11.05.2026

Taiwan Today

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Ein Wettlauf mit der Zeit

01.07.2003
Laut Ko Chi-liang, Direktor des NCTA, ist der Wen Chang-Tempel im NCTA ein Symbol für die alten Nachbarschaftstempel, wo Bauern gern ihre Freizeit verbrachten und sich Taiwanoper-Aufführungen ansahen.

Da manche traditionellen Volkskünste im modernen Taiwan allmählich verschwinden, hat das Nationale Zentrum für Traditionelle Kunst die Herausforderung angenommen, mit der Schaffung eines Kulturzentrums in Ilan und der Förderung der Kunst auf der ganzen Insel diese wertvollen taiwanischen Schätze zu bewahren.

In der im Nordosten Taiwans gelegenen Stadt Ilan gibt es mehrere sehenswerte Stätten, die Besucher nicht auslassen sollten. Der Uferpark am Tungshan-Fluss ist während der heißen Sommermonate ein Anziehungspunkt für Familien, und in den letzten Jahren hat die Kreisverwaltung dort das jährliche Internationale Kinderfolklore- und Volksspiel-Fest veranstaltet. Eine andere Attraktion der Gegend ist das flussabwärts gelegene staatliche Zentrum für traditionelle Kunst ( National Center for Traditional Arts, NCTA), das sich die Erhaltung und Förderung der taiwanischen Volkskünste auf die Fahnen geschrieben hat. Während des Sommers des Jahres 2002 besuchten schätzungsweise 300 000 Menschen sowohl den Uferpark als auch das neue Zentrum.

Das NCTA entstand aus einem kleineren Projekt mit ähnlichen Zielen, als der Rat für Kulturangelegenheiten ( Council for Cultural Affairs, CCA) im Ministerrat der Republik China 1989 den Bau eines "Nordost-Volkskunstparks" in Ilan vorschlug. Im Laufe der darauf folgenden fünf Jahre entwickelte sich das Projekt von einem regionalen zu einem nationalen Zentrum, und 1996 wurde das Vorbereitungsamt für das NCTA gegründet. Die Geburtsstunde des Kunstzentrums schlug dann im Januar 2002, doch der Bau des Zentrums und seiner Einrichtungen -- darunter ein künstlicher See am Tungshan-Fluss -- werden erst im kommenden Herbst fertig werden. Das 24 Hektar große Zentrum ist zwar noch nicht für den regulären Besuchsbetrieb freigegeben, doch Vorabbesichtigungen können schon arrangiert werden.

Viele Besucher -- es waren bereits mehrere Tausend da -- wollten sich vor allem die Gebäude ansehen, die von einigen der bekanntesten Architekten Taiwans entworfen wurden, unter ihnen Chien Hsueh-yi(簡學義), der auch das Keramikmuseum in Yingko gestaltet hatte. Ein wichtiger Teil des Zentrums ist die so genannte Volkskunststraße, die an die alten Sträßchen erinnert, wie man sie in vielen Städten auf der ganzen Insel finden kann. Ein Ahnentempel und ein altes Haus wurden von ihren ursprünglichen Standorten in Ilan entfernt und im NCTA wieder aufgebaut, damit die Anlagen noch authentischer wirken.

In der Nähe befindet sich auch der neu gebaute Wen Chang-Tempel. Diese Holzkonstruktion mit seiner Freilichtbühne ist ein Symbol für eine vergangene Zeit. Bauern verbrachten laut NCTA-Direktor Ko Chi-liang gern ihre Freizeit an solchen Nachbarschaftstempeln und schauten sich Aufführungen der Taiwanoper (歌仔戲)oder andere Volkskunstvorstellungen an. Wen Chang(文昌), eine für Kulturfragen "zuständige" taoistische Gottheit, wurde bei Versammlungen mit Bürgern von Ilan als Name für den Tempel ausgewählt.

In den Gebäuden des Zentrums laufen zahlreiche Projekte zur Erforschung, Erhaltung und Förderung traditioneller Künste, etwa traditionelle Musik, Tanz, Theater, Kunsthandwerk, Kinderspielzeug und Akrobatik sowie andere Künste, die einmal in Taiwan populär waren. Aufgrund der Arbeit des Forschungsinstituts für das Musikerbe, das zur gleichen Zeit wie das NCTA in Taipeh gegründet wurde und heute vom NCTA verwaltet wird, hat traditionelle Musik viel Aufmerksamkeit erhalten. "Musik an sich ist Kunst, aber sie ist auch ein wichtiges Element vieler anderer Kunstformen, etwa Tanz und Theater", doziert Ko, der nebenbei auch dem Forschungsinstitut vorsteht. Eine der Hauptaufgaben der Musikorganisation ist die Erstellung des Nationalen Musikarchivs, das eine wichtige Datenbank für Musik nicht nur aus Taiwan, sondern aus der asiatisch-pazifischen Region werden soll.

