Wenn man Kindern Geschichten erzählt, versetzt man sie so in eine verzauberte Welt, und in Taiwan wird damit ein neues Gewerbe geschaffen.
Wenn Chang Ta-kuang die Geschichte von einem Elefanten erzählt, der sich aufmacht, um einen Blick aufs Meer zu werfen, versucht er seinen Zuhörern die Phantasiewelt so glaubhaft wie möglich zu machen. Sein kicherndes, zappeliges Publikum sitzt auf Steinstühlen in einem Raum, der wie ein Zauberdschungel aussehen soll, und Chang liest aus einem riesigen Buch vor, das aufgeschlagen vor ihnen steht. "Wäre es nicht herrlich, wenn ich die ganzen Figuren und Szenen eines Märchens Wirklichkeit werden lassen könnte?" fragt Chang. "Es gibt so wenige Orte, wo Kinder Spaß haben und gleichzeitig etwas lernen können."
Das Traumland in einen wirklichen Ort zu verwandeln war, wie sich herausstellte, ein Abenteuer für sich. Chang sprach mit mehreren Innenarchitekten und Dekorateuren, doch sie hielten die Idee für unrealistisch. Manche hielten ihn sogar für wahnsinnig. Schließlich engagierte er einen Bühnenbildner für Kindertheater und einen Illustrator für Kinderbücher, die seinen Ethusiasmus teilten. Mit ihrer Hilfe schuf Chang die Traumfabrik zum Anfassen, die im Juni 2004 eröffnet und "Kids' Story House" (zu Deutsch Kindergeschichtenhaus) getauft wurde. Die drei Räume des Hauses sind der Kulisse in Märchenbüchern nachempfunden -- Himmelsstadt, Esstisch des Riesen und Zauberwald.
Chang entdeckte, dass Geschichtenerzählen den Kindern nicht nur die Möglichkeit gab, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, sondern es war außerdem eine gute Investitionsmöglichkeit für sein Geld. Kids' Story House hatte so großen Erfolg, dass später andere Orte zum Geschichtenerzählen wie YOYO Story House und Wow-wow Children's House gegründet wurden. Kinder, so scheint es, sind das große Geschäft. "Nur weil es vorher niemand gemacht hatte, bedeutete das nicht, dass das undurchführbar wäre", resümiert Chang. "Es war ein reines Experiment und eigentlich zum Scheitern verurteilt, das habe ich meinen Angestellten gleich am Anfang gesagt. Andererseits war es vom Marketingstandpunkt aus ein vollkommen unerschlossener Markt."
Es stellte sich heraus, dass der Bau des Hauses an sich einfacher war als die Geschichten und Erzähler zu finden, die seinen Ruf aufbauen sollten. Chang fand, dass viele Kinderbücher für Kinder unter acht Jahren nicht leicht verständlich waren, oder es fehlten ihnen die klaren moralischen Prinzipien, die er zu vermitteln hoffte, etwa Mut, Ehrlichkeit, Großmut und gutes Benehmen. Infolgedessen sponnen er und seine Mitarbeiter ihre eigenen Geschichten und engagierten Illustratoren für Bühnenrequisiten. "In manchen großen Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken wird Geschichtenerzählen gratis angeboten", bemerkt er. "Um dafür Gebühren erheben zu können, musste ich etwas Besseres bieten."
Chang gibt jeden Monat rund 200 000 NT$ (4878 Euro) aus, um überdimensionale illustrierte Geschichtenbücher und andere Requisiten für die drei Räume herzustellen, die jeden Monat neu ausstaffiert werden. Chang nimmt sich auch viel Zeit, um Geschichtenerzähler zu finden und auszubilden. "Als erstes fragen wir die Bewerber, ob sie Kinder mögen", verrät Chang. "Wenn nein, werden sie es nicht schaffen. Danach ermitteln wir, ob sie eine Geschichte lebhaft erzählen können, mit Gestik, Mimik und Stimmen, welche die Aufmerksamkeit von Kindern eine Stunde lang fesseln."
Miuer Lin, einer der Mitarbeiterinnen, macht der Job viel Spaß, er ist aber auch eine Herausforderung. "Wenn man diesen Job annimmt, muss man Kinder wirklich gern haben, und das kann man einfach nicht vortäuschen", versichert sie. "Abgesehen davon, dass man Leidenschaft braucht, muss man Kommunikation und Interaktion mit unterschiedlichen Kindern lernen und die Handlungen der Geschichten ans Altersniveau der Zuhörer anpassen."
