Über 350 000 Frauen haben ihre ausländische Heimat verlassen, um taiwanische Männer zu heiraten. Langsam aber sicher verändern sie das Wesen der taiwanischen Gesellschaft.
Taiwans Gesellschaft bestand lange Zeit aus vier großen ethnischen Gruppen, nämlich den Ureinwohnern und drei Arten Han-chinesischer Einwanderer: Holo, Hakka sowie nach 1949 eingetroffenen Festlandchinesen. Doch in einer Rede im November 2004 ergänzte Staatspräsident Chen Shui-bian die Liste um eine fünfte Gruppe -- Ausländer. Ihre Aufnahme war eine Anerkennung sowohl der Anzahl als auch der Auswirkungen von Eheschließungen zwischen Taiwanern und Ausländern der letzten Jahre. Derzeit gibt es in Taiwan etwa 133 000 Ehepartner aus Südostasien und 233 000 aus der Volksrepublik China. In über 90 Prozent der Fälle handelt es sich um Verbindungen zwischen einem taiwanischen Mann und einer ausländischen Frau. Gegenwärtig stammt bei einer von vier neu angemeldeten Ehen in Taiwan einer der Partner entweder aus Südostasien oder aus der VR China, während eines von sieben Neugeborenen aus einer Mischehe hervorgegangen ist. Infolgedessen wandelt Taiwan sich von ethnischer Homogenität zu Vielfalt, und seine Inselgesellschaft muss nun plötzlich mit dem Zustrom einer großen Zahl von Außenseitern zurechtkommen. Wie diese Neuankömmlinge in Taiwans Gesellschaft integriert werden und welche unvermeidlichen Veränderungen ihre Präsenz verursachen wird, gehören zu den bedeutendsten kulturellen Fragen, denen Taiwan gegenübersteht.
Die Neuankömmlinge
An einem Sonntagmorgen Ende November ging es in einem ehemaligen Tabakverarbeitungsgebäude in Meinong, einem südtaiwanischen Städtchen, das für seine traditionellen Papier-Regenschirme bekannt ist, turbulent zu. Der Bau war die Zentrale einer der aktiveren Bürgerorganisationen der Gegend, der TransAsia Sisters Association Taiwan (TASAT). Wenn es um Probleme bei der Integration ausländischer Ehepartner in Taiwans Gesellschaft geht, arbeitet TASAT an vorderster Front. In Meinong leben etwa 600 südostasiatische Ehepartner, und die Organisation spielt eine wichtige Rolle bei ihrer Eingewöhnung. Bei TASAT können sie auch Chinesisch lernen, mit ihren Landsleuten Kontakt halten und Familienprobleme besprechen, außerdem können sie sich informieren, wie man mit Taiwans Bürokratie umgeht und welche Rechte sie haben. Vor nur einem Jahr übernahmen die TASAT-Frauen die Stätte und verwandelten ein vergessenes Gebäude in ein blühendes Regionalbüro. An jenem Novembertag wollten sie in eine zentralere Lage in der Gemeinde umziehen, um mehr ausländische Ehepartner erreichen zu können.
Beim Umzug halfen auch Fanny Lee, Jiang Jung-jen und Shu Keh-yah, die alle aus Südostasien stammen und mit Einheimischen verheiratet sind. Für diese Frauen ist ein Umzugstag nichts Besonderes, kaum zu vergleichen mit der schweren Erfahrung, ihre Wurzeln aus den Heimatländern auszureißen und nach Taiwan zu kommen. Als sie sich auf der Suche nach einem besseren Leben entschlossen, einen taiwanischen Mann zu heiraten, konnten sie sich ihr zukünftiges Leben kaum vorstellen, sie hatten lediglich vage Vorstellungen über Taiwans relativen Wohlstand und wussten gerade mal ein wenig über die Finanzlage ihres Zukünftigen.