Ein Mittel zur Förderung existierender traditioneller Künste besteht darin, Stätten für Aufführungen und Ausstellungen bereitzustellen, denn solche Stätten gibt es in Taiwan bis dato nicht genug. Letztendlich will das NCTA die Entwicklung der traditionellen Künste durch die Schaffung eines Kulturgewerbes stärken. Dazu müssen Vorstellungen einem modernen Publikum zugänglich und interessant gemacht werden, indem etwa die Länge der Aufführungen ohne Abstriche beim wirklichen Geist der Kunst gekürzt wird. "Man kann nur dann Kosten senken und überleben, wenn man Produktionen langfristig konzipiert und sich ein Publikum schafft", glaubt Tien Wei, Forscher am NCTA. Tien ist außerdem der Ansicht, dass man den Talenten, die in dem Zentrum vorgestellt werden sollen, ordentlich auf den Zahn fühlen muss, und schlägt dazu die Ausrichtung von Wettbewerben vor. Die Sieger sollten das Vorrecht erhalten, die Bühnen oder Ausstellungshallen des Zentrums kostenlos zu benutzen, und das NCTA sollte ihnen auch bei Öffentlichkeitsarbeit beistehen.

Als staatliche Institution führt das NCTA in Zusammenarbeit mit den Kulturämtern der Lokalverwaltungen auf der ganzen Insel auch Werbeveranstaltungen durch. Diese gemeinsamen Anstrengungen umfassten die Förderung verschiedener Volkskunstgattungen, etwa Taiwanoper, Handpuppentheater und Schattenspiele, und zwar in Kaohsiung, Taipeh, Changhua und anderen Orten. Bei seinen Vorhaben ist das Zentrum über die Grenzen Taiwans hinaus aktiv: Es besteht kultureller Austausch mit sieben Operntruppen vom Festland, fünf von ihnen haben Taiwan im Rahmen von Reisen besucht, die das NCTA organisierte. Das Zentrum in Ilan hat auch internationale Veranstaltungen auf die Beine gestellt, etwa 2001 ein Musikhappening mit Musik austronesischer Völker aus der ganzen asiatisch-pazifischen Region.

Ebenso wichtige Aufgaben sind die im Volkskunst-Bewahrungsplan aufgelisteten Ziele. Der Plan wurde 1995 vom CCA entworfen und ausgeführt und beinhaltet die Erfassung, Erforschung, Bewahrung und (wenn möglich) Weitergabe der vom Aussterben bedrohten Volkskünste. Bis jetzt wurden 130 Projekte vollendet und veröffentlicht, entweder als Druck oder als Aufnahme, darunter die Lebensgeschichten von Volkskunstmeistern, Opern-Libretti, Vorstellungen von klassischem Theater und die Entwicklung bestimmter Künste. "Taiwan hat schon in der Vergangenheit versucht, traditionelle Künste zu bewahren, aber dass wir mit solcher Energie Aufnahmen erstellen und Forschungsergebnisse veröffentlichen, ist neu", versichert Huang Su-chen, Leiterin der Planungsabteilung im NCTA. "Wir sind in dem Verlauf auch sehr wachsam -- die Stücke wurden wieder und wieder durchgesehen."

Taiwans traditionelle Künste erlebten laut Huang ab den achtziger Jahren einen ernsten Niedergang, als die Industrialisierung der Insel rasch voranschritt. Doch im Laufe der Zeit erkannten die Menschen die Bedeutung des Kulturerbes und fühlten ein starkes Streben, diese Schätze zu erhalten. "Es ist ein Wettlauf mit der Zeit", vergleicht Huang im Hinblick auf das Verschwinden traditioneller Volkskünste und die abnehmende Zahl alter Volkskunstmeister, von denen viele ihre Fähigkeiten und Talente mit ins Grab nehmen.

