Für die von dem rumänischen Musiker Michael Cretu gegründete New-Age-Gruppe "Enigma" war 1994 ein Boom-Jahr, als sie auf der ganzen Welt ihre CD The Cross of Changes millionenfach verkaufte. In dem Lied "Return to Innocence" bewegt ein männlicher Solo-Sänger mit einer atemberaubenden Stimme den Zuhörer durch seine geradezu überirdische Mischung aus stillem Stolz und unbeugsamem Geist. Dieses Lied hinterließ so einen tiefen Eindruck, dass es schließlich in die Erinnerungs-CD der olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta aufgenommen wurde. Später wurde der Name des Sängers bekannt: Difang Duana(郭英男), Stammesangehöriger des Ami-Ureinwohnervolkes in Taiwan. Sein Beitrag wurde dann überschattet von einem hässlichen Streit über das Urheberrecht, der schließlich im Sinne des Sängers beigelegt wurde, aber für einen glorreichen Moment stand die taiwanische Ureinwohnermusik voll im internationalen Rampenlicht.
Was ist das Geheimnis der Ureinwohnermusik, dass sie den Zuhörer so außerordentlich universell anspricht? "Es ist die ästhetische Erfahrung in höchster Vollendung", schwärmt Cheng Chieh-jen, Musikproduzent in der Firma Taiwan Color's Music Co. "All die Harmonie, Natur und Vollkommenheit einer bestimmten Kultur wird gleichzeitig mit der Betonung des Friedens im Geiste zum Ausdruck gebracht. Der Stimmumfang ist groß, und die Rhythmen sind charakteristisch. Die Ureinwohner singen mit ihrem Herzen. Das Resultat ist ein Strom von Wahrheit, Güte und Schönheit, der das Publikum tief bewegen kann."
Seit über zehn Jahren ist Cheng auf die Produktion von Ureinwohnermusik spezialisiert. Was motiviert ihn dabei? "Ihre Werke geben mir das Gefühl, dass Musikproduktion ein vollkommen natürlicher Prozess ist", beschreibt er. "Hinter ihrer Musik findet man dieses reichhaltige Kulturerbe und eine aufgeschlossene Einstellung." Cheng entdeckte bei den Ureinwohnern der Insel die Fähigkeit, ihrer oft durch überwältigende Naturschönheit beherrschten Umgebung Inspirationen abzuringen. Viele Ereignisse ihres täglichen Lebens, ob wichtig oder trivial, finden Eingang in ihre Lieder. Außerdem ist ihre Musik extrem vielseitig, geradezu allumfassend: monophoner Gesang, polyphone Kontrapunkte und viele andere Stilmittel kommen zum Einsatz.
Noch bemerkenswerter ist, dass noch vor acht oder neun Jahren so gut wie kein Album mit Ureinwohnermusik auf dem Markt war. Als Cheng schließlich eine Platte aufstöbern konnte, stellte sich heraus, dass sie von einer französischen Firma produziert worden war. Glücklicherweise wehte schon bald darauf ein anderer Wind, und heute vermarkten zahlreiche einheimische Plattenfirmen Ureinwohner-CDs mit zufriedenstellenden Verkaufsziffern. "'Return to innocence' wird immer mehr zu einem internationalen Trend", bemerkt Cheng. "Die Ureinwohnermusik wird auf jeden Fall irgendwann bekannt werden, nicht nur in Taiwan, denn sie ist so natürlich und authentisch." Mit Difang Duanas großartigem Auftritt zur Zeit der Olympiade in Atlanta 1996 wurde der skeptischen, sprachlich vom Mandarin-Chinesischen dominierten Musikbranche in Taiwan endlich klar, dass Ureinwohnermusik sehr wahrscheinlich groß im Kommen war.
In den letzten Jahren wurden auf Taiwans Popmusikmarkt dann auch immer mehr Songs in den verschiedenen Ureinwohnersprachen, auf Taiwanisch oder auf Hakka vorgestellt. Ihr gemeinsamer Marktanteil wird mittlerweile auf bis zu 40 Prozent geschätzt. Wie können sich diese Lieder gegen die schnellen Strömungen des vorherrschenden Musikgeschmacks in einem hart umkämpften Markt behaupten? " In der heutigen liberalen Gesellschaft gibt es keine 'Hauptströmung'", meint Landy Chang, Präsident der Firma Magic Stone Music Co. "Jede gut gemachte Musik, ob aus Taiwan oder aus dem Ausland, kann hier groß rauskommen. Wenn man mich fragt, warum die Lieder im einheimischen Dialekt so beliebt werden, warum bisher unbekannte taiwanische Sänger zu Superstars werden, dann habe ich darauf eine einfache Antwort: ihre Emotionen und Aussagen hinter der Musik bewegen wirklich die Herzen der Menschen."
