Lotto, Toto, RennQuintett, Glücksspirale -- Lotterie und Glücksspiel gehören in Deutschland ebenso zum Alltag wie Spielbanken in Baden-Baden, Travemünde oder Hohensyburg. Die Ende Januar dieses Jahres in Taiwan neu gestartete Wohlfahrtslotterie erzeugte ein wahres Lottofieber auf der Insel und beherrschte wochenlang die Schlagzeilen.
Mit der Realisierung der neuen Lotterie beauftragte das Finanzministerium der Republik China die TaipeiBank, deren Hauptaktionär die Stadtverwaltung Taipeh ist. Zur Eröffnungszeremonie der Lotterie erschien viel Prominenz, unter anderem Parlamentspräsident Wang Jin-pyng(王金平), Taipehs Bürgermeister Ma Ying-jeou(馬英九) und die frühere Innenministerin der Republik China Chang Po-ya(張博雅). Das erste Los kaufte der Aufsichtsratsvorsitzende des Acer-Konzerns Stan Shih(施振榮).
Eingeführt wurden drei verschiedene Lotteriearten: ad eins Verkauf von Rubbellosen mit 20 Ziehungen im Jahr, ad zwei traditionelle Lotterie mit sechs Ziehungen im Jahr (die zu besonderen Anlässen oder an hohen Feiertagen wie Chinesisch -Neujahr oder dem Mondfest durchgeführt werden), und ad drei eine Computerlotterie nach amerikanischem Modell, bei der zwei Mal in der Woche aus 42 Kugeln sechs Kugeln und eine weitere Kugel als Zusatzzahl gezogen werden. Der Begriff "computerisierte Lotterie" ist indes irreführend, denn die Ziehung selbst wird mit einem Apparat sehr ähnlich der deutschen Lottoziehungsmaschine durchgeführt, computerisiert ist bei dem System die Ausgabe der Lose und Speicherung der getippten Lottozahlen. Diese Lotterie ähnelt auch sonst sehr der in Deutschland üblichen Lotterie 6 aus 49, nur sind in Taiwan wegen der geringeren Anzahl von Kugeln die Gewinnchancen etwas höher.
Der größte Anreiz, Lose zu kaufen, besteht für die Öffentlichkeit natürlich in dem Jackpot. Taiwans Wohlfahrtslotto appelliert aber nicht nur an die Profitgier der Menschen, sondern soll auch einen sozialen Nutzen haben. Zwar werden nicht weniger als 60 Prozent der Einnahmen aus dem Losverkauf in die Gewinne ausgeschüttet, aber 26,75 Prozent der Einnahmen kommen wohltätigen Zwecken zu Gute, wofür teilweise die Kreisverwaltungen der Insel zuständig sind. Überdies werden zum Losverkauf ausschließlich Angehörige benachteiligter Gruppen zugelassen, etwa Behinderte oder Ureinwohner.
Das Lottofieber setzte unmittelbar nach dem Beginn der Losverkäufe ein und steigerte sich nach der ersten Ziehung beträchtlich. Zur ersten Ziehung befanden sich über 136 Millionen NT$ (4,53 Millionen Euro) im Jackpot -- eine gewaltige Summe, die die meisten Lottospieler vergessen ließ, dass die Chancen zum Knacken des Jackpot in Taiwan nicht mehr als eins zu 5,24 Millionen betragen. Da bei der ersten Ziehung niemand 6 Richtige hatte, wurde der Jackpot in die nächste Ziehung übernommen und schwoll damit auf fast 300 Millionen NT$ (10 Millionen Euro) an. Bei der zweiten Ziehung landeten gleich vier Spieler einen Volltreffer und bekamen je 74,99 Millionen NT$ (2,49 Millionen Euro) ausgezahlt, wovon freilich noch 20 Prozent Einkommenssteuer abgezogen wurden.
Neben dem Jackpot winken Preise für 5 Richtige mit richtiger Zusatzzahl, 5 Richtige und 4 Richtige. Für 3 Richtige bekommt man immerhin noch einen "Trostpreis" in Höhe von 200 NT$ (6,66 Euro), genug für 4 neue Lotto-Lose. Die meisten Gewinner von Trostpreisen kauften von dem Geld denn auch gleich wieder neue Lose. Bei der Auswahl der Zahlen auf dem Lottoschein haben die Verbraucher zwei Möglichkeiten: Man kann den Computer nach dem Zufallsprinzip Zahlen aussuchen lassen oder sich selbst Zahlenkombinationen ausdenken.