Lin glaubt, dass Geschichtenerzählen als berufliche Laufbahn viele Vorteile hat. "Geschichtenerzählen kann man wirklich professionell machen, und es ist ein vielversprechendes Gewerbe", wirbt sie. "Ich schätze mich glücklich, diesen Weg eingeschlagen zu haben, und ich hoffe, bei der Entwicklung der Kleinen eine positive Rolle spielen zu können."
Heute können Kinder an einer der fünf einstündigen Vorstellungen täglich teilnehmen. Der Eintritt kostet pro Kind 300 NT$ (7 Euro 30), oder 200 NT$ (4 Euro 90) als Vorzugspaket. Die Vorstellungen richten sich an Kinder zwischen drei und acht Jahren.
Das Geschäft lief besser, als Chang erwartet hatte, und im vergangenen Jahr wurde ein zweites Etablissement eröffnet. Die Monatseinnahmen jedes der beiden Betriebe belaufen sich derzeit auf rund 700 000 NT$ (17 073 Euro), und die Zahl der Kinder, welche die Aufführungen besuchen, hat 2500 im Monat erreicht. Die Beliebtheit des Geschichtenhauses brachte Chang dazu, vier weitere solche Unternehmungen auf ganz Taiwan zu planen, und er erkundet nun auch die Möglichkeit, in Zukunft auf andere chinesischsprachige Märkte vorzudringen.
Für Chang geht es bei dem Geschäft aber nicht nur um Zahlen, sondern auch um Erziehung. "Einem Geschichtenerzähler zuzuhören entwickelt das Begriffsvermögen, die Sprache und Logik von Kindern", behauptet er. "Darum mache ich das."
Nach Changs Erfahrung sind die meisten Eltern bei der Erziehung und Freizeitgestaltung ihres Nachwuchses nicht geizig, und beim Zuhören einer guten Geschichte werden Kinder nie müde. Chung Lo-chi, die ihre Tochter zum Kids' Story House brachte, hat festgestellt, dass die Profis ihr wirklich etwas voraus haben. "Meine Tochter sagt, dass sie eine Geschichte viel interessanter erzählen als ich", meint sie. "Außerdem bin ich bereit dafür zu zahlen, weil ich denke, Geschichten hören ist für die Entwicklung der Kreativität und Phantasie meines Kindes hilfreich."
Nach Chungs Worten versuchen die Lehrer den Geschichten ein moralisches Element hinzuzufügen, um den Kindern Werte wie Güte, Respekt vor den Eltern und staatsbürgerliche Tugenden nahezubringen. Außerdem findet sie, dass man diese Lehren durch bunte Geschichten sogar noch gründlicher lernt als durch Unterweisung daheim.

In den Geschichtenerzählhäusern dürfen Kinder herumspringen und sich wie zu Hause fühlen.
Andere Mütter wie Li Shu-mei scheinen sich auch wohler dabei zu fühlen, diese Form der Unterhaltung Außenstehenden zu überlassen, und sie finden es sogar selbst unterhaltsam. "Ihre Vorstellungen sind so lebhaft, ich finde sie ebenfalls lustig", bekennt Li. "Ich muss zugeben, dass ich selbst eher introvertiert bin, und meine Geschichten sind ziemlich langweilig."
Nach Lis Meinung gibt es in der Stadt nicht viele geeignete Orte, wohin sie ihre junge Tochter mitnehmen kann, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Das Geschichtenhaus bietet nach ihren Worten ein sicheres Umfeld für Unterhaltung und Bildung. "Nachdem meine Tochter mehrere Male hier war, kann sie sich jetzt offenbar besser konzentrieren, und sie stellt gern Fragen", ergänzt Li.
Dieses Rezept -- einen sicheren, unterhaltsamen und pädagogischen Ort für Kinder zu bieten -- war ein solcher Erfolg, dass seitdem auch andere Geschichtenhäuser eröffnet wurden. Wow-wow Children's House zum Beispiel wurde im Juni 2005 von der Wow-wow Theatre Company eingerichtet, die Theaterstücke für Kinder aufführt. Die Theatergruppe verfügt über einige natürliche Vorteile, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit von Kindern zu fesseln. "Jeder unserer vier Lehrer muss Schauspielunterricht beim Theaterdirektor nehmen", berichtet Wang Pei-wen, Betriebsleiterin des Wow-wow Children's House. "Wir betonen außerdem die Bedeutung von Kulisse, Requisiten, Musik und Beleuchtung."
