Die Halbinsel Hengchun ist eine der fünf Gegenden in Taiwan, die vom Tourismusamt der Republik China besonders gefördert werden. Die wunderschönen Sonnenuntergänge vor der Südküste sind besonders geeignet, die Aufmerksamkeit der Besucher in diesem tropischen Paradies zu erregen. Doch wie für den Rest der Insel gilt auch hier: Hengchun bietet mehr als nur was fürs Auge.
Die bloße Erwähnung des Landkreises Pingtung(屏東) an der Südspitze Taiwans beschwört Vorstellungen herauf von einzigartigen Felsformationen, Korallenriffen und den herrlichen Stränden am Nationalpark Kenting(墾丁). Im Laufe der Jahre wurde der Nationalpark quasi zum Synonym für die mondsichelförmige Landzunge, offiziell "Hengchun-Halbinsel"(恆春半島) genannt, und sogar für den Landkreis selbst. Doch aufgrund der Anstrengungen des Tourismusamtes im Ministerium für Verkehr und Kommunikation der Republik China und gleichfalls von Lokalverwaltungen zur Förderung der Gegend ziehen allmählich auch andere Attraktionen scharenweise Besucher an. Besonders hervorzuheben sind da das staatliche Museum für Meeresbiologie und Aquarium in der Gemeinde Checheng(車城), ungefähr 10 Autominuten vom Nationalpark entfernt; dann die Dapeng-Bucht(大膨灣) mit ihrer kolonialen Geschichte, frischen Meeresfrüchten und der natürlichen Schönheit; und die heißen Quellen von Sihchongsi(四重溪).
Im Jahre 1984 war Kenting zum ersten Nationalpark der Insel erklärt worden, heute zieht der Ort jedes Jahr über 6 Millionen Touristen aus dem In- und Ausland an. Wie die anderen, später eingerichteten Nationalparks ist Kenting in Verwaltungszonen unterteilt, um die Auswirkungen des menschlichen Vordringens möglichst gering zu halten. Diese Zonen benennen die beste Nutzung der verschiedenen Gebiete innerhalb des Parks und kennen die folgenden Kategorien: allgemeine Schutzgebiete, Erholungsgebiete, Sehenswürdigkeiten, ökologische Schutzgebiete sowie kulturelle und historische Stätten. Zwar wurde die Kritik laut, die Entwicklungsprojekte der jüngsten Zeit hätten die natürliche Schönheit des Nationalparks Kenting mit Kommerz und Überentwicklung besudelt, doch letztes Jahr wurde der Parkverwaltung durch Modifizierungen erlaubt, Baumaßnahmen innerhalb ihrer Grenzen selbst zu verwalten. "Ein Nationalpark muss ein wirksames Gleichgewicht zwischen Naturschutz und Erholung finden", empfiehlt Lee Yang-sen, Superintendent der Nationalparkverwaltung. "Überzählige Gebäude sind zu entfernen, um eine vernünftige Harmonie mit der natürlichen Umgebung zu schaffen." Zu diesem Zweck hat die Parkverwaltung mit dem Abriss von Gebäuden ohne Baugenehmigung und illegaler Beschilderung begonnen.
Zur Bereicherung des touristischen Erlebnisses, bei dem es in erster Linie ums Essen, Trinken und Sonnenbaden geht, will Lee auch den ökologischen und kulturellen Aspekt mehr ins Blickfeld rücken. "Wenn Sie eine Blume sehen und sie schön finden, dann ist das nur der Anfang Ihrer Reise", verspricht Lee. "Ein feinsinniger Tourist wird am Ende wissen, dass die Blume in Wirklichkeit eine Blattart ist." Dieses Jahr hat die Parkverwaltung eine Reihe ökologischer Veranstaltungen für Touristen arrangiert, darunter Ausflüge zur Beobachtung von Zugvögeln, Insekten, Pflanzen, Korallenriffen und Küstenformationen.