Shu zum Beispiel lernte ihren Mann durch einen kommerziellen Heiratsvermittler in Kambodscha kennen. "Er kam nach Kambodscha, um mich zu sehen, und am nächsten Tag saßen wir schon im Flugzeug nach Taiwan", erinnert sie sich. "Kambodscha war damals im Aufruhr, und überall auf dem Flughafen waren mit Gewehren bewaffnete Soldaten."
Die Indonesierin Lee traf ihren Mann erstmals auf einem von Heiratsvermittlern arrangierten Gruppenrendezvous mit lauter Fremden, und er gefiel ihr. "Ich traute mich nicht, meinen Kollegen zu erzählen, dass ich einen Taiwaner heiraten würde", bekennt sie. "Sie würden gedacht haben, dass ich betrogen würde." Durch negative Medienberichte in beiden Ländern sind solche Ehen oft stigmatisiert, und die beteiligten Familien ziehen es vor, kein großes Aufhebens darum zu machen.
Für die Frauen besteht der wichtigste Beweggrund für ihre Heirat mit einem Taiwaner darin, dadurch in ein wesentlich wohlhabenderes Land auswandern zu können. Nicht nur der in Taiwan mögliche höhere Lebensstandard ist ein Anreiz, sondern sie hoffen auch, mehr Geld an ihre Familien daheim schicken zu können, als sie verdienen könnten, wenn sie in ihren Heimatländern bleiben und dort arbeiten würden. Einwanderer aus den Philippinen oder aus Thailand kommen schon seit den siebziger Jahren zum Heiraten nach Taiwan, doch erst seit den neunziger Jahren, als die taiwanische Geschäftswelt rasant nach Südostasien expandierte, geschieht dies in wirklich großem Umfang. Zahlen aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass 56 Prozent der südostasiatischen Ehepartner aus Vietnam stammen, 19 Prozent aus Indonesien, der Rest aus Kambodscha, Myanmar, Thailand und von den Philippinen.
Demografisches Defizit
Wieso schauen sich so viele taiwanische Männer im Ausland nach Ehefrauen um? Hsia Hsiao-chuan, Professorin für Sozialwandel-Studien an der Shih Hsin University in Taipeh, weist darauf hin, dass eine Mehrheit der taiwanischen Männer, die ausländische Frauen heiraten, einen niedrigen sozio-ökonomischen Status hat, etwa Bauern oder Arbeiter. "Sie sind wirtschaftlich benachteiligt und stehen daher gesellschaftlich am Rand, weswegen sie Probleme haben, einen Ehepartner zu finden", doziert sie. Gemäß einer staatlichen Analyse des Innenministeriums ist das Problem teilweise schlicht und einfach auf demografische Ursachen zurückzuführen -- in Taiwan gibt es 700 000 mehr Männer als Frauen in der Altersgruppe über 15 Jahre. Bei dem Überschuss von Männern im heiratsfähigen Alter ist es für die Männer am unteren Ende der sozialen Leiter schwierig, im Inland einen Partner zu finden, darum ist es in einem Zeitalter der schnellen und billigen Verkehrsverbindungen nur natürlich, dass sie in den Nachbarländern auf Brautschau gehen.
Dass die ausländischen Frauen eher Männer heiraten, die den unteren sozialen Schichten angehören, dass die Ehen von Heiratsvermittlern arrangiert werden, und dass der Beweggrund in der Verbesserung ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage liegt, hat in der taiwanischen Gesellschaft mehrere Vorurteile ihnen gegenüber hervorgebracht, mit denen die Frauen manchmal nur schwer fertig werden. Selbst die Bezeichnung, die allgemein für sie verwendet wird ("ausländische Bräute"), bringt so manchen in Wut, da sie zu betonen scheint, dass die Ehepartnerinnen in der taiwanischen Gesellschaft Außenseiter sind und sie zudem nur auf Frischvermählte hindeutet, wogegen manche der Frauen seit etlichen Jahren verheiratet sind. "Wir bevorzugen den Begriff 'neue Einwandererfrauen'", erklärt eine der TASAT-Frauen. "Abgesehen von den Ureinwohnerinnen sind wir alle hier in Taiwan Nachfahren von Einwanderern", definiert Shu, die zu den Mitbegründerinnen von TASAT gehört. "Der einzige Unterschied ist der Zeitpunkt der Ankunft."