Ein Fall glücklichen Timings ereignete sich im Jahre 1997, als das NCTA und die Academia Sinica ein Projekt zur Dokumentierung der traditionellen Musik der Paiwan-Ureinwohner in Angriff nahmen. Unter anderem wurde die Musik des berühmten Flötisten Rhemaliz aufgezeichnet. Rhemaliz starb im Jahre 2000, doch andere Paiwan-Musiker konnten die Aufnahmen und Materialien aus Interviews für ein dreijähriges Ausbildungsprogramm nutzen, das vom NCTA gesponsort wurde.

Der Volkskunst-Bewahrungsplan trug auch dazu bei, Fragmente aus der Geschichte für das jüngere Publikum lebendig zu erhalten. Ein Beispiel betrifft Chen Cheng-san, der im Jahre 1947 eine traditionelle Taiwanoperntruppe organisiert hatte und acht Jahre später den ersten taiwanischen Opernfilm produzierte. Das NCTA veröffentlichte 73 Skripte von Stücken, welche die Truppe aufgeführt hatte, ebenso ein Buch über Chen und seine Karriere. 2001 fand in dem Zentrum eine dreitägige Ausstellung mit Audio- und Video-Exponaten zum Gedenken an Chen statt. Damit wurde im Prinzip einer neuen Generation eine Facette der Taiwanoper vorgestellt, die sonst wahrscheinlich im leeren Kosmos der Geschichte verschwunden wäre. "Wir sammeln Materialien und benutzen sie bei jeder Gelegenheit, um die traditionellen Künste zu bewahren und zu fördern", gelobt Huang. "So gründlich machen das nur wenige andere Organisationen. Traditionelle Künste sind ein sehr wertvoller nationaler Schatz, auch wenn das Interesse daran begrenzt ist."

Da viele der alten Meister von der Bildfläche verschwinden, wird die Zeit knapp. Wer von ihnen noch zur Vorführung seines Talents in der Lage ist, wird wahrscheinlich nicht mehr die gleiche Bandbreite wie auf dem Höhepunkt der Karriere zeigen können. Dazu kommt, dass aufgrund einer langen Tradition mündlicher Überlieferung viele Werke nicht schwarz auf weiß vorliegen. Schriftliche Aufzeichnungen sind zuweilen auch schwer zu bekommen, weil manche von ihnen im Laufe der Zeit mehr oder weniger schwer beschädigt wurden, und andere werden von ihren Besitzern unter Verschluss gehalten.

Der Betrieb des NCTA selbst ist eine weitere große Herausforderung, behauptet Tien Wei. Zwar ist das Zentrum eine staatliche Organisation, doch können zum Teil Projekte zur Kostensenkung dem privaten Sektor angeboten werden. In einem solchen Fall muss die Bewahrung der Integrität traditioneller Künste mit kommerziellen Erwägungen ausgeglichen werden. Außerdem kann es sich als schwierig erweisen, Interessenten zu finden, welche die Aufgaben des Zentrums übernehmen möchten, da traditionelle Kunst im modernen Taiwan keine gewinnträchtige Angelegenheit ist. "Es gibt Beispiele, bei denen öffentliche Einrichtungen erfolgreich zur Kostensenkung vom privaten Sektor abgelöst wurden", bemerkt Tien. "Der Umfang war recht klein, aber beim NCTA geht es um eine Vielzahl von Funktionen."

Unverändert Grund zur Sorge bereitet die Tatsache, dass die Gesellschaft allmählich das Interesse an traditioneller Kunst verliert. "Heutzutage bevorzugen die jungen Leute einfache und leicht verständliche Vorstellungen", meint Ko Chi -liang. "Bei anspruchsvolleren Aufführungen wie der Kun-Oper(崑曲) machen sie sich schnell aus dem Staub." Musik und Gesang dieser Opernart sind als kompliziert bekannt, und die Sprache gilt als sehr poetisch. Unverständliche Opernstile wie Luan Tan(亂彈戲) oder Ssu Ping(四平戲) waren vor Jahrzehnten populär, dem modernen Publikum sind sie im Allgemeinen nicht vertraut. "Sogar die Taiwanoper, die vergleichsweise populär ist, findet nur schwer Nachwuchs", fügt Ko hinzu.

In dem Maße, in dem alte Unterhaltungsformen durch neue Zerstreuungen verdrängt werden, erhält die Arbeit des NCTA besondere Bedeutung. Trotz der Schwierigkeiten ist die Organisation aber unverändert fest entschlossen, den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen.

(Deutsch von Tilman Aretz)

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