Es regnet. Dan Gallagher (gespielt von Michael Douglas) zückt einen Regenschirm, der prompt kaputtgeht. Gallagher flucht, und Alex Forrest (verkörpert von Glenn Close) feixt: "Made in Taiwan?" -- Diese Szene hat in Taiwan die Beliebtheit des 1987 gedrehten Hollywood-Streifens Eine verhängnisvolle Affaire" (Fatal Attraction) nicht gerade gefördert, aber ihr vernichtendes Urteil über die Neigung eines der asiatischen Tiger zu Billigproduktion reizt das Publikum anderswo selbst heute noch fast immer zum Lachen.
In der hochmodernen taiwanischen Informationstechnologiebranche findet man das allerdings nicht mehr so komisch. Carly Fiorina, Präsidentin von Hewlett-Packard (HP), nahm im Juni letzten Jahres in Taipeh an dem Weltkongress für Informationstechnologie (IT) 2000 teil und gab bei dieser Gelegenheit eine verbreitete Meinung zum Besten: "Dieses Land und die Firmen hier in Taiwan können bei Erfindungen und Weiterentwicklungen auf eine beachtliche Leistungsbilanz verweisen", lobte sie. "Da können wir alle uns mal eine Scheibe von abschneiden. Denken Sie mal darüber nach, wie anders als vor dreißig Jahren 'Made in Taiwan' heute in der Welt klingt -- das ist Weltklasseniveau."
Diese Ansicht kann man keinesfalls als bloße Schmeichelei abtun. HP kaufte im Jahre 2000 Güter und Dienstleistungen im Wert von schätzungsweise 4,5 Milliarden US$ in Taiwan ein, ein Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. "Taiwan hat bei dem Erfolg des Unternehmens als globale Hightech-Firma eine entscheidende Rolle gespielt", unterstrich Fiorina.
Diese enthusiastische Beurteilung wird momentan durch die Exportstatistiken bestätigt. Zahlen des Außenhandelsamtes belegen, dass 1999 Taiwans Elektromaschinen und mechanische Geräte fast 53 Prozent aller Exporte ausmachten und über 64 Milliarden US$ einbrachten. Diese beiden Bereiche, zu denen Produkte wie Daten- und Textverarbeitungsmaschinen, integrierte Schaltkreise, Platinen und DRAM (dynamic random access memory , zu Deutsch "dynamischer RAM-Speicher") gehören, sind zur treibenden Kraft hinter dem Exportwachstum der Insel geworden.
Ebenfalls 1999 hielten die Hauptprodukte der taiwanischen Computerindustrie stattliche Anteile auf dem Weltmarkt: bei Notebook-Computern 49 Prozent, Mäuse und Monitore jeweils 58 Prozent, Hauptplatinen 64 Prozent, Tastaturen 68 Prozent und Bild-Scanner sogar 91 Prozent. Insgesamt liegt Taiwans Ausstoß von IT-Hardware weltweit an dritter Stelle, nur die USA und Japan produzieren noch mehr. Und gemäß einer Schätzung des Forschungsinstitutes für industrielle Technik ( Industrial Technology Research Institute, ITRI), einer führenden "Denkfabrik" Taiwans, stieg der gesamte Produktionswert der Inlandsbranche für integrierte Schaltkreise vergangenes Jahr um nicht weniger als 70 Prozent, während die Branche global durchschnittlich nur um etwa 39 Prozent wuchs. Die Firma Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC) ist der weltweit größte Halbleitererzeuger und produziert gemeinsam mit United Microelectronics Corp. (UMC) rund 80 Prozent aller Halbleiter und integrierten Schaltkreise der Welt.
Was haben die Firmen, die zu Taiwans eindrucksvoller Leistungsbilanz entscheidend beigetragen haben, denn nun gemeinsam? In diesem Zusammenhang fällt oft das Wort "Globalisierung". "Verschiedene Bereiche haben unterschiedliche Ressourcen", verrät Miin Wu, Präsident von Macronix International, einer der weltweit zehn größten Hersteller von nicht-flüchtigen Speichern. "Unsere wichtigste Betriebsstrategie ist die optimale Nutzung ihrer jeweiligen Stärken durch die Einrichtung von Organisationen dort, wo sie benötigt werden."
