Austronesische Kulturen spielten in Taiwans Frühgeschichte, die bis ins frühe 17. Jahrhundert reichte, eine dominierende Rolle. Anhand von durch Ausgrabungen freigelegten Anhaltspunkten formen Archäologen nach und nach ein Mosaik von Taiwans Geschichte aus der Zeit vor der Ankunft von Menschen, die Geschichte aufschrieben.
Aufgezeichnete Geschichte verblasst im Vergleich mit dem riesigen unbekannten Reich der Frühgeschichte. Schriftlich festgehaltene Geschichte bewegt sich in Dimensionen von Jahrzehnten und Jahrhunderten, während die Frühgeschichte Jahrtausende unbekannter Ereignisse repräsentiert. Doch nichts regt die Neugierde so an wie ein Geheimnis, und in den letzten hundert Jahren haben Wissenschaftler mit Hacken, Pinseln und Löffeln Beweise für Taiwans reiche Frühgeschichte zu Tage befördert. Bis dato wurden rund 1300 archäologische Stätten auf der ganzen Insel zur Erforschung vorgeschlagen oder sind derzeit Grabungsstätten, berichtet Tsang Cheng-hwa, Direktor des im Jahre 2001 gegründeten staatlichen Muse ums für Frühgeschichte im osttaiwanischen Taitung, das Überreste der ältesten Kulturen Taiwans sammelt und ausstellt. Neben den han-chinesischen Einwanderern, holländischen Invasoren und japanischen Kolonialisten erhalten nun endlich auch die frühesten Bewohner der Insel die verdiente Aufmerksamkeit.
Beweise für prähistorische Menschen aus der Altsteinzeit wurden an mehreren Stätten auf der ganzen Insel gefunden. 1971 wurden Fossilien menschlicher Zähne und Schädelfragmente in der Gemeinde Tsochen(左鎮), Landkreis Tainan, freigelegt. Man nimmt an, dass diese Überreste zu den frühesten menschlichen Bewohnern Taiwans gehören -- der "Tsochen-Mensch", ein Exemplar des Homo sapiens, lebte vor schätzungsweise 20 000 bis 30 000 Jahren. Bis heute hält er den Rekord als früheste bekannte Form menschlichen Lebens auf Taiwan, doch vor mehreren Jahren in Dagongshan (Gemeinde Ahlien, Landkreis Kaohsiung) gefundene menschliche Knochenfossilien könnten das Alter des Tsochen-Menschen noch übertreffen. Diese Möglichkeit wird derzeit von Forschern geprüft.
Eine der fesselndsten Fragen, die sich aus diesen Funden ergibt, lautet: Wo kamen diese prähistorischen Menschen her? Manche glauben, die Geologie könnte die Antwort bieten. Die durch Reibung zwischen der eurasischen Platte und der philippinischen Meeresplatte geformte Insel Taiwan wurde erst durch einen tiefen Einschnitt von Gletschern in die Erdoberfläche während der Eiszeit vom chinesischen Festland getrennt. Prähistorische Menschen könnten nach Taiwan gekommen und dann durch das Wasser schmelzender Gletscher, was die Taiwanstraße bildete, vom Festland abgeschnitten worden sein. Entsprechend könnten Taiwans früheste Siedler durchaus Teil der prähistorischen Kulturen sein, die bekanntermaßen auf dem Festland blühten.
Die erste Kultur, die nach der Vermutung der Wissenschaftler in Taiwan entstand, war die Changpin-Kultur, benannt nach der Gemeinde Changpin(長濱) im Landkreis Taitung, wo ihre Überreste entdeckt wurden. Changpin gedieh vermutlich bis vor rund 5000 Jahren, als auf der Insel die Neusteinzeit begann. Indizien lassen den Schluss zu, dass eine andere Gruppe von Menschen, die Austronesen, irgendwann gegen Ende der Altsteinzeit oder zu Beginn der Jungsteinzeit Taiwan erreichte. Die Nachfahren der Austronesen haben einige Mythen hinsichtlich ihrer Abstammung geschaffen, aber Archäologen und Anthropologen nehmen an, dass sie mit den Völkern auf den Inseln in Südostasien und im Pazifik verwandt sind. Austronesen sollen ein ausgedehntes Gebiet bewohnt haben, dessen Nordrand von Taiwan und der Südrand von Neuseeland markiert wurde.
