heimweh, worüber fast die Hälfte der Befragten klagte, und 20 Prozent haben das Gefühl von Lerndruck. In der Zukunft wollen 47 Prozent in Taiwan bleiben, und ebenfalls 47 Prozent sind sich darüber noch nicht sicher. Immerhin sind nur vier Prozent entschlossen, nach Abschluß der Schule aufs chinesische Festland zurückzukehren.

Chin ist sehr erfreut darüber, daß sich in den meisten Fällen die Eltern oder andere Verwandte um die Schüler kümmern. Sie merkt an, daß viele von ihnen zwar erst seit relativ kurzer Zeit in Taiwan sind, aber schon lange genug, um weiter hier leben zu wollen. "Das beweist, daß sie dem Leben in Taiwan und dem Bildungsumfeld vertrauen und es mögen", interpretiert Chin. "Darauf sollten wir stolz sein."

Die Zahl der festlandchinesischen Schüler auf der Insel ist zwar bisher kaum der Rede wert, aber von vielen Erziehern werden sie als klar abgegrenzte Gruppe gesehen, die besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge verdient -- schließlich sind sie Landsleute. "Die Regierung tut nicht genug für sie", bemängelt Chin. "Sie scheint sich mehr um das Wohl der ausländischen Arbeitnehmer zu kümmern als um das Wohl der Schüler vom Festland."

Chin erhofft sich von den Bildungsbehörden entschlossenere Maßnahmen zur Unterstützung dieser Schüler. Ein guter erster Schritt wäre ihrer Ansicht nach die inselweite Durchführung einer Umfrage wie die, welche sie selbst im Raum Taipei durchgeführt hat, um die wirklichen Bedürfnisse der Schüler vom Festland bei praktischer Hilfestellung und psychologischer Beratung zu untersuchen. Die lokalen Behörden sollten außerdem Bildungs- und Freizeitveranstaltungen wie Sommerlager oder Kurzkurse organisieren und in regelmäßigen Abständen Seminare für die festlandchinesischen Schüler abhalten, in denen diese über ihre Probleme sprechen können.

Laut Chin sollte das TBOE die Schulen und Lehrer stärker dazu aufrufen, diesen Schülern mehr Aufmerksamkeit und zusätzlichen Unterricht zuteil werden zu lassen. Das Bildungsministerium hat bisher noch keinerlei Sonderbestimmungen für festlandchinesische Schüler in Taiwan formuliert. "Wenn wir sie weiter vernachlässigen, könnten sie eines Tages soziale Probleme oder gar unvorhersehbare Tragödien verursachen", warnt sie und weist auf die Möglichkeit hin, daß sie "Problemkinder" mit einer Neigung zu Gewalt werden könnten.

Nicht jeder sieht die Lage so pessimistisch. Wang Kun-chi, Leiter einer Arbeitsgruppe für Festlandangelegenheiten im Bildungsministerium, legt die Position des Ministeriums dar: Solange diese jungen Festlandchinesen legal nach Taiwan gelangen, sind sie sowohl berechtigt als auch verpflichtet, die reguläre Ausbildung der Insel zu erhalten. Sie werden also genauso behandelt wie die einheimischen Schüler, und für Wang ergeben sich daraus keine Probleme. Wenn man in den Grund- und Mittelschulen für die festlandchinesischen Schüler mehr Aufmerksamkeit und Hilfe für nötig halten sollte, so sei das die Aufgabe der Lokalverwaltungen vor Ort.

Der Besuch von Hochschulen und Universitäten in Taiwan ist Festlandchinesen zur Zeit verwehrt. Die Ausnahme sind Magisterkandidaten, die nicht länger als sechs Monate in Taiwan forschen wollen. (Ting und Fang sind als legale Einwanderer von dieser Regelung ausgenommen.) "Das Problem ist, daß beide Seiten noch keine formale Vereinbarung über die Erleichterung eines solchen Austausches unterzeichnet haben", erläutert Wang. "Wegen des Fehlens einer gesetzlichen Grundlage kann man noch nicht an die Formulierung von passenden Bestimmungen denken." Ein ganz zentraler Punkt für Wang ist, daß man solche Austauschaktivitäten nicht isoliert betrachten darf: Die gesamte Festlandpolitik der Regierung muß ebenfalls berücksichtigt werden. Ob die Bandbreite für höheren Bildungsaustausch erweitert werden kann, hängt von der weiteren Entwicklung der Beziehungen über die Taiwanstraße ab.