Aufgrund niedrigerer Produktionskosten eignet Asien sich etwa für die Fabrikation, während Europa und die Vereinigten Staaten wiederum wegen ihrer überlegenen technologischen Kapazitäten und größerer Märkte die beste Wahl für Forschung und Entwicklung sowie Verkaufs- und Marketingzentren sind. Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass Macronix -- übrigens die erste taiwanische Firma, die im NASDAQ aufgelistet wurde -- derzeit Niederlassungen in Europa, Japan, Singapur und den USA hat. Das ist ein offensichtlich lohnendes Konzept: Für das Jahr 2000 erwartete das Unternehmen Einkünfte in Höhe von über einer Milliarde US$, doppelt so viel wie die 1999 erwirtschafteten 500 Millionen US$.
Ein anderer wichtiger Faktor für Macronix' Erfolg ist die Bereitschaft, 10 Prozent der jährlichen Einkünfte für Forschung und Entwicklung aufzuwenden. "Das Streben nach kontinuierlicher technischer Innovation und Verbesserungen bei der Produktentwicklung ist eine der Wurzeln für den Geist wissensgestützter Wirtschaft", philosophiert Wu. "Nur durch ein stetiges Vorwärtsschreiten in diese Richtung können Taiwans Unternehmen ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit bewahren."
Ein weiterer erfolgreicher "globaler Kämpfer" ist die 1980 gegründete Firma First International Computer Inc. (FIC). 1991 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und zwei Jahre später war sie bereits weltweiter Spitzenreiter bei der Herstellung von Hauptplatinen. Die Produktpalette umfasst heute einen breiten Bereich, darunter Notebook-Compu ter und Server. "Schlüsselfaktoren für FICs Erfolg sind die ausgeklügelte globale Logistik und eine starke Zuliefererverwaltung", meint Gene Sheu, Chef der Netzwerk- und Informationsgruppe der Firma. "Mit einer vollständigen globalen Service- und Unterstützungsinfrastruktur verfügen wir über die Ressourcen, von Kunden und Endverbrauchern geäußerte Wünsche schnell zu erfüllen." Bestellungen werden unverzüglich von fünf globalen Nachschubzentren erledigt. Das restliche Netzwerk besteht aus acht Fertigungsstätten und neun Niederlassungsbüros in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Japan, die USA und die VR China. Das Unternehmen legt auch großen Wert auf sein Netz strategischer Allianzen mit führenden Zulieferern der Branche wie Intel und AMD, wodurch ein hohes Maß an vertikaler Integration in den Herstellungsprozess garantiert wird.
Dieses Firmenkonzept hat sich auch VIA Technologies auf die Fahnen geschrieben. Das 1987 gegründete Unternehmen mit Firmenzentrale in Taipeh ist der weltweit drittgrößte Designer für integrierte Schaltkreise ohne eigenes Werk hinter den US-amerikanischen Firmen Xilinx und Altera und arbeitet in Taiwan eng mit TSMC und UMC zusammen. "Diese Partnerschaften ermöglichen die modernste Produktion und das Testen von Technologie sowie die von unseren Kunden erwünschte Flexibilität, und gleichzeitig brauchen wir keine teure Ausrüstung zu erwerben", freut sich Frank Jeng, Marketingmanager der Firma.
VIA ist ebenfalls ein großer Anhänger der Globalisierung. "Wir haben ein Netz aus Forschungs- und Entwicklungszentren aufgebaut, das die Hightechzentren im Silicon Valley (Kalifornien, USA) und in Texas mit dem Greater China Manufacturing Engine ('Herstellungsmotor Großchina') verbindet", rapportiert Jeng, der in diesem Zusammenhang übrigens Festlandchina und Taiwan als Einheit behandelt. VIA hat seine Produktpalette und die Kapazitäten für Forschung und Entwicklung durch eine Kombination von Erwerbungen und strategischen Partnerschaften erweitert. Mit der Übernahme der Prozessorabteilungen Cyrix und Centaur der Unternehmen National Semiconductor und IDT zum Beispiel verschaffte VIA sich Zugang zu dem rasch wachsenden Prozessormarkt für hochwertige Computer und Internetgeräte.