Die ausländischen Ehefrauen werden auch zuweilen Opfer einer besonderen Form von Snobismus, durch den sie -- vielleicht widersprüchlicherweise -- dafür verachtet werden, überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet und sich Familien angeschlossen zu haben, die allgemein gesellschaftlich am unteren Ende rangieren.
"Viele Leute in dieser Gesellschaft denken, die ausländischen Ehefrauen seien Goldgräber oder Katalog-Bräute", seufzt Ke Yu-ling, geschäftsführende Direktorin der Stiftung Pearl S. Buck Foundation (PSBF), die sich seit vielen Jahren der Aufgabe widmet, ausländischen Ehepartnern zu helfen. "Doch wenn manche traditionell gesinnte Männer die Sorge um die Aufrechterhaltung der Ahnenreihe ihrer Familie umtreibt oder sie einfach nur heiraten wollen, dann behelfen sie sich mit Heiratsvermittlern oder Verwandten, um eine Frau zu finden, aber in der Beziehung nennt das niemand 'Katalog-Ehe', ich auch nicht. Niemand will die eigene Ehe verunglimpfen." Die Ehefrauen sind außerdem nicht mit der Vorstellung einverstanden, eine Ehe, die nicht das Ergebnis einer langen Liebesbeziehung ist, könnte eher problematisch sein, selbst wenn diese Haltung in den Medien üblich ist.
Ausländische Ehefrauen, die in einen wirtschaftlich benachteiligten Haushalt einheiraten, können kaum erwarten, ein goldenes Leben zu führen, und das gilt besonders für die Frauen, denen die Rolle einer Pflegerin für kranke Senioren zufällt, eine Situation, die in 10 Prozent der Ehen mit ausländischen Partnern auftritt. Der Gedanke, für Geld zu heiraten, kann für manche ausländische Ehepartner beißend ironisch sein. "Möglicherweise ist die erste Sache, mit der sie nach der Heirat konfrontiert werden, wirtschaftlicher Druck", kommentiert Hsia. Manchmal müssen die ausländischen Ehepartner das Geld für den Lebensunterhalt allein verdienen, wenn der Mann seinen Job verliert oder Schwierigkeiten hat, Arbeit zu finden. "Viele Ehemänner der Frauen in unserer Organisation haben keine Stelle", enthüllt Jiang von der TASAT. Jiang stammt aus Thailand, und sie findet, dass ihr Einkommenspotenzial aufgrund der familiären Verpflichtungen in ihrer Ehe nicht voll ausgeschöpft wird. Ihre Schwiegermutter verlangt, dass sie beim Gemüseanbau hilft, doch Jiang hält das für Zeitverschwendung: "Sie bauen nichts für den Verkauf an, es brächte viel mehr, wenn ich rausginge und mir eine bezahlte Arbeit suchte." Berufstätige ausländische Ehefrauen sind häufig schwer überarbeitet, da sie gleichzeitig vollzeit arbeiten und vollzeit Hausfrauen sein sollen. Oft machen sie Überstanden oder fahren gar Doppelschichten, wenn sie es schaffen, um so die angespannte Finanzlage der Familie zu verbessern. Ke behauptet, Fälle junger Mütter aus Kambodscha zu kennen, die versuchten, ihre häuslichen Pflichten mit Fabrikarbeit von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends unter einen Hut zu bringen.