Die Lotterie hat etwa 16000 Arbeitsplätze geschaffen, meistenteils bei Behinderten, Ureinwohnern oder allein erziehenden Eltern.
Zumindest in der Anfangsphase versuchten die meisten Menschen ihr Glück mit eigenen Zahlen. Um die Gewinnchancen zu erhöhen, gingen viele Menschen in Tempel und fragten dortige Orakel um Rat. Eine Frau erschien von Kopf bis Fuß in roter Kleidung an der Losverkaufsstelle, denn Rot wird von den Chinesen als Glück verheißende Farbe angesehen. Ein frisch verheiratetes Paar im Landkreis Ilan kaufte 120 Lottolose für 6000 NT$ (200 Euro) -- die Sechs ist nach verbreiteter Auffassung eine Glückszahl. Beliebte Zahlen zur Selbstauswahl waren unter anderem Geburtsdaten bekannter Politiker wie Staatspräsident Chen Shui-bian (陳水扁,Geburtsdatum 18. 2. 1951), Premierminister Yu Shyi-kun (游錫堃,25. 4. 1948) oder Taipehs Bürgermeister Ma Ying-jeou (13. 7. 1950).
Abergläubische Lottospieler bemühen sich mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen, ungünstige Einflüsse abzuwehren. An Ziehungstagen kaufen viele Lotto spielende Hausfrauen beispielsweise kein Gemüse, denn das chinesische Wort für "Gemüse"(蔬) ist klanglich mit dem Wort für "verlieren"(輸) identisch. Auch gilt es an Ziehungstagen den Kontakt mit Studierenden zu vermeiden, weil diese Bücher mit sich herumtragen, und das chinesische Wort für "Buch"(書) klingt ebenfalls wie das Wort für verlieren.
Die im Fernsehen live übertragenen Ziehungen wurden auf der ganzen Insel gespannt verfolgt. Als in den ersten Auslosungen die Zahl 39 überdurchschnittlich häufig gezogen wurde, diskutierten selbsternannte Experten ebenso ernsthaft wie ausgiebig über das Gewicht und den Luftwiderstand der Lottokugeln. Mittlerweile lassen aber ohnehin immer mehr Loskäufer ihre Zahlen vom Computer auswählen, denn es hat sich herausgestellt, dass die meisten Haupttreffer auf diese Weise zu Stande kamen.
Die Höhe der Summe im Jackpot spielt natürlich auch eine Rolle bei der Entscheidung, ob man ein Lottolos kaufen will. Als bei der fünften Ziehung niemand 6 Richtige hatte, wurde der Jackpot den Regeln entsprechend in die nächste Ziehung übernommen, und in Hoffnung auf einen besonders fetten Gewinn nahm die Zahl der Loskäufer beträchtlich zu, so dass sich schließlich über 524 Millionen NT$ (17,4 Millionen Euro) im Jackpot befanden. Dieser Jackpot wurde dann unter den 12 Spielern aufgeteilt, die in der sechsten Ziehung 6 Richtige hatten. Den bislang größten Einzelgewinn gab es eine Ziehung später, als der Jackpot 335 Millionen NT$ (11,16 Millionen Euro) umfasste und von einer einzelnen Person geknackt wurde. Die Attraktivität eines fetten Jackpots ist auch in anderen Ländern zu beobachten: Als bei der US-amerikanischen "Big Game"-Lotterie im April dieses Jahres 325 Millionen US$ im Jackpot waren, hatten die Losverkaufsstellen dort trotz der denkbar geringen Gewinnchancen (eins zu 76 Millionen) ebenfalls ungeheuren Zulauf.
Ein Volltreffer im Lotto, der den Gewinner über Nacht zum Euro-Millionär macht, ist durchaus nicht immer leicht zu verkraften. Mancher Gewinner weiß sein Glück nicht sinnvoll zu nutzen. Bestes Beispiel dafür in Deutschland war Lothar Kuzydlowski (BILD: "Lotto-Lothar"), ein arbeitsloser Teppichleger, der im August 1994 stattliche 3,9 Millionen DM im Lotto gewann und sich dann in weniger als fünf Jahren zu Tode soff. Die TaipeiBank hält für frisch gebackene Lottomillionäre Fachpersonal zur psychologischen Beratung bereit, musste aber feststellen, dass die meisten Gewinner -- deren Identität aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird -- einfach nur schnell den Gewinn abholen und sich dann gleich wieder unauffällig aus dem Staub machen wollten.