Erwerbungen spielten auch eine große Rolle beim Wachstum des Konzerns Advanced Semiconductor Engineering (ACE), derzeit der größte unabhängige Tester und der zweitgrößte Verpacker von Mikrochips der Welt. Laut Konzernvorsitzendem Jason Chang waren die herausragendsten Ereignisse in der Entwicklung des Unternehmens die Vollendung von vier Kauftransaktionen: ISE Laboratorien, die größte unabhängige Techniktestfirma der Spitzenklasse in den USA; Motorolas zwei Fabriken in Chungli (Taiwan) und Paju (Südkorea); und die taiwanische Firma Universal Scientific Industrial Co. in Nantou (Taiwan). "Diese Aufkäufe waren ein wichtiger Meilenstein bei der Umsetzung unserer Wachstumsstrategie und festigten unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit", behauptet Chang.
Soweit die guten Nachrichten. Der Rest des Bildes sieht weniger rosig aus, und viele Experten halten die Zeiten des großen Wachstums für beendet. Taiwans Elektronikindustrie befasst sich bisher noch überwiegend mit OEM ( Original equipment manufacturing, bedeutet etwa Fabrikation von Gütern ohne eigene Markennamen für andere Firmen, oft Zuliefererfertigung von Einzelteilen), wo die Gewinnspannen seit Jahren zurückgehen. Chipverkäufe im großen Maßstab in einem Jahr können eine Flaute in den beiden darauffolgenden Jahren zur Folge haben. Außerdem wird die Chipproduktion mehr und mehr aufs chinesische Festland verlegt: Motorola zum Beispiel lässt mittlerweile 80 Prozent seiner Mikrochips auf dem Festland herstellen. Taiwans Hightech-Vorsprung schwindet rasch. "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite", klagte Wirtschaftsminister Lin Hsin-i(林信義) im November letzten Jahres vor Parlamentsabgeordneten. Michael Wang, Manager in der Forschungsabteilung von Chung-shing Securities Corp., sieht das genauso: "Wenn die Regierung nicht bald ihre 'Eile mit Weile'-Politik gegenüber dem chinesischen Festland ändert, sehe ich schwarz für die Elektronikindustrie der Insel."
Grundsätzlich gibt es drei Gründe für diesen Pessimismus. Auf dem chinesischen Festland sind Land und Arbeitskräfte billig -- die Arbeitskosten betragen vielleicht nur zwei Drittel von denen in Taiwan, daher sind die Gesamtunkosten entsprechend geringer. Die Regierung der Republik China erhält weiterhin starke Beschränkungen für Investitionen von Hightechunternehmen auf dem Festland aufrecht. Zusätzlich gibt es nicht annähernd genug Anreize für die Förderung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten im Inland. Die Gründe sind also bekannt, doch eine Lösung ist bisher nicht in Sicht.
Stan Shih, Vorsitzender des Acer-Konzerns, ist ein typischer Kritiker. Im November 2000 sprach er vor einem Technologieforum, an dem auch der Wirtschaftsminister teilnahm, und Shihs Botschaft an die Regierung war eindeutig: Gebt die Kapitalinvestitionen auf dem Festland frei, lasst den Herstellungssektor rübergehen, und konzentriert euch auf die Förderung von Forschung und Entwicklung in wissensgestützten Branchen in Taiwan. "Die US-amerikanische Fertigung wurde fast vollständig ins Ausland verlegt, und trotzdem ist die US-Wirtschaft die stärkste der Welt, denn diese Nation verlegt sich auf größere und bessere Dinge -- Halbleiter, Software, Bio-Technologie, Forschung und Entwicklung", verglich Shih. Japans Fehler war, das Gegenteil zu tun. "Aus Angst vor dem Verlust des Fertigungssektors hielten sie eisern daran fest, und das führte zu einem jahrelangen wirtschaftlichen Abschwung." Mittlerweile verlegt Japan jedoch seine Fertigung auf das chinesische Festland. Höchste Zeit, dass Taiwan das Gleiche tut.