Für Chang ist das Phänomen grundsätzlich durch Einfühlungsvermögen bedingt. Viele neue Komponisten, Texter und Sänger bemühen sich, das normale Leben der Menschen in Taiwan auf die musikalische Ebene zu übertragen und lange verborgene Gefühle wie Zorn, Glückseligkeit, Hilflosigkeit und Trauer zu enthüllen. Die in den Liedern zu Grunde liegende Botschaft kommt beim Publikum auch an. Das vielleicht erfolgreichste Beispiel dafür ist das Duo Kinmen Wang(金門王) und Lee Bin-hui(李炳輝). Die beiden blinden Musiker eroberten 1997 mit ihrer CD Nach Tamsui streunen(流浪到淡水) die Insel im Sturm. Die Platte erreichte den vierten Platz auf der Taiwan-Hitliste des Internationalen Verbandes der Phonobranche ( International Federation of the Phonographic Industry , IFPI) und traf anscheinend genau den Nerv der Taiwaner des 20. Jahrhunderts.
Ein anderer bemerkenswerter Erfolg wurde von der Band "Wu Bai & China Blue" erzielt. Ihre 1998 erschienene CD Einsamer Baum, einsamer Vogel(樹枝,孤鳥) wurde trotz minimaler Werbung in den Medien über 700 000-mal verkauft und kam in der IFPI-Hitliste des Jahres 1998 auf Platz 2. Chang gibt jedoch zu bedenken, dass der Markt sich ständig ändert und man die Erfolgschancen eines Liedes unmöglich voraussagen kann. Trotzdem bleibt er zuversichtlich, dass Musik, wie sie das Leben schrieb und die ein sentimentales Heimatgefühl beinhaltet, die Menschen auch weiterhin ansprechen wird.
Dieser ganze Bereich hat natürlich auch einen kantigen politischen Aspekt. Mandarin-Chinesisch war lange Zeit die einzige "offizielle" Sprache auf Taiwan, und die Dialekte und Ureinwohnersprachen wurden unterdrückt, während der Zeit des Kriegsrechts (1947-1987) sogar ziemlich rüde. Mehrere Jahrzehnte lang durfte man Lieder, die die Gefühle der Komponisten und Zuhörer am besten ausdrückten, weder komponieren, singen oder auch nur hören. Mit der Aufhebung des Kriegsrechts jedoch wurde praktisch jeder Aspekt des öffentlichen Lebens liberalisiert -- Politik, Wirtschaft und Soziales. Nach einer so langen Unterdrückung ist das plötzliche Blühen der taiwanischen Kultur vielleicht nicht überraschend.
Der 44-jährige Chen Ming-chang(陳明章) ist einer der nun auftrebenden durch und durch taiwanischen Komponisten. Wie Cheng Chieh-jen sieht auch er in der Entwicklung ein politisches Element. Er erinnert sich, wie er mit etwa 25 Jahren zu komponieren anfing, aber damals nicht wagte, seine Lieder zu veröffentlichen. Er wusste ganz genau, dass die Lieder ver boten werden würden und er selbst dafür im Knast landen könnte. "Damals war ich verzweifelt, weil ich die Werke über meine innere Reflektion und Selbstprüfung nicht veröffentlichen konnte", erzählt Chen. "Zur Betäubung der Frustration und Hilflosigkeit griff ich oft zur Flasche. Dank eines Zusammenspiels von Demokratisierungsmaßnahmen durch die Regierung und eigenem Beharren auf der Richtigkeit meines Handelns kam ich schließlich dahin, wo ich heute bin."
Während der schweren Zeiten widerstand Chen der Versuchung, Lieder auf Mandarin-Chinesisch zu schreiben, denn das war nicht seine Muttersprache. "Damals machten 99 Prozent der Komponisten Lieder auf Mandarin-Chinesisch", schätzt er. "Ich fühlte jedoch, wenn ich nicht weiterhin taiwanische Lieder schriebe, würde ein Teil meiner Kultur vergehen." Im Bewusstsein seiner Verantwortung widmete er damals fast seine ganze Kraft Liedern, die möglicherweise nie öffentlich gespielt werden würden.
