In den letzten Jahren wurden in Taiwan zahlreiche neue Universitäten, Hochschulen und Colleges gegründet. Heute haben mehr Studierende als je zuvor Zugang zu höherer Bildung, doch während es mehr Möglichkeiten gibt, befürchten manche, dass die Qualität der Bildung abnimmt.
In der Vergangenheit war eine Hochschulbildung in Taiwan nur denjenigen vorbehalten, die bei der allgemeinen Universitäts-Aufnahmeprüfung eine ausreichend hohe Punktzahl erzielen konnten. Nach der Abschaffung dieser Prüfung können Schüler sich nun direkt bei den Hochschulen bewerben und dazu ihre Zeugnisse und Empfehlungsbriefe vorlegen. Dieses neue System hatte zur Folge, dass heute über 80 Prozent der Oberschulabsolventen das College besuchen, verglichen mit 43,8 Prozent im Jahre 1992. Der Anstieg ist größtenteils auf die Aufwertung einiger Berufsschulen zu regulären Universitäten und Colleges im Laufe des letzten Jahrzehnts zurückzuführen.
Die Zunahme sowohl der Anzahl der Hochschulen als auch der eingeschriebenen Studierenden ist Grund zur Freude wie zur Besorgnis bei denen, die an der Entwicklung höherer Bildung in Taiwan interessiert sind. "Jetzt, wo die Universitäten nicht mehr nur für die Elite reserviert sind, scheinen Taiwans öffentliche Hochschulen ihren Wettbewerbsvorteil zu verlieren", raunt Liu Chao-han, Präsident der National Central University in Chungli (Landkreis Taoyuan). "Wir stehen nun einer großen Krise gegenüber. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Bildungspolitik im Hochschulbereich überprüfen und feststellen, in welche Richtung sie gehen sollte."
Nach Lius Ansicht steigt die Anzahl der höheren Lehranstalten und immatrikulierten Schüler zu schnell. Als er 1990 aus den USA nach Taiwan zurückkehrte, gab es auf der Insel rund 50 Universitäten mit 270 000 Studierenden. Mittlerweile ist die Zahl der Hochschulen auf 148 hochgeschnellt, und es gibt 780 000 Studierende. Zwar sind 89 Universitäten privat, doch der Wettbewerb hat den Druck auf die öffentlichen Hochschulen erhöht, die ohnehin schon mit schrumpfenden Haushalten zu kämpfen hatten. Die finanziellen Engpässe machen es den öffentlichen Hochschulen schwer, die Qualität der angebotenen Bildung beizubehalten oder zu steigern. Nach Lius Worten beträgt der staatliche Haushalt für seine Schule heute nur noch die Hälfte des Budgets von vor zwölf Jahren, doch in dem gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Studierenden und Dozenten verdoppelt.
Andere Akademiker stimmen zu, dass Taiwan gemessen an den verfügbaren Mitteln viel zu viele Hochschulen besitzt. Chen Wei-jao, Präsident der National Taiwan University (NTU), räumt ein, dass höhere Bildung heute die treibende Kraft hinter der wissensgestützten Wirtschaft ist, aber Haushaltskürzungen und die wachsende Zahl der Hochschulen haben zu einem Niedergang der Qualität von in Taiwan angebotener Bildung geführt. Dieser Niedergang werde eine schädliche Wirkung auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Insel haben, fügt er hinzu.
Japan, Südkorea und sogar Festlandchina haben unterdessen ihre Anstrengungen zur Entwicklung einer höheren Bildung verstärkt und dazu die Haushaltszuwendungen dramatisch erhöht. Besonders in China werden ein paar ausgesuchte Universitäten finanziell üppig ausgestattet. Jedes Jahr erhalten die Beijing University und die Qinghua University jeweils 600 Millionen Renminbi (68,94 Millionen Euro) zusätzlich zu den staatlichen Standardzuschüssen, wodurch der Bildungsstandard verbessert werden soll. Es wird erwartet, dass die Beijing University bis 2015 den Status einer akademischen Institution der Weltklasse erreicht.
Anstatt den Studierenden die bestmögliche Bildung anzubieten, bekämpfen die taiwanischen Universitäten einander, um sich ein Stück von dem kleiner werdenden Kuchen zu sichern, moniert Paul Chen, Direktor des Zentrums zur Erforschung höherer Bildung an der Tamkang University (Landkreis Taipeh). "Eine ungleiche Ressourcenverteilung verursacht eine Krisensituation in Taiwans Bildungssystem", stellt er fest. Öffentliche Schulen bekommen mehr Geld vom Staat als Privatschulen, und Bildungseinrichtungen in Stadtbezirken erhalten mehr Zuwendungen als solche in ländlichen Gebieten. "Universitäten müssen nach Vollkommenheit streben, besonders wenn man bedenkt, dass Taiwans Institutionen weit hinter internationalen Spitzenschulen hinterherhinken. Doch in dem Verlauf sollte die Regierung nicht nur Eliteschulen unterstützen und die anderen beim Überlebenskampf allein lassen."