Lai Chih-feng, ein Beamter im TBOE, gibt dagegen zu, daß mehr zur Unterstützung der jungen festlandchinesischen Schüler in Taiwan getan werden muß. " Diese Schüler sind unsere Landsleute", verkündet er. "Wir haben die Verpflichtung, ihnen für ein besseres Leben hier unsere Hilfe anzubieten." In Übereinstimmung mit den Befürchtungen von Chin Huei-chu fügt er hinzu, daß "diese Schüler ohne die richtige Fürsorge eines Tages der Auslöser bestimmter sozialer Probleme werden können."

Zu Beginn jedes Semesters führt das TBOE eine statistische Kontrolle der festlandchinesischen Schüler an den Grund- und Mittelschulen der Stadt durch. "Wir haben herausgefunden, daß tatsächlich eine kleine Zahl von Schülern bei der Umstellung an die hiesige Umgebung Schwierigkeiten hat", gibt Lai bekannt. "Wir versuchen das zu beheben, indem wir sie im passenden Jahrgang unterbringen, und gleichzeitig ermahnen wir die Schulen und Lehrkräfte, ihnen besondere Aufmerksamkeit und zusätzlichen Unterricht zukommen zu lassen."

Das üblichste schulische Problem der festlandchinesischen Schüler ist laut Lai das Erlernen des speziellen taiwanesischen Lautschriftsystems für chinesische Silben und der komplizierteren chinesischen Schriftzeichen. (Auf dem Festland ist das Erlernen der Schriftzeichen etwas leichter, weil dort in den fünfziger Jahren sehr viele Schriftzeichen vereinfacht wurden.) Zum Überwinden dieser Schrift-Barriere in möglichst kurzer Zeit bezahlt das TBOE Lehrer für zusätzliche Unterrichtsstunden nach Schulschluß, und dieses System funktioniert offenbar sehr gut.

Junge Festlandchinesen sind zumindest während ihrer ersten Monate auf der Insel in der ungewohnten Umgebung häufig unsicher und labil. Lai merkt jedoch an, daß die meisten von ihnen bei ihren Eltern oder anderen Verwandten leben, wodurch nach seinem Urteil dieser Einfluß gedämpft und der Akklimatisierungsverlauf beschleunigt wird. Trotzdem ermutigt das TBOE die Schulen mit festlandchinesischen Schülern, neben dem Unterricht besondere Aktivitäten zu organisieren, bei denen sie überschüssige Energie und angestaute Emotionen loswerden und gleichzeitig auch den Kontakt zu den taiwanesischen Mitschülern verbessern können.

Familien mit geringem Einkommen können staatliche Unterstützung oder Studiengebührensenkungen in Anspruch nehmen, was vom TBOE arrangiert wird. Das Amt wird sogar mit den Kindern illegaler Einwanderer vom Festland in Abschiebehaft großzügiger umgehen, damit diese Kinder einen formalen Schülerstatus erhalten und während ihres Aufenthalts in Taiwan im Schulsystem der Insel integriert bleiben. Lai ermutigt die Bedürftigen nachdrücklich zur Kontaktaufnahme mit dem Amt oder den örtlichen Schulbehörden, damit sie jede benötigte Hilfe erhalten können.

Die Stadträtin Chin möchte auf eine rosigere Perspektive hinweisen. Die von Pessimisten als Folge des Bildungsaustausches zwischen Taiwan und dem Festland düster ausgemalten Auswirkungen wischt sie beiseite. Ihrer Ansicht nach sollte der Austausch abgesegnet werden, weil auf diese Weise Taiwanesen und Festlandchinesen mehr Gelegenheit zum gegenseitigen Verstehen hätten und voneinander lernen könnten. "Bildung und Politik sollten voneinander getrennt werden", fordert sie. "Meiner Meinung nach könnte Bildungsaustausch sogar als Lösungsmodell für die Meinungsverschiedenheiten und Probleme zwischen den beiden Seiten dienen."

(Deutsch von Tilman Aretz)

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