Und natürlich gibt es immer kulturelle Unterschiede und Missverständnisse in der Familie, die überwunden werden müssen. "Viele Fälle belegen die Tatsache, dass beide Seiten in einer gemischten Ehe häufig ihre Fähigkeit überschätzen, die kulturellen Unterschiede zu meistern", sagt Ke. "Ich habe gehört, wie eine Schwiegermutter sich beklagte, ihre Schwiegertochter hätte von gar nichts eine Ahnung und könnte lediglich duschen." Diese Art von Beschwerden unterstreicht nur die Tiefe der kulturellen Missverständnisse. "In Südasien ist das Klima heiß, und häufiges Duschen gilt als höfliches Verhalten. Für die Schwiegermutter ist das jedoch nichts als Wasserverschwendung." Konflikte dieser Art mögen trivial erscheinen, können aber allzu oft zu unannehmbaren Reibungen in der Ehe führen.
Die Vietnamesin Juen Yen-chuan gewann mit ihrer Nudelsuppe vergangenes Jahr einen kulinarischen Preis.
Miteinander sprechen
Von allen Problemen, welche südostasiatische Ehepartner bewältigen müssen, ist die Überwindung der Sprachbarriere am wichtigsten. Das wirkt sich nicht nur auf die Beziehung der "neu eingewanderten Frau" in ihrer neuen Familie und im weiteren Bekanntenkreis aus, sondern verbessert auch ihre Chancen, Arbeit zu finden. "Die größten Schwierigkeiten für ausländische Ehepartner sind die Sprachbarriere und die Anpassung an die Lebensart", urteilt Ke. Fanny Lee von TASAT ergänzt: "Ein Freund von meinem Schwiegervater wollte mich zuerst einstellen, ließ es dann aber, weil ich keine chinesischen Schriftzeichen kannte." Die Sprachbarriere hindert sie außerdem daran, etwas über die Außenwelt zu erfahren, daher ist die dringlichste Aufgabe für sie das Erlernen der chinesischen Sprache. Für einen ausländischen Ehepartner mit einer gewissen beruflichen Qualifikation sind die Chancen, eingestellt zu werden, oft begrenzt, weil die beruflichen Referenzen aus dem Heimatland nicht unbedingt übertragbar sind und die betreffende Person Prüfungen auf Mandarin-Chinesisch bestehen müsste, um in Taiwan qualifiziert zu sein. Infolgedessen landen viele ausländische Ehepartner am Ende bei arbeitsintensiven Jobs.
Die Sprachbarriere wirkt sich nicht nur auf die Stellensuche aus, sondern auch auf die elterliche Erziehung, die ausländische Ehepartner bieten können. In der Regel sind die ausländischen Ehefrauen die Haupt-Pflegekraft daheim, doch die Verständigung mit den eigenen Kindern kann durch Sprachprobleme beeinträchtigt werden. Normalerweise sprechen sie mit den Kindern nicht in ihrer eigenen Sprache. "Das Umfeld bringt sie dazu, sich ihrer Muttersprache zu schämen, folglich stehen sie unter dem Druck, nicht in ihrer eigenen Sprache mit den Kindern zu kommunizieren", erläutert Hsia. Eine kürzlich von der Bildungs-Stiftung King Car Education Foundation durchgeführte Studie zeigt, dass nur rund 32 Prozent der Kinder ausländischer Mütter die Muttersprache ihrer Mutter sprechen können. Umgeben vom taiwanischen Beziehungsgeflecht beherrschen die Kinder die Landessprache oft besser als ihre Mütter, und laut Hsia gibt es Befürchtungen, dass Kinder wegen dieser Kommunikationshürde auf ihre Mütter herabsehen könnten. Studien des Innenministeriums und von der King Car Education Foundation haben indes die häufig in den Medien verbreitete Falschmeldung widerlegt, dass Kinder aus solchen Mischehen eine verminderte Lernfähigkeit hätten.