Im Einklang mit der Meeresthematik und mit pädagogischer Zielsetzung wurde im Jahr 2000 in der Nähe des Nationalparks Kenting das staatliche Museum für Meeresbiologie und Aquarium gebaut, das sowohl in Ausstellungsräumen als auch im Freien Exponate zeigt und neben riesigen Ausstellungstanks aus Acryl eine besondere Attraktion besitzt: einen 81 Meter langen Unterwassertunnel aus Glas, der größte seiner Art in Asien und von 5,6 Millionen Litern Wasser umgeben. Nach Angaben des Tourismusamtes verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr über 2,5 Millionen Besucher und ist in den letzten Jahren zu einem der beliebtesten Touristenziele der Insel avanciert, vergleichbar mit dem Zoo in Taipeh und dem staatlichen Museum für Naturwissenschaften im zentraltaiwanischen Taichung.
Lin Chung-hsiao, Chefsekretär des Museums, ist sichtlich stolz auf die Stätte. "Ein Aquarium von dieser Größe hat es in Taiwan noch nie gegeben, und wir sind außerdem das erste BOT-Verwaltungsmodell einer staatlichen Organisation mit gesellschaftlichem Bildungsauftrag", prahlt er. [BOT = build-operate-transfer, zu Deutsch bauen, betreiben und übergeben. Gemeint ist damit die Vergabe großer öffentlicher Bauvorhaben mit anschließender befristeter Nutzung an private Unternehmen. Red.] "Deswegen haben wir nach der Eröffnung des Vorbereitungsbüros für das Museum 1991 ein paar für ein öffentliches Bauprojekt beispiellose Schritte unternommen." Das Museum erhielt auch internationale Anerkennung für seine architektonische Gestaltung. Es wird zudem an Plänen gearbeitet, bis zum Jahre 2007 eine Ausstellung zu vollenden, welche die altertümlichen Ozeane, die Tiefsee und das Polarmeer auf der ganzen Welt durch digitale audiovisuelle Technologie darstellt. Gemeinsam mit den laufenden Ausstellungen "Taiwans Gewässer" und "Korallen-Königreiche" sollen so immer mehr Besucher zu dem Museum gelockt werden.
Wer sich mehr für schöne Strände und Wassersportarten interessiert, könnte die Reize der Dapeng-Bucht, eine Autostunde nach Norden von Checheng entfernt, unwiderstehlich finden. "Gemeinsam mit der laufenden Entwicklung entsprechender Einrichtungen wie eines Golfplatzes, eines Themenparks und eines Jachthafens könnten wir die Erholungsvielfalt der Halbinsel Hengchun ergänzen", meint Hsu Cheng-lung, stellvertretender Direktor der staatlichen Landschaftsgebietsverwaltung Dapeng -Bucht, die 1997 in der Gemeinde Donggang im Landkreis Pingtung eingerichtet worden war. Hsus Zuversicht begründet sich auf dem 414 Hektar großen Gewässer zwischen den Mündungen zweier in die Taiwanstraße mündender Flüsse, die größte natürliche Lagune Taiwans. Mit einer schmalen Landzunge zum Schutz vor der Gewalt der Brandung aus dem offenen Meer ist die ausgedehnte Dapeng-Bucht ruhig und dadurch ein idealer Ort für verschiedene Wassersportarten. Das Landschaftsgebiet umfasst auch eine einzigartige Koralleninsel vor dem Donggang-Strand.
Die Bucht hat übrigens auch eine interessante Geschichte. Die Japaner nutzten sie als Militärbasis für Wasserflugzeuge und U-Boote, und sie gehörte zu einer taiwanischen Luftwaffenakademie. Nach dem Umzug der Schule wurde die Lagune zu einer riesigen Austernzucht mit zahlreichen Zuchtanlagen, die erst 2002 nach fünfjährigen Verhandlungen zwischen der Dapeng-Verwaltung und Austernzüchtern entfernt wurden. "Die Lösung dieser Frage war für unsere Entwicklungsarbeit von entscheidender Bedeutung", sagt Hsu Cheng-lung. Dieses Jahr wird die Lagune die Kulisse für ein "Fischerei-Lager" sein, Teil eines jedes Jahr von der Kreisverwaltung Pingtung veranstalteten Blauflossen-Thunfischfestivals.