Wow-wow verändert jeden Monat das Geschichtenrepertoire, und viele Geschichten sind aus der chinesischen Volkskunde adaptiert. Die Geschichtenerzähler versuchen die Geschichten aufzuführen, anstatt sie einfach nur zu rezitieren. Wenn etwa der bekannte chinesische Mythos von einem Kuhhirten und einer Weberin erzählt wird, führt der Schausteller vor, wie man früher mit einem Webstuhl webte. Da viele traditionelle chinesische Feiertage mit Mythen zusammenhängen, versucht Wow-wow zudem die vertrauten Geschichten während der Feiertage neu aufzurollen. Das erspart es den Eltern, sich alle Details der Volksgeschichten merken zu müssen, und die Kinder können etwas über die Herkunft der Feiertage lernen und über die Rituale und Sitten, die mit ihnen zusammenhängen.
Weil in Taiwan Bildung für viele Kinder eine stressige Angelegenheit sein kann, bemüht sich das Geschichtenhaus stets um eine leichte und unterhaltsame Atmosphäre, auch wenn Volksgeschichten und Traditionen unterrichtet werden. Nach Wangs Worten gehört zum Spaß unbedingt mit dazu, die Kinder einzubeziehen, und Wow-wow versucht eine sichere Atmosphäre für die Kinder zu schaffen, damit sie sich entspannen und die Dinge einfach in sich aufnehmen.
Die Kinder werden auch aufgefordert, beim Geschichtenerzählen mitzuspielen, und sie können außerdem versuchen, Charaktere und Situationen aus den Geschichten so zu spielen, wie sie sie sehen. "Beim Geschichtenerzählen nehmen wir viele theatralische Elemente auf", enthüllt Wang. "Wir versuchen die Kreativität und Phantasie der Kinder mit interaktiven Spielen, Zauberei und Rollenspielen anzuregen."
Kindertheater scheint ein natürlicher Verbündeter der angeregten Form des Geschichtenerzählens in den Geschichtenhäusern zu sein. Als die Eastern Broadcasting Group im Dezember vergangenen Jahres in der Taipeh-Arena (einem neuen Unterhaltungszentrum) das YOYO Story House einrichtete, beauftragte sie die Kindertheatergruppe Ifkids mit der Planung der Programme. Mitglieder des Ensembles fungieren außerdem als Haupt-Geschichtenerzähler bei YOYO, so dass die Firma sich die Ausgaben für die Ausbildung von Geschichtenerzählern für lebendige Vorstellungen sparen kann.
Daneben nutzt das Geschichtenhaus mehrere beliebte Cartoonfiguren aus YOYO TV, einem Kinder-Fernsehprogrammkanal von Eastern Broadcasting, so dass die Kinder bei den Mitwirkenden bekannte Gesichter sehen.
Laut Lesley Chen, Direktor der Produktabteilung von Eastern Broadcasting, hat das Unternehmen über 10 Millionen NT$ (243 900 Euro) ins YOYO Story House investiert, ein Betrag, mit dem anspruchsvolle Audio- und Videoeffekte geschaffen werden konnten. "Unser Haus ist auffällig dekoriert, damit den Besuchern beim Reinkommen die Spucke wegbleibt. Wir hoffen, dass sie beim Rausgehen immer noch dieses begeisterte Lächeln auf dem Gesicht haben."
Bei YOYO wird Geschichtenerzählen im Halbstundentakt angeboten, und die Geschichte wird alle zwei Wochen ausgetauscht. Nach Chens Worten ist das Modell ein Erfolg, aber für das Hauptgeschäft sorgen immer noch die Wochenendgäste. Um das Geschäft unter der Woche zu verbessern, bietet die Firma Kindergärten und Grundschulen besondere Gruppentarife für Klassenausflüge.
Laut Berichten im Fernsehen und in einer Zeitung sind die Geschichtenhäuser eine der fünf heißesten neuen Geschäftsgelegenheiten des Jahres 2006. Auf die Frage, ob ihn die Konkurrenz stört, legt Chang Ta-kuang das gutmütige Naturell an den Tag, das nach seinem Wunsch mit den Geschichten an die Kinder weitergegeben werden soll. "Ich bin nur ein gewöhnlicher Vater, der es geschafft hat, den ungewöhnlichen Traum zu verwirklichen, einen lustigen Ort zum Geschichtenerzählen aufzubauen", sagt er bescheiden. "Ich freue mich, dass die Leute das für eine gute Idee halten, und jede Werbung ist für uns alle hilfreich."
(Deutsch von Tilman Aretz)