In einem Monat verbrauchte Taiwan für die Lottoscheine mehr Thermopapier als die USA in einem halben Jahr.
Die Einnahmen beim Losverkauf übertrafen die Erwartungen der TaipeiBank bei weitem. Im ersten Monat brachten alle drei Lotterien insgesamt 14,6 Milliarden NT$ (486 Millionen Euro) ein, 20 Prozent mehr als von der TaipeiBank vorausberechnet. Den Löwenanteil dabei hatte natürlich das Computerlotto mit 10,3 Milliarden NT$ (343 Millionen Euro). Die Nachfrage in den über 3000 Losverkaufsstellen auf der ganzen Insel war so groß, dass vielen Händlern nach einem Monat das spezielle Thermopapier für die Lose ausging und eine Notbestellung bei der Papierherstellerfirma in den USA gemacht werden musste. In einem Monat hatte das taiwanische Lotto mehr Thermopapier verbraucht als die viel größeren USA in einem halben Jahr.
Der Thermopapiermangel hatte zur Folge, dass viele Losverkäufer ihr Geschäft vorübergehend einstellen und damit empfindliche Verdienstausfälle hinnehmen mussten. Inzwischen wurde das Problem aber gelöst, indem auf ein Blatt Thermopapier nicht mehr nur eine Zahlenkombination gedruckt wird, sondern maximal fünf (wenn der Kunde so viele Lose kaufen möchte). Mit dieser Maßnahme kann viel Papier eingespart werden, und durch das Verfahren ist Lotto für Käufer einer größeren Anzahl von Losen auch übersichtlicher.
Der Thermopapiermangel vergrößerte auch den Zulauf von Glücksrittern zu illegalen Buchmachern, die in Taiwan mit Losen der "Mark Six"-Lotterie aus Hongkong handeln. Eines der Ziele der Wohlfahrtslotterie in Taiwan war auch, diesen Buchmachern durch das Angebot einer legalen Lotterie das Wasser abzugraben. Dieses Ziel wurde zwar weitgehend erreicht, doch hatte die neue Lotterie auch negative Nebeneffekte, die eine noch anhaltende Diskussion darüber ausgelöst haben, ob diese negativen Effekte nicht den Wohlfahrtsaspekt überwiegen.
Dass laut jüngsten Statistiken 52 Prozent der erwachsenen Taiwaner dem Lottofieber verfallen sind, hat spürbare Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft in Taiwan. Wohlfahrtsorganisationen und Sozialarbeiter teilten mit, dass das Spendenaufkommen für wohltätige Zwecke nicht nur deutlich gesunken ist, sondern dass sie seit der Einführung der Lotterie öfter von Personen um Geld gebeten wurden, die für Lebensmittel oder die Schulbildung der Kinder vorgesehenes Geld beim Lotto verspielt hatten. Die Aussicht auf möglichen schnellen Reichtum brachte manche Bürger dazu, ihre letzten Ersparnisse in Lose zu investieren, und es wurde bereits mehrfach über Selbstmorde von erfolglosen Lottospielern berichtet.
An Ziehungstagen (dienstags und freitags) parken überdurchschnittlich viele Autofahrer ihre Wagen in der Nähe von Losverkaufsstellen im Halteverbot, um schnell ein paar Lose zu kaufen. Enttäuschte Lottospieler lassen ihre Wut zuweilen an den Götterstatuen der Tempel aus, wo sie zuvor nach göttlichen Fingerzeigen für eine günstige Zahlenkombination gesucht hatten. Frustration über ausgebliebenen Gewinn war vermutlich auch das Motiv für eine Bombendrohung im März gegen die Einrichtung, wo die Ziehungen stattfinden -- es war glücklicherweise nur eine leere Drohung, und nach einer ergebnislosen gründlichen Durchsuchung durch die Polizei konnte die Ziehung ohne Zwischenfälle planmäßig durchgeführt werden.
Gerade in den ersten Wochen nach dem Start der Lotterie waren endlose Schlangen vor den rund 3000 Losverkaufsstellen ein häufiger Anblick.