Im staatlichen Museum für Meeresbiologie und Aquarium befindet sich der längste Unterwasser-Glastunnel Asiens mit einer Länge von 81 Metern, umgeben von 5,6 Millionen Litern Wasser.
Die beiden früheren Thunfischfestivals waren die erfolgreichsten und lukrativsten Veranstaltungen ihrer Art in Pingtung. Letztes Jahr erschienen 800 000 Besucher zu dem Fest, wo für Thunfisch, örtliche Agrarprodukte wie Tropenobst sowie für die Dapeng-Bucht und andere Stätten geworben wurde. Zwischen April und Juli erzeugte der Thunfisch-Wahn Einkünfte in Höhe von schätzungsweise 1,5 Milliarden NT$ (39,47 Millionen Euro). Dieses Jahr wird das Frühlingsfest von Festen im Sommer, Herbst und Winter ergänzt werden, die alle im Jahre 2001 initiiert worden waren. "Wir wollen für diese Ereignisse eine größere wirtschaftliche Bandbreite schaffen, nicht nur kurzlebige Seifenblasen", verkündet Kreisvorsteher Su Jia-chyuan(蘇嘉全). "Die Feste müssen Kontinuität, einen lokalen Bezug und kulturelle Bedeutung besitzen."
Das Sommerfest wird speziell auf jüngere Leute zugeschnitten und umfasst Veranstaltungen wie Volksspiele oder Rennen durch die Berge und an der Küste entlang mit Fahrrädern, Mopeds und Jeeps. Im Oktober und November will die Kreisverwaltung Maler, Bildhauer, Fotografen und Dramaturgen von der ganzen Insel und aus dem Ausland nach Hengchun einladen, damit sie dort Werke mit einem lokalen Flair produzieren. Diese Stücke können dann in die jeweilige Heimat des Künstlers als Werbung für die Region Hengchun gebracht oder in die staatliche Sammlung aufgenommen werden. "Diese künstlerischen Aktivitäten werden nicht viel Geld einbringen und bei der Öffentlichkeit auch kein besonderes Aufsehen erregen", kalkuliert Su. "Langfristig können sie jedoch Hengchuns Image nützen." Wenn dann im Winter eine steife Brise von den Bergen durch Hengchun weht, sollen in Kenting Windglockenspiele präsentiert werden.
Nicht weniger als schätzungsweise 100 000 Besucher strömten im Januar dieses Jahres zum Windglockenspiel-Festival, und viele von ihnen machten dann auch einen Abstecher zum nahe gelegenen Sihchongsi. Schon seit der japanischen Kolonialzeit (1895-1945) ist der Ort wegen seiner heißen Quellen ein beliebtes Reiseziel. Derzeit führt die Zentralregierung in Sihchongsi ein Erneuerungsprojekt durch, das den Bau von Straßen und Parkplätzen, die Renovierung alter Straßen und ähnliche Projekte umfasst. "Angesichts des Erfolges des Windglockenspiel-Festivals in Kenting fragen sich die Leute hier, warum sie nicht mit einer ähnlichen Veranstaltung Geld machen können", erklärt Pan Hsu-huang, Leiter eines 2000 gegründeten örtlichen Tourismusentwicklungsverbandes. "Aber sollten wir nicht zuerst unsere Einrichtungen und Anlagen bei den heißen Quellen verbessern, bevor wir unsere Arme für Scharen neuer Touristen öffnen?"