Auf den ersten Blick erscheint dieser Rat etwas seltsam. Viele Hightech-Unternehmen haben bereits eine Vertretung auf dem chinesischen Festland aufgebaut, trotz der von Shih gebrandmarkten zahlreichen Beschränkungen -- Investitionen über die Taiwanstraße sind ein untrennbarer Bestandteil ihrer Globalisierungsstrategien. Nach den jüngsten Statistiken des Wirtschaftsministeriums nahmen taiwanische Investitionen auf dem Festland zwischen Januar und Oktober 2000 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 98 Prozent zu und überstiegen schwindelerregende 2 Milliarden US$. 55 Prozent davon gingen auf das Konto des Elektronik- und Elektrogerätesektors. Wieso fordern einheimische Firmen denn dann noch von der Regierung, zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit Beschränkungen für Investitionen auf dem Festland zu lockern?
"Taiwans Unternehmen werden untergehen, wenn sie nicht die Welt als ihren Markt anvisieren, denn diese Insel ist klein und hat nur begrenzte Ressourcen", argumentiert Jason Chang von ASE. "Der boomende Festlandmarkt ist heute zum Zielgebiet von Firmen aus der ganzen Welt geworden." Kritiker halten dagegen, dass ein industrieller Exodus aufs Festland zu einer "Aushöhlung" von Taiwans Hightech-Industriebasis führen könnte. Auf diese Befürchtungen antwortet Chang mit einem Hinweis aufs Silicon Valley, das trotz der Verlagerung von Schlüsselproduktionszweigen woandershin weiterhin boomt. Allerdings sollte man natürlich nicht alle Eier in einen Korb legen. Im Vergleich mit Festlandchina sind Taiwans Infrastruktur und die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit stark, daher baut ASE unter Aufwendung von insgesamt 55 Milliarden NT$ (1,89 Milliarden Euro) neue Fabriken in Kaohsiung (Südtaiwan) und Chungli (Nordtaiwan).
Frank Jeng von VIA empfiehlt ebenfalls eine Lockerung der Beschränkungen. Seine Firma möchte bis zum Jahre 2002 der größte Designer integrierter Schaltkreise der Welt werden, aber dazu müsste die Firma viel mehr Ingenieure und Personal für Forschung und Entwicklung einstellen. VIA hat daher beschlossen, auf dem Festland unter Aufwendung von insgesamt 16 Millionen US$ ein Vertretungsbüro und drei Zentren für Forschung und Entwicklung aufzubauen. Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Firma dann ihren Kunden dort schnelle technische Hilfe bieten kann. Trotz der dynamischen Expansion aufs Festland weiß Jeng, wie wichtig es ist, dass die Schlüsselforschung, grundlegende Technologie und das Know-how in Taiwan bleiben.
Für Miin Wu von Macronix International ist es ebenfalls wichtig, Forschung und Know-how im Lande zu behalten, und er weist auf einen wichtigen Vorteil von Taiwan gegenüber Festlandchina hin: gut ausgebildete Fachleute. Aufgrund der weiteren technologischen Entwicklung und des schnellen Branchenwachstums wird die Schar der verfügbaren Talente zwar rasch kleiner, aber bis jetzt sieht Wu ungewöhnlicherweise noch keine dringende Notwendigkeit, drüben einen Betrieb einzurichten. "Eindämmung ist keine wirksame Methode", glaubt er. "Es ist wichtiger, Unternehmen zur Rückführung der im Ausland verdienten Gelder nach Taiwan zu ermutigen. Das ist besser, als ohne Rücksicht auf praktische wirtschaftliche Erwägungen von ihnen zu verlangen, ihren ganzen Betrieb hier zu behalten."
Es gibt ein paar Anzeichen dafür, dass die Regierung den Standpunkt der Industrie zu verstehen beginnt. "Vor ungefähr zehn Jahren waren Taiwans Hauptexportgüter Schuhe, Mützen, Spielzeug und Kleidung", berichtet Tsai Lien-sheng, Sekretär in der Investitionskommission des Wirtschaftsministeriums. "Später wanderten diese Branchen aufs Festland ab. Hat das unser industrielles Fundament ausgehöhlt? Keineswegs. Statt dessen haben wir uns zu einer Sphäre der Informationstechnologie gewandelt."
