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Taiwan Today

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Literarischer Dialog mit der Welt

01.07.2003
Taiwans literarischer Dialog mit der Welt ist keine Einbahnstraße. Man liest auf der Insel ausländische Werke in chinesischer Übersetzung, und taiwanische Literatur findet durch Übersetzungen Leser in vielen anderen Ländern.

Durch Übersetzungen hat Taiwan Literatur importiert und exportiert und damit literarische Verbindungen mit der ganzen Welt aufgebaut.

Das Jahr 1972, ein Jahr nachdem die Republik China aus den Vereinten Nationen ausschied, wurde von vielen Menschen auf Taiwan als Zeit erstickender Isolation empfunden. Taiwans literarische Kreise erlebten in jenem Jahr indes die Gründung der Literaturzeitschrift The Chinese PEN , ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung, die Taiwan durch Literatur mit dem Rest der Welt verband. "Wir sind die einzige Zeitschrift in Taiwan, die regelmäßig Übersetzungen taiwanischer Literatur veröffentlicht", prahlt Kao Tien-en, Chefredakteur der Vierteljahresschrift und Leiter der Abteilung für Fremdsprachen und fremdsprachige Literatur an der National Taiwan University (NTU). Die Zeitschrift wird laut Kao von den PEN-Mitgliedern der Welt allgemein als eine der besten Publikationen der 1921 gegründeten internationalen Organisation anerkannt. In der Tat -- wenn es um die Bemühungen geht, taiwanische Literatur dem Rest der Welt zugänglich zu machen, dann gebührt The Chinese PEN großes Lob, denn die Zeitschrift hat der internationalen Leserschaft seit drei Jahrzehnten ununterbrochen englische Übersetzungen taiwanischer Prosa und Lyrik vorgestellt.

Die unermüdlichen Anstrengungen von The Chinese PEN, in der ganzen Welt für taiwanische Literatur zu werben, sind teilweise der Verwaltungsarbeit von Nancy Chang Ing zu verdanken. Sie war die ersten 20 Jahre Chefredakteurin der Zeitschrift und durch die von ihrem Mann zur Förderung kultureller Aktivitäten in Taiwan gegründete Hao Ran-Stiftung auch einer der Hauptsponsoren. Die leidenschaftliche Literaturliebhaberin Ing förderte nicht nur die Kommunikation zwischen Taiwan und ausländischen Literaten bei internationalen Anlässen, sondern ebnete auch vielen aufstrebenden Übersetzern den Weg, etwa dem amerikanischen Sinologen und bekannten Übersetzer Howard Goldblatt. "Taiwans Literatur, viele Schriftsteller und Übersetzer sind ihr zu größtem Dank verpflichtet", versichert John J. S. Balcom, ein weiterer etablierter Übersetzer, der sich seine ersten Sporen ebenfalls bei The Chinese PEN verdiente.

Unterdessen versuchen Taiwans literarische Kreise einen weiteren Zweig des internationalen PEN-Clubs mit der Bezeichnung "Taiwan PEN" aufzubauen, um die Eigenständigkeit der in Taiwan geschaffenen Literatur zu fördern. Die internationale Mutterorganisation in London betreut heute 130 Zentren auf der ganzen Welt, darunter das "Taipei Chinese Center", welches The Chinese PEN herausgibt, doch sie hat den 1987 als private Organisation gegründeten Taiwan PEN bisher noch nicht anerkannt. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, dass es in einem Land oder Gebiet mehr als ein Zentrum gibt -- das ist zum Beispiel in den USA und in China der Fall. Daher glaubt Taiwan PEN, den Versuch wagen zu können, eine Aufnahme in den internationalen PEN anzustreben. In der Zwischenzeit begann Taiwan PEN vergangenes Jahr mit der Förderung von Übersetzungen taiwanischer Literatur, etwa die Werke des bekannten Dichters Lee Kuei-shien (*1937).

Neben The Chinese PEN, einem der frühesten Förderer taiwanischer Literatur im Ausland, wurde in der letzten Zeit auch eine Reihe anderer Stimmen vernehmbar. 1996 beispielsweise erhielt übersetzte taiwanische Literatur enormen Auftrieb, als die Chiang Ching-kuo-Stiftung für internationalen akademischen Austausch ( Chiang Ching-kuo Foundation, CCKF) die Publizierung taiwanischer Romane und Gedichte aus dem 20. Jahrhundert in englischer Sprache durch die Co lumbia University Press, einem renommierten Universitätsverlag in New York, zu fördern begann. Die 1988 gegründete CCKF hofft, dass die Columbia University Press bis zum Jahr 2007 etwa zwanzig Werke einheimischer Autoren in Übersetzung herausgeben wird. Die bislang gedruckten acht Titel erregten bereits beachtliche Aufmerksamkeit. Die Notizen eines Verzweifelten von Chu Tien-wen (*1956) beispielsweise, bei deren Übersetzung Howard Goldblatt beteiligt war, tauchte in der Liste "Bemerkenswerte Bücher des Jahres 1999" der US-amerikanischen Tageszeitung New York Times auf, und die Los Angeles Times führte das Buch in der Liste "Beste Bücher des Jahres 1999" auf. Ein anderes Buch der Reihe von Cheng Ching-wen (鄭清文,*1932) mit dem Titel "Das dreibeinige Pferd" wurde 1999 mit dem Buchpreis Kiriyama Pacific Rim Book Prize ausgezeichnet.