Bürgerorganisationen wie PSBF hatten ausländischen Ehepartnern seit Jahren kostenlose Chinesisch-Sprachkurse geboten, bis die Regierung in die Staatskasse griff. Im Jahre 2005 richtete die Zentralregierung einen "Fonds für Fürsorge und Beratung ausländischer Ehepartner" mit einem Volumen von 300 Millionen NT$ (6,8 Millionen Euro) ein, der ausländischen Ehepartnern medizinische Beihilfen, Gemeindedienstleistungen und Rechtshilfe zukommen lassen will und ihnen überdies Sprachkurse und Beratungssitzungen bietet. Eine Telefon-Hotline mit Beratung in sechs Sprachen für ausländische Ehepartner wurde eingerichtet, und die Zahl von Sprach- und Eingewöhnungskursen in den Städten und Landkreisen soll in diesem Jahr landesweit 500 erreichen.
Allerdings geht es nur langsam dabei voran, die ausländischen Ehepartner dazu zu bringen, die angebotenen Einrichtungen und Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen. "Die Regierung hat in dieser Hinsicht umfangreiche Ressourcen bereitgestellt, doch nur wenige Frauen nutzen dieses Programm -- schätzungsweise eine von zehn", berichtet Ke von der PSBF. Gründe für die geringe Beteiligung könnten unter anderem Mangel an Informationen über die Kurse sein, verkehrstechnische Schwierigkeiten bei der Anfahrt zum und Rückfahrt vom Unterrichtsort, und überdies müssen viele Ehepartner arbeiten. Um die ausländischen Ehepartner zur Teilnahme zu ermutigen, bietet das Innenministerium außerdem Babysitter-Service für Mütter, wenn sie am Unterricht teilnehmen.
Ein anderes Problem könnte jedoch durchaus sein, dass die Familie des Mannes die Kontrolle darüber behalten will, was die ausländische Ehefrau treibt. Manche ausländische Ehepartner dürfen das Haus nur für Arbeit auf dem Bauernhof der Familie verlassen. "Die Heiratsvermittler oder die Nachbarn könnten dem Mann einer ausländischen Frau zureden, Kontakte der Frau zur Außenwelt zu unterbinden oder die Frau nicht zu viel über die Gesellschaft lernen zu lassen, aus Furcht, sie könnte davonlaufen", meint Ke.
Taiwanisch werden
Chinesischkenntnisse sind heute eine Grundvoraussetzung für die Einbürgerung. Zwar ist Einbürgerung keine Bedingung für eine Arbeitsgenehmigung, da ausländische Ehepartner nach der Eheschließung die Erlaubnis zur Erwerbstätigkeit gleichzeitig mit der Aufenthaltsberechtigung (Alien Resident Certificate, ARC) erhalten, doch viele ausländische Ehepartner betrachten Einbürgerung als wesentlich für eine Normalisierung ihrer Position, damit sie beispielsweise auch im Falle des Ablebens ihres Gemahls oder eines Scheiterns der Ehe garantiert in Taiwan bleiben können.
"Ein ARC gewährt ihnen keine politischen oder wirtschaftlichen Rechte", weiß Hsia. "Wenn eine ausländische Ehepartnerin zum Beispiel Opfer ehelicher Gewalt wird und sie nicht eingebürgert ist, kann sie nirgendwo Schutz suchen. Wenn sie sich für eine Scheidung entscheidet, wird sie in ihr Herkunftsland abgeschoben."
Laut einem im Jahre 2005 überarbeiteten Gesetz muss ein ausländischer Ehepartner, der eine Einbürgerung anstrebt, einen einfachen Sprachtest bestehen und außerdem einen Vermögensnachweis erbringen, entweder ein monatliches Einkommen in Höhe von mindestens 31 680 NT$ (720 Euro) oder einen Beleg, dass in einem Jahr mindestens 380 160 NT$ (8640 Euro) angespart wurden. Dazu müssen sie einen Test über Grundwissen absolvieren und drei Jahre hintereinander über 183 Tage im Jahr legal auf Taiwan gelebt haben. Die Antragsteller sind überdies verpflichtet, ihre eigene Staatsangehörigkeit aufzugeben.