In der Vergangenheit investierten Unternehmen auf dem Festland, um zu überleben, aber heute geht man meistens rüber, um zu expandieren und eine wettbewerbsfähige Position auf dem Weltmarkt zu behalten. "Festlandchina ist ein wichtiger Bestandteil des globalen Wirtschafts- und Handelsnetzes geworden", analysiert Tsai, schränkt aber ein: "Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen wird leiden, wenn man sie nicht rüberlässt, aber weil beide Seiten einander immer noch feindlich gegenüber stehen, ist Vorsicht geboten. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Festland die Wirtschaft zu unserer Einkesselung benutzt."
Das wirft wieder die schwierige und wichtige Frage der nationalen Sicherheit auf, worüber verschiedene Ministerien und andere Regierungsbehörden einander widersprechende Ansichten haben. Beispielsweise warnte der stellvertretende Gouverneur der Zentralbank der Republik China, Chen Shih-meng, dass China so etwas wie ein "schwarzes Loch" werde, das die einheimische Wirtschaft schlucken könne. Solche Aussagen lassen die einheimischen Geschäftsleute in der Regel aber kalt, und sie sind zunehmend frustriert über den politischen Stillstand in der Taiwanstraße. "Unsere größte Sorge ist die anhaltende Feindseligkeit zwischen Taiwan und dem Festland", verkündet Chang von ASE. "Wegen des Fehlens eines stabilen politischen Umfeldes sind einheimische und ausländische Konzerne weniger zu Investitionen hier bereit. Der industrielle Sektor ist vor allem darüber besorgt, dass in der Konfrontation mit Festlandchina zu viele Ressourcen verbraucht werden."
Ein anderer von Branchenführern häufig thematisierter Grund zur Unzufriedenheit ist die Infrastruktur der Insel. Seit seiner Rückkehr aus den USA vor rund zehn Jahren hat Miin Wu von Macronix Taiwans Wirtschaftswunder durchaus wahrgenommen, aber gleichzeitig sah er auch die Entstehung von wachstumsbedrohenden Problemen. "Die Versorgung mit Wasser und Strom ist im Laufe der Jahre instabiler geworden", kritisiert er. "Früher gab es da vielleicht einmal im Jahr ein größeres Problem, jetzt dagegen alle zwei Monate. Das bedeutet einen schweren Rückschlag für die Wafer-Fertigung, für die eine stabile, gleichmäßige Versorgung mit Hochspannungs-Elektrizität unabdingbar ist."
Eine kürzlich auf Veranlassung der Parkverwaltung von der National Chiaotung University durchgeführte Studie über Entwicklungstrends und Strategien im Hightech-Industriepark Hsinchu untermauert Wus Ansicht. Die an der Umfrage beteiligten Unternehmen nannten als drängendste Aufgaben der Regierung Besserungen bei der ungleichmäßigen Stromversorgung, Grundstücksmangel und Verkehr.
Die Stromversorgung ist die Aufgabe der staatlichen Stromgesellschaft Taipower. Die Gesellschaft hofft, im März dieses Jahres den ersten Abschnitt eines Projektes zur Verlegung von mehr unterirdischen Starkstromleitungen zu vollenden, der zweite Abschnitt soll im Dezember abgeschlossen werden. Dann sollte die Stromversorgung des Industrieparks zuverlässiger sein. Außerdem gibt es Pläne für den Bau von zwei weiteren Kraftwerken auf dem Parkgelände mit einer Kapazität von jeweils 450 Megawatt, die im Jahre 2004 ans Netz gehen sollen.
Den Grundstücksmangel hofft die Regierung zu bekämpfen, indem mehr Firmen zum Umzug in den neuen Hightech -Industriepark im südtaiwanischen Tainan ermutigt werden. Das Parkareal dort hat eine Fläche von 638 Hektar und kann noch um weitere 440 Hektar erweitert werden. Der Hightech-Industriepark im nordtaiwanischen Hsinchu hat dagegen nur eine Fläche von 605 Hektar. Die grundlegende Infrastruktur für den Park in Tainan wird allerdings erst im Jahre 2006 fertig werden, obwohl schon 13 Firmen den kommerziellen Betrieb dort aufgenommen haben. Außerdem gilt das tiefliegende Gebiet als anfällig für Überschwemmungen, auch wenn die Parkverwaltung behauptet, das Problem bereits gelöst zu haben.