Chen regt an, dass das Bildungsministerium der Republik China einschreitet und die Kluft zwischen den verschiedenen Institutionen des Landes verkleinert, und es sollte auch eine neutrale Kommission zur Bewertung der zehn besten Universitäten einrichten. Diese Atmosphäre des Wettbewerbs würde die Institutionen ermuntern, Bildung mit höherer Qualität anzubieten. Nach Chens Ansicht sollten Schulen zudem ihre Nische in dem Bereich klar definieren, da es unwahrscheinlich sei, dass jede Universität sich zu einer Spitzenschule mit einem breit gefächerten Angebot entwickeln könne.
Ware Student -- beim Werben um Studienanfänger herrscht unter den Hochschulen große Konkurrenz. Doch trotz der gestiegenen Studentenzahlen ist Taiwans Bildungsetat im Laufe der Jahre sogar noch zurückgegangen. (Archivfoto)
Auch Liu Chao-han tritt für die Idee einer Klassifizierung von Taiwans Universitäten ein. "Die Hauptaufgabe moderner Universitäten besteht in der Förderung der Forschung und der Heranbildung neuen Wissens", definiert er. Außerdem sollte jede Schule innerhalb eines Spezialgebietes nach Vollkommenheit streben. Als Modell lobt Liu das Universitätssystem im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien, wo die höheren Bildungsanstalten in drei Kategorien eingeteilt werden: die forschungsorientierte University of California , die California State University mit dem Schwerpunkt auf Lehre sowie Gemeinde-Colleges, die sich auf berufsorientierte Ausbildung konzentrieren. Die finanziellen Zuschüsse für die Schulen in den drei Kategorien sind an die Ziele und Bedürfnisse jeder Institution angepasst.
Dank der großzügigen finanziellen Unterstützung durch die kalifornische Staatsregierung sind die Institute in der University of California sehr wettbewerbsfähig, so dass sie leichter zusätzliche Zuschüsse von der US-amerikanischen Bundesregierung und aus der Wirtschaft sammeln können, und dadurch können einige Schulen in dem System wiederum einen Platz auf der Rangliste der zwanzig besten Universitäten der USA erringen.
Damit Taiwan im internationalen Wettbewerb bestehen kann, empfiehlt Liu, dass jede Universität die eigene Funktion neu überprüft, sich entsprechend neu positioniert und den Lehr- und Forschungsbetrieb anpasst. "Und die Regierung sollte eine aktivere Rolle dabei spielen, die Schulen zu ermutigen und zu unterstützen, ihre eigenen Besonderheiten und einen eigenen Ruf zu entwickeln, anstatt sich lediglich auf die Regulierung von Unterricht und Gebühren zu konzentrieren." Während Chen Wei-jao von der NTU zustimmt, dass Taiwans Schulen theoretisch von einem solchen Klassifizierungssystem profitieren würden, räumt er auch ein, dass in der Realität Zusammenarbeit und Austausch angesichts der territorialen Natur der Hochschulverwaltungen schwer zu erreichen sein dürften.
Das Regierungskabinett der Republik China, das sich des Reformdrucks wohl bewusst ist, bildete im Januar 2002 ein Komitee aus Mitarbeitern verschiedener Ministerien, das die zukünftige Entwicklung des Systems für höhere Bildung in Taiwan umreißen soll. Mitglieder in dem Komitee waren unter anderem Vertreter aus dem Bildungsministerium, dem Wirtschaftsministerium, dem Nationalen Wissenschaftsrat ( National Science Council, NSC), der Zentralen Personalverwaltung und der Generaldirektion für Budget, Rechnungswesen und Statistik ( Directorate General of Budget, Accounting and Statis tics, DGBAS), außerdem Bildungsexperten und Gelehrte. Zu den besprochenen Hauptthemen gehörten, welche Stellung die Universitäten einnehmen und wie sie mit Forschungsinstituten, Branchen und Firmen umgehen sollten, und es wurden auch mögliche Reformen bei Personal- und Buchhaltungssystemen für eine größere Autonomie im Hochschulbetrieb erörtert.
Schon bei Diskussionen im Vorfeld war das kalifornische Universitätssystem als Orientierung akzeptiert worden. "Wir wollen den im kalifornischen Universitätssystem einzigartigen Klassifizierungsgeist übernehmen", verkündet der stellvertretende Bildungsminister Lu Mu-lin(呂木琳). "Gleichzeitig werden wir aber auch Taiwans eigenes Umfeld und den Entwicklungsstatus berücksichtigen. Wir hoffen, dass wir unsere Ressourcen, besonders Personal und Finanzierung, für eine effizientere Nutzung konsolidieren können."