Ein ausländischer Ehepartner kann sich dafür entscheiden, anstatt der Sprach- und Kenntnistests bis zu 72 Stunden der vom Staat angebotenen Kurse zu belegen. Hsia findet jedoch, dass Chinesischkenntnisse keine Voraussetzung für Einbürgerung sein sollten, bevor für alle ausländischen Ehepartner das Angebot für Chinesisch-Sprachkurse besteht. Obendrein sind die Anforderungen bei Vermögensnachweisen für viele Ehen mit ausländischen Partnern unerreichbar hoch.
Innenminister Lee Yi-yang(李逸洋) verteidigt die Anforderungen. "Im Vergleich mit anderen Ländern sind unsere Bestimmungen vernünftig", argumentiert er und macht darauf aufmerksam, dass die betreffenden Bestimmungen mit denen anderer entwickelter Länder im Einklang stehen. "Das übliche Verfahren in anderen Ländern legt für die Einbürgerung einer durch Heirat eingewanderten Person eine Frist von drei Jahren fest", teilt er mit und weist dabei auf Taiwans außerordentlich liberales Arbeitsrecht hin: "Wir gewähren ausländischen Ehepartnern eine Arbeitserlaubnis, sobald sie ein ARC erhalten. So liberal sind nur wenige andere Länder."
Innenminister Lee bringt auch die Schwierigkeiten zur Sprache. "Die USA haben Taiwan in den letzten Jahren wegen Problemen im Zusammenhang mit Menschenhandel kritisiert. In der Tat gibt es einen bestimmten Prozentsatz von Frauen, die unter dem Vorwand einer Eheschließung nach Taiwan kommen, dann aber hier als Prostituierte arbeiten. Dagegen müssen wir durchgreifen." Verständlicherweise gibt es aufgrund des illegalen und betrügerischen Wesens solcher Handlungen keine Zahlen darüber, wieviele Frauen auf diese Weise für Prostitution nach Taiwan kommen, auch wenn geschätzt wird, dass von diesen Frauen etwa ein Drittel aus Südostasien stammt und der Rest aus China. Dieser Menschenhandel hat zudem die Heiratsvermittlungsagenturen in Verruf gebracht -- letztes Jahr verbot die Regierung die Registrierung neuer Unternehmen als Heiratsvermittlungs-Agenturen und ließ den bereits ordnungsgemäß registrierten Firmen dieser Art eine Warnung zugehen -- und hatte auch eine negative Wirkung auf das soziale Ansehen der legitimen ausländischen Ehepartner. Die Mechanismen, mit der die Echtheit solcher Ehen überprüft wird, wurden gleichermaßen verschärft.
Bis Oktober letzten Jahres hatten rund 34 Prozent oder 45 020 südostasiatische Ehepartner die Staatsangehörigkeit der Republik China erhalten. "Ich habe viele ausländische Ehepartner gesehen, die sich wirklich hier niederlassen wollen, besonders die aus Vietnam oder Kambodscha", erzählt Ke. "Denen sage ich normalerweise, dass sie es sich noch einmal gut überlegen sollen, bevor sie den Antrag stellen, da sie ihre eigene Staatsangehörigkeit aufgeben müssen, doch viele von ihnen antworten, dass sie da nicht mehr drüber nachdenken müssen. Wenn sie Taiwans Staatsangehörigkeit bekommen, sind sie immer sehr glücklich."
Laut Shu von der TASAT ist die Einbürgerung kambodschanischer Ehepartner immer noch sehr schwierig. "Die Regierung behauptet stets, unsere Dokumente seien gefälscht", klagt sie. "Wenn das der Fall ist, warum lässt sie uns dann herkommen? Wir sind eingewandert, haben geheiratet und Kinder gekriegt, aber einen taiwanischen Pass erhalten wir nicht."