Welche Ziele sollen diese Hightech-Industrieparks in den nächsten zehn Jahren anstreben? Die Branchen Kommunikation, Optik, Elektronik und Halbleiter werden in dieser Zeit voraussichtlich die höchsten Wachstumsraten verzeichnen, nämlich jeweils um die 30 Prozent. Chu Po-yung, jener Professor von der National Chiaotung University, den die Verwaltung des Hightech-Industrieparks Hsinchu mit der Studie beauftragte, weist darauf hin, dass für Taiwans zukünftige Industrieentwicklung Hochwertigkeit ein wichtiger Index ist. Seiner Ansicht nach sollte der Park sich auf Forschung und Entwicklung konzentrieren, dann auf die Fertigung von höherwertigen Schlüsselkomponenten, und schließlich auf Innovation.
Die gleiche Studie ergab, dass über 75 Prozent der befragten Firmen bereits Investitionsprojekte im Ausland begonnen hatten, vor allem in Festlandchina und den Vereinigten Staaten. "Internationalisierung wird ein Trend werden, und abgesehen davon ist der Bau eines Werkes im Ausland eine Methode zur Streuung des Risikos", doziert Chu. "Bei diesem Trend sollte die Regierung bessere Anreize bieten, um die Hightechbranche im Land zu halten."
Was sagen denn die Investoren zu diesem großen und komplizierten Bild? Michael Wang von Chung-shing Securities sieht zumindest kurzfristig kaum Grund zum Optimismus. Er räumt zwar ein, dass Taiwan wie viele Länder auch unter einer weltweiten Wirtschaftsrezession zu leiden hat, die andere Länder aber viel stärker heimgesucht hat. Wang sieht jedoch beträchtliche Unterschiede zwischen Taiwan und Ländern wie den USA. In den Vereinigten Staaten gibt es zahlreiche andere Branchen, etwa Fahrzeugbau und die pharmazeutische Industrie, und genügend Rohstoffe zur Versorgung der Wirtschaft, welche eher im Inland als ins Ausland verkauft werden. Taiwan hat nicht so viele Wirtschaftsmotoren, und die Inlandsmärkte sind vergleichsweise schwach.
Nach Wangs Einschätzung hängt das zukünftige Wachstum von Taiwans Hightechbranchen davon ab, was die Regierung im Hinblick auf Infrastrukturverbesserungen und Stabilisierung des inländischen Betriebsumfeldes tun wird. Für den Anfang wünscht er sich Steuer- und Zinssenkungen. " Die Regierung hätte schon vor zehn Jahren ihre Anstrengungen zur Entwicklung anderer vielversprechender Branchen erhöhen sollen, etwa Biotechnologie", rügt Wang. "Da wurde eine gute Chance verpasst. Im Moment weiß ich wirklich nicht, was die Zukunft für Taiwans Hightechbranche bereithält."
Sicherlich ist jetzt keine Selbstzufriedenheit angesagt. "Taiwans Umfeld verschlechtert sich schneller, als wir denken, und auch die Wettbewerbsfähigkeit nimmt ab", warnt Jason Chang von ASE. "Die Normalisierung der Beziehungen über die Taiwanstraße wird zur politischen Stabilität beitragen, und das ist einer der Schlüssel zur Linderung von Taiwans gegenwärtigen Wirtschaftssorgen." Er wünscht sich von der Regierung energischere Maßnahmen zur Wiederaufnahme der Gespräche mit dem chinesischen Festland, aber es sollte auch mehr Raum für Kooperation geben, sobald beide Seiten in die Welthandelsorganisation (World Trade Organization , WTO) aufgenommen sein werden. "Im Moment ist Taiwans Problem mehr eine Frage des Vertrauens und nicht der Grundlagen", sinniert Chang. "Viele Hightechbranchen sind nach wie vor sehr wettbewerbsfähig, und ihre Einkünfte und Gewinne erreichen immer neue Spitzenwerte."
Solcher Optimismus ist jedoch selten. Die Einstellung von Gene Sheu von FIC entspricht wahrscheinlich viel eher der gegenwärtig verbreiteten Stimmungslage. " Die Regierung hat behauptet, sie werde alles tun, um Taiwan zu einer Technologie-Insel auszubauen", brummt er achselzuckend. " Wir müssen eben abwarten und sehen, ob sie das auch wirklich meint."