Langfristig könnten die Auswirkungen auf die Wirtschaft sich als gravierender erweisen. Laut Zeitungsberichten ist das Handelsvolumen an der taiwanischen Börse innerhalb eines Monats um nicht weniger als 40 Prozent zurückgegangen, weil weniger Leute Aktien kaufen. Der Einzelhandel der Insel klagt über deutlich gesunkene Umsätze, besonders an Ziehungstagen. Wegen des geringeren Konsums bei Mode, Printmedien, Gastronomie usw. wird die Wirtschaft der Republik China dieses Jahr wahrscheinlich weniger stark wachsen als ursprünglich angenommen. Die Lotterie ist überdies auch schädlich für die Produktivität: Nach Umfragen bekannten sich 70 Prozent der befragten Arbeitnehmer dazu, durch Lotto in der einen oder anderen Form bei der Arbeit abgelenkt zu sein. Auch die Medien gerieten in die Kritik, weil sie mit ihrer allzu ausführlichen Berichterstattung das Lottofieber noch zusätzlich anheizten.
Der Streit um die Lotterie brach offen aus, als die Vizepräsidentin der Republik China Annette Lu(呂秀蓮) in einer Stellungnahme das Lottofieber als Anzeichen für sozialen Verfall brandmarkte. Inzwischen haben die Lotto-Gegner sich zu einer Anti-Lotto -Allianz formiert und fordern die Abschaffung. Im Parlament der Republik China wurden bereits Vorschläge zu einer Reform diskutiert, etwa eine Änderung der Ziehungstermine oder die Verminderung der Ziehungen von zwei auf eine Ziehung die Woche. Auf der anderen Seite der Barrikade kämpfen die Lotto-Befürworter, bei denen es sich überwiegend um Losverkäufer und Behindertenverbände handelt. Diese fast ausschließlich benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft angehörenden Händler befürchten bei einer Einschränkung oder Abschaffung der Lotterie den Verlust einer für sie so seltenen lukrativen Einkommensmöglichkeit.
Die Diskussion um Änderungen und Alternativen ist noch im vollen Gange. Der Verbraucherverband Taiwans spricht sich neben einer Verringerung auf eine Ziehung die Woche dafür aus, die seit langem bestehende "Invoice-Lotterie" durch höhere Preise attraktiver zu machen und damit den Konsum anzukurbeln. [Invoice-Lotterie: Auf den handelsüblichen Kassenzetteln in der Republik China steht oben eine 8-stellige Nummer, und sechs Mal im Jahr werden jeweils 5 Zahlenkombinationen dazu ausgelost. Der Hauptgewinn beträgt derzeit 2 Millionen NT$ (66 000 Euro).] Die TaipeiBank hat ihre Werbung für die Lotterie eingestellt und verstärkt ihre Hinweise auf die niedrigen Gewinnchancen, etwa durch entsprechende Aufdrucke auf den Losen. Darüber hinaus soll der Wohlfahrtsaspekt der Lotterie stärker betont werden: Schon in den ersten 2 Wochen schuf sie einen Wohlfahrtsfonds in Höhe von 1,43 Milliarden NT$ (47,6 Millionen Euro), der zum Teil für die staatliche Krankenversicherung und staatliche Renten in den Stadt- und Landkreisen verwendet wird.
Ob das aktuelle Lottofieber die parlamentarische Entscheidungsfindung um das Für und Wider der Legalisierung von Spielcasinos auf der vorgelagerten Inselgruppe Penghu beeinflusst, ist noch nicht abzusehen. Weiterhin im Gespräch ist die Einführung einer Sportlotterie, die etwa der ehemalige Premierminister Chang Chun-hsiung befürwortet. Mit dem Erlös solcher Gewinnspiele à la Fußballtoto oder RennQuintett könnte man dem unter chronischer Finanznot leidenden Sportwesen in Taiwan durch Förderung von Sporttalenten und Stadionbau helfen.
Nach den ersten zehn Wochen scheint sich ein allmähliches Nachlassen des Lottowahns in Taiwan abzuzeichnen, da sich der Reiz des Neuen abnutzt, die Menschen sich über die geringen Gewinnchancen klar werden und überdies die Medien das Interesse an dem Thema verlieren. Langfristig wird das Wohlfahrtslotto in Taiwan wahrscheinlich zu einer Einrichtung wie in Europa oder Amerika werden -- ein Teil des Alltags mit einem Schuss Nervenkitzel.