Ein weiterer Förderer des Projektes der Columbia University Press ist der Rat für Kulturangelegenheiten der Republik China (Council for Cultural Affairs, CCA), der seit 1990 an einem Übersetzungsprojekt für chinesische Literatur arbeitet, welches das Interesse ausländischer Verleger an der Literatur der Insel steigern soll. Bis dato wurden im Rahmen des staatlich geförderten Programms insgesamt über neunzig Bücher übersetzt, zumeist ins Englische, doch laut Huang W-chung, der das CCA-Übersetzungsprojekt beaufsichtigt, erhält ins Japanische übersetzte Literatur aus Taiwan ebenfalls immer mehr Beachtung. Seit 1998 hat der CCA in Zusammenarbeit mit der Tokyo University Press und fünf anderen Verlagen mehrere Programme zur Übersetzung taiwanischer Romane, Lyrik und Ureinwohnerliteratur ins Japanische gestartet. "In der Vergangenheit gab es bei Japans Universitätsstudenten viel mehr Interesse für chinesische Literatur vom Festland als für taiwanische Literatur, doch letztere gewinnt seit zehn Jahren an Boden", bemerkt Huang, der über den herzlichen Empfang überrascht war, der ihm bei seinem Japan-Besuch im Juni vergangenen Jahres anlässlich der Herausgabe einer Anthologie taiwanischer Kurzgeschichten mit dem Titel Hakka-Frauen bereitet worden war.

Literarischer Dialog mit der Welt

Die Vierteljahreszeitschrift The Chinese PEN erscheint seit 1972 und hat enorm dazu beigetragen, taiwanische Literatur durch englische Übersetzungen in der Welt bekannter zu machen.

Auf der anderen Seite ist auch bei ausländischer Literatur in chinesischer Übersetzung ein Zuwachs an Quantität und Qualität zu verzeichnen. Früher waren die Leser recht anspruchslose Kunden, doch mittlerweile nehmen sie schlechte Übersetzungen und merkwürdige Textpassagen nicht mehr stillschweigend hin. Laut Chen Yu-hang, Chef des iFRONT -Verlages, sind die höheren Ansprüche an Übersetzer dem gesamten Verlagswesen zu Gute gekommen. Sie hatten zur Folge, dass manchmal die Übersetzer selbst die Initiative ergreifen und ihre Texte überarbeiten, um sich keine Kritik einzuhandeln.

Chen weist auch darauf hin, dass die Verfügbarkeit qualifizierter Übersetzer für andere Sprachen als Englisch und Japanisch -- die beiden verbreitetsten Fremdsprachen in Taiwan -- zu genaueren Übersetzungen führt. "In der Vergangenheit war es normal, ein im Original nicht auf Englisch verfasstes Buch auf dem Markt einzuführen, indem man dessen englische Übersetzung ins Chinesische übertrug", verrät Chen. "Das vergrößerte den inhaltlichen Abstand zwischen der Originalfassung und der chinesischen Version." Das hat sich nun geändert, da es viel mehr qualifizierte Übersetzer für andere Sprachen als Englisch und Japanisch gibt. Beispiel Französisch: Früher pflegte Chen erst nach einem qualifizierten Übersetzer für Französisch-Chinesisch zu suchen, bevor er mit einem Verlag über die Nachdruckrechte eines französischsprachigen Werkes zu verhandeln begann. Heute kann Chen sich diesen Schritt sparen, da er ohnehin problemlos Leute finden kann, die sich vortrefflich auf Übersetzungen vom Französischen ins Chinesische verstehen. "Inzwischen sind französische Verlage zudem eher bereit, ihre Bücherkataloge mit englischsprachigen Zusammenfassungen zu versehen, was es uns leichter macht, für Übersetzungen geeignete Bücher auszuwählen."

