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Kein Schwert für Damokles

28.02.2005
Der Schwertfeger Chen Yuan-fan testet die Elastizität seiner Klinge. (Foto: Huang Chung-hsin)

Der taiwanische Kunsthandwerker Chen Yuan-fan lebt durch das Schwert, genauer gesagt von der alten Kunst der Schwertherstellung.

In der kleinen Werkstatt des Schwertfegers Chen Yuan-fan herrscht fast vollkommene Stille -- in seiner Wohnung im 10. Obergeschoss in der zentraltaiwanischen Stadt Taichung gibt es keinen Lärm von Schmiedefeuer, Hammer und Amboss oder anderen Gerätschaften. Am meisten Krach machen hier noch ein Bandschleifer und eine andere Schleifmaschine, unverzichtbare Werkzeuge bei der so genannten Materialabnahme-Methode für die Herstellung von Schwertklingen.

Der Begriff "Materialabnahme" erklärt im Prinzip schon das Verfahren, das sich dahinter verbirgt. "Einfach gesagt, während der Klingenschmied ein Stück Stahl erhitzt und daraus eine Klinge hämmert, nimmt man bei der Materialabnahme ein Stück Stahl und schleift alles ab, was nicht Klinge ist", erläutert Chen, für den beide Methoden ihre Vor- und Nachteile haben.

Jahrhundertelang erfüllte ein Schwert zahlreiche Funktionen -- als Waffe, als Symbol von Ehre, als Zeichen von Rang und Macht, sogar als Ritualrequisit bei religiösen Zeremonien. Sicherlich spielen Schwerter heute nur noch eine geringe Rolle, zumal sie auf dem Schlachtfeld schon lange durch Feuerwaffen ersetzt wurden, doch sie nehmen in der chinesischen Kultur immer noch einen einzigartigen Platz ein. Sie kommen vor in volkstümlichen Romanen, sie erscheinen in Fernsehserien und traditionellen Opern, in Tempeln und bei religiösen Zeremonien, und in manchen Parks kann man morgens Menschen sehen, die Fechten als Frühsport praktizieren.

Wie gesagt, Schwerter sind natürlich nicht mehr so weit verbreitet wie früher, und die Methoden für ihre Herstellung verändern sich ebenfalls. In vergangenen Zeiten schufen Klingenschmiede ihre Erzeugnisse mit Schmiedefeuer und Hammer, erhitzten Metall in einer Esse auf eine Temperatur, bei der das Material formbar wurde, und hämmerten es dann auf einem Amboss in die gewünschte Form. Dieses Verfahren, bei dem die Struktur des Metalls verdichtet und neu angeordnet wird, was die Haltbarkeit der Klinge erhöht, verleiht dem Schwert seine Form und Schärfe. Mit einem Schleifstein wird das Schwert anschließend verfeinert. Chen macht jedoch darauf aufmerksam, dass dieses Verfahren voller Schwierigkeiten steckt. In der alten Zeit konnte man nur mit Schmiedefeuer hochwertige Klingen produzieren, das Verfahren konnte aber auch misslingen. Faktoren wie die Technik beim Hämmern des Metalls und die Temperatur im Schmelzofen können allesamt zum Erfolg oder Misserfolg jeder geschmiedeten Klinge beitragen.

Moderne Fabrikationsverfahren machen dem Schmied das Leben leichter, weil damit nun beständig Metall erzeugt werden kann, das mindestens so gut ist wie die früheren handgeschmiedeten Exemplare, wenn nicht gar besser. Theoretisch können Klingenmacher Fabrikstahl kaufen, daraus Klingen formen und diese dann einem rigorosen Ablauf von Erhitzen, Abkühlen und abermaligem Erhitzen unterwerfen, was die Textur des Metalls verändert. Der Haken dabei ist, dass längere Klingen dazu neigen, sich bei der Kühlung und Wiedererhitzung zu krümmen. Das ist eine technische Schwierigkeit, die viele Klingenmacher davor abschreckt, anstatt handgeschmiedetem Stahl fabrikgefertigte Metalle zu verwenden. Chen hat das Problem umgangen, indem er eine besondere Keramikklammer entwarf, und ist nach eigenen Worten der einzige Schwertschmied, der dieses Verfahren anwendet.

Chens Interesse für die Schwertherstellung erwachte vor 25 Jahren, als ihm ein altes japanisches Schwert mit abgebrochener Spitze in die Finger geriet und er es umschleifen wollte. Diese Erfahrung veränderte sein Leben.

"Damals war es unmöglich, von der Schwertherstellung zu leben, aber ich investierte ebenso viel Zeit und Energie in mein Hobby, wie ich auch tagsüber für meine Arbeit als Goldschmied aufwandte", erzählt Chen. "Ich denke, das ist eins von diesen Dingen -- sobald man einmal drin ist, kommt man nicht mehr raus."

Die Herstellung von Schwertern hätte durchaus ein Hobby bleiben können, wenn Chen nicht vor sechs Jahren als 44 -Jähriger seinen Job verloren hätte. "Sie können sich vorstellen, wie schwer es für einen Menschen meines Alters war, in wirtschaftlichen Zeiten wie jenen eine neue Laufbahn zu beginnen", seufzt er. "In Wahrheit hatte ich kaum eine andere Wahl."