Beamte im Innenministerium erklären, Teil des Problems sei der fast vollständige Mangel bilateraler Beziehungen Taiwans mit Kambodscha. Bei den meisten Ländern hindert ein Fehlen diplomatischer Beziehungen mit Taiwan nicht daran, grundlegende konsularische Funktionen wahrzunehmen, etwa die Ausstellung von Sichtvermerken und Beglaubigung von Dokumenten. In Kambodscha weigern sich die Behörden schlicht, auf taiwanische Anfragen nach Dingen wie der Bestätigung des Status einer Person auch nur zu reagieren. Normalerweise müssen ausländische Ehepartner, bevor sie nach Taiwan einreisen können, vom Vertretungsbüro des taiwanischen Außenministeriums in ihrem Heimatland befragt werden. In Kambodscha gibt es jedoch kein solches Büro.
Manchen ausländischen Ehepartnern fällt die Rolle einer Pflegerin für Alte oder Schwache zu.
Eine Klasse für sich
Die Zahl der ausländischen Ehepartner aus China ist doppelt so hoch wie die der Ehepartner aus Südostasien. Wenn man sich scheinbar weniger darum kümmert, wie sie sich in die taiwanische Gesellschaft eingliedern, so liegt das vielleicht daran, dass in diesen Fällen das Hauptproblem der Sprachbarriere nicht existiert.
Chinesische Ehepartner haben jedoch ihre eigenen Probleme. Sie kommen aus einem Land, das als feindlich gegenüber Taiwan gilt. Die Komplikationen der unklaren formalen Beziehungen zwischen Taiwan und China bedeuten, dass Ehepartner aus China einer Reihe taiwanischer Gesetze unterworfen sind, die sich von denen für Ehepartner aus anderen Ländern unterscheiden. Ehepartner aus China sind vom geltenden Einwanderungsgesetz ausgeschlossen und fallen unter das Gesetz über die Beziehungen zwischen den Völkern des Taiwangebietes und des Festlandgebietes, das 1992 in Kraft trat. Gemäß diesem Gesetz gelten chinesische Ehepartner nicht als "ausländisch", doch das bedeutet nicht, dass sie es bei der Bürokratie leichter haben. Im Gegenteil, in Wirklichkeit ist für sie die Staatsbürgerschaft der Republik China schwerer zu erlangen. Zunächst dauert es nach der Eheschließung zwei Jahre, bis sie den Status eines abhängigen Einwohners erhalten, danach noch einmal vier Jahre für die unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Nach weiteren zwei Jahren können sie die Einbürgerung beantragen, insgesamt acht Jahre nach der ersten Ankunft in Taiwan.
Verminderte Arbeitsrechte machen ihnen ebenfalls zu schaffen. Während "ausländische" Ehepartner direkt nach Erhalt des ARC -- das ausgehändigt wird, sobald der Papierkram nach der Ankunft in Taiwan erledigt ist -- zu arbeiten anfangen können, dürfen chinesische Ehepartner nicht unbeschränkt arbeiten, bevor sie die unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben, also sechs Jahre nach der Ankunft. Davor müssen sie sich eine Genehmigung besorgen, um legal arbeiten zu können. Und das ist noch nicht alles. Im Staatsdienst darf ein chinesischer Ehepartner erst arbeiten, wenn nach der Einbürgerung weitere 10 Jahre Aufenthalt in Taiwan verstrichen sind.
Die Neuankömmlinge willkommen heißen
Während der Streit darüber weiter schwelt, ob die Bestimmungen zu streng oder zu lax sind und welche Arten von Ressourcen die Gesellschaft für gemischte Familien bereitstellen muss, vollzieht sich all dies in einer Gesellschaft, die sich noch darüber einigen muss, wie man auf die sich verändernde Bevölkerungsstruktur reagieren soll. Multikulturalismus wird von Bürgerorganisationen gefördert und betont, und sie ermuntern die Taiwaner, ihr Wissen über die Einwanderer aus Südostasien zu vermehren und ihre Vorurteile zu überwinden. "Es wird jedoch lange dauern, bis Menschen aus unterschiedlichen Kulturen Verständnis füreinander entwickeln", glaubt Ke. Gleichzeitig befleißigt sich die Regierung in Lippenbekenntnissen für Multikulturalismus, doch im Grunde genommen zielt ihre Politik auf Assimilierung ab.