Nach Lus Worten muss nun, da die Zahl der Hochschulen in Taiwan zur Befriedigung der Bedürfnisse einer größeren Zahl von Studierenden gewachsen ist, die nächste Priorität die Arbeit an der Art der angebotenen Bildung sein. "In der kommenden Zeit werden wir uns auf die Verbesserung der Bildungsqualität konzentrieren und den Universitäten helfen, eine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen", gelobt Lu. "Hoffentlich können nach ein paar Jahren einige taiwanische Universitäten in die Rangliste der 20 besten Universitäten Asiens oder der 100 besten der Welt aufrücken. Ranglisten werden zwar nur zur akademischen Orientierung benutzt, können aber auch als nützliche Messlatte für die Selbsteinschätzung dienen."
Zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur von Universitäten startete das Bildungsministerium 2002 einen Vierjahresplan mit einem Budget von umgerechnet 50 Millionen Euro.
Als Reaktion auf Bitten um stärkere Finanzierung bot das Bildungsministerium im vergangenen Jahr Anreizpakete im Wert von 841 Millionen NT$ (23,36 Millionen Euro), um Schulen zu Allianzen oder Fusionen zu ermuntern. Zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur von Universitäten startete das Ministerium einen Vierjahresplan mit einem Budget von 1,8 Milliarden NT$ (50 Millionen Euro). 2001 war ein anderer Vierjahresplan mit der Bezeichnung "Streben nach Vollkommenheit" und einem Etat von 13 Milliarden NT$ (361 Millionen Euro) gestartet worden. Das Geld ist bestimmt für ausgewählte Universitäten mit dem Potenzial, in ihren Bereichen weitere Fortschritte zu machen und schließlich direkt mit internationalen Weltklasseunis zu konkurrieren. Zu den ausgewählten Zuschussempfängern gehören die NTU in Taipeh, die National Chiao Tung University und die National Tsinghua University (beide in Hsinchu).
Das Bildungsministerium plant laut Lu zudem eine Umstrukturierung der Ressourcenverteilung. "Zusätzlich zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der Universitäten werden wir weitere Mittel den Institutionen zukommen lassen, die eine hohe Lehrqualität bieten." Das Ziel besteht darin, dass die Schulen sich auf Wettbewerb einlassen und ihre Leistungen verbessern, um dadurch mehr Geld zu bekommen, anstatt passiv auf staatliche Unterstützung zu warten.
Manche Universitäten haben die Herausforderung angenommen. Vier Schulen -- die National Tsinghua University, die National Yang Ming University in Taipeh, die National Central University und die National Chiao Tung University -- einigten sich auf die Bildung einer Allianz mit dem Namen "University System of Taiwan". "Die Allianz ist sinnvoll, weil die Institute eine ähnliche Größe haben, ihre jeweiligen Forschungsfähigkeiten sich decken und weil die Unis nicht weit von einander entfernt sind [alle befinden sich in Nordtaiwan]", erläutert Liu Chao-han von der National Central University. "Ich glaube, dass wir eines Tages dank unserer Ressourcen auf Gebieten wie Nanotechnologie, Biotechnologie und der Erforschung des menschlichen Gehirns auf internationaler Ebene werden mithalten können." Das Bildungsministerium hat der neuen Allianz seinen Segen gegeben, die zum Schuljahr 2003 die Arbeit aufnehmen soll.
Die Allianz ermöglicht es den beteiligten Schulen, Ressourcen wie Einrichtungen und Lehrer miteinander zu teilen. Auch die Studierenden profitieren, denn es stehen mehr Kurse auf den verschiedenen Universitätsgeländen zur Auswahl. Ein solcher Austausch ist nach Lius Überzeugung förderlich für die Entwicklung der höheren Bildung, weil er die Lernhorizonte erweitert und die Nutzung der Ressourcen optimiert. Andere Schulen folgen dem Beispiel. Die Pädagogische Hochschule Taiwan und das Polytechnikum National Taiwan University of Science and Technology arbeiten an einer Vereinbarung, zum August 2003 zu fusionieren. Weitere sieben oder acht Universitäten und Colleges führen derzeit ähnliche Verhandlungen.
Kaum jemand bezweifelt, dass Taiwan dem internationalen Trend der Ressourcenkonsolidierung folgen wird. Wenn das Land blühen soll, muss es sich auf die intellektuelle Entwicklung seiner Bürger stützen. Wie können die Institutionen für höhere Bildung in Taiwan die Talente heranbilden, die im 21. Jahrhundert benötigt werden? "Ich glaube, dass Taiwans Universitäten mit all den laufenden Umstrukturierungsprojekten auf ein höheres Niveau gebracht werden können", versichert Lu Mu-lin vom Bildungsministerium. "Und in ihrem weiteren Streben nach Vollkommenheit sollten diese Institute in der Lage sein, hochwertige Einzelpersonen hervorzubringen, welche die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes stützen können."