Nachdem er ungefähr ein Jahr lang als Designer für eine einheimische Messerfirma gearbeitet hatte, begann er auf Bestellungen hin Schwerter zu schmieden und beschränkte sich dabei auf lange Klingen, da ausländische Hersteller mit kurzen und mittellangen Schneiden bereits bestens im Geschäft waren. "Ungünstig für mich war, dass der einheimische Markt für Schwert-Sonderanfertigungen noch klein war", berichtet Chen. "Glücklicherweise gab es nur sehr wenige Hersteller, daher brauchte ich mir wegen Konkurrenz keine allzu großen Sorgen zu machen."

Um für seine Arbeit zu werben, beteiligte er sich an mehreren landesweiten Wettbewerben und gewann auch Preise, was Kunden anlockte. Mit seinen Kunden spricht Chen über einen grundlegenden Entwurf, schlägt ausgehend von diesem Entwurf dann die geeigneten Materialien vor, zeichnet den endgültigen Entwurf und beginnt anschließend damit, die Klinge in die Rohform zu schneiden und zu schleifen. Für den erwünschten Härtegrad wird die Klinge danach in die Fabrik geschickt und dort hitzebehandelt. "Je härter das Material, desto schärfer aber spröder wird die Klinge", weiß Chen. "Der Clou besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Härte und Elastizität zu finden."

Andere Handwerker haben ihre eigenen Ansichten darüber, was das perfekte Gleichgewicht ist. Chen führt vor, dass eines seiner Schwerter um 180 Grad zurückgebogen werden kann und dann in seine gerade Form zurückkehrt, und nach seinen Worten ist ein Rockwell-Härtegrad von 60 bis 62 ideal für Langschwerter. Ein Schweizer Offiziersmesser hat zum Vergleich eine Härte von 55 bis 56 auf der Rockwell-Skala.

Nach Abschluss der Hitzebehandlung kommt die Detailarbeit -- schleifen, glätten, schärfen, polieren, Anfertigung des Griffes und der Scheide sowie das Zusammensetzen aller Teile. Chen erledigt alle Arbeitsgänge selbst, einschließlich die Arbeit mit Holz und Leder. Verkaufsfördernd sind an Chens Schwertern die dekorativen Verzierungen und die Details beim Zubehör, und das alles zusammen hält Chen für den schwierigsten Teil des ganzen Verfahrens. Man kann wohl innerhalb von ein oder zwei Jahren lernen, eine Klinge zu schleifen und zu polieren, doch für den Rest des Schwertes wird man mindestens fünf Jahre brauchen, behauptet er.

Zudem sind Chens Schwerter nichts für eilige Kunden. Für ein normales Stück braucht er mindestens sechs Monate, während anspruchsvollere Arbeiten mehrere Jahre erfordern können. Während dieser Zeit bittet er den Kunden mehrmals, in der Werkstatt zu erscheinen und persönlich die Ergonomie und Ausgewogenheit der bestellten Ware zu testen und auch alle anderen Details der Klinge in Augenschein zu nehmen. Was den Preis angeht, so kosten Produktionsvariationen mit zehn Exemplaren eines Schwertes 180 000 NT$ (4390 Euro), doch für Sonderanfertigungen berechnet Chen ab 600 000 NT$ (14 630 Euro). Zur Zeit arbeitet Chen an einem Stück, das mit Rubinen besetzt ist und über 10 Millionen NT$ (243 900 Euro) wert ist. Für ein Stück geschärftes Stahl ist das eine Menge Geld, doch Chen leugnet nicht, dass seine Zielgruppe ausschließlich Spitzenkunden sind. "Die meisten Leute können sich Schneidwerkzeug leisten, doch meine Schneiden können nicht viele bezahlen", bekennt er. "Bei Autos ist es genauso: Viele können sich eins leisten, doch nur wenige haben das Kleingeld für einen Rolls-Royce."

Ob er die richtige Marketingstrategie gewählt hat oder weil die Wirtschaft wieder anzieht, Chens Schwerter verkaufen sich bestens. Das ist gut für seine Lehrlinge, die er vor fünf Jahren auszubilden begann. Am Anfang seines Geschäfts betrachtete Chen das Unterrichten als zuverlässige Methode zur Einkommenssicherung, doch nun, da sich sein Gewerbe als stabil erwiesen hat, ist die Weitergabe seiner Fertigkeiten wichtiger geworden. "Viele Handwerkskünste verschwinden, weil die Meister ihr Können als Berufsgeheimnis betrachten", rügt er. "Ich kann aber nicht zulassen, dass ich etwas, womit ich mich 20 Jahre lang befasst habe, mit ins Grab nehmen muss."

Möglicherweise ist Chens Arbeit nur ein Abklatsch von den Schwertschmieden der alten Welt -- der Schmied, der allein an der Esse schuftet, Funken stieben in alle Richtungen, während er mit dem schweren Hammer die Klinge bearbeitet. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass auch nur eines seiner Werke jemals in der Schlacht zum Einsatz kommt, wie es in der alten Zeit war, doch Chens Hingabe an seine Handwerkskunst ist nicht weniger leidenschaftlich als in jenen Zeiten, in denen ein Schwert mehr war als einfach nur ein Schwert.



Chen Yuan-fans Website:
http://www.cyf-knife.com

(Deutsch von Tilman Aretz)

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