Wenn diese Menschen die Vorfahren der frühen Einwohner Taiwans waren, gingen sie dann von Taiwan aus nach Süden oder kamen sie von Orten südlich der Insel? Die Debatte darüber ist noch nicht abgeschlossen, doch laut Museumsdirektor Tsang hängen mehr Menschen der Theorie an, dass die Siedlungsbewegung südwärts verlief. Er selbst glaubt, dass aufgrund der Belege die Ursprünge der austronesischen Pazifikvölker in China zu suchen sind, von wo aus sie nach Südostasien und nach Taiwan zogen. "Man kann kulturelle Übereinstimmungen zwischen Taiwans Austronesen und den heute ausgestorbenen Paiyueh-Stämmen(百越族) finden, die früher an Chinas Südostküste lebten", bemerkt Tsang.
Die Version der Südwärtswanderung wird auch von Paul Li unterstützt, einem Wissenschaftler am Vorbereitungsbüro für das Linguistikinstitut der Academia Sinica. Der Linguist weist darauf hin, dass viele Gelehrte nach Beweisen für einen noch früheren Ursprung der Austronesen suchen und nun die Theorie teilen, nach der prä-austronesische Völker höchstwahrscheinlich aus dem Norden von Myanmar (Burma) stammten, dann an dem im Grenzgebiet durch die heutige chinesische Provinz Yunnan fließenden Yangtze-Fluss entlang wanderten, Chinas Südostküste erreichten und von dort nach Taiwan weiterzogen, wo sie später als Austronesen bekannt wurden.
Bruchstücke aus der Vergangenheit. Taiwans reiche Frühgeschichte wird derzeit an etwa 1300 archäologischen Stätten auf der ganzen Insel erforscht.
Wo auch immer sie wirklich herstammen mögen, diese austronesischen Völker haben nach allgemeiner Auffassung seit der Jungsteinzeit einheimische Kulturen in Taiwan entwickelt, also vor 2000 bis 6500 Jahren. Rund 80 Prozent aller Ausgrabungsstätten Taiwans gehören zu dieser Periode. Neusteinzeitliche Kulturen sind gekennzeichnet durch den Anbau von Pflanzen, die Zähmung wilder Tiere sowie die Herstellung und Verwendung von Keramik. Taiwans früheste bekannte Kultur dieser Periode wird Tapenkeng(大坌坑) genannt, Relikte davon wurden hauptsächlich im Norden der Insel gefunden. Spätere neusteinzeitliche Kulturen in Taiwan umfassen Yuanshan(圓山) im Norden, Niumatou(牛罵頭) in der zentraltaiwanischen Region, Niuchoutzu(牛稠子) im Süden und Peinan(卑南) im Osten.
Vor rund 2000 Jahren brach in Taiwan die Eisenzeit an, die letzte Phase der prähistorischen Zeit und eine von der allgemeinen Verwendung von Eisen als Grundstoff für Geräte und Waffen gekennzeichnete Periode. Man nimmt an, dass während dieser Zeit prähistorische Kulturen in verschiedenen Gebieten Taiwans Ähnlichkeiten zu den Kulturen der Ureinwohner entwickelten, wie sie in historischen Dokumenten beschrieben wurden. Zu den eisenzeitlichen Kulturen Taiwans gehören die Shisanhang(十三行) im Norden, Fantzuyuan (番仔園)in Zentraltaiwan, Niaosung(蔦松) im Süden und Chingpu(靜浦) im Osten. Letztere ist auch als "Ami-Kultur" bekannt, denn nach der Überzeugung einiger Archäologen ist sie der direkte kulturelle Vorläufer der Ami(阿美), des bevölkerungsreichsten der noch vorhandenen elf Ureinwohnerstämme auf der Insel.
Taiwans Frühgeschichte endete in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als erstmals Schrift nach Taiwan gebracht wurde. Die holländischen Invasoren führten nicht nur schriftliche Aufzeichnungen über ihre Zeit auf der Insel, sondern lehrten auch den im Flachland siedelnden Siraya-Stamm(西拉雅族), die eigene Sprache in einer romanisierten Schrift zu schreiben. Unterdessen gab es einen stetigen Zustrom von Han-Chinesen, die auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Piraten von der festlandchinesischen Küste nach Taiwan kamen. Schon bald beherrschte der chinesische Schiffskapitän Cheng Cheng-kung (鄭成功,1624-1662) mit seiner mächtigen Flotte die Taiwanstraße. 1662 vertrieb er die Holländer aus Taiwan und errichtete einen Stützpunkt für Angriffe gegen die Mandschus, welche 1644 auf dem Festland die Ming-Dynastie (1368-1644) gestürzt und die Qing-Dynastie (1644-1911) gegründet hatten. Unter Chengs kurzer Herrschaft dehnten die Chinesen die politische Kontrolle über die Küstenebenen aus, und die einheimischen Ureinwohner wurden entweder weiter in die chinesische Gemeinde aufgesogen oder ins Bergland abgedrängt.