Bis die Bewohner von Sihchongsi für ihre Stadt genug eigene Anziehungskraft auf Touristen entwickeln können und der Ort größere Besucherzahlen verkraften kann, regt Pan an, sich zunächst weiterhin an jene Touristen zu wenden, die Kenting, das Thunfisch- und/oder das Windglockenspielfest besuchen. Die Hervorhebung der Geschichte der Gegend liegt Pan allerdings besonders am Herzen. Das älteste Hotel am Platze war einmal vom Bruder des damaligen japanischen Kaisers Hirohito (1901-1989, Regierungszeit 1926-1989) besucht worden, der dort seine Flitterwochen verbrachte. Ein 1874 von japanischen Truppen errichtetes Denkmal unweit Sihchongsi erinnert an eine Gruppe schiffbrüchiger Japaner, die drei Jahre zuvor von Ureinwohnern der Gegend getötet worden waren. "Wenn wir japanische Touristen, die ebenso gut einen anderen Ort mit heißen Quellen in Taiwan besuchen könnten, herlocken wollen, sollten wir eine historische Verbindung zu ihnen herstellen", kontempliert Pan. Sein Verband organisiert nun jedes Jahr eine Zeremonie zum Gedenken an den Zwischenfall von 1871 mit einem Gebet für ewigen Frieden.
Übrigens führte dieser Zwischenfall auch zu der frühen Entwicklung von Hengchun. Als Reaktion auf die Präsenz der Japaner auf der Insel ermutigte die Regierung der Qing-Dynastie (1644-1911, auf Taiwan bis 1895) Menschen aus Südostchina, dort zu siedeln, und baute an der Südspitze der Insel eine Festung namens Hengchun -- "ewiger Frühling". Heute bemüht sich eine Gruppe aus Gelehrten, Geschäftsleuten und Anwohnern, die Ruinen der Festung zu bewahren und zu restaurieren. "Die Entwicklung des Tourismus muss mit dem lokalen Standpunkt in Einklang gebracht werden", fordert Lin Chiu-feng, Leiter einer Gruppe, die sich letztes Jahr für die Förderung des Tourismus mit einer größeren Relevanz von Lokalkultur und geschichte bildete. "Wir möchten den Touristen nicht nur Naturschönheit bieten, sondern auch die Geschichten, die seit Generationen über diese alte Siedlung erzählt werden." Kürzlich unterwies die Gruppe Freiwillige über die örtlichen Legenden und Volkslieder.
Zwar bringt Lin seine Besorgnis über die unzureichende Zusammenarbeit zwischen der Kreisverwaltung und den Gemeindeverwaltungen zum Ausdruck, aber er lobt den Kreis für seine Kreativität bei der Organisierung von Festen, etwa das Windglockenspiel-Festival. Zusätzlich zur Entwicklung neuer Ideen legt Kreisvorsteher Su Jia-chyuan besonderes Gewicht auf die unverzichtbare Grundlage von Fremdenverkehr -- Verkehrsmittel. Derzeit laufen Bauprojekte wie die zweite Südautobahn von Zentraltaiwan zur Dapeng-Bucht, eine Ost-West-Schnellstraße zur Verbindung der beiden bestehenden Autobahnen sowie der Flugplatz von Hengchun, die alle bis zum Ende dieses Jahres fertig gestellt werden sollen. Außerdem bedienen nun Boote die Küsten-Wasserstraßen von Kaohsiung nach Checheng, und das Wasserstraßennetz soll noch bis nach Kenting und am Ende sogar zu den vorgelagerten Inseln an der Ostküste im Raum Taitung ausgedehnt werden.
Diese Projekte werden gemeinsam mit der Eröffnung des staatlichen Museums für Meeresbiologie und Aquarium, der weiteren Entwicklung der Dapeng-Bucht und von Sihchongsi sowie dem unverwüstlichen Charme des Nationalparks Kenting die Halbinsel Hengchun ebenso attraktiv machen wie die herrlichen Sonnenuntergänge.
(Deutsch von Tilman Aretz)