Für Chen wurde aber alles gut. In der Pop-Welt gilt er als einer der Pioniere des Trends zur so genannten "Neuen taiwanischen Musik". Sein Rap-Stück "Wahnsinn"(抓狂) aus dem Jahre 1989 wird von vielen Leuten, darunter Landy Chang von Magic Stone Music, für das Lied gehalten, welches das Verhältnis der Musik im taiwanischen Dialekt zu ihrer Umwelt veränderte. Zwar wurde für das Lied nie Werbung gemacht, doch von der Sample-CD mit dem Lied wurden über 160 000 Stück verkauft.
"Rap-Fassungen taiwanischer Lieder waren damals etwas Neues, und die Zuhörer fanden das wohl erfrischend anders", spekuliert Chen. "Die Lieder handelten von Dingen wie dem deprimierenden Dasein der Taxifahrer. In den Liedern steckte viel Lokalkultur, denn im Prinzip waren es Geschichten, Dramen prall aus dem Leben." Für ihn sollten die Lieder die Zuhörer in die Lage der Durchschnittbürger versetzen und ein Bild vom Auf und Ab des taiwanischen Lebens und der Geschichte zeichnen.
Bis vor kurzem war im Inland produzierter Pop zumeist eine Synthese aus westlichen Musikformen und mandarin -chinesischen Texten, wogegen Chens Lieder und Musik organisch aus seiner eigenen lokalen Kultur entstehen. Er tischt dem Hörer einen modernen musikalischen Eintopf auf, verwendet als Zutaten Melodien aus den Fujian-Opern nankuan und peikuan, abgeschmeckt mit Texten und Liedern aus der taiwanischen Oper und dem Handpuppentheater und gewürzt mit rhythmischen und harmonischen Stilen aus traditionellen taiwanischen Volksliedern. ( Nankuan南管 hat einen feinen, sanften Klang und soll um das 16. Jahrhundert erstmals auf Taiwan aufgetaucht sein. Peikuan 北管ist laut und schnell und wird oft als Untermalung bei Opern oder Puppenvorstellungen gespielt.) "Originalität ist ein wichtiger Faktor, wenn man bedenkt, wodurch Musik attraktiv und dauerhaft wird und ob sie zum Klassiker werden kann", doziert Chen. "Ich hoffe, dass meine Musik mich überleben wird, damit die Menschen sich beim Gedanken an mich immer an manche von mir produzierte Lieder erinnern."
Der Trend geht zur Weltmusik. Immer mehr westliche Musikproduzenten wie Peter Gabriel oder Michael Cretu bereichern ihre CDs mit Elementen von Ureinwohnermusik aus Asien, Afrika usw. (Courtesy Magic Stone Music)
Es gibt inzwischen übrigens auch viele taiwanische Rock 'n' Roll-Lieder, die von einheimischen Stars wie Lim Giong(林強), Wu Bai(伍佰) oder Chen Sheng(陳昇) eingespielt wurden. Die taiwanische Musik hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt, dass heute wesentlich mehr Musikbereiche abgedeckt werden als früher: Rock 'n' Roll, Rap, Reggae, Blues und andere.
Diese Entwicklung wird sicher dadurch begünstigt, dass der taiwanische Dialekt in Taiwan und Südostasien von immer mehr Menschen gesprochen wird und dass ihn die Bewohner der festlandchinesischen Provinz Fujian, wo er ursprünglich herkommt, problemlos verstehen. Chen denkt, dass in diesen Gebieten wahrscheinlich etwa 80 Millionen Menschen oder mehr die Texte taiwanischer Lieder entweder ganz oder so ungefähr verstehen.
Ureinwohnerlieder wiederum sind voll von eigenem Zauber und emotionaler Kraft und lösen auch bei einem Publikum Reaktionen aus, das die Texte nicht versteht. " Viele ihrer CDs sind Klassiker geworden oder werden es noch", prophezeit Chen. "Ihre einzigartige Kultur, die in den mit leidenschaftlicher Musik und Tanz untermalten Liedern zum Ausdruck kommt, gibt ihnen einen großen Wettbewerbsvorteil."
Chen interessiert sich auch für die Musikszene der Ureinwohner. Nach seiner Beobachtung haben viele Stammesangehörige ein starkes Gemeinschaftsgefühl, weil sie so viele Krisen durchgemacht haben. Viele von ihnen haben besondere Anstrengungen zur Erhaltung ihrer Muttersprache unternommen, und ein Maßstab für ihren Erfolg ist die breite Anerkennung, die immer mehr ihrer Sänger in der Musikwelt ernten.