Ungefähr zu dieser Zeit tauchte erstmals der Name "Taiwan" in den Aufzeichnungen auf. Viele glauben, dass dieser Name von den Chinesen aus der Sprache der Flachlandstämme ( Pingpuzu平埔族) übernommen wurde. Während der Regierungszeit des Ming-Kaisers Wan-li (萬歷,1573-1620) waren Fischer aus der chinesischen Küstenprovinz Fujian zur Südwestküste Taiwans im Gebiet Tainan gesegelt. Als sie die dort lebenden Siraya fragten, wie sie die Gegend nannten, erhielten sie die Antwort, sie seien auf "Taywan". Ursprünglich wurde diese Bezeichnung nur für die Region um Tainan benutzt, doch spätestens ab 1683 wurde sie für die ganze Insel verwendet, als die Qing-Regierung Taiwan offiziell ihrem Herrschaftsbereich einverleibte.
Die Siraya-Sprache wird heute nicht mehr gesprochen, und die im Flachland siedelnden Ureinwohnerstämme -- einst über zehn ethnische Gruppen -- sind fast vollständig verschwunden. Selbst die in abgelegenen Bergregionen wohnenden Ureinwohner wurden allmählich von der sich ausbreitenden han-chinesischen Zivilisation beeinflusst. Als die Chinesen über immer größere Teile der Insel die Kontrolle ausübten, verschwanden einige Ureinwohnerstämme vollkommen, während die übrigen sich an kleiner werdende Gebiete klammerten, die nicht unter chinesischer Kontrolle standen.
Dieser Prozess wurde durch moderne Technologie noch beschleunigt. Mit der Elektrizität kamen Radios und das Fernsehen. Dadurch wurden die Ureinwohner noch stärker der äußeren Kultur ausgesetzt, und ihre eigenen sprachlichen und kulturellen Praktiken veränderten sich langsam. Paul Li erinnert sich, wie er vor über dreißig Jahren akademische Studien unter Taiwans Ureinwohnergruppen durchführte, als Elektrizität in den Ureinwohnergemeinden noch kaum verbreitet war. "Zu jener Zeit waren die Ureinwohner noch unberührt von den Massenmedien, daher war es nicht schwer, ihre Sprache und Kultur zu bewahren", verrät der Linguist. Doch heute surfen sogar die Ureinwohner im Internet, was den Einfluss der Leitkulturen und sprachen weiter verstärkt.
2001 lebten in Taiwan rund 413 000 Ureinwohner, nicht mehr als 1,85 Prozent der Gesamtbevölkerung der Insel, und diese austronesische Dialekte sprechenden Stämme werden derzeit in elf Gruppen unterteilt, die von der Regierung offiziell anerkannt und gefördert werden. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Ureinwohner um mehr Anerkennung gekämpft, und in den neunziger Jahren gab es eine Bewegung zur Wiederbelebung und Förderung des ältesten Kulturerbes Taiwans. Sowohl die Han-Chinesen als auch die Ureinwohner entwickelten ein Interesse daran, das Ureinwohnerkulturerbe neu zu betrachten und zu erhalten.
Ureinwohnerlehrer beispielsweise unterrichten nun auch außerhalb ihrer Gemeinde traditionelles Handwerk, etwa Kanubau, Töpfern und Weben. Traditionelle Tänze und religiöse Feste werden gefördert, und die Regierung lädt oft Ureinwohner zur Teilnahme an staatlichen Zeremonien und Feiern ein. 1998 erregte sogar der Brauch der Gesichtstätowierungen bei den Atayal Aufmerksamkeit, als eine kleine Bewegung um Respekt für diese Praktiken warb, die bei den Han-Chinesen lange Missbilligung hervorgerufen hatten. Und die Geschichte und das Kulturerbe der Flachlandstämme, die fast vollkommen verschwunden waren, wurden zum Studienobjekt.
Die Bauarbeiten für den Wissenschaftspark in Tainan wurden unterbrochen, als dabei Überbleibsel antiker Zivilisationen zu Tage kamen.
Eine Kultur ist indes kein Objekt, das man in einer Museumsvitrine hinter Glas konservieren kann. Kulturen sind dem Wesen nach lebende Einheiten -- sie passen sich an und entwickeln sich. Das neue Interesse an Taiwans Ureinwohnervergangenheit hat den Ureinwohnern in der Gesellschaft zu mehr Geltung verholfen, aber es ist ungewiss, ob das zum Erhalt der verschwindenden Kulturen beitragen kann. "Angesichts dynamischerer Kulturen können vergleichsweise schwächere in der Regel nicht überleben", behauptet Tsang Cheng-hwa. "Das ist nur eine Frage der Zeit. Dieses Phänomen lässt sich auf der ganzen Welt beobachten."
Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die Ureinwohnerkulturen so wie in der Vergangenheit weiter bestehen werden, aber zumindest wird ihre Geschichte an vielen archäologischen Stätten auf der Insel Stück für Stück zusammengetragen. Tatsächlich werden Feldstudien laut Tsang immer üblicher. Er stellt fest, dass Taiwans Archäologen mehr an reiner Wissenschaft interessiert waren, bis vor rund zwanzig Jahren die auf breiter Front einsetzende Wirtschaftsentwicklung zu einer ernsten Bedrohung für Taiwans archäologisches Erbe wurde und damit die Archäologen veranlasste, sich aktiv für den Schutz der Stätten einzusetzen. Wachsendes Bewusstsein für lokale Kulturen und Förderung durch die Regierung mit rechtlichen Schutzmaßnahmen waren ebenfalls hilfreich. Tsang macht darauf aufmerksam, dass gerade die Umsetzung zweier Gesetze -- das Gesetz über den Schutz des Kulturerbes (1982) und das Gesetz über die Bewertung von Auswirkungen auf die Umwelt (1994) -- einen guten rechtlichen Rahmen für den Schutz archäologischer Stätten bot.
Viele solcher Stätten werden beim Ausschachten von Land für Bauarbeiten entdeckt. Die Gesetze geben den Archäologen die rechtliche Handhabe, Bauprojekte zu stoppen und an den Stätten Grabungen durchzuführen. Tsang selbst leitete eine solche Rettungsaktion, als beim Bau des Wissenschaftsparks Tainan in Südtaiwan antike Gegenstände zu Tage kamen. Tsang und eine Gruppe Archäologen erhielten die Erlaubnis, die Bauarbeiten vorübergehend zu stoppen und mit der Ausgrabung zu beginnen.
Ein ähnliches Szenario führte zu der Entstehung des Museums für Frühgeschichte. 1980 wurden während des Baus eines Bahnhofs nördlich von Taitung im Erdreich große Mengen archäologischer Artefakte der Peinan-Kultur entdeckt. Zur Rettung der Gegenstände wurde rasch ein Rettungsteam von der National Taiwan University (NTU) organisiert, und bald wurde der Ruf nach Einrichtung eines Museums laut, um die Gegenstände unter einem gemeinsamen Dach aufzubewahren. Neben dem Museum für Frühgeschichte befindet sich heute ein 18 Hektar großer Peinan-Kulturpark, unweit von der Peinan-Ausgrabungsstätte, die 1988 zu einer archäologischen Stätte der Stufe eins erklärt wurde.
Dank der Bemühungen von Archäologen und Anthropologen tritt Taiwans Frühgeschichte allmählich aus dem Nebel der Unbekanntheit hervor. "Archäologische Forschung ist für Taiwan von besonderer Bedeutung", versichert Chen Yu-pei, der an der Anthropologieabteilung der NTU als Dozent tätig ist und die aktuellen Bemühungen zur Rettung einer archäologischen Stätte im osttaiwanischen Landkreis Ilan mit Objekten der Kultur des Kavalan-Flachlandstammes(噶瑪蘭族)leitet. "Anders als bei den frühesten Zivilisationen stehen uns erst ab einer ganz späten Phase schriftliche Dokumente zur Verfügung, daher sind wir zum Studium von Taiwans Vergangenheit sehr von archäologischen Studien abhängig."
Taiwans Archäologen setzen langsam die Stücke der Frühgeschichte der Insel zusammen, aber es braucht seine Zeit, Entdeckungen zu machen und ein Bild von der fernen Vergangenheit zu gewinnen. "Die Öffentlichkeit sollte ihr Vorurteil überwinden, dass sich das Studium des archäologischen Erbes von Taiwan nicht lohne, weil es nicht ganz so erlesen ist wie das von anderen Zivilisationen", empfiehlt Chen. "Meiner Meinung nach kommt es vor allem darauf an, dass die Archäologen den Menschen ein objektives Bild von prähistorischen Kulturen präsentieren können, das sich aus der Interaktion des Menschen mit seiner Umgebung ergibt." Das Unbekannte könnte sich als ebenso bedeutsam wie das Bekannte erweisen. Daher ist ein solches Verständnis vielleicht der Ausgangspunkt, von dem aus die Menschen, die zu einem historisch relativ späten Zeitpunkt nach Taiwan kamen, etwas über die Ureinwohnerkulturen lernen und einen neuen Respekt für die frühe Geschichte ihrer Heimat erwerben können.