Interessanterweise nimmt Taiwan oft die Dienste festlandchinesischer Übersetzer in Anspruch. "In China kann man Übersetzer für eine Vielzahl von Fremdsprachen finden", weiß Chen. "Viele von ihnen sind Gelehrte im Ruhestand, die genug Zeit haben und bereit sind, für taiwanische Firmen zu arbeiten." Chens Verlag hat vor kurzem ein großes Projekt für die Übersetzung von Weltliteratur begonnen, redigiert von William Tay, Professor am Polytechnikum der Universität Hongkong, der seit den achtziger Jahren seinen Beitrag dazu leistet, übersetzte Literatur nach Taiwan zu bringen. Unter Tays Führung wird iFRONT demnächst eine Reihe italienischer literarischer Arbeiten herausbringen, die fachgerecht von einem festlandchinesischen Übersetzer übertragen wurden. Wenn taiwanische Verlage auf eine gute, bereits auf dem Festland verlegte Übersetzung stoßen, wird diese laut iFRONT manchmal einfach für die Leser in Taiwan übernommen. "Wir müssen lediglich die auf dem Festland üblichen vereinfachten Schriftzeichen 簡體字(= Kurzzeichen) in die auf Taiwan benutzten traditionellen Schriftzeichen 繁體字(= Langzeichen) verwandeln und gewisse Redensarten an die lokale Umgangssprache anpassen", sagt Chen.

Im allgemeinen sind chinesische Übersetzungen von ausländischer Literatur in Taiwan nichts Ungewöhnliches. Ein Hauptgrund dafür ist, dass Verleger sich wegen der geringen Größe des lokalen Marktes kaum allein auf Bücher von einheimischen Berufsautoren stützen können. Um über die Runden zu kommen, müssen taiwanische Verlage auch chinesische Übersetzungen ausländischer Werke in ihr Verlagsprogramm aufnehmen. Übersetzungen ausländischer Bücher machen in der Regel etwas über die Hälfte aller Neuerscheinungen der meisten Verlage aus, auch wenn bei den Übersetzungen der Anteil der Sachbücher höher ist als Belletristik. "Literarische Werke kommen wohl dann bei den Lesern gut an, wenn es sich um einen namhaften Autor handelt", urteilt Chen. "Daher achten wir darauf, unseren literarischen Publikationen eine detaillierte Einführung über den Autor anzufügen, vor allem bei Schriftstellern, die zwar gut, aber weniger bekannt sind."

Durch Veranstaltungen wie die Internationale Buchmesse in Taipeh ( Taipei International Book Exhibition, TIBE) sind die einheimischen Leser mit ausländischer Literatur vertrauter geworden. Seit 1987 wurde die überwiegend vom Regierungsinformationsamt (Government Information Office , GIO) organisierte TIBE elf Mal veranstaltet und ist mittlerweile ein jährliches Ereignis. Angeblich ist sie die viertgrößte Buchmesse der Welt -- 2003 gab es 2092 Stände aus 49 Ländern. Jedes Jahr wählt die TIBE die Literatur eines bestimmten Landes als Hauptthema aus. 1998 stand die deutsche Literatur im Mittelpunkt, dieses Jahr war es die Literatur Tschechiens, und folglich wurden Autoren von dort nach Taiwan eingeladen. Auch Schriftsteller aus anderen Ländern gaben sich in Taipeh ihr Stelldichein, unter ihnen Wole Soyinka (*1934) aus Nigeria, der 1986 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden war.

Trotz der besser werdenden literarischen Verbindungen zwischen Taiwan und dem Rest der Welt gibt es nach der Meinung alter Verlagshasen hinsichtlich der literarischen Globalisierung der Insel immer noch viel Raum für Verbesserungen. Laut der Empfehlung von Chen En-chyuan, dem Generalsekretär des Verlegerverbandes der Republik China, sollte die Zentralregierung ein stabiles Übersetzergewerbe fördern, indem sie eine Gruppe professioneller Übersetzer unterstützt, die mit der Einführung ausländischer Literatur beauftragt sind -- China und Japan sind da schon mit gutem Beispiel vorangegangen. "Es ist nicht leicht, sich in Taiwan als Übersetzer seinen Lebensunterhalt zu verdienen", räumt er ein. "Die Regierung sollte daher zur Schaffung eines soliden Umfelds für sie beitragen. Das ist wesentlich, wenn man den Horizont der Menschen erweitern und ihr geistiges Leben bereichern will."

Kao Tien-en von der Zeitschrift The Chinese PEN glaubt, dass nicht-kommerzielle Publikationen wie die seinige mehr Unterstützung seitens der Regierung der Republik China erfahren sollten, da sie so viel für die Überbrückung der Kluft zwischen der lokalen Literatur und der Welt leisten. In der Tat -- wenn man Lesern mit anderen Muttersprachen einen Einblick in literarische Kreationen aus Taiwan gewährt, dann können einheimische Autoren Zugang zum Klub der "Schriftsteller-Weltgemeinschaft" erlangen (um es mit den Worten des internationalen PEN auszudrücken) und dadurch der Insel im internationalen literarischen Dialog eine eigene Stimme verleihen.

(Deutsch von Tilman Aretz)

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