Eine veränderte Einstellung würde helfen, manche der Spannungen zwischen Taiwanern und den neuen Einwanderern abzubauen, doch eine permanente Lösung lässt sich damit nicht bewerkstelligen. Hsia weist darauf hin, dass das Phänomen der Einwanderung durch Heirat große Löcher im sozialen Wohlfahrtssystem an den Tag bringt. "Die ausländischen Ehepartner haben dazu beigetragen, einige Probleme von Taiwans Sozialsystem zu lindern", behauptet sie. "Doch wenn die grundlegenden Fragen in Taiwans sozialem Wohlfahrtssystem, die zu einem ernsten Rückgang der taiwanischen Geburtenrate und einer alternden Gesellschaft geführt haben, nicht angegangen werden, wie lange können sie da noch eine Hilfe sein?"
Die Sichtweise, dass Einwanderer Taiwan kulturell bereichern und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessern, hat in Taiwan nach und nach an Boden gewonnen. Lee Yi-yang wählt im Hinblick auf die "neuen weiblichen Einwanderer" deutliche Worte: "Unser Standpunkt ist, diese neuen taiwanischen Mütter und neuen taiwanischen Kinder mit offenen Armen willkommen zu heißen. Taiwan ist eine Einwanderergesellschaft. Ausländische Ehepartner sind ein untrennbarer Bestandteil von Taiwans Kulturlandschaft und auch eine neue Kraft."
Das bedeutet indes nicht, dass die Staatspolitik klar und eindeutig ist. "Manche [Taiwaner] befürworten eine Verschärfung der Einwanderungskontrollen und begründen das damit, dass diese ausländischen Ehepartner einen niedrigen sozio-ökonomischen Status hätten", kolportiert Lee. "Andere kritisieren die Regierung, weil sie für Einwanderung durch Heirat zu viele Hindernisse aufbaue. Die Regierung muss beim Festlegen der Politik ein Gleichgewicht finden." Als Beispiel für eine ausgewogene Politik hat das Innenministerium seit 2003 die "Zusätzlichen Maßnahmen für ausländische Ehepartner und Ehepartner aus Festlandchina" umgesetzt, welche das Ziel haben, diesen Einwanderern die Eingewöhnung in der taiwanischen Gesellschaft zu erleichtern. Taiwan richtete im Januar dieses Jahres das Nationale Einwanderungsamt (National Immigration Agency, NIA) ein, das sich um sämtliche Einwanderungsangelegenheiten kümmert, und es wird allgemein erwartet, dass das NIA das Verfahren für Einwanderung durch Heirat deutlich strenger machen wird. Letzten Endes wird Taiwans demografische Situation den Ausschlag geben, ob Einwanderung durch Heirat erwünscht sein wird. Taiwan braucht mehr Kinder, und neue Einwandererfrauen scheinen eine weitaus größere Begeisterung an den Tag zu legen als viele taiwanische Frauen, eine Familie großzuziehen.
Am Nachmittag des Tages, als die TASAT ihr neues Quartier bezog, kreuzten mehrere warmherzige Männer aus der Gemeinde auf, um zu helfen. Dass sie Mandarin-Chinesisch mit Akzent oder gar nur den Hakka-Dialekt sprachen, tat dem freundlichen Austausch keinen Abbruch. In einer Pause während des Umzugstrubels teilte Fanny Lee einer Kollegin eine Neuigkeit mit: "Herr Soundso hat mich gerade gefragt, ob ich ihm nicht helfen könnte, in meiner Heimatstadt eine Frau zu finden." Solche Anfragen sind bei diesen Ehepartnern nicht ungewöhnlich. In der kommenden Zeit werden mehr "Schwestern" den Spuren von Lee, Jiang und Shu folgen, um sich hier niederzulassen und mit ihren taiwanischen Ehemännern eine Familie zu gründen.
(Deutsch von Tilman Aretz)