Die 22-jährige Chi Hsiao-chun(紀曉君) steht für eine solche Erfolgsstory. Sie ist Stammesangehörige der Puyuma, die vor allem in der Gegend um Taitung an der Südostküste Taiwans leben. "Ich werde immer wieder gefragt, wieso ich nicht auf Chinesisch singe, dann würde ich doch schneller berühmt und könnte viel mehr CDs verkaufen", berichtet sie. "Als Stammesangehörige fühle ich mich aber verpflichtet, die Lieder in meiner Muttersprache zu singen und unsere Kultur lebendig zu halten."
Alle Ureinwohnersprachen der Insel wurden von Generation zu Generation meist mündlich anstatt schriftlich weitergegeben, daher ist die Erhaltung typischer Ureinwohnerballaden doppelt schwierig. Besungen wird in den Balladen etwa die Schönheit des Heimatortes, die alltäglichen Probleme oder religiöse Rituale. Daher singt Chi -- deren Name in ihrer Muttersprache Samingad" lautet -- die ihr bekannten Lieder kompromisslos in ihrer Originalsprache und bringt die aufrichtige Hoffnung zum Ausdruck, dass Sänger anderer Stämme bald ihrem Beispiel folgen werden.
Chi Hsiao-chuns erste CD mit Puyuma-Balladen kam im Dezember letzten Jahres auf den Markt, und bisher gingen über 25 000 Stück davon über den Ladentisch. Die Plattenfirma Magic Stone Music ist mit diesen Zahlen zufrieden, denn selbst bei einer neuen CD in Mandarin-Chinesisch gilt 30 000 als keine schlechte Verkaufszahl. "Schon seit meiner Kindheit singe ich Puyuma-Balladen", behauptet Chi. "Gesang ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Ich wünsche mir, dass den Menschen unsere Lieder gefallen, dass sie unsere Kultur kennen lernen und mit uns Freundschaft schließen. Das versuche ich als Sängerin zu erreichen."
Landy Chang von Magic Stone Music, ein glühender Verehrer alles Ureinwohnerischen, fühlte sich von vielen der Lieder tief bewegt, darum fördert seine Firma die Ureinwohnermusik auch so eifrig. Er beschreibt sie als Geschenk Gottes -- das beste Geschenk, das Gott Taiwan jemals gesandt hat. "Ihre Instrumentalmusik kann Sprachbarrieren überwinden und sich nahtlos mit der Weltmusik verschmelzen", glaubt er. "Ihre schlichte Reinheit führt zurück in das goldene Zeitalter der Erschaffung der Welt, als die Menschen sehr engen Kontakt mit den Naturelementen Erde, Wind und Himmel hatten."
Chang hofft, dass die Ureinwohnermusik die Menschen aus diesem chaotischen Zeitalter mit ihrer Hektik und ihren Ängsten zurück in eine Welt der unschuldigen Traditionen leiten wird. Für die Sinne so wohltuende Musik sollte nicht nur in Taiwan gefördert werden, sondern in der ganzen Welt, und Changs Firma will sich dabei mit ganzer Kraft einsetzen. "Wenn die Musik gut ist, dann produzieren und fördern wir sie", gelobt er. "Talentierte Sänger bauen wir auf und stellen sie der Öffentlichkeit vor. Das ist unsere Arbeitsweise. Sprache ist dabei unwichtig."
Von besonderem Interesse für Landy Chang und Chen Ming-chang ist die gegenwärtige Situation der Hakka-Lieder. Dort ist der Erfolg sehr ungleichmäßig verteilt. "Gegenwärtig sind Taiwans Hakkas im Prinzip noch eine unterprivilegierte Gruppe", urteilt Chang. "Die Bewahrung ihrer traditionellen Kultur steht auf der Prioritätenliste ziemlich weit unten, und immer weniger Hakkas, besonders die jungen Leute, beherrschen noch ihren Dialekt. Bei den Hakka-Liedermachern gibt es deswegen nicht so viele Talente, und das Hakka-Liedgut steht einer echten Krise gegenüber."
Huang Lien-yu ist einer der wenigen Hakkas, die sich als Komponisten und Sänger in Taiwans Popszene etabliert haben. Seine erste CD brachte er 1992 gemeinsam mit dem taiwanischen Sänger Chen Sheng heraus, und die Lieder darauf sind teils Hakka, teils Taiwanisch. Von der Scheibe gingen über 70 000 Stück weg. "Ich war wie elektrisiert", gesteht Huang. "Ich war ein Niemand und wagte gar nicht davon zu träumen, dass wir genügend Erfolg für die Produktion einer zweiten CD haben könnten. Aber durch die alle Erwartungen übertreffenden Verkaufszahlen gewannen die Aufnahmefirma [Rock Records & Tapes Co.] und ich Vertrauen. Wenn Hakka-Lieder nur gute Melodien und Texte haben, können sie in der Öffentlichkeit Anklang finden."
Mittlerweile haben Huang und Chen insgesamt fünf CDs auf den Markt gebracht, alle mit Anmerkungen auf Mandarin -Chinesisch, und durch diese CDs kommen Hakka-Lieder in der Popszene viel stärker zur Geltung. Was ist ihr Geheimnis? "In unseren Stücken geht es um ganz alltägliche Dinge, die ständig um uns alle herum passieren -- Familiengeschichten, Broterwerb", erläutert Huang. "Dann ist da noch die Kombinierung zweier unterschiedlicher lokaler Sprachen, Hakka und Taiwanisch, und das finden die Leute innovativ und interessant. Unsere Musik ist auch leicht verdaulich: die Zuhörer fühlen sich entspannt und glücklich." Dem Erfolg dieser CDs ging jedoch viel harte Arbeit voraus. Bei der Vorstellung jeder neuen CD tourten Huang und Chen um die Insel und traten in Schulen auf -- insgesamt in über 100 Lehranstalten in einem Jahr. Dieser hautnahe Kontakt mit dem Publikum hat ihre Popularität stark gesteigert.
"Als Hakka sehe ich mich selbst als eine Art von Missionar zur Erhaltung und Förderung der Hakka-Kultur und auch zur Korrektur mancher Vorurteile über mein Volk, und diese Mission erfülle ich durch Komponieren und Singen", verkündet Huang. "Die Menschen sollen wissen, dass ich ein Hakka bin, und sie sollen uns mehr als bisher verstehen und akzeptieren." Ab und an packt ihn die Wut, wenn manche Hakkas ihre Wurzeln nicht anerkennen wollen. Er will auch die vorherrschende falsche Auffassung berichtigen, dass die Hakkas geizig und übertrieben auf ihre eigenen Interessen fixiert seien.
Um die Lieder für mehr Menschen annehmbar zu machen, versucht Huang die Texte zu vereinfachen und sie mit eingängigen Melodien zu versehen, damit auch Menschen ohne Kenntnis der Hakka-Sprache ihre Freude daran haben. Das ist aber nicht so einfach. Derzeit hat er etwa damit zu kämpfen, dass die Steigerung der Liedproduktion seinen Wortschatz strapaziert. Die Ausdrucksmöglichkeiten für bestimmte Ideen und Gefühle sind begrenzt, und weil es Huang an Gelegenheiten zum regelmäßigen Gebrauch seiner Muttersprache mangelt, kann er mit seiner Sprache nur schwer auf dem neuesten Stand bleiben.
Auch der Ruhm verursacht Probleme. Huang stellt in zunehmendem Maße fest, dass seine Fans hohe Erwartungen an ihn haben. Immerhin gibt die Unterstützung durch die Fans Huang den zum Weitermachen notwendigen Schwung. Trotz der Hindernisse ist Huang zuversichtlich, dass Hakka-Lieder in Taiwans pluralistischer Gesellschaft immer populärer werden. Unterdessen freut er sich darüber, dass immer mehr junge Talente Lieder schreiben, die die Ansichten und die Kultur der Hakkas repräsentativ wiedergeben.
Nach Huangs Meinung ist die Insel wirklich ein Schmelztiegel ethnischer Gruppierungen geworden, wozu auch immer mehr Ausländer zählen, die sich wegen ihrer Karriere oder aus sonstigen Gründen auf Taiwan niedergelassen haben. Im Einklang mit diesem Trend plant Huang die Einbeziehung mehrerer verschiedener Sprachen -- Taiwanisch, Englisch, Japanisch -- in seine künftigen Kompositionen. "Musik sollte universal und nicht an feste Ausdrucksformeln gebunden sein", fordert er. "Als Komponist schreibe ich nicht nur für die Hakkas, sondern für alle Menschen, sowohl hier als auch im Ausland."
Generationen von Deutschen, die gerne Edith Piaf hören, oder britische Liebhaber von Verdis Opern würden sicher gleich zustimmen, dass bei schöner Musik Sprache keine so große Rolle spielt. Oft kann Musik erfolgreich alle Kultur- und Sprachgrenzen sowie Denkschemen überwinden, und ohrenscheinlich ist Taiwan da auf eine Goldader gestoßen. "Das Schöne an Taiwan ist, dass es alle diese Sprachen und unterschiedlichen Umfelder gibt", freut sich Chen Ming-chang. "In einem so diversifizierten sozialen Umfeld werden lokalsprachige Lieder unweigerlich einen großen Marktanteil ergattern, denn immer mehr Menschen suchen per Musik nach